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Der Placebo-Effekt: Vom schwarzen Schaf zum geliebten Kind der Medizin
Von Claus Fritzsche | 24.Juli 2007
In der Medizin sind schon seit geraumer Zeit zwei spannende Trends zu beobachten, welche den Charakter eines früher nicht für möglich gehaltenen Paradigmenwechsels haben. Die alte Rivalität zwischen Schul- und Alternativmedizin nähert sich langsam aber sicher ihrem Ende. In dem Maße, wie immer mehr alternativmedizinische Therapieverfahren wissenschaftlich solide erforscht werden, scheint sich eine neue Arbeitsteilung anzubahnen:
Akute lebensbedrohliche Krankheiten sind und bleiben die Domäne des medizinischen Mainstreams. Chronische Krankheiten und Allergien kristallisieren sich immer mehr als Komplex heraus, welcher von der Alternativ- und Komplementärmedizin mit erstaunlichen Erfolgen, kosteneffizient und nebenwirkungsfrei bearbeitet wird. Oder mit anderen Worten: Die etablierte Schulmedizin ist immer dann die erste Wahl, wenn die Selbstheilungskräfte eines Menschen überfordert sind und es auf dem Weg zur Heilung einer Anschubhilfe bedarf. Besteht jedoch die Chance, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren, so scheint die Alternativ- und Komplementärmedizin in vielen Fällen die besseren Instrumente zu haben.
Eng verknüpft mit dieser Entwicklung ist Trend Nr. 2: Der Placebo- Effekt entwickelt sich vom »schwarzen Schaf« zum »geliebten Kind« der Medizin. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass der Placebo-Effekt auch bei etablierten und erfolgreich doppelblind getesteten pharmazeutischen Präparaten viel wichtiger zu sein scheint, als bisher angenommen. Eine Kopfschmerztablette wirkt temporär nur so lange, wie der Wirkstoff aktiv ist. Eine Heilung von Kopfschmerzen erfolgt jedoch nur dann, wenn die »Anschubhilfe« durch den Wirkstoff der Tablette fließend in einen Selbstheilungsprozess übergeht. Geschieht dies nicht, so kommen die Kopfschmerzen zurück, sobald der Wirkstoff nicht mehr aktiv ist. Damit es jedoch zu einer gewünschten Selbstheilung kommt, sind verschiedene Faktoren (darunter mit sehr hoher Priorität die Erwartungshaltung des Patienten) und nicht so sehr der Wirkstoff von zentraler Bedeutung. Der Wirkstoff unterdrückt die Symptome temporär, heilt jedoch nicht. Er stellt der körpereigenen Selbstregulation eine »Anschubhilfe« zur Verfügung.
In dem Maße, wie Schul- und Alternativmediziner relativ viel Zeit in die Arbeit und Beziehung mit Patienten investieren, Krankheitssymptome aus ganzheitlicher Sicht betrachten (Lebensweise, Umgang mit dem eigenen Körper, seelische und psychische Aspekte etc.), voller Empathie den Mensch hinter den Krankheitssymptomen wahrnehmen und zum guten Schluss Zuversicht vermitteln, scheinen sie einen sehr großen Beitrag zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte zu leisten. Siehe auch: »Salutogenese: Wie entwickeln Menschen sich gesund? Krankheit als Wegweiser!«
Aus Sicht der komplementärmedizinischen Forschung gilt es übrigens inzwischen als unfein (weil irreführend), von einem »Placebo-Effekt« zu sprechen. Auf diesen Sachverhalt hat kein geringerer als Dr. Dieter Melchart (Leiter des Zentrums für naturheilkundliche Forschung an der TU München, Veranstalter des INTERNATIONAL CONGRESS ON COMPLEMENTARY MEDICINE RESEARCH und Mitglied im Advisory Board der International Society for Complementary Medicine Research) in der am letzten Samstag auf PHOENIX ausgestrahlten Fernsehdiskussion »Alternative Heilmethoden - Hoffnung oder Hokuspokus?« hingewiesen. Die Nutzung des Begriffs »Placebo-Effekt« suggeriert, der damit verbundene Mechanismus wäre bekannt. Dr. Dieter Melchart betonte jedoch, dass es sich hier um ein aus wissenschaftlicher Sicht weitgehend unerforschtes Phänomen handelt und es daher besser ist, von »kontextbezogenen Effekten« zu sprechen. Diese Form des sprachlichen Umgangs impliziert auch, dass es hier nicht um zu vernachlässigende Zufallsphänomene und stattdessen um machtvolle, wichtige und ausdrücklich erwünschte therapeutische Effekte geht.
In der von Nina Ruge moderierten spannenden Fernsehdiskussion, an der neben Dr. Dieter Melchart auch Prof. Robert Jütte, Prof. Jürgen Windeler und die Sängerin Katja Ebstein teilnahmen, kam auch das altbekannte »Homöopathie-Paradoxon« zur Sprache. Auf der einen Seite zeigen die hochwertigen Homöopathie-Studien sehr gute Wirkeffekte, welche jedoch nicht über den Effekt der Placebo-Kontrollgruppe hinausgehen. Dies veranlasste Prof. Jürgen Windeler zu der berechtigten Frage, welchen Beitrag dann das homöopathische Präparat überhaupt noch leistet. Auf der anderen Seite gibt es - darauf weisen Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke und Dr. Henning Albrecht von der Carl und Veronica Carstens Stiftung hin - auch in der Veterinärmedizin über 100 randomisierte Therapiestudien zur Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel (von denen 55% positiv verlaufen sind). Wie sich persönliche Zuwendung, Überzeugung und Glaube im Schweinestall unter den Bedingungen der modernen Massentierhaltung an mehr als 4.000 Tieren auswirken kann, diese Frage wurde in der Diskussionsrunde nicht beantwortet.
Wie eine Homöopathie-Outcome-Studie der Berliner Charité und die berühmte gerac-Akupunkturstudie zeigen, kann die nicht klar definierte Wirkstärke »Placebo« (im Sinne eines nicht geeichten relativen Vergleichsmaßstabs) dabei auch eine Überlegenheit gegenüber schulmedizinisch etablierten Behandlungsmethoden bedeuten. »Placebo« ist nicht gleichbedeutend mit wirkungslos und was »Placebo« im Kontext einer Studie exakt bedeutet, das wird in randomisierten Doppelblindstudien (RCTs) nicht ermittelt.
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Nachtrag vom 12.02.2009:
Lesen Sie zu diesem Thema auch die folgenden beiden Artikel, in denen es um die Neubewertung des Placebo-Effekts bzw. der so genannten unspezifischen Effekte geht:
H.Blog: Randomisierte klinische Studien (RCT), vom Goldstandard zum Sorgenkind
Beide Artikel thematisieren u. a. die kontrollierte Naproxen-Studie von Bergmann et al., in der Placebo (mit Wissen) eine verblüffende und deutliche Überlegenheit gegenüber Verum (ohne Wissen) zeigte. Die Überlegenheit des Placebo-Effekts gegenüber einem pharmazeutisch wirksamen Schmerzmittel wurde nur deshalb sichtbar, weil Probanden Naproxen erhielten haben, ohne dies zu wissen. Etablierte randomisierte Studien (RCTs) können diesen Effekt nicht korrekt darstellen, da das Verum in der Regel mit Wissen der Patienten gegeben wird. Alleine diese Behandlungssituation löst bereits Placebo-Effekte aus, welche die vermeintliche Verum-Wirkung einer Studie verfälschen und im Worst Case überbewerten.
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Themen: Claus Fritzsche |








2nd.Dezember 2007 um 12:39 pm
[...] Aus »Placeboeffekt« werden »kontextbezogenen Effekte« Im Blogbeitrag »Der Placeboeffekt: Vom schwarzen Schaf zum gelieb- ten Kind der Medizin« wurde auf einen wichtigen Hinweis von Dr. Dieter Melchart (Leiter des Zentrums für naturheilkundliche Forschung an der TU München und Veranstalter des CMR-Congress) in der auf PHOENIX ausgestrahlten Fernsehdiskussion »Alternative Heilmethoden - Hoffnung oder Hokuspokus?« hingewiesen. Die Nutzung des Begriffs »Placeboeffekt« suggeriert, der damit verbundene Mechanismus wäre bekannt. Dr. Dieter Melchart betonte jedoch auf PHOENIX, dass es sich hier um ein aus wissenschaftlicher Sicht weitgehend unerforschtes Phänomen handelt und es daher besser ist, von »kontextbezogenen Effekten« zu sprechen. Diese Form des sprachlichen Umgangs impliziert auch, dass es hier nicht um zu vernachlässigende Zufalls- phänomene und stattdessen um machtvolle, wichtige und ausdrücklich erwünschte therapeutische Effekte geht. [...]