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Jürgen Windeler: die hellen und dunklen Seiten des neuen IQWiG-Chefs
Von Claus Fritzsche | 9.Juni 2010
Jürgen Windeler wird neuer Chef des Pharma-Prüfinstituts IQWiG. Laut Medienberichten hat der Vorstand des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Mediziner Jürgen Windeler einstimmig zum neuen Instituts-Leiter bestimmt. Damit wird das IQWiG nun von einer öffentlich zurückhaltenden Persönlichkeit geleitet, die rund um die Bewertung therapeutischer und diagnostischer Verfahren über viel Know-how, Erfahrung und Reputation verfügt, gleichzeitig jedoch auch eine bedenkliche ideologische Komponente zu haben scheint. Windeler ist Mitglied des schillernden Skeptiker-Vereins GWUP e.V., dessen Vorstand immer wieder durch unseriöse PR-Aktionen, fachliche Inkompetenz und großen Fanatismus auffällt.
positiv & erfreulich:
Fangen wir mit der guten Nachricht an: Nach dem Abgang von Peter Sawicki (→ Interview mit IQWiG-Chef Peter Sawicki) bekommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit Prof. Dr. med. Jürgen Windeler nun garantiert keinen verkappten Pharmalobbyisten als Chef. Spätestens als Windeler 2008 den Aufruf „Wissenschaftler fordern Neubewertung der Empfehlung für die HPV-Impfung - Irreführende Kampagne wird scharf kritisiert“ gemeinsam mit 12 weiteren Medizinern und Wissenschaftlern unterzeichnete, zeigte er seine Bereitschaft und Fähigkeit, irreführende Versprechungen aus dem Arsenal des Pharma-Marketings konstruktiv kritisch zu begleiten.
Jürgen Windeler, Jahrgang 1957, studierte von 1979 bis 1985 Medizin in Göttingen und Lübeck. Nach seinem Medizinstudium arbeitete er bis 1993 als Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter in Göttingen, Düsseldorf, Wuppertal und Bochum. Von 1993 bis 1999 war er Stellv. Leiter der Abteilung für Medizinische Biometrie an der Ruprechts-Karls-Universität Heidelberg. Das Jahr 1999 hat den weiteren Verlauf der beruflichen Entwicklung von Windeler maßgeblich geprägt. Kurz vor dem Jahrtausendwechsel wurde er Leiter des Fachbereichs Evidenz-basierte Medizin beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS). Der MDS berät den Spitzenverband Bund der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in medizinischen und pflegefachlichen Grundsatzfragen. Das MDS-Themenspektrum umfasst Grundsatz- und HTA-Gutachten sowie die medizinisch-fachliche Beratung in Gremien der Gesundheitsselbstverwaltung. Seit 2004 wirkte Windeler als leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des MDS.
Parallel zu seiner Tätigkeit im MDS zeigte Jürgen Windeler ein starkes Engagement in wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Gremien. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied des Vorstands des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin e. V. (DNEbM), einer hoch angesehenen wissenschaftlichen Fachgesellschaft, die sich mit Theorie und Praxis der Evidenzbasierten Medizin (EbM) beschäftigt. Er ist außerordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). Im beruflichen Leben von Jürgen Windeler dreht sich seit 1999 alles um die Bewertung von therapeutischen und diagnostischen Verfahren und die Methodik der Bewertung medizinischer Interventionen.
Vor diesem Hintergrund müsste Windeler als Idealbesetzung für die Leitung des IQWiG gelten, gäbe es da nicht auch dunkle Seiten in Form seiner Mitgliedschaft in der streng dogmatischen und ideologisch motivierten Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), einem Verein, der Aktivisten der sog. Skeptiker-Bewegung organisiert.
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negativ & bedenklich:
Kommen wir somit nun zu den schlechten Nachrichten: Wir schreiben das Jahr 2010 und der neue IQWiG-Chef Jürgen Windeler lässt die Öffentlichkeit auf der Homepage des Skeptiker-Vereins GWUP e.V. wissen, wie die Homöopathie aus „wissenschaftlicher Sicht“ zu bewerten ist. In einem gemeinsam mit dem pensionierten Würzburger Biologen Dr. Rainer Wolf publizierten Artikel mit der Überschrift „Erfolge der Homöopathie - nur ein Placebo-Effekt?“ erfahren wir sehr viel über das Wissenschafts-Verständnis des Jürgen Windeler. Drei wesentliche Kritikpunkte dieses Artikels hat das Skeptiker-kritische Weblog GWUP.WATCH zusammengefasst:
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1. Fehlende Aktualität, fehlendes Datum:
Geht es um die Bewertung komplementärmedizinischer Therapieverfahren, so scheint es Jürgen Windeler mit den Kriterien der Evidenzbasierten Medizin (EbM) wie z. B. Aktualität von Studiendaten nicht ganz so ernst zu nehmen. Beschreiben PD Dr. Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München und vom Deutschen Cochrane Zentrum sowie Prof. Dr. med. Claudia M. Witt vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité im „Kursbuch Homöopathie“ den Stand der Homöopathie-Forschung des Jahres 2007 (was in Fachkreisen bereits als veraltet eingestuft wird), so begnügen sich Windeler und Wolf mit jenem der Neunzigerjahre. Wozu benötigt es auch aktuelle Studiendaten, wenn Homöopathie gemäß den Plausibilitätsvorstellungen von Windeler und Wolf Humbug ist? Klaus Linde und Claudia Witt würden diese Frage wahrscheinlich wie folgend beantworten: Es benötigt aktuelle Studiendaten, um eine wissenschaftliche Fragestellung objektiv, valide und unabhängig von jeglichen Plausibilitätsvorstellungen beantworten zu können.
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2. Minderwertige Quelle:
Jürgen Windeler und Rainer Wolf geben ihre persönliche Sichtweise zur Homöopathie in einem Medium zum Besten, welches weder ein Fachmedium ist (sich mit medizinischer Forschung beschäftigt) noch ein Peer-Review-geprüftes wissenschafliches Journal ist. Der Artikel erschien im REGIOMONTANUSBOTEN der Nürnberger Astronomische Gesellschaft e.V. (NAG). Ein solcher Artikel im Medium einer Laien-Organisation ist isoliert betrachtet vollkommen in Ordnung. Erstaunlich ist jedoch, dass der Verein GWUP e.V. diesen Aufsatz als Reprint wiedergibt und ihn scheinbar auch noch rund 10 Jahre nach seiner Veröffentlichung als so wegweisend einstuft, dass er noch immer auf der GWUP-Homepage zu finden ist.
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3. Kein Bezug zu aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten:
Vor dem Hintergrund des neuen Aufgabengebietes von Jürgen Windeler ist es sehr bedenklich und mehr als nur irritierend, dass eine öffentliche Stellungnahme des neuen IQWiG-Chefs zu einem Therapieverfahren keinerlei Bezug zu aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten und zu forschungsmethodischen Diskussionen hat. Wer einen seriösen Vergleichsmaßstab wünscht, dem sei die Lektüre des „Kapitels 13 Wissenschaftliche Grundlagen und Forschung“ im Kursbuch Homöopathie empfohlen. Lesenswert ist auch der Artikel „Komplementärmedizin: Weitere Forschung ist die Basis für Integration in die Versorgung“ von Prof. Dr. Claudia Witt im Deutschen Ärzteblatt. So sieht eine seriöse wissenschaftliche und EbM-konforme Auseinandersetzung mit dem Thema Homöopathie & Forschung aus. Für einen Repräsentanten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ist der Artikel „Erfolge der Homöopathie - nur ein Placebo-Effekt?“ vollkommen inakzeptabel und für das IQWiG imageschädigend.
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Es bleibt somit der schale Beigeschmack und Verdacht, dass es mit der Neutralität und Objektivität von Jürgen Windeler dann schlecht bestellt sein kann, wenn es um Themen geht, welche in seiner Wahrnehmung ideologisch aufgeladen sind.
Sog. Skeptiker führen einen teils fanatischen und irrationalen Kampf gegen die Komplementärmedizin. Siehe z. B. die folgende GWUP-Pressemeldung und ein Satire-Interview mit dem Vereins-Chef Amardeo Sarma.
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Vorsicht Skeptiker & GWUP:
Nobelpreisträger Brian D. Josephson: Pathological Disbelief
Skeptizismus.de - Informationen zu GWUP, CSICOP und anderen “Skeptiker”-Organisationen
Ex-GWUP-Chef Edgar Wunder: Das Skeptiker-Syndrom
Wikipedia-Benutzer:Â FOSSA / GWUP
NEU: EselWatch über die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) e.V.
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Jürgen Windeler in den Medien:
DAZ.online: Windeler wird IQWiG-Chef
AFP: Chef von Arznei-Prüfinstitut sieht riesiges Sparpotential
SPIEGEL ONLINE: Neuer Pharmaprüfer will sich als Kostenkiller profilieren
ebm-netzwerk: Berufung von Windeler als IQWIG Leiter begrüßt
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Themen: Claus Fritzsche |









9th.Juni 2010 um 12:06 pm
[...] Jürgen Windeler: die hellen und dunklen Seiten des neuen IQWiG-Chefs | H.Blog: Homöopathie & F… Jürgen Windeler wird neuer Chef des Pharma-Prüfinstituts IQWiG. Filter tweets [...]
14th.Juni 2010 um 10:55 am
[] … Auf dem Internetportal der GWUP ist auch ein Aufsatz von Windeler zur Homöopathie zu finden, bei dem sich zumindest mir die Zehennägel kräuseln: „Erfolge der Homöopathie - nur ein Placeboeffekt?“ Darüber hinaus findet man von ihm einen weiteren Artikel aus dem Jahr 1997 „Warum ist es wichtig, sich mit Parawissenschaften zu beschäftigen?“
Hinweis: In Bezug auf die GWUP und die Ernennung von Windeler zum obersten Medizinprüfer gibt es z.B. die kritische Stimme von Claus Fritzsche in seinem Onlinemagazin und in seinem Blog. … []
11th.Juli 2010 um 1:17 pm
[...] Jürgen Windeler: die hellen und dunklen Seiten des neuen IQWiG-Chefs [...]
13th.Juli 2010 um 9:03 am
[...] der H.Blog-Redaktion: Sieher hierzu auch der Kommentar „Jürgen Windeler: die hellen und dunklen Seiten des neuen IQWiG-Chefs“, in dem es u. a. um den Eindruck geht, dass Jürgen Windeler es mit der Wissenschaft nicht ganz so [...]
12th.August 2010 um 6:18 pm
[...] in sich geschlossene Heilslehre, die keinen Widerspruch zulässt“, lässt uns der neue IQWiG-Chef Prof. Jürgen Windeler auf der Homepage des „Skeptiker“-Vereins GWUP e.V. [...]
17th.August 2010 um 4:33 pm
[...] in sich geschlossene Heilslehre, die keinen Widerspruch zulässt“, lässt uns der neue IQWiG-Chef Prof. Jürgen Windeler auf der Homepage des „Skeptiker“-Vereins GWUP e.V. wissen. Der SPIEGEL zitierte Windeler [...]