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FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität klinischer Studie

Von Claus Fritzsche | 6.Juni 2009

Stefan Niggemeier, Herausgeber des BILDblogs und bis März 2006 verantwortlicher Medienredakteur der angesehenen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat sich in die Tiefen medizinischer Forschungsmethodik hineingewagt und ist dabei ausgerutscht. Unter der Überschrift »Homöopathie, Akupunktur & Placebo Domingo« gab er eine nette Räuberpistole über vermeintliche journalistische Verfehlungen von FOCUS ONLINE, BILD und GLOBAL PRESS zum Besten. Für mich ein willkommener Anlass, nachfolgend die methodischen Unterschiede zwischen randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) und prospektiven Beobachtungsstudien zu erläutern. Beide Studientypen haben ihre Stärken und Schwächen auf dem Gebiet der so genannten internen und externen Validität. Erfahren Sie nachfolgend, was das für Homöopathie-Studien bedeutet.


Stefan Niggemeier sucht dringend »Sachdienliche Hinweise«: »Ist Ihnen in BILD, bei SPIEGEL ONLINE, bei RTL oder in anderen Medien etwas aufgefallen, das Ihnen fragwürdig erscheint? Weil Sie wissen, dass es nicht stimmt? Weil Sie es für irgendwie doch sehr, sehr unwahrscheinlich halten? Weil in anderen Medien etwas anderes steht? Oder weil journalistische Standards verletzt werden, Menschen Unrecht getan oder möglicherweise gegen den Pressekodex verstoßen wird? – Dann schicken Sie uns doch einen sachdienlichen Hinweis entweder über das unten stehende Formular (auch anonym) oder an sachdienliche_ hinweise (at) bildblog.de!« Lieber Stefan Niggemeier, mir sind grob irreführende Darstellungen aufgefallen. Da ich sie jedoch weder in BILD noch bei SPIEGEL ONLINE oder RTL und stattdessen im BILDblog gefunden habe, erlaube ich mir einen »sachdienlichen Hinweis« an dieser Stelle. Einverstanden?

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»Homöopathie wirkt« hieß es am 19. Mai 2005 bei FOCUS ONLINE. FOCUS bezog sich hier auf ein Interview, welches die Zeitschrift feminin & fit mit Prof. Claudia Witt führte. In diesem Interview ging es um die 2005 publizierte Studie »Homeopathic medical practice: long-term results of a cohort study with 3981 patients« von Claudia Witt, Rainer Lüdtke, Roland Baur und Stefan Willich. Mit einem zeitlichen Abstand von acht Jahren wurde nun nochmals untersucht, wie sich die Gesundheit der damals behandelten chronisch kranken Patienten entwickelt hat. Die Ergebnisse publizierten Claudia Witt, Rainer Lüdtke, Nils Mengler und Stefan Willich 2008 als »long term observational study« mit dem Titel »How healthy are chronically ill patients after eight years of homeopathic treatment?«. Das Fazit der 2008 veröffentlichten Arbeit lautet: »Patients who seek homeopathic treatment are likely to improve considerably. These effects persist for as long as 8 years«. Wer Augen hat zu lesen, der findet hier sinngemäß die folgenden Worte: »Patienten, die an einer homöopathischen Behandlung interessiert sind, erfahren mit hoher Wahrscheinlichkeit eine erhebliche Verbesserung ihres Wohlbefindens. Diese Effekte halten über einen Zeitraum von 8 Jahren an.«

Stefan Niggemeier nahm die FOCUS-Meldung am 22. Mai zum Anlass, in die Rolle des kompetenten medizinischen Fachjournalisten (der er nicht ist → Lebenslauf S. N.) zu schlüpfen, um die lieben Kollegen von FOCUS ONLINE, BILD und der beteiligten Nachrichtenagentur GLOBAL PRESS mit seinem Kommentar »Homöopathie, Akupunktur & Placebo Domingo« altklug und nicht wirklich von Fachwissen getragen zu rügen und zu belehren. Er praktizierte dabei aus meiner Sicht exakt das, was er in seinem Beitrag »Die Erosion des Qualitätsjournalismus« beklagt. Stefan Niggemeiers Kritik ist zwar zum Teil berechtigt. Seine Darstellung ist jedoch in weiten Teilen schlampig recherchiert, sachlich falsch und eine Rezension nicht wert. Da die Kontroverse jedoch ein wertvolles konstruktives Element und einen spannenden Hintergrund hat, will ich den Sachverhalt hier einmal aus meiner Sicht darstellen.

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Die Kritik von Stefan Niggemeier

Fasse ich die BILDblog-Kritik mit eigenen Worten zusammen, so lässt sich (etwas überspitzt) sagen: Vorsicht Leute! Die Idioten von der Nachrichtenagentur Global Press haben schon wieder zugeschlagen. Achtung: Der Informationsservice Medical Press hat FOCUS mit der Falschinformation »Homöopathie wirkt« beliefert. »Das wäre nichts weniger als eine Sensation, denn bislang ist es nicht gelungen zu beweisen, dass homöopathische Mittel besser wirken als Placebos, das heißt: Die Heilungserfolge lassen sich allein durch Faktoren wie den Glauben an die Wirksamkeit des Mittels oder auch die größere Zuwendung durch den Arzt erklären«. Und nun der absolute Hammer: Als Quelle geben FOCUS und GLOBAL PRESS die kleine Frauenzeitschrift feminin & fit an. »Die ganze Nachricht beruht ausschließlich auf einer Pressemitteilung von feminin & fit … Doch die Aussagekraft ihrer Untersuchung ist in Wahrheit sehr begrenzt. Die Studie beruht im Wesentlichen darauf, Patienten in Praxen, die auch homöopathisch behandeln, nach acht Jahren zu fragen, ob es ihnen besser geht. Ein sehr großer Teil sagt, dass er sich besser fühlt — aber ob das an den homöopathischen Medikamenten liegt oder zum Beispiel dem Placebo-Effekt geschuldet ist, kann die Studie gar nicht beantworten.«.

So weit die etwas überspitzt zusammengefasste Kritik von Stefan Niggemeier, der sich am Ende seines BILDblog-Kommentars artig bei seinem »Informanten«, dem GWUP-nahen Physiker Jörg Rings bedankt (→ Das Skeptiker-Syndrom). ScienceBlogger Jörg Rings beschäftigt sich am Forschungszentrum Jülich mit Hydrogeophysik und wird auf der Webseite der Universität Karlsruhe (TH) als Kollegiat des »Graduiertenkollegs Naturkatastrophen« genannt. Hätte Niggemeiner eine seriöse Recherche durchgeführt und dabei z. B. das Gespräch mit PD Dr. Klaus Linde vom Deutschen Cochrane Zentrum gesucht, so wäre seine Darstellung vermutlich fast fehlerfrei. Der fachfremde und der streng dogmatischen Skeptiker-Bewegung nahestehende Jörg Rings ist als Quelle jedoch in etwa so brauchbar wie die Deutschland-Zentrale von Scientology als Gutachter für Psychotherapie-Verfahren. Die »kleine Frauenzeitschrift« feminin & fit verfügt im Gegensatz dazu mit Prof. Dr. med. Claudia Witt über eine reputable Quelle. Anders als im BILDblog dargestellt bezieht sich die FOCUS-Meldung nicht auf die Pressemeldung des Achim F. Zygar Verlags und stattdessen auf das Interview mit Frau Witt.

(Nachtrag: Physiker Jörg Rings hat seine Ausführungen inzwischen im GWUP-typischen Stil präzisiert und durch weitere wichtige Fakten und Studiendaten sowie Expertenstimmen ergänzt: Twitter Jörg Rings. Jörg Rings gehört übrigens, dies ist nicht uninteressant, zum Freundeskreis Eso Blog und Esowatch.)

Vielleicht helfen die folgenden »sachdienlichen Hinweise«, Licht ins Dunkel zu bringen:

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Der »Outcomes«-Forschungsansatz

Das englische Wort »Outcomes« steht im Kontext der Medizinforschung für Ergebnisse oder das Endergebnis eines Behandlungsverlaufs. Die PHYSIO-AKADEMIE schreibt auf ihrer Webseite: »Die Outcome-Forschung ist noch jung und hat mit vielen methodologischen Problemen hinsichtlich Validität und Reliabilität, aber auch hinsichtlich der Vergleichbarkeit und Verallgemeinerungsfähigkeit ihrer Ergebnisse zu kämpfen. Trotzdem ist sie schon jetzt ein wichtiger Bestandteil in der klinischen Forschung, die auch vielfältige Ansatzpunkte für interdisziplinäre Forschung bietet« (Quelle: »Outcomes«, PHYSIO-AKADEMIE). Moderne Outcome-Forschung unterscheidet sich von etablierten randomisierten klinischen Studien (RCTs) u. a. dadurch, dass nach der Wirksamkeit von therapeutischen Maßnahmen unter Alltagsbedingungen und nicht wie bei RCTs unter teils unrealistischen und teils verzerrenden Idealbedingungen des klinischen Labors/Versuchs gefragt wird.

Über den besonderen Zusammenhang von Outcome- und Homöopathie-Forschung schreibt Dr. Marianne Heger auf der Homepage des Magazins DATADIWAN: »Greenfield [1989] merkt an, daß offene Langzeit-Beobachtungsstudien eine vernünftige Alternative darstellen, und daß aus ökonomischer Sicht nicht für jedes verwendete Therapieverfahren randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt werden können. Auch Linde und Mitarbeiter [1997] stellen im Rahmen ihrer Metanalyse die Notwendigkeit von weiteren randomisierten, kontrollierten Studien zur Homöopathie in Frage und weisen darauf hin, daß es weitaus wichtiger wäre, anhand prospektiver Beobachtungsstudien zu untersuchen, welchen Beitrag die Homöopathie zur Gesundheitsversorgung der Patienten leistet. Mit der Durchführung von prospektiven Beobachtungsstudien etabliert sich damit eine Möglichkeit, den Einschränkungen von randomisierten kontrollierten Studien zu begegnen [Epstein et al. 1996]. Eine prospektive Beobachtungsstudie kann am Einzelfall orientiert sein oder ein Kollektiv von Patienten untersuchen. Der große Vorteil einer prospektiven Beobachtungsstudie ist, daß sie praxisrelevante Daten liefert, d. h. eine hohe externe Validität besitzt [Rapier 1996]. Die interne Validität ist dagegen gering, d. h. alle Vorteile einer randomisierten kontrollierten Studie sind hier als Nachteil aufzuzählen« (Quelle: »Wirksamkeitsnachweis aus homöopathischer Sicht«, DATADIWAN).

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Interne und externe Validität

Mit dem Begriff »Validität« wird laut Wikipedia das argumentative Gewicht einer (vornehmlich wissenschaftlichen) Feststellung, Aussage, Untersuchung, Theorie oder Prämisse bezeichnet. Langzeit-Beobachtungsstudien, um die es in der BILDblog-Kontroverse geht, verfügen über eine hohe externe und niedrige interne Validität. Interne Validität gibt an, ob die Ergebnisse einer Studie von der getesteten Intervention herrühren und nicht durch Zufall oder andere Faktoren (z. B. Placebo-Effekte) zustande kommen. Die Interne Validität ist hoch, wenn bei der Planung der Studie systematische Fehler (Bias) weitgehend ausgeschaltet werden. Externe Validität gibt an, ob sich die Ergebnisse einer Studie auf die Population verallgemeinern lassen, für welche die Studie konzipiert wurde.

Dr. Markus Frick (Director Methodology & Valorisation, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Berlin) betont in seiner Stellungnahme zur Neuformulierung der Methoden des IQWiG, dass randomisierte Studien über eine niedrige externe Validität verfügen und dass dieser Mangel seit langem bekannt ist (Quelle: »Stellungnahme zur Neuformulierung der Methoden des IQWiG«, Seite 3).

Was lernen wir daraus?

Das Instrumentarium der klinischen Forschung hat sowohl Stärken als auch Schwächen. Randomisierte klinische Studien (RCTs) können aufgrund ihrer hohen internen Validität relativ präzise ermitteln, ob therapeutische Erfolge durch die spezifischen Effekte der untersuchten Intervention oder aber durch unspezifische Effekte wie z. B. Patienten-Überzeugungen und Arzt-Patient-Interaktion zustande kommen. Bedingt durch eine niedrige externe Validität lassen sich die Ergebnisse von RCTs jedoch nicht ohne weiteres auf den Praxisalltag übertragen. RCTs beinhalten das Risiko, dass eine Intervention in der Idealsituation des klinischen Labors wunderbare Ergebnisse zeigt, im Praxisalltag jedoch kläglich versagt. Bei Langzeit-Beobachtungsstudien, um die es in dieser Kontroverse geht, ist die Siutation genau umgekehrt. Sie können sehr gut ermitteln, ob eine Intervention für eine bestimmte Gruppe (für die sie konzipiert wurde) unter realen Bedingungen nützlich ist oder nicht. Langzeit-Beobachtungsstudien lassen jedoch keine qualifizierte Aussage darüber zu, ob therapeutischer Erfolg durch die untersuchte Intervention oder weitere Einflussgrößen wie z. B. Patienten-Überzeugungen, Patienten-Verhalten sowie Arzt-Patient-Interaktion zu erklären ist.

Immer mehr Versorgungsforscher vertreten an dieser Stelle die Sichtweise: Wenn es um die Volkskrankheit Chronische Leiden geht, bei der die Schulmedizin austherapierten Patienten primär Medikamenten-Abhängigkeit und Nebenwirkungen bietet, dann ist es ziemlich egal, warum eine Intervention wirkt … Hauptsache sie wirkt. Laut Harald Walach hat der Direktor des National Institute of Health & Clinical Excellence (NICE) Sir Michael Rawlins in einem öffentlichen Vortrag des King’s Fund zu Forschungsstrategien in der Komplementärmedizin im Oktober 2007 gesagt, dass es ihn nicht interessiere, welche Mechanismen wirksam sind, solange eine Intervention funktioniert und effektiv ist. Walach sieht darin ein Umdenken von einem rein pharmakologischen Wirkmodell hin zu einem ganzheitlichen Effizienzmodell (»Gegen den Wind segeln«, Harald Walach in Forschende Komplementärmedizin 2008;15:184-186). Und PD Dr. Klaus Linde vom Deutschen Cochrane Zentrum betont in seinem 2006 publizierten Artikel »Der spezifische Placeboeffekt«, »dass die Begriffe und Konzepte Placebo, unspezifischer und spezifischer Effekt, irreführend sind. Es wird ein Modell vorgeschlagen, das davon ausgeht, dass alle von einer Intervention ausgelösten Effekte (abgesehen von Spontanveränderungen und Artefakten) grundsätzlich spezifisch sind, d. h. einen definierbaren Mechanismus haben und durch Veränderung der Bedingungen modifizierbar sind.«

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Wirkt Homöopathie? Wer hat Recht?

Was bedeutet alles dies in Hinblick auf die geschilderte Kontroverse? Nun zunächst einmal ist die FOCUS-Schlagzeile »Homöpathie wirkt« isoliert betrachtet tendenziell falsch und so irreführend wie Niggemeiers Überschrift »Homöopathie, Akupunktur & Placebo Domingo.« Hätte sich FOCUS für die Überschrift »Homöopathie wirkt nicht« entschieden, so hätte sich Stefan Niggemeier daran vermutlich nicht gerieben, obwohl auch diese Aussage isoliert betrachtet falsch wäre. Auch wenn es von Befürwortern und Kritikern der Homöopathie gerne ignoriert wird: der aktuelle Stand der Homöopathie-Forschung lässt aus der Sicht von Experten wie PD Dr. Klaus Linde keine pauschalisierenden Aussagen nach dem Schema »Homöopathie wirkt« oder »Homöopathie wirkt nicht« zu.

Auch Niggemeiers folgende Worte sind falsch: »Das wäre nichts weniger als eine Sensation, denn bislang ist es nicht gelungen zu beweisen, dass homöopathische Mittel besser wirken als Placebos …« Richtig ist, dass es viele randomisierte Studien gibt, welche keine Überlegenheit des homöopathischen Arzneimittels gegenüber Placebo zeigen. Dr. Corina Güthlin vom Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Uniklinik Freiburg weist jedoch darauf hin, dass es ebenso viele – vor allem jüngere – randomisierte Studien gibt, bei denen homöopathische Arzneimittel eine deutliche Überlegenheit gegenüber Placebo zeigen (Quelle: »Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebo: Kritik an Wissenschaftsredaktionen«, H.Blog). Die aktuelle Forschungslage ist nicht eindeutig!

Zur Ehrenrettung von FOCUS ONLINE und GLOBAL PRESS muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die gewählte Überschrift »Homöopathie wirkt« im Kontext des Artikels zu sehen ist und dieser einen wichtigen Sachverhalt korrekt schildert, der von Stefan Niggemeier mangels Fach- und Hintergrundwissen übersehen wurde. FOCUS ONLINE schreibt sachlich richtig: »Statt nach der Wirksamkeit der Arzneimittel zu fragen, haben Wissenschaftler vom Berliner Universitätsklinikum Charité nach der Wirksamkeit der gesamten homöopathischen Behandlung geforscht …« Mit anderen Worten: Stefan Niggemeier hat durchaus Recht, wenn er die Wirksamkeit des homöopathischen Arzneimittels in Frage stellt. In der Bewertung des therapeutischen Nutzens einer homöopathischen Behandlung für Personen, die der Homöopathie gegenüber offen sind (»Patients who seek homeopathic treatment …«), liegt er jedoch falsch.

Er liegt weiterhin falsch, wenn er das Fehlen spezifischer Effekte in der Homöopathie als gesichert ansieht. Gegen diese Sichtweise spricht u. a. der Anteil von randomisierten Homöopathie-Studien mit einer deutlichen Überlegenheit gegenüber Placebo. Für die Existenz spezifischer Effekte spricht weiterhin die 2008 im Journal of Psychopharmacology publizierte Arbeit »Homeopathic pathogenetic trials produce more specific than non-specific symptoms: results from two double-blind placebo controlled trials« von H. Walach, H. Möllinger, J. Sherr und R. Schneider.

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Interview mit Prof. Claudia Witt

In einem Interview mit der Zeitschrift SCHROT & KORN sagte Prof. Claudia Witt kürzlich:

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»Zu welchem Schluss kommen die Studien über Homöopathie?

Prof. Claudia Witt: Metastudien, die die Wirksamkeit von homöopathischen Arzneien mit Placebo verglichen haben, zeigen widersprüchliche Ergebnisse. Demzufolge spielt die Wirkung der homöopathischen Medikamente nur eine geringe Rolle. Ich denke, dass insbesondere die individuelle und umfassende Art der Behandlung relevant für den Behandlungserfolg ist.

Ist hier die Grenze für Placebovergleiche, wie sie die Grundlage sind für Arzneimittelzulassungen?

Prof. Claudia Witt: Ja, weil kontrollierte Forschungsbedingungen den Alltag nicht berücksichtigen. Da kommt es dann eben nicht nur auf den Vergleich zum Placebo an. Im Alltag gibt es viele Einflussfaktoren, von denen das untersuchte Medikament nur einer ist.

Welche Faktoren kommen zusammen?

Prof. Claudia Witt: Lebensweise, Überzeugungen und Erwartungen des Patienten, Überzeugungen des Arztes, die Interaktion zwischen Arzt und Patient und dann die Therapie selbst. In standardisierten Studien versucht man alle Faktoren außerhalb der eigentlichen Therapie als Placeboeffekt auszuschließen. Aber Überzeugungen und Interaktion zwischen Arzt und Patienten spielen eben doch eine Rolle und sie haben je nach Therapieform unterschiedliches Gewicht. Wer den homöopathischen Arzt aufsucht, hat eine bestimmte Erwartung an diese Methode, die vielleicht über das hinausgeht, was ein Durchschnittspatient von der Schulmedizin erwartet. Die Interaktion zwischen Arzt und Patient ist intensiver und auch der Arzt hat vielleicht höhere Erwartungen an die Wirksamkeit als im Durchschnitt.«

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Richtig spannend wird die Thematik dann, wenn Stefan Niggemeier aus seinem folgenden Zitat …

»Die Heilungserfolge lassen sich allein durch Faktoren wie den Glauben an die Wirksamkeit des Mittels oder auch die größere Zuwendung durch den Arzt erklären«

… den abfälligen Duktus streicht und den hohen therapeutischen Nutzen erkennt. Unter den Bedingungen der Studie erfahren chronisch kranke Menschen, die aus schulmedizinischer Sicht in vielen Fällen als austherapiert gelten, nebenwirkungsfrei einen echten therapeutischen Erfolg bzw. die nachhaltige Befreiung von ihren Leiden. Und geradezu aufregend wird es, wenn Stefan Niggemeier erfährt, dass unspezifische Faktoren (Patienten-Überzeugung, Arzt-Patient-Interaktion & Co.) auch bei pharmakologischen Arzneimitteln viel stärker wirken können als der spezifische Effekt des pharmakologischen Wirkstoffs. Siehe hierzu die Naproxen-Studie von Bermann JF et al. im H.Blog-Artikel: »Amardeo Sarma, Homöopathie und randomisierte kontrollierte Studien (RCT)«

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Fazit:

Die mit dem Projekt BILDblog von Stefan Niggemeier verfolgte Idee gefällt und imponiert mir. Das Konzept einer neutralen Medienkontrolle funktioniert aus meiner Sicht jedoch nur dann, wenn sich ein Vollblut-Journalist mit der Sehnsucht nach Qualität seiner eigenen Subjektivität, seiner begrenzten Mittel und seiner begrenzten Kompetenz bewusst ist … und selbst den ethischen Ansprüchen gerecht wird, die er von dritter Seite einfordert. Macht er das nicht, so verbreitet er journalistische Billig- und Schüttware und zelebriert echte und vermeintliche Medienskandale zum Zweck der Selbstbefriedigung. In der hier kommentierten Kontroverse kann ich jedenfalls nicht erkennen, dass Stefan Niggemeier ernsthaft am Thema »Komplementärmedizinische Forschung« und am Schicksal der Patienten interessiert ist.

NACHTRAG: Stefan Niggemeier hat mir auf eine Interview-Anfrage nicht geantwortet. So viel zum Thema Splitter Research

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Links zum Thema:

H.Blog: ScienceBlogs, BILDblog, Henryk M. Broder und die Fehler der Anderen

Text & Kommunikation: Journalismus-Verdrossenheit: »Entzauberung eines Berufs – Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden«

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Themen: Claus Fritzsche | 8 Kommentare »

8 Kommentare to “FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität klinischer Studie”

  1. Kritik an randomisierten klinischen Studien (RCT) - randomized controlled trial | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    8th.Juni 2009 um 9:08 am

    [...] und dass dieser Mangel seit langem bekannt ist. Siehe zu diesem Thema auch der H.Blog-Beitrag »FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität kl…. Weil medizinische Forschungsmethodik nicht nur durch Erkenntnisfortschritt sondern auch durch [...]

  2. Amardeo Sarma, Homöopathie und randomisierte kontrollierte Studien (RCT) | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    8th.Juni 2009 um 10:19 am

    [...] Der das Bundesministerium für Gesundheit beratende Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen betonte schon 2003: »Randomisierte, kontrollierte, klinische Studien, die lediglich die Effektivität (und gegebenenfalls Effizienz) einer Maßnahme unter artifiziellen Studienbedingungen (›efficacy‹) beschreiben, werden in vielen Fällen überbewertet.« ( →SVR: Gutachten 2003. Kurzfassung, Seite 87) Die Kritik des Sachverständigenrats basiert u. a. auf der niedrigen externen Validität von randomisierten kontrollierten Studien. Die externe Validität einer klinischen Studie gibt an, in welchem Maße sich die gewonnenen Erkenntnisse auf den Praxisalltag übertragen lassen. Dr. Markus Frick (Director Methodology & Valorisation, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Berlin) betont auf Seite 3 seiner Stellungnahme zur Neuformulierung der Methoden des IQWiG, dass randomisierte Studien über eine niedrige externe Validität verfügen und dass dieser Mangel seit langem bekannt ist. Es besteht somit das Risiko, dass eine Intervention in der Idealsituation des klinischen Labors wunderbare Ergebnisse zeigt, während sie im Praxisalltag kläglich versagt.  Siehe zu diesem Thema auch der H.Blog-Beitrag »FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität kl…. [...]

  3. hominide schreibt:
    11th.Juni 2009 um 6:18 pm

    Natürlich WIRKT Homöopathie. Das glauben Sie nicht?
    Lesen Sie hier:

    //www.stupidedia.org/stupi/Hom%C3%B6opathie

  4. H.Blog schreibt:
    12th.Juni 2009 um 7:48 am

    Ein herzliches Dankeschön nach Hessen für diesen wertvollen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion.

    Neue Fakten, Analysen und Perspektiven sind im H.Blog immer willkommen!

  5. Journalismus-Verdrossenheit: »Entzauberung eines Berufs - Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden« | Text & Kommunikation schreibt:
    12th.Juni 2009 um 8:18 am

    [...] H.Blog: FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität klin… [...]

  6. ScienceBlogs, BILDblog, Henryk M. Broder und die Fehler der Anderen | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    3rd.August 2009 um 12:03 pm

    [...] ging es im H.Blog um einen netten Kommentar von Stefan Niggemeier, Herausgeber des BILDblogs (→ FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität klin…). Ich hatte Stefan Niggemeiner damals angeschrieben und ihm angeboten, im Rahmen eines Interviews [...]

  7. Schleichwerbung in der Ärzte Zeitung? Ideologie bei ScienceBlogs? Zur Diskussion mit Marc Scheloske und Christian Reinboth. | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    6th.August 2009 um 12:16 pm

    [...] Forschungsmethodik II: Über die externe und interne Validität klinischer Studien sowie die Bewertung unspezifischer Faktoren (→ FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität klin…). [...]

  8. Homöopathie auf der Intensivstation | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    1st.Januar 2010 um 12:17 pm

    [...] Insolence oder SBM fanden und verlinkten. Kritisch gedacht (ScienceBlogger Ulrich Berger) und Diax´s rake (ScienceBlogger Jörg Rings) waren schneller. Aber wir sind die ersten, die es mit deutschen Untertiteln [...]

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