« Der Placebo-Effekt: Vom schwarzen Schaf zum geliebten Kind der Medizin | Home | Prof. Edzard Ernst, »Visible Scientists« und politisches Strippenziehen »

Nach dem »Homöopathie-Paradoxon« nun auch das »Akupunktur-Paradoxon«

Von Claus Fritzsche | 26.Juli 2007

Im letzten Beitrag dieses Blogs ging es um das »Homöopathie-Paradoxon«, wonach die hochwertigen (sogar individualisierten) Homöopahtie-Studien zwar exzellente Heileffekte in Folge einer homöopathischen Behandlung nachweisen, nicht jedoch einen Unterschied zur Placebo-Kontrollgruppe. „Homöopathie-Skeptiker“ wie z. B. Prof. Jürgen Windeler vom Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen interpretieren dies so, dass es sich demnach um ein reines Placebo-Phänomen handeln muss, bei dem weder ein Wirkstoff noch ein homöopathischer Wirkmechanismus eine Rolle spielt.

Experten wie z. B. Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke und Dr. Henning Albrecht von der Carl und Veronica Carstens Stiftung sind mit dieser Interpretation nicht einverstanden und weisen auf die Erfolge der Homöopathie in der Massentierhaltung hin. In einer anlässlich der Leipziger Homöopathie-Kontroverse verfassten Stellungnahme gegenüber der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft e.V. äußerten sie sich wie folgend: »…Wie sich aber die von der DPhG beschworene persönliche Zuwendung, die Überzeugung und der Glaube (!) im Schweinestall unter den Bedingungen der modernen Massentierhaltung an mehr als 4.000 Tieren, verabreicht über das Trinkwasser, unter Doppelblindbedingungen gegenüber Placebo bzw. Antibiotika durchsetzen kann, ist jedenfalls höchst erklärungsbedürftig.«

Lösen Skeptiker das »Homöopathie-Paradoxon« in der Regel ganz einfach dadurch, dass sie die Aussagekraft der Massentier-Studien in Zweifel ziehen (ohne dabei jedoch die methodischen Fehler zu konkretisieren und experimentell nachzuweisen), so bevorzugen es Homöopathie-Forscher wie z. B. Prof. Harald Walach, für die Möglichkeit einer neuen Kategorie von Effekten zu sensibilisieren (siehe hierzu: »Die verallgemeinerte Quantentheorie als Erklärungsansatz«). In einem 2003 an der Universität Wien gehaltenen Vortrag erläuterte Walach übrigens die konkreten experimentellen Hintergründe seines Forschungsansatzes (»Generalisierte Verschränkung: Plädoyer für einen ontologischen Figur-Grund-Wechsel und ein paar Daten, die dabei helfen«).

NACHTRAG: Siehe auch hier im H.Blog »Homöopathie: Neues Studiendesign belegt spezifische Effekte. ›Homeopathic pathogenetic trials produce more specific than non-specific symptoms‹«

Eine Pressemeldung des Universitätsklinikums Heidelberg vom 25. Juli 2007 eröffnet nun die neue Möglichkeit, dass es analog zum »Homöopathie-Paradoxon« auch ein »Akupunktur-Paradoxon« gibt. Zunächst ein kleiner Rückblick: Bei der weltweit größten randomisierten Akupunktur-Studie der Charité in Berlin mit insgesamt 250.000 Patienten und rund 10.000 niedergelassenen Ärzten kam heraus: »…Akupunktur wirkt sicher und dauerhaft auch bei den großen Volksleiden Kopfschmerzen, chronischen Nackenschmerzen (Halswirbelsäulensyndrom) und sogar Heuschnupfen…« Die Studie hatte allerdings einen Schönheitsfehler, welcher von der hier verlinkten Pressemeldung der Techniker Krankenkasse (TK) mit folgenden Worten umschrieben wurde:

»…Fragen lässt der dritte Studienteil (knapp 900 Patienten) offen, der in Zusammenarbeit mit dem Münchener Forscherteam um Dr. Dieter Melchart umgesetzt wurde. Dabei wurden die Patienten in vergleichbaren Gruppen entweder an Akupunktur-Punkten oder an (nach der Lehre) unwirksamen Punkten gestochen. Hier zeigte sich, dass Akupunktur zumindest bei Lendenwirbelsäulen-Schmerzen und Migräne auch dann wirken kann, wenn an den falschen Stellen gestochen wird…« Prof. Jürgen Windeler würde an dieser Stelle wahrscheinlich wieder mit gutem Recht fragen, was denn dann das therapeutische Verfahren (Akupunktur) kausal/ursächlich mit der Wirkung zu tun hat. Das Nachrichtenmagazin SPIEGEL berichtete über diesen Sachverhalt unter der (einen komplexen Sachverhalt boulevardhaft vereinfachenden) Schlagzeile »Die eingebildete Heilung« und spekulierte, ob die Erfolge der chinesischen Heilkunst vielleicht nur auf einen gigantischen Suggestionseffekt zurückzuführen sind.

Die erwähnte Pressemeldung des Universitätsklinikums Heidelberg eröffnet nun für die Möglichkeit, dass unsere Welt vielleicht etwas komplexer und vielschichtiger ist, als es von SPIEGEL-Redakteuren für möglich gehalten wird. Dr. Antonius Schneider, Facharzt in der Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg, wurde soeben mit dem „Deutschen Akupunkturpreis 2007“ ausgezeichnet, nachdem er in einer Studie (Stressabbau und Schmerzreduktion bei Patienten mit Reizdarmsyndrom) nachweisen konnte, dass sich allem Anschein nach sowohl psychische Effekte (kein Unterschied zwischen Akupunktur- und Scheinbehandlung) als auch spezifische Effekte (deutlicher Unterschied zwischen Akupunktur- und Scheinbehandlung) überlagern.

Vielleicht lohnt es sich ja, in Hinblick auf mögliche Trends etwas vorsichtiger und zurückhaltender zu sein. Tragfähige Aussagen setzen angemessene Forschungsaktivitäten voraus. Trotz großer Fortschritte in der komplementärmedizinsichen Forschung ist hier noch viel Nachholbedarf. Gab das National Institute of Health der USA 2001 immerhin 213 Mio. US-Dollar für CAM-Forschung aus, so investierte das Ministerium für Forschung und Technologie (BMFT) 1996 ganze 5 Mio. DM für den Zeitraum bis 2001 (Quelle: »Akupunktur aktuell vom 17. Juli 2003«). Nur zum Vergleich: Die zum deutschen Verband Forschender Arzneimittelhersteller e. V. (VFA) gehörenden Unternehmen der pharmazeutischen Industrie investierten 2005 ca. 4 Mrd. EURO in Forschung und Entwicklung (Quelle: »PPP in der medizinischen Forschung«).

Nachtrag vom 05.02.2009:

Hier geht es zur Auflösung des Akupunktur-Paradoxons:

H.Blog: Zwei Meta-Analysen zur Akupunktur mit unterschiedlicher Bewertung - Klaus Linde & Asbjørn Hróbjartsson et al.

Link zum Thema:

READERS EDITION: Prof. Harald Walach über größte Akupunktur-Studie

Home

Themen: Claus Fritzsche |

Ein Kommentar to “Nach dem »Homöopathie-Paradoxon« nun auch das »Akupunktur-Paradoxon«”

  1. Der Placebo-Effekt: Vom schwarzen Schaf zum geliebten Kind der Medizin | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    14th.August 2008 um 10:42 am

    [...] CMR-Nachlese: Doppelblinde homöopathische Arzneimittel-Prüfung mit gesunden Probanden | Home | Nach dem »Homöopathie-Paradoxon« nun auch das »Akupunktur-Paradoxon« [...]

Kommentare