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stern GESUND LEBEN, »Sucht« und Prof. Edzard Ernsts Eminenz-basierte Medizin
Von Claus Fritzsche | 2.Oktober 2008
»Die meisten alternativen Heilverfahren gegen Sucht haben sich nicht bewährt«. Mit dieser Schlagzeile wirbt der stern für die neueste Ausgabe der Zeitschrift stern GESUND LEBEN. »Das Magazin für Körper, Geist und Seele« verweist in einer Pressemeldung auf Bewertungen von Prof. Edzard Ernst. Dieser wiederholt hier erneut Fehler, für die er schon als Schlussgutachter des umstrittenen Buchs »Die Andere Medizin« von Kollegen wie z. B. Prof. Karl-Ludwig Resch in der Zeitschrift Forschende Komplementärmedizin (→ Die Andere Medizin: Gut gemeint - schlecht gemacht) oder von Dr. med. Gunver S. Kienle und Dr. med. Helmut Kiene im Deutschen Ärzteblatt (→ Stiftung Warentest: »Die Andere Medizin« - Evidenz- oder Eminenz-basiert?) heftig kritisiert wurde.

Prof. Edzard Ernst stuft alternativ- bzw. komplementärmedizinische Behandlungsverfahren nur dann als empfehlenswert ein, wenn zuvor systematische Reviews nach Cochrane Collaboration Standards basierend auf randomisierten klinischen Studien (RCTs) den Nutzen bewiesen haben. Das klingt nach seriöser Evidenz-basierter Medizin, ist jedoch de facto eine Mogelpackung, welche inzwischen nicht mehr dem wissenschaftlichen State-of-the-Art entspricht und eine schon fast naiv unkritische Haltung gegenüber den hinreichend bekannten methodischen Schwachstellen medizinischer Wirksamkeitsprüfung deutlich macht. Besonders zwei Aspekte sind hier hervorzuheben:
1. Versorgungsforschung versus RCT
Im Mainstream der komplementärmedizinischen Forschung hat sich in den letzten Jahren die Sichtweise durchgesetzt, dass der relative Verum-Placebo-Vergleich einer randomisierten klinischen Studie (RCT) allein ungeeignet ist, den absoluten Nutzen eines therapeutischen Verfahrens zu ermitteln. Als neues Evaluierungsinstrument etablieren sich seit geraumer Zeit Verfahren der Versorgunsforschung wie z. B. Health Technology Assessments. Hinter dem Begriff Health Technology Assessment (HTA) verbirgt sich ein etabliertes wissenschaftliches Vorgehen, das - im Gegensatz zu Metaanalysen oder systematischen Reviews nach Cochrane Collaboration Standards - nicht nur nach der Wirksamkeit einer bestimmten Intervention fragt, sondern vor allem die Wirksamkeit einer Therapie in ihrer Alltagsanwendung, ihren Nutzen, ihre Sicherheit und ihre Wirtschaftlichkeit untersucht. HTAs beziehen in ihrem methodischen Vorgehen auch Informationen mit ein, die normalerweise unberücksichtigt bleiben. So z. B. Beobachtungsstudien, gute Fallserien und longitudinale Kohortenstudien. Prüfen Metaanalysen randomisierter klinischer Studien nur den RELATIVEN Vorteil gegenüber Placebo, und zwar unter realitätsfernen künstlichen Laborbedingungen, so untersucht die Versorgungsforschung das übergeordenete Kosten-Nutzen-Verhältnis unter realen Bedingungen (»Real-World Effectiveness«). Die großen methodischen Schwachstellen von RCTs habe ich kürzlich im Artikel »Randomisierte klinische Studien (RCT), vom Goldstandard zum Sorgenkind.« hier im H.Blog erläutert.
2. Absence of evidence is not evidence of absence
In seinem oben zitierten Artikel verweist Prof. Karl-Ludwig Resch u.a. auf die Grundregel: »Das Fehlen des Nachweises für einen Effekt ist nicht der Nachweis für das Fehlen eines Effekts« (→ Altman DG, Bland JM: Absence of evidence is not evidence of absence. BMJ 1995; 311 (7003): 485.). Plakativ ausgedrückt lässt sich diese in der Evidenz-basierten Medizin allgemein anerkannte Regel auch so formulieren: Die tödliche Wirkung einer Guillotine ist denkbar, auch wenn sie zuvor nicht durch eine randomisierte klinische Studie nachgewiesen wurde. Etwas differenzierter ließe sich sagen: Die Bewertung eines therapeutischen Verfahrens als nützlich oder nicht empfehlenswert kann erst nach einer wissenschaftlichen Untersuchung vorgenommen werden. Das Nichtvorhandensein von Studien erlaubt weder positive noch negative Aussagen zu einem therapeutischen Verfahren.
Die Schlussfolgerung der stern-Pressemeldung »Für die meisten anderen Methoden existierten überhaupt keine wissenschaftlichen Studien. Deshalb seien auch sie grundsätzlich kritisch einzuschätzen.« ist vor diesem Hintergrund wissenschaftlich nicht haltbar. »Für die meisten anderen Methoden« besteht ein Forschungsdefizit … und sonst nichts. Der unzulässigen Logik von Prof. Edzard Ernst folgend wäre Akupunktur bei Rückenschmerzen noch vor 2005 als »kritisch« einzuschätzen gewesen. Die 2006 und 2007 publizierten Ergebnisse der gerac-Studien zeigten jedoch eine gegenüber konventionellen Behandlungsformen fast doppelt so starke Wirkung. Dieser verblüffend (!) hohe therapeutische Nutzen kann theoretisch auch für die Zeit von 4000 vor bis 2005 nach Christus angenommen werden, so dass ein Mangel an Studien (in diesem konkreten Fall) mit einiger Wahrscheinlichkeit auch in der Vergangenheit unkritisch war.
Schreibt Prof. Edzard Ernst vor dem Hintergrund des vorhandenen Forschungsdefizits rund um Sucht & Akupunktur im stern »Warum also setzen so viele Kliniken die Akupunktur beim Drogenentzug und zur Rauchentwöhnung ein? … Wenn man allerdings zynisch wäre, könnte man stattdessen feststellen, dass sich auch mit wirkungslosen Therapien gut Geld verdienen lässt, vorausgesetzt, man verkauft sie gut und verhindert, dass die tatsächliche Datenlage allgemein bekannt wird.« (Quelle: »Ernüchternde Ergebnisse«, stern GESUND LEBEN, 5/2008, S. 90), so versteckt sich hinter dieser Aussage nicht der Wissenschaftler sondern der einem methodischen Irrtum unterliegende und im tiefsten Herzen (das darf hier schon verraten werden) alternativmedizin-feindlich eingestellte Mensch Edzard Ernst. Gleiches hätte er vor 2005 auch über Akupunktur bei chronischen Rückenschmerzen schreiben können. Nur eben nicht mehr jetzt, im Jahre 3 nach gerac. Da ist es AOK, BKK, IKK, Bundesknappschaft, Landwirtschaftlicher Sozialversicherung und See-Krankenkasse - ich zitiere Prof. Harald Walach - gelungen, eine wissenschaftliche Fragestellung einigermaßen abschließend zu klären, »nämlich die Wirksamkeit der Akupunktur so schlagend zu belegen, dass selbst dem Bundesausschuss nichts übrig blieb, als in den sauren Apfel der öffentlichen Bezahlung der Akupunktur bei Rückenschmerzen zu beißen.«
Fazit: Die u. a. an Prof. Edzard Ernst adressierten Worte von Prof. Karl-Ludwig Resch »Der Vorwurf, unter der objektiven Fahne der Evidenz-basierten Medizin de facto längst überkommene Eminenz-basierte Medizin zu liefern, ist vielleicht hart, aber sicherlich nicht ganz unberechtigt.« scheinen weiterhin ihre Gültigkeit zu haben. Vielleicht erklärt dies auch, warum Prof. Edzard Ernst immer seltener in mittels Peer-Review geprüften wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert und seine - zumindest für Laien - wissenschaftlich klingenden Darstellungen mehr und mehr in Medien à la stern, Welt oder Netzeitung zu lesen sind.
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Links zum Thema:
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stern GESUND LEBEN: Heft 5/2008 zum Thema »Sucht«
psychophysik.com: Prof. Edzard Ernst verteidigt Buch »Die Andere Medizin« in der Zeitschrift Forschende Komplementärmedizin
H.Blog: Prof. Edzard Ernst beim Mogeln erwischt (siehe Randnotiz zum Thema Akupunkur ganz unten im Artikel)
H.Blog: Prof. Edzard Ernst: Agent provocateur der komplementärmedizinischen Forschung?
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3rd.Oktober 2008 um 8:47 am
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