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Krista Federspiel & Amardeo Sarma im Münchhausen-Test: »Anthroposophische Medizin«

Von Claus Fritzsche | 18.Juli 2009

Google News meldete kürzlich eine »Aktualisierung« der Themenseite »Anthroposophische Medizin« des Skeptiker-Vereins GWUP. Die Journalistin und Theaterwissenschaftlerin Dr. Krista Federspiel und der Elektro- und Nachrichtentechniker Amardeo Sarma präsentieren der Öffentlichkeit hier einen interessanten Mix aus Fiktion und Realität. Grund genug, die Darstellung einem kleinen Münchhausen-Test zu unterziehen. Dr. med. Gunver S. Kienle vom Freiburger IFAEMM hat sich die GWUP-Seite angeschaut. Frau Dr. Kienle ist Mitherausgeberin des Buches »Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung: Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit«.



Ursprünglich hatte ich Dr. med. Gunver S. Kienle um eine Rezension der GWUP-Seite »Anthroposophische Medizin« gebeten. Sie antwortete mir daraufhin allerdings: »Eine ernsthafte Rezension fällt mir schwer, denn es fehlt einfach ein ernstzunehmendes Nivau.« Immerhin ließ Frau Kienle mir das folgende kurze Statement zukommen:

»Krista Federspiel beschreibt Ihre Einstellung zur Anthroposophischen Medizin, die bekanntermaßen eine abfällige ist und bei einem tonangebenden Mitglied der »Skeptiker« auch nicht wirklich anders zu erwarten ist. Bedauerlich ist hier, wie auch schon in früheren ihrer Schriftstücke¹, dass die Ablehnung in einem pseudowissenschaftlichen Gewand daher kommt: Phantasieprodukte und die eigenen Verständnislücken werden als Grundlage der Therapierichtung dargestellt, es werden selektierte Schriftstücke von gleichgesinnten Ablehnern zitiert – was in der seriösen Wissenschaft verpönt ist –, und es werden Gerüchte wieder aufgekocht; die aktuelle wissenschaftliche und medizinische Literatur jedoch wird ignoriert. So mag die Meinung von Krista Federspiel zwar kein frisches aber dafür etwas abgestandenes Wasser für die Mühlen der Gesinnungsgenossen bieten, für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik ist es jedoch unter Niveau.«

(Hervorhebungen: Claus Fritzsche)

¹ Kienle GS, Kiene H. Stiftung Warentest »Die Andere Medizin«. Evidenz- oder Eminenz-basiert? Deutsches Ärzteblatt 2005, 102(48):3310 – Link zur Kurzfassung im Deutschen ÄrzteblattLink zur ausführlichen Fassung auf der IFAEMM-Homepage (PDF)

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»Die Andere Medizin«

Frau Kienle verweist auf verschiedene eigene Kommentare in der Kontroverse um das Buch »Die Andere Medizin« (Autoren: Krista Federspiel, Vera Herbst – Schlussgutachter: Prof. Edzard Ernst) der Stiftung Warentest. Sie monierte hier u. a.:

»1. Die gesamte Darstellung ist bezüglich der zugrundeliegenden Evidenz intransparent

… Weder werden konkret die Kriterien der Auswahl der tatsächlich berücksichtigten Studien oder die Kriterien der Studienbewertung genannt, noch werden überhaupt irgendwelche Quellenverweise und Literaturstellen angegeben. Unklar bleibt, warum manche Studien angeführt und andere ignoriert, warum manche akzeptiert und andere verworfen wurden, oder warum wichtige Teilergebnisse aus Studien nicht erscheinen …

2. Auch beim Blick in die Details, die oft nicht stimmen, wird das Fehlen einer stringenten Methodik deutlich

… Zur Anthroposophischen Medizin beschreibt ein Health-Technology-Assessment-Report 178 klinische Studien, davon 38 prospektiv kontrolliert. Stiftung Warentest wählt speziell zur Anthroposophischen Medizin nur 3 Studien aus, davon 1 klinische Studie, und stellt diese kurz dar. Da keine Gründe oder Kriterien für diese Selektion angegeben sind und sie sich auch nicht aus der Kenntnis des Studienmaterials ergeben, muss diese Selektion als willkürlich oder auf fachlicher Unkenntnis basierend angenommen werden. Die Aussage, es lägen bislang keine kontrollierten Studien vor, die die Wirksamkeit der individualisierten, komplexen Anthroposophischen Medizin überprüften, ist falsch

Die im deutschsprachigen Mitteleuropa immerhin am häufigsten eingesetzte komplementärmedizinische Krebstherapie – die Misteltherapie – fehlt völlig bei den zusammenfassend bewerteten Indikationen am Ende des Buches. Man findet sie als Nebeninformation unter der Rubrik der Anthroposophischen Medizin. Auch hier wird selektiv verfahren; auf ein systematisches Review zu 16 randomisierten Studien wird verwiesen (zu anthroposophischen und phytotherapeutischen Präparaten), jedoch wieder ohne Nennung von Autoren und Literaturstelle. Aber nur wer dieses und die anderen Mistelreviews zufällig genau kennt, kann beurteilen, dass die von der Stiftung Warentest jenem Review zugeschriebene Aussage (methodisch bessere Studien würden keinen Nutzen zeigen) sich dort nicht findet.«

(Hervorhebungen: Claus Fritzsche)

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Seltsamer Umgang mit Kritik

Der von Krista Federspiel und Amardeo Sarma gerne zitierte »gleichgesinnte Ablehner« Prof. Edzard Ernst nahm zwar in zwei Leserbriefen im Deutschen Ärzteblatt und im Journal Forschende Komplementärmedizin zur Kritik von Dr. med. Gunver S. Kienle,  Prof. Karl Ludwig Resch (→ Die Andere Medizin: Gut gemeint – schlecht gemacht), Dr. Christian Ullmann (→ Fakten über »die andere Medizin«) und vielen anderen Stellung. Anstatt jedoch offensichtliche und leicht zu überprüfende Fehler wie z. B. die Unterschlagung von 175 Studien zur Anthroposophischen Medizin ehrlich zuzugeben, argumentierte Edzard Ernst in bestem Politiker-Jargon, dass er sich nichts vorzuwerfen habe und dass stattdessen die »einseitige Darstellung und der polemisch-aggressive Ton der Kritik« zu kritisieren sei. Willkommen im Club der Alpha-Tiere, die gerne lautstark und kräftig austeilen, Kritik an der eigenen Person jedoch fröhlich, frech und dreist aussitzen.

Sicher ist sicher: Auf die Replik von Dr. med. Gunver S. Kienle ging Prof. Edzard Ernst vorsichtshalber nicht mehr ein. Und auch Krista Federspiel und die Stiftung Warentest zogen es allem Anschein nach vor, Experten-Diskussionen großräumig aus dem Weg zu gehen. Als die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen 2008 das Fachgespräch »Komplementärmedizin auf dem Prüfstand« veranstaltete, kamen alle eingeladenen Experten (u. a. auch Dr. med. Gunver S. Kienle) … nicht jedoch Krista Federspiel, Vera Herbst und die Stiftung Warentest. Auf der Webseite von Bündnis 90/Die Grünen finden sich diesbezüglich die Worte:

»Patienteninformation und -beratung sowie der Verbraucherschutz sind urgrüne Anliegen. Dort spielt die Alternativmedizin jedoch kaum eine Rolle oder wird sogar als Gefahr für die PatientInnen dargestellt. So z. B. durch das Buch »Die Andere Medizin« der Stiftung Warentest, das die Komplementärmedizin sehr kritisch in den Blick nimmt. Es ist uns nicht gelungen, eine der beiden Autorinnen oder einen VertreterIn der Verbraucherzentralen für unsere Veranstaltung zu gewinnen. Damit entfiel die geplante Kontroverse über die Aussagen des Buches »Die Andere Medizin«.«

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Seriöse Informationsquellen zur Anthroposophische Medizin

Wer im Internet eine seriöse Informationsquelle zur Anthroposophischen Medizin sucht, dem empfiehlt Frau Kienle die Webseite www.mistel-therapie.de. Über dieses Informationsangebot schreibt sie: »Zumindest die wissenschaftlichen Informationsseiten sind auch von HON offiziell als seriös zertifiziert (die übrigen Seiten werden es sicherlich auch bald sein) und die gesamte Webseite wurde auch im Deutschen Ärzteblatt positiv besprochen. Die allgemeinen Seiten bieten einen guten und knappen Einstieg auch für den Laien. Es gibt hier auch ein paar Seiten zur anthroposophischen Medizin, die allerdings die klinischen Studien nicht detailliert aufführen.«

Die Health On the Net Foundation (HON) ist eine 1995 gegründete Stiftung mit Sitz in der Schweiz. HON prüft und zertifiziert medizinische und gesundheitsbezogene Informationsangebote im Internet (→ Der HONcode in Kürze). Speziell die wissenschaftlichen Informationsseiten der Webseite »Die Mistel« sind HON-zertifiziert (→ HON-Zertifikat »Die Mistel«). Wer eine detaillierte Übersicht der klinischen Studien zur Anthroposophischen Medizin sucht, der findet diese im Buch: »Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung: Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit«. Dr. med. Dr. phil. nat. Urban Wirz von der Fakultären Instanz für Hausarztmedizin (FIHAM) der Universität Bern besprach dieses Buch 2006 in der Schweizerischen Ärztezeitung (→ PDF-Dokument: Buchbesprechung Urban Wirz).

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Links »Anthroposophische Medizin«

Anthroposophische Medizin: Darstellung auf der Webseite der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland

Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD): Diskussion mit den gesundheitspolitischen Sprecherinnen und Sprechern der Bundestagsfraktionen Annette Widmann-Mauz, MdB (CDU), Dr. Marlies Volkmer, MdB (SPD), Dr. Konrad Schily, MdB (FDP), Biggi Bender, MdB (Bündnis 90/Die Grünen) und Frank Spieth, MdB (Die Linke)

Medizinischen Fakultät der Universität Witten/Herdecke: Integriertes Begleitstudium Anthroposophische Medizin (IBAM)

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Links »GWUP & Skeptiker«

NEU: EselWatch über die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) e.V.

H.Blog: Prof. Simon Singh, Edzard Ernst: »Gesund ohne Pillen« – ORF- und FAZ-Rezensionen von Sabrina Adlbrecht und Prof. Robert Jütte

psychophysik.com: »Das Skeptiker-Syndrom« von Edgar Wunder

skeptizismus.de: Informationen zu GWUP, CSICOP und anderen »Skeptiker«-Organisationen

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Themen: Claus Fritzsche | 4 Kommentare »

4 Kommentare to “Krista Federspiel & Amardeo Sarma im Münchhausen-Test: »Anthroposophische Medizin«”

  1. Amardeo Sarma, Homöopathie und randomisierte kontrollierte Studien (RCT) | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    20th.Juli 2009 um 8:24 am

    [...] H.Blog: Krista Federspiel & Amardeo Sarma im Münchhausen-Test »Anthroposophische Medizin« [...]

  2. Karl und Veronica Carstens-Stiftung schreibt:
    22nd.Juli 2009 um 4:07 pm

    [...] H-BLog auf Psychophysik
    Der Skeptiker-kritische Blog von Claus Fritzsche. Sehr faktenreiche Artikel, die hinter die Kulissen der “Szene” blicken lassen. [...]

  3. Simon Singh, Edzard Ernst: »Gesund ohne Pillen« - FAZ-Rezension von Prof. Robert Jütte | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    24th.Juli 2009 um 9:55 am

    [...] motivierten Organisation wird Ernst gerne als Kronzeuge (selektiv!) zitiert. Wie der H.Blog-Artikel Krista Federspiel & Amardeo Sarma im Münchhausen-Test »Anthroposophische Medizin« zeigt, wird das Wort Wissenschaft dabei gerne für agitatorische Zwecke missbraucht und [...]

  4. Kritik an randomisierten klinischen Studien (RCT) - randomized controlled trial | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    10th.September 2009 um 8:35 am

    [...] Neutralität verpflichtet. Übrigens ist nicht nur Windeler sondern auch Krista Federspiel (→ Krista Federspiel & Amardeo Sarma im Münchhausen-Test: »Anthroposophische Medizin«) Mitglied des schillernden Skeptiker-Vereins. Und auch Prof. Edzard Ernst steht den strengen [...]

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