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Prof. Edzard Ernst, Bach-Blüten und methodische Fehler

Von Claus Fritzsche | 25.November 2006

Unter der Überschrift “Placebos in Quellwasser” teilte Prof. Edzard Ernst den Lesern des Magazins Stern (Heft 4, 2006) jüngst polemisch mit: “Freunde der Bach-Blütentherapie müssen jetzt ganz tapfer sein: Die klinische Forschung zu den Mitteln kommt zu einem verheerenden Ergebnis.”

In seinem sprachlich im GWUP-Stil gehaltenen Beitrag verweist Prof. Edzard Ernst auf die aus seiner Sicht ernüchternden Ergebnisse eines von seinem Lehrstuhl an der Universität Exeter durchgeführten Tests an 100 Studenten. O-Ton des Artikels von Prof. Edzard Ernst:

“Da eines der Blütenmittel insbesondere für Stress angepriesen wird, rekrutierten wir rund 100 Studenten, die heftig an Examensstress litten. Sie erhielten entweder das von Bach entwickelte Mittel oder ein davon nicht zu unterscheidendes Placebo. Gemäß einem zuvor festgelegten Protokoll wurde dann der Stress ermittelt. Die Ergebnisse waren ernüchternd: kein Unterschied zwischen Bach-Blüten und Placebo! Inzwischen gibt es etwa ein halbes Dutzend solcher klinischer Studien. Alle zeigen das gleiche Ergebnis: Bach-Blütenmittel sind reine Placebos.”

Prof. Edzard Ernst hat hier ein Studiendesign gewählt, wie es in der Wirksamkeitsprüfung für pharmakologische Wirkstoffe üblich und sinnvoll ist. Soll die spezifische Wirksamkeit eines neuartigen pharmazeutischen Präparats untersucht werden, so unterscheiden etablierte Doppelblindstudien gewöhnlich zwischen einer Gruppe A, welche das Präparat einnimmt und einer Gruppe B, welche ein Placebo erhält. Die pharmazeutische Forschung arbeitet hier auf der Grundlage eines Paradigmas, im Rahmen dessen alle Menschen, Probanden, Patienten wie standardisierte Bio-Maschinen behandelt werden. Soweit es um kurzfristige physiologische und biochemische Prozesse im menschlichen Körper geht, ist diese Vorgehensweise auch sinnvoll. Untersucht man beispielsweise die Wirkung von Aspirin, so mag es von Mensch zu Mensch gewisse Schwankungen in der physiologischen Wirkung geben. In Summe reagiert jedoch die große Mehrzahl der Menschen, welche Aspirin einnehmen, kurzfristig und körperlich sehr ähnlich.

Nutzt Prof. Edzard Ernst nun ein Experimentaldesign für die Wirksamkeitsprüfung pharmazeutischer Präparate, um ein komplementärmedizinisches Verfahren wie z.B. die Bach-Blütentherapie zu untersuchen, so macht er hier einen gravierenden methodischen Fehler.

Wie Prof. Harald Walach in seinem Beitrag “Komplementärmedizin - subtiler Materialismus? Oder die Frage nach dem Bewusstsein?” ausführt, haben viele komplementärmedizinische Therapieformen den Charakter von Reiztherapien, welche Selbstheilungsmechanismen aktivieren. Krankheit wird aus komplementärmedizinischer Sicht u. a. als das Resultat von körperlichen, emotionalen und geistigen Stressoren betrachtet, welche von Mensch zu Mensch vollkommen unterschiedlich wirken können. Der lange anhaltende Einfluss körperlicher, emotionaler und/oder geistiger Stressoren führt bei Herrn Müller vielleicht zu einem Herzleiden und bei Frau Mayer zu einem Darmproblemen. Jeder Mensch verfügt hier über seine eigene Konstitution, Historie und individuelle Schwachstellen aber auch Stärken.

Arbeitet der Mainstream medizinischer Forschung (”Schulmedizin”) überwiegend mit dem Modell des Menschen als einem nahezu standardisierten und einheitlich arbeitenden Bio-Roboters, so wird jeder Mensch aus komplementärmedizinischer Sicht als ein komplexes individuelles System mit spezifischen Merkmalen auf den Ebenen Körper, Emotionen und Geist betrachtet. Alternativmedizinische Therapieverfahren haben hier nun tendenziell den Charakter eines Reiz-Stimulators, welcher die körpereigenen Steuerungs- und Regulationsmechanismen so anregt, dass eine Selbstheilungsreaktion die Folge ist. Der Unterschied zwischen einem biochemischen Wirkmechanismus z. B. nach der Einnahme von Aspirin und einem körpereigenen Selbstheilungsmechanismus ist in der Praxis leicht erkennbar:

Im ersten Fall kommen beispielsweise die Kopfschmerzen zurück, sobald die Wirkung des in Aspirin enthaltenen Wirkstoffs nachlässt. Viel effektiver ist es jedoch, wenn sich der Körper aus eigener Kraft und durch die ihm zur Verfügung stehenden Selbstheilungsmechanismen von den Kopfschmerzen befreit. Sie schlafen beispielsweise abends mit Kopfschmerzen ein und wachen am nächsten Morgen mit freiem Kopf wieder auf. Wie der menschliche Körper das Wunder “Selbstheilung” vollzieht, das ist wissenschaftlich weitgehend unerforscht. Die komplementärmedizinische Forschung geht jedoch in weiten Teilen davon aus, dass dieser Prozess über starke INDIVIDUELLE MERKMALE verfügt und Bewusstsein (geistige Aspekte, daraus resultierend: Emotionen und körperliche Reaktionen) hier eine bedeutende Einflussgröße ist. Wichtig: Pharmakologische Wirkstoffe lösen biochemische physiologische Prozesse aus (HARDWARE). Die Komplementärmedizin greift jedoch sehr wahrscheinlich in die Steuerungs- und Regulationsprozesse des Körpers ein und stimuliert Selbstheilungsprozesse (SOFTWARE). Letzteres erfordert einen neuen methodischen Ansatz in der klinischen Forschung, der von Prof. Harald Walach im Fazit seiner Publikation “Das Wirksamkeitsparadox in der Komplementärmedizin” kurz angesprochen wird.

Kommen wir nun wieder zurück zur Erforschung der Bach-Blütentherapie, so ist methodisch zu berücksichtigen, dass entsprechende Essenzen auf der Grundlage einer aufwendigen Anamnese grundsätzlich INDIVIDUELL zu ermitteln sind. Ähnlich wie in der Homöopathie, so gibt es auch gemäß der Lehre von Dr. Edward Bach keine standardisierte Essenz gegen Stress. Abhängig vom Persönlichkeitstypus und der individuellen Krankheitsgeschichte kann es bei 100 verschiedenen Menschen vollkommen unterschiedliche Bach-Blütenessenzen geben, welche bei Stress-Symptomen zum Einsatz kommen. Prof. Edzard Ernst hat dies jedoch in seinem Versuchsdesign nicht berücksichtigt. Er hat im übertragenen Sinne so gehandelt, als hätte er einen Wanderschuh an 100 Probanden getestet, wobei alle Probanden (unabhängig von ihrer tatsächlichen Fußgröße) einen Schuh der Größe 53 erhalten haben. Als Folge kann er zwar Aussagen über die Wirkung des Wanderschuhs unter den Testbedingungen vornehmen, jedoch keinerlei allgemeingültige Aussagen über die Eigenschaften des Wanderschuhs.

Der nächste methodische Fehler von Prof. Edzard Ernst besteht darin, dass er Prüfungs-Stress als Krankheitssymptom einstuft. Im medizinischen Kontext wird zwischen gesundem und krank machendem Stress unterschieden. Eustress ist gesunder Stress, der normal ist und einen Stimulus für Körper und Psyche darstellt. Dysstress ist gleichbedeutend mit einer anhaltenden körperlichen oder geistigen Überbelastung. Auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass unter den 100 sich auf eine Prüfung vorbereitenden Studenten auch Fälle von Dysstress vorkommen, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Mehrzahl der von Prof. Edzard Ernst getesteten Studenten - wenn überhaupt - Eustress-Symptome zeigten. Kein erfahrener Therapeut, welcher medizinischen Richtung auch immer, würde jedoch auf die haarsträubende Idee kommen, eine gesunde körperliche Reaktion zu behandeln. Sei es mit Bach-Blütenessenzen oder Beruhigungspillen. Prof. Edzard Ernst weist im Stern korrekt darauf hin, dass Dr. Edward Bach seine Therapie als Methode zur Korrektur “emotioneller Dysbalance” (Depression, Furcht, Interesselosigkeit, Einsamkeit…) verstand. Prüfungs-Stress gehört jedoch nicht in diese Kategorie. Fazit: Untersucht Prof. Edzard Ernst die Wirkung von Bach-Blütenessenzen auf Prüfungs-Stress, so ist dies im übertragenen Sinne so, als würde er testen, wie effektiv sich mit Aspirin Fußpilz heilen lässt. Sein Testdesign ist somit nicht nur methodisch unzulässig. Es lässt auch wenig schmeichelhafte Rückschlüsse auf seine fachliche Kompetenz zu.

Ein weiterer gravierender methodischer Fehler von Prof. Edzard Ernst besteht darin, dass er das Studienergebnis “nicht wirksamer als Placebo” gleichsetzt mit Wirkungslosigkeit und einer Nichteignung zur Behandlung von Krankheiten. Der Indikator “Placebo” verfügt über eine so extrem hohe Variabilität, dass er vollkommen ungeeignet ist, Aussagen zur Wirksamkeit vorzunehmen. Es handelt sich gewissermaßen um ein Maßband, welches seine Länge ständig und extrem verändert. Prof. Harald Walach weist aus diesem Grund auch darauf hin, dass “die Logik des statistischen Testens und der Epistemologie klinischer Studien nicht dafür verwendet werden kann, irgendetwas zu beweisen, geschweige denn eine Wirkungslosigkeit zu beweisen, da es sich immer um einen Vergleich zweier Interventionen und die Sicherheit einer Hypothese angesichts einer Fülle, genauer gesagt von unendlich vielen, Alternativhypothesen handelt, zu denen in einer Studie nichts ausgesagt wird” (Dellmour-Kommentar). Siehe auch: H.Blog: Randomisierte klinische Studien (RCT), vom Goldstandard zum Sorgenkind.

Prof. Edzard Ernst kommt in seinem Stern-Artikel zu dem Fazit: “Nur selten sind sich in der Medizin die klinischen Prüfer derart einig. Das Urteil der Stiftung Warentest (Handbuch “Die andere Medizin”) fällt entsprechend aus: “Die Bach-Blütentherapie ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet.” Wahrscheinlich verfolgte Ernst mit dieser Darstellung die Absicht, die Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen zu unterstreichen. Dies mag funktionieren, solange er sich in einem Medium wie dem Magazin Stern an Laien wendet. Fachkundige Kreise werten seine Darstellung jedoch aus folgenden Gründen als Inbegriff von Unseriösität: 1. Seine Worte geben den Forschungsstand nicht korrekt wieder. 2. Er verweist auf eine Eigenpublikation, welche über eine schier grenzenlose Fülle an Falschinformationen, methodischen Fehlern und Grotesken verfügt und tendenziell in die Kategorie Boulevard-Journalismus gehört. Siehe auch: Kontroverse über das Buch “Die Andere Medizin”.

Link zum Thema:
Prof. Edzard Ernst: Agent provocateur der komplementärmedizinischen Forschung?

Prof. Edzard Ernst verteidigt Buch “Die Andere Medizin” in Forschende Komplementärmedizin

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3 Kommentare to “Prof. Edzard Ernst, Bach-Blüten und methodische Fehler”

  1. H.Blog: Prof. Edzard Ernst verteidigt Buch “Die Andere Medizin” in Forschende Komplementärmedizin schreibt:
    30th.April 2007 um 6:02 pm

    [...] Prof. Edzard Ernst hat sich nach monatelangem Schweigen endlich dazu durchringen können, zur massiven Kritik am Ratgeber “Die Andere Medizin” Stellung zu nehmen. In einem Leserbrief an die Zeitschrift Forschende Komplementärmedizin geht er auf die Kritik von Prof. Karl Ludwig Resch ein, welche dieser zuvor an gleicher Stelle unter der Überschrift “Die Andere Medizin: Gut gemeint - schlecht gemacht” publizierte. [...]

  2. Gießener Zeitung schreibt:
    29th.Januar 2009 um 7:44 pm

    [...] Ich vermute einmal, dass Sie die Argumente von Prof. Edzard Ernst nicht seriös und professionell bewerten und hinterfragen können. Vielleicht zitieren Sie ihn ja, weil er das schreibt, was Sie auf der Grundlage von GLAUBEN (nicht Wissen) für richtig halten. [...]

  3. Günther Itzelsberger schreibt:
    11th.August 2010 um 5:14 pm

    Hat schon jemand darüber nachgedacht die Homöopathie als System im Sinne der Systemtheorie zu betrachten.
    Sprachliche Aussagen lassen sich durch erfahrene Homöopathen im Sinne der Statistik verdichten.
    Das Risiko der verwirrenden Mißverständnisse lassen sich ebenfalls unter Zeitaufwand reduzieren.
    Ein gutes Bespiel für eine erfolgreiche Verdichtung sind für mich die (Daten)-Kette
    Bönninghausen- Boerike-Henri Voisin.
    Systemtheorie stammt aus der Raumfahrt(Prof Koelle Tu Berlin) und wurde entwickelt, um komplexe Entscheidungen zu ermöglichen

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