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Depression: MONITOR, Publikationsbias und ein bedenklicher IQWiG-Vorbericht

Von Claus Fritzsche | 12.Juni 2009

Gerade habe ich mich in meinem Weblog Text & Kommunikation sehr kritisch zur medialen Berichterstattung über (medizin-) wissenschaftliche Themen geäußert (siehe auch: Journalismus-Verdrossenheit: »Entzauberung eines Berufs«), da muss ich meine Meinung wieder revidieren. MONITOR zeigte gestern in der ARD, dass hoch komplexe (medizinische) Themen medial stark vereinfacht aufbereitet werden können, ohne dass die Qualität darunter leiden muss. »Halten Pharmahersteller Studien unter Verschluss?« fragte MONITOR im Rahmen einer aus meiner Sicht sowohl fundierten als auch ausgewogenen Sendung. Eine wohltuende Alternative zum reißerischen und schlecht recherchierten ZDF-Beitrag »Das Pharma-Kartell«.



Unter Publikationsbias versteht man in der Evidenzbasierten Medizin eine verzerrte, irreführende Darstellung der Forschungs- bzw. Datenlage, wenn Studien mit »positiven« Ergebnissen veröffentlicht werden, Studien mit »negativen« Ergebnissen jedoch im Verborgenen bleiben. Ursache der Nichtveröffentlichung »negativer« Daten kann ein mangelndes Interesse wissenschaftlicher Fachzeitschriften sein, die lieber spektakuläre Innovationen und Erfolge darstellen als Fehlschläge (→ Ausnahme: Homöopathie). Die wahrscheinlich häufigste Ursache für Publikationsbias ist jedoch das kommerzielle Interesse des Entwicklers und Vermarkters von pharmazeutischen Produkten.

In der gestrigen MONITOR-Sendung »Halten Pharmahersteller Studien unter Verschluss?« ging es um Publikationsbias und eine spannende neue Entwicklung. Das mit der neutralen Bewertung der Antidepressiva Bupropion, Mirtazapin und Reboxetin beauftragte Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beantragte bei den Herstellern Pfizer und Essex Pharma die Herausgabe aller bisher nicht veröffentlichten Studien. Diese lehnten die Herausgabe der Daten kaltschnäuzig ab, was als Indiz dafür betrachtet werden kann, dass die nicht veröffentlichten Studien tendenziell »negative« Ergebnisse enthalten. Das IQWiG hat diesen Affront allem Anschein nach nicht einfach hingenommen. Für mich persönlich entsteht der Eindruck, dass die MONITOR-Sendung aber auch der stern-Artikel »Schwere Vorwürfe gegen Pharma-Riesen Pfizer« ein Zeichen für eine starke mediale Gegenreaktion des IQWiG sind. Dieses Spiel mit den Medien seitens des IQWiG ist für mich neu. Ich empfinde es jedoch im konkreten Fall als eine angemessene Reaktion.

Das Weblog Stationäre Aufnahme sieht übrigens noch einen weiteren Erklärungsansatz für das seltsame Verhalten von Pfizer. In einem Blogbeitrag mit der Überschrift Pfizer: »Wollen sie nicht oder können sie nicht?« schreibt Autor hockeystick: »Der Stationären Aufnahme liegen detaillierte Informationen aus gut informierten Kreisen vor, die den Vorgang in einem deutlich anderen Licht erscheinen lassen. Demnach sind die angeforderten Unterlagen bei Pfizer schlicht nicht mehr auffindbar, die interne Fahndung nach den Unterlagen sei bislang erfolglos verlaufen. Nach diesen Informationen spräche einiges dafür, dass Pfizer die Zulassung für Reboxetin eigentlich zurückgeben müsste; auch die Zulassung der Reboxetin-Generika wäre in Frage gestellt. Hintergrund für die Schwierigkeiten von Pfizer bei der Bereitstellung der Unterlagen wären demnach verschiedene Firmenzusammenschlüsse und zahlreiche Wechsel in den personellen Zuständigkeiten, gepaart mit Schlamperei.«

Wäre diese (anonym und ohne Quellenangaben präsentierte) Information richtig, so würde immer noch die Frage offen bleiben, warum auch Essex Pharma (ähnlich dreist) Studien für das Medikament Mirtazapin zurückhielt. Im IQWiG-Vorbericht finden sich hier die Worte: »Der Hersteller von Mirtazapin (Essex Pharma) stellte eine Übersicht publizierter und unpublizierter randomisierter, kontrollierter Studien mit Mirtazapin in der Indikation Depression zur Verfügung, die nach Angabe des Herstellers alle dem Unternehmen zur Verfügung stehenden Informationen enthielt … Über die 27 eingeschlossenen Studien hinaus wurden 4 potenziell relevante Studien identifiziert, für die aufgrund fehlender Informationen nicht endgültig über den Einschluss entschieden werden konnte. Zu diesen 4 Studien wurden vom Hersteller trotz Anfrage keine Studienberichte übermittelt.« Ist Essex Pharma, deutsche Tochtergesellschaft des weltweit tätigen US-Konzerns Schering-Plough, ebenfalls von fusionsbedingtem Informationsmangel betroffen?

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Links zum Thema:

MONITOR: Halten Pharmahersteller Studien unter Verschluss?

H.Blog: Neuer Gesundheits-Ratgeber im Internet

Sanofi-Aventis Deutschland GmbH: Stellungnahme zur Neuformulierung der Methoden des IQWiG

H.Blog: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) verbreitet laut BPI falsche Patienten-Informationen

H.Blog: IQWiG verbreitet falsche Informationen zu »komplementärmedizinischen Präparaten«

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