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Homöopathie, Forschung & Wissenschaft 2008 – Die Jahresbilanz des H.Blogs

Von Claus Fritzsche | 1.Januar 2008

Allen Leserinnen und Lesern des H.Blogs ein »Frohes Neues Jahr«. Wie 2007, so darf auch zu Beginn des Jahres 2008 eine Bilanz des alten Jahres nicht fehlen. Was hat 2007 rund um »Homöopathie, Komplementärmedizin, Forschung & Wissenschaft« gebracht? Bitte erlauben Sie mir eine stark verkürzte und subjektive Zusammenfassung:

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Die Alternativmedizin kommt in der Wissenschaft an
Vielleicht liegt es am gebetsmühlenartig vorgetragenen Spruch des medialen Alpha-Tiers der CAM-Forschung (CAM: Complementary and Alternative Medicine) Prof. Edzard Ernst »Ich leite den weltweit EINZIGEN Lehrstuhl für die Erforschung der Komplementärmedizin«, vielleicht liegt es auch an der Zurückhaltung der CAM-Forscherszene: Die qualitativen und quantitativen Aktivitäten der komplementärmedizinischen Forschung sowie ihre mediale Wahrnehmung verhielten sich im alten Jahr umgekehrt proportional zueinander. Mit der 2003 gegründeten International Society for Complementary Medicine Research (ISCMR) hat die Alternativ- und Komplementärmedizin heute einen an wissenschaftlichen Standards orientierten, aktiven und hochkarätigen (nicht-kommerziellen) Interessenverband. Vom 11. bis 13. März 2007 veranstaltete die ISCMR den CMR-Congress 2007 mit internationaler Beachtung. Der CMR-Congress 2008 findet vom 29. bis 31. März in Sydney statt. Die CAM-Forschung verfügt über eine Vielzahl an wissenschaftlichen Fachzeitschriften, deren mittels Peer-Review geprüfte Varianten wie z. B. Journal of Alternative and Complementary Medicine, Forschende Komplementärmedizin, Natural Standard oder Homeopathy qualitativ mit Fachzeitschriften vom Format eines The Lancet vergleichbar sind. In den an einfachen, plakativen und emotionalen Botschaften interessierten Massenmedien kommt von allen diesen Aktivitäten jedoch nur relativ wenig an. Dieses Phänomen gilt allerdings nicht nur für die CAM-Forschung sondern für die Wissenschafts-Kommunikation ganz allgemein. Nur am Rande: Prof. Ernst leitet NICHT MEHR den einzigen Lehrstuhl für die Erforschung der Komplementärmedizin (siehe: University of Southampton), wird diese Neuigkeit jedoch wahrscheinlich nicht an die große Glocke hängen.

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Lancet als Quelle für Mythen und Legenden
Auch wenn die Nachricht bei populärwissenschaftlichen Journalisten wie z. B. Joachim Bublath (ZDF) und Britta Danger (DIE WELT) oder der Molekularbiologin Nina Gerlach (WIKIPEDIA) vielleicht noch nicht angekommen ist: Das von The Lancet 2005 mehr gewünschte als argumentativ belegte Ende der Homöopathie hat nicht nur die menschlichen Seiten des wissenschaftlichen Verlagsgeschäfts ans Tageslicht gebracht. Die Kontroverse ging sogar mit Spiel, Satz und Sieg an die Fraktion der Homöopathie-Befürworter. Die Ungereimtheiten rund um den Aufsatz »Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? – Comparative study of placebo-controlled trials of homeopathy and allopathy« von Shang A., Egger M. et al. begannen schon sehr früh mit der Kritik von PD Dr. med. Klaus Linde (Ko-Autor der ebenfalls in The Lancet (Vol 350, Sept. 20, 1997) veröffentlichten Vorläufer-Studie), der zunächst einmal grobe handwerkliche Mängel reklamierte. Es sei – so Linde – »…äußerst unbefriedigend, dass die Darstellung der Ergebnisse in der Publikation bzw. das Fehlen von Zusatzinformation es unmöglich macht, die Ergebnisse selbst nachzuvollziehen…«. Shang et al. hatten 16 Studien mit dem Argument »insufficient information« aus ihrer Arbeit ausgeschlossen, hätten ihre eigene Arbeit bei gleichem Maßstab (d. h. »insufficient information«) jedoch selbst ausschließen müssen.

Nachtrag vom 04.12.2008:

H.Blog: The Lancet & Homöopathie: 2 Studien weisen auf grobe Fehler der Meta-Analyse von Shang et al. 2005 hin

H.Blog: The Lancet & Homöopathie: Reaktionen auf Rutten, Stolper und Lüdtke

Im Wikipedia-Artikel »Homöopathie« findet sich Stand heute noch immer der irreführende und im Kontext falsche Hinweis: »… Zudem können Erfolge, die der Homöopathie auch von unabhängigen Studien nachgesagt wurden, nach strengen wissenschaftlichen Anforderungen mit methodischen Schwächen und anderen verzerrenden Einflüssen erklärt werden, wie eine aktuelle Metaanalyse zur Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen betont, die 2005 in der renommierten Medizinzeitschrift The Lancet von Shang et al. dokumentiert wurde. Eine schweizerisch-britische Forschergruppe hatte insgesamt 220 Studien in Bezug auf den Behandlungserfolg verschiedenster Erkrankungen mit homöopathischen oder schulmedizinischen Methoden ausgewertet…« Der Wikipedia-Artikel verschweigt hier jedoch, dass von den ursprünglich 220 Studien so viele nach bestimmten Kriterien ausselektiert wurden, dass zum Schluss nur noch 8 homöopathische und 6 konventionelle Arbeiten Basis der Bewertung waren. Wikipedia gibt sowohl die Studie als auch die Kritik an Shang et al. vollkommen falsch wieder. Wie der Wikipedia-Untersuchungsausschuss »Probleme zwischen Nina und Micha S« zeigt, geschieht dies nicht aus Unkenntnis sondern aus Beratungsresistenz einer dogmatischen Admin-Seilschaft. Siehe zu diesem Thema auch die Beiträge über die Molekularbiologin Nina Gerlach und die Wikipedia-Sperre des H.Blogs.

Harald Walach, Wayne Jonas und George Lewith machten in einem vom Lancet publizierten Leserbrief u. a. darauf aufmerksam, dass keine der untersuchten Studien individualisierte Homöopathie enthielt, wie sie in Europa allgemein praktiziert wird und dass die Bewertung nicht besser als Placebo keinesfalls gleichbedeutend mit wirkungslos ist. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil Placebo eine ganze Bandbreite von möglichen, von Mensch zu Mensch stark variierenden Wirkungen umfasst, über die etablierte standardisierte randomisierte Doppelblind-Studien (RCTs) keine Auskunft geben. Siehe zu diesem Argument auch: »Randomisierte klinische Studien (RCT), vom Goldstandard zum Sorgenkind« hier im H.Blog. Unter der Überschrift »Das Ende des deutschen Fußballs« wies der medizinische Statistiker Rainer Lüdtke Shang et al. gravierende methodische Fehler nach, welche die Autoren in der späteren wissenschaftlichen Diskussion nicht (!) durch Gegenargumente entkräften konnten. Dr. Friedrich Dellmour reklamierte in der Deutschen Zeitschrift für klinische Forschung (DZKF) ebenfalls methodische Fehler.

Ironie des Schicksals: Zum guten Schluss machten Dr. med. Gudrun Bornhöft und Prof. Dr. med. Peter Matthiessen et al. vom Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin der Universität Witten/ Herdecke auch noch darauf aufmerksam, dass das methodisch höherwertige (!) Health Technology Assessment (HTA) im Rahmen des Programms Evaluation Komplementärmedizin (PEK) der Schweiz (die Publikation von Shang et al. war hier nur ein kleiner Teil und muss in diesem Kontext bewertet werden) zu einem für die Homöopathie ausgesprochen positiven Abschlussurteil kam: »Die Wirksamkeit der Homöopathie kann unter Berücksichtigung von internen und externen Validitätskriterien als belegt gelten, die professionelle sachgerechte Anwendung als sicher. (Quelle: Forschende Komplementärmedizin 2006;13 (suppl 2):19–29.) Die Einleitung der Publikation von Dr. med. Gudrun Bornhöft und Prof. Dr. med. Peter Matthiessen et al. findet sich hier im H.Blog unter der Überschrift »Health Technology Assessment (HTA) hat mehr Aussagekraft als Reviews experimenteller Studien« und erlaubt einen spannenden Blick hinter die Kulissen dieser für The Lancet nicht gerade reputationsfördernden Kontroverse.

Kleine Randnotiz: Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP), ideologische Speerspitze der dogmatischen Homöopathie-Kritiker im deutschsprachigen Raum, scheint vor der Publikation von Bornhöft und Matthiessen einen so großen Respekt zu haben, dass sie die wissenschaftliche Arbeit und das Schweizer HTA auf ihrer Homepage mit keinem Wort erwähnt. Frei nach dem Motto: Wissenschaft ist das, was der Vorstand um den Diplom-Ingenieur und Telekom-Experten Amardeo Sarma als Wissenschaft deklariert und auf der Vereinshomepage als Inhalt offiziell zulässt. Eine Strategie, die vom Grundprinzip her zumindest im Mittelalter sehr erfolgreich war und die im Jahre 2008 immerhin noch Unterhaltungswert hat. Vielleicht sollte sich der Verein in Zukunft mehr auf die Entlarvung von UFO- und Marsmännchen-Legenden konzentrieren und sich aus der Alternativ- und Komplementärmedizin so lange heraushalten, bis er auf diesem Gebiet wenigstens EIN EINZIGES MITGLIED mit wissenschaftlich forschendem Hintergrund und Publikationen in peer-review-geprüften wissenschaftlichen Fachmedien der CAM-Forschung hat. 2007 war dies – wie in den Jahren zuvor – nicht der Fall.

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Zum State of the Art der Homöopathie-Forschung
Die oben bereits erwähnte Publikation (genauer: das Buch) »Homöopathie in der Krankenversorgung – Wirksamkeit, Nutzen, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit« von Dr. med. Gudrun Bornhöft und Prof. Dr. med. Peter Matthiessen et al. hat sich 2007 als die umfangreichste und seriöseste Quelle zum aktuellen Stand der Homöopathie-Forschung etabliert. Das Buch vermeidet typische Fehler der weit verbreiteten Rechtfertigungs-Literatur von Anhängern und Kritikern der Homöopathie:

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Spitzenforschung an der Berliner Charité
Eine Pressemeldung mit der Überschrift »1 Mio. Euro für Professur zur Komplementärmedizin an der Berliner Charité« machte im Februar 2007 deutlich, wie sich Dr. Henning Albrecht (Vorstand der Carl und Veronica Carstens-Stiftung) die komplementärmedizinische Spitzenforschung der Zukunft vorstellt. Dr. Henning Albrecht hatte eine Stiftungsprofessur zur Forschung in der Komplementärmedizin bzw. Integrativen Medizin an der Berliner Charité bewilligt. Eingerichtet wurde die Stelle am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie. Mit der Fördersumme von 200.000 Euro jährlich wird die Besoldung eines Universitätsprofessors (W2) und von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern finanziert. Begründung: »Das Institut verfügt über ausgezeichnete Wissenschaftler, die sich mit den Besonderheiten der Forschung in komplementären Verfahren der Medizin auskennen. Dies hat sich in zahlreichen Studien mit mehr als 500.000 Patienten gezeigt. Insbesondere die Publikationen zur Akupunktur und Homöopathie bei chronischen Erkrankungen fanden international große Beachtung und gelten als klinische Referenzprojekte in diesem Sektor.«

In Hinblick auf die Homöopathie tritt damit die so genannte Versorgungsforschung in den Vordergrund. Versorgungsforschung ist, wie auch ein Health Technology Assessment, ein etabliertes wissenschaftliches Vorgehen, das (im Gegensatz zu Metaanalysen oder systematischen Reviews nach Cochrane Collaboration Standards) nicht nur nach der Wirksamkeit einer bestimmten Intervention fragt, sondern vor allem die Wirksamkeit einer Therapie in ihrer Alltagsanwendung (»real world effectiveness«), ihren Nutzen, ihre Sicherheit und ihre Wirtschaftlichkeit untersucht. Siehe zu diesem Thema auch die Seite »Erforschung der klinischen Praxis – Versorgungsforschung« auf der Homepage des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) sowie »Homeopathic medical practice: Long-term results of a cohort study with 3981 patients (Claudia M. Witt, Rainer Lüdtke, Roland Baur und Stefan N. Willich)«.

Link zum Thema:

READERS EDITION: »Lancet und die Rehabilitierung der Homöopathie«

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Themen: Claus Fritzsche | 2 Kommentare »

2 Kommentare to “Homöopathie, Forschung & Wissenschaft 2008 – Die Jahresbilanz des H.Blogs”

  1. Otto Pohl schreibt:
    3rd.Januar 2008 um 7:10 pm

    Sehr geehrter Claus Fritzsche,

    ganz herzlichen Dank für Ihre Arbeit auf H.Blog in den letzten Monaten ganz allgemein; aber insbesonders auch für die Jahres-Zusammenfassung. Donnerwetter, MannoMann – ist das spannend. Ich empfehle Ihren Blog, wo ich nur kann.
    Alles Gute für 2008

  2. Homöopathie, Forschung und heiße Diskussionen - Eine Zwischenbilanz von Claus Fritzsche | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    10th.August 2008 um 11:52 am

    [...] Homöopathie, Forschung & Wissenschaft 2008 – Die Jahresbilanz des H.Blogs [...]

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