« | Home | »

ScienceBlogs, BILDblog, Henryk M. Broder und die Fehler der Anderen

Von Claus Fritzsche | 3.August 2009

Am 6. Juni ging es im H.Blog um einen netten Kommentar von Stefan Niggemeier, Herausgeber des BILDblogs (→ FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität klinischer Studie). Ich hatte Stefan Niggemeiner damals angeschrieben und ihm angeboten, im Rahmen eines Interviews seine Sicht der Dinge zu schildern. Auf meine E-Mail erhielt ich keine Antwort, was ja irgendwie auch eine Antwort ist. Beim Stöbern im Internet fand ich heute einen Kommentar von Henryk M. Broder, der das Phänomen BILDblog und Stefan Niggemeier treffend beschreibt.



Jan-Eric Peters, Chef der Axel-Springer-Akademie, gibt Henryk M. Broder bei Welt Online u. a. mit folgenden Worten wieder:

»… Während ich BILD beinah täglich lese, habe ich den BILDblog noch nie besucht. Jetzt habe ich es doch getan und das Prinzip schnell verstanden. Es ist nicht »Medienkritik«, es ist gelebtes Junkietum. Niggemeier ist von BILD fasziniert, so wie die Volkswartbund-Rentner von dem »Schweinkram« fasziniert waren, dem sie nachstellten. Man könnte auch von einer Frustration sprechen, die nach einem Ventil sucht

Bei Niggemeier läuft es ein wenig anders. Er hat nicht einfach einen Riesenspaß daran, täglich BILD zu lesen, er braucht dafür ein Alibi, um nicht in den Verdacht zu geraten, dass es ihm einen Riesenspaß macht, BILD zu lesen. Er macht es sozusagen widerwillig, er opfert sich für den guten Zweck. «

Hier geht es zum Kommentar von Henryk M. Broder …

x

Das Stichwort »Homöopathie« hat in Teilen der Blogger-Szene übrigens eine ähnliche Funktion, wie BILD für BILDblog und Stefan Niggemeier. Bei ScienceBlogs kommt eine Google-Suche »Homöopathie site:http://www.scienceblogs.de« zu sage und schreibe 12.700 Treffern. Geht man den Suchergebnissen einmal nach, so stößt man auf bloggende Wirtschaftsinformatiker, Geographen, Astronomen, Mathematiker und viele andere mehr, die – so mein Eindruck – zu einem erheblichen Teil folgende Gemeinsamkeit haben:

1. Pseudowissenschaft: Viele ScienceBlogger nähern sich dem Thema »Homöopathie« in einer Wissenschaftlichkeit suggerierenden, in Wirklichkeit jedoch pseudowissenschaftlichen Art und Weise. Studien, Meta-Analysen, wissenschaftliche Publikationen, Journale, Forscher etc. aus der komplementärmedizinischen Forschung sind – von Prof. Edzard Ernst, Simon Singh und Ben Goldacre einmal abgesehen – nicht oder nur sehr selten Gegenstand der Berichterstattung und Kommentare.

2. Polemik & Zynismus: Es wimmelt nur so von einfach gestrickten Artikeln und Kommentaren, in denen sich die jeweiligen Blogger und ihre Anhänger häufig zynisch, polemisch und abwertend … nicht jedoch sachlich, vorsichtig abwägend und insbesondere wissenschaftlich fundiert zum Thema »Homöopathie und Forschung« äußern.

3. Nicht vom Fach: Viele Blogger sind – was das Thema »Homöopathie und Forschung« angeht – weder vom Fach noch verfügen sie über fundierte Kenntnisse zum Stand der komplementärmedizinischen Forschung. Aktuelle Studien sowie Diskussionen zur Forschungsmethodik sind quasi nicht Gegenstand der Berichterstattung und Kommentare.

4. Ideologie: Viele ScienceBlogger stehen der streng dogmatischen Skeptiker-Vereinigung GWUP e. V. (→ Edgar Wunder: Das Skeptiker-Syndrom) nahe, wenn sie nicht wie z. B. Ulrich Berger sogar Mitglied dieser überwiegend pseudowissenschaftlichen und ideologischen Vereinigung sind.

5. Etikettenschwindel: Aus meiner Sicht handelt es sich hier zumindest in Teilen um einen großen Etikettenschwindel. Nicht wenige Blogger bekommen den Status »bloggender Wissenschaftler« nicht durch die Qualität ihrer Beiträge sondern in erster Linie durch das Kompetenz und Bedeutung suggerierende Logo ScienceBlogs. Ohne dieses Logo wären sie splitternackt und medial bedeutungslos.

In leichter Abwandlung von Henryk M. Broder ließe sich hier auch sagen:  »Es ist nicht »Wissenschaft«, es ist gelebtes Junkietum. Viele ScienceBlogger sind von der Homöopathie fasziniert, so wie die Volkswartbund-Rentner von dem »Schweinkram« fasziniert waren, dem sie nachstellten. Man könnte auch von einer Frustration sprechen, die nach einem Ventil sucht.«

Nachtrag vom 04.08.09: Marcus Anhäuser, Herausgeber des Weblogs Plazeboalarm bei ScienceBlogs, hat mein Fazit – so mein Eindruck – soeben reflexartig bestätigt (siehe Kommentare).

x

Alles dies heißt nicht, dass jeder ScienceBlog-Artikel zur Homöopathie sachlich falsch und tendenziös ist. Die Kritik von Christian Reinboth (→ Homöopathie-Werbung in der ÄrzteZeitung) beispielsweise ist meines Erachtens berechtigt und sachlich sowie fair dargestellt. Der Artikel wurde übrigens am 25.07.09 um 13:22 Uhr von Dr. med. Thomas Kron, ehemals Chefredakteur der Ärzte Zeitung, kommentiert. Herr Kron stellte hier eine Behauptung auf, welche inzwischen wieder gelöscht wurde … und zu einem nicht uninteressanten medialen Echo führte. Mehr dazu in einem der nächsten H.Blog-Kommentare.

x
Home

x

x

Themen: Claus Fritzsche | 5 Kommentare »

5 Kommentare to “ScienceBlogs, BILDblog, Henryk M. Broder und die Fehler der Anderen”

  1. ScienceBlogs - Plazeboalarm schreibt:
    3rd.August 2009 um 5:11 pm

    Na, wenn Sie schon Broder zitieren, dann können Sie auch dieses Zitat von ihm zur Homöopathie nicht ignorieren.

    http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/2009/07/spiegelautor-ware-an-homoopathie-fast-verreckt.php

  2. H.Blog: Claus Fritzsche schreibt:
    4th.August 2009 um 8:17 am

    Hallo Marcus Anhäuser,

    vielen Dank für Ihren wertvollen Hinweis, mit dem Sie (Autor bei ScienceBlogs) mein Fazit (in leichter Abwandlung von Henryk M. Broder …) ja sofort und reflexartig bestätigt haben.

    Welche Evidenzstufe hat der Fallbericht von Henryk M. Broder nach Ihrer Einschätzung?

    Da “Homöopathie” auch in Ihrem Themen-Radar viel Raum einnimmt, hier gleich noch drei Fragen:

    1. Welche Studien, Meta-Analysen, wissenschaftlichen Publikationen, Journale, Forscher etc. aus der komplementärmedizinischen Forschung haben Sie bisher rezensiert (bzw. überhaupt gelesen)? Kennen Sie die Ergebnisse des im Auftrag der Schweizer Regierung durchgeführten Health Technology Assessments (HTA), welches u. a. die Homöopathie sehr gewissenhaft durchleuchtete?

    2. Äußern Sie sich ausschließlich ironisch, satirisch, zynisch zur Homöopathie … oder gibt es von Ihnen auch Artikel, welche sich sachlich, vorsichtig abwägend und insbesondere wissenschaftlich fundiert mit dem Thema »Homöopathie und Forschung« auseinandersetzen?

    3. Bilden Sie sich als Wissenschaftsjournalist eine Meinung, nachdem Sie Zahlen, Daten und Fakten studiert sowie Experten aus der Scientific Community befragt haben? Oder steht bei Ihren (die Homöopathie betreffenden) journalistischen Werken das spätere Ergebnis bereits vor einer Recherche fest?

    Beste Grüße

    Claus Fritzsche

    PS: Nur am Rande: Journalismus-Verdrossenheit: »Entzauberung eines Berufs – Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden«

  3. ScienceBlogs, Ärzte Zeitung und DHU: Interview mit Dr. med. Thomas Kron (Ex-Chefredakteur) | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    5th.August 2009 um 8:26 am

    [...] ScienceBlogs, BILDblog, Henryk M. Broder und die Fehler der Anderen | [...]

  4. Schleichwerbung in der Ärzte Zeitung? Ideologie bei ScienceBlogs? Zur Diskussion mit Marc Scheloske und Christian Reinboth. | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    6th.August 2009 um 12:25 pm

    [...] Tendenziöse Darstellung der Homöopathie: »In den weiteren (zentralen) von mir geäußerten Kritikpunkten … insbesondere was die überwiegend ironische, polemisch, zynische, nicht jedoch wissenschaftlich fundierte Darstellung der Homöopathie unter ScienceBlogs angeht … bleibe ich bei meiner Sichtweise. Trotz beeindruckender 12.700 Treffer für die Google-Suche »Homöopathie site:http://www.scienceblo… [...]

  5. FOCUS: »Homöopathie wirkt«. BILDblog, Stefan Niggemeier & die interne/externe Validität klinischer Studie | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    17th.September 2009 um 8:40 am

    [...] H.Blog: ScienceBlogs, BILDblog, Henryk M. Broder und die Fehler der Anderen [...]

Kommentare