« Interview mit Prof. Joachim Bauer: »Menschen benötigen ein Minimum an sozialer Akzeptanz, andernfalls werden sie krank.« | Home | ARD Plusminus: So geht Lobby. Das Geschäft mit der Schweinegrippe. »

Cochrane Collaboration: Kritik an neuer Definition der WHO zur Pandemie (→ Schweinegrippe, H1N1)

Von Claus Fritzsche | 19.September 2009

Die Cochrane Collaboration thematisiert auf Ihrer Nachrichten-Seite die seltsame neue Definition der WHO zur Pandemie. Unter Verweis auf die ZDF-Frontal21-Sendung: »Panik oder Vorsorge - Das Geschäft mit der Schweinegrippe« zitiert Cochrane:

»Schon 2006 gab es Überlegungen zu einer großen Impfaktion gegen die Vogelgrippe. Millionen Infizierte und tausende Tote wurden befürchtet. Die Weltgesundheitsorganisation rief anders als bei der Schweinegrippe heute keine Pandemie aus. Ihre damalige Pandemiedefinition setzte eine hohe Sterblichkeitsrate voraus. Eine Bedingung, die nicht mehr gilt. Der Virenforscher Tom Jefferson kritisiert die Verwässerung der Definition. O-Ton Dr. Tom Jefferson, Epidemiologe, Cochrane Collaboration:

›Erst im Mai dieses Jahres wurden zwei entscheidende Punkte der Definition gestrichen: Die hohe Zahl der Erkrankten und die Sterblichkeit stehen nicht mehr drin. Die hier fett gedruckte Passage, »eine sehr große Zahl von Toten und Kranken« verschwand aus der Definition. Das heißt, die WHO hat ihre Kriterien für die Definition abgeschwächt. So kann man nicht mehr sagen, was genau eine Pandemie ist. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen der saisonalen Grippe und einer Pandemie.‹«

Link zur entsprechenden News-Seite der Cochrane Collaboration …

Die neue Pandemie-Definition der WHO ist für die Impfstoffhersteller gleichbedeutend mit einer Lizenz zum Geld drucken. Im Gespräch mit dem SPIEGEL (→ »Sehnsucht nach der Pandemie«) antwortete Tom Jefferson übrigens auf die Frage, ob die WHO verfrüht eine Pandemie ausgerufen habe? »Finden Sie es nicht bemerkenswert, dass die WHO dafür eigens ihre Pandemie-Definition geändert hat? Das Kriterium, dass es sich dabei um eine Krankheit mit hoher Sterblichkeit handeln muss, wurde einfach gestrichen. Erst dadurch wurde aus der Schweinegrippe eine Pandemie … Im Durchschnitt werden nur sieben Prozent der grippeartigen Infekte tatsächlich durch Influenza-Viren ausgelöst. Die Bedeutung dieser Viren wird systematisch überschätzt.«

Das SPIEGEL-Interview enthält noch eine interessante Passage:

SPIEGEL: »Aber bei der großen Pandemie 1918/19 waren es doch echte Grippeviren, die um die Welt gingen und bis zu 50 Millionen Menschen getötet haben - oder bestreiten Sie auch das?«

Jefferson: »Es ist gut möglich, dass es so war, aber absolut sicher wissen wir es nicht. Die Pandemie von 1918/19 gibt uns noch immer viele Rätsel auf. Das H1N1-Virus gilt erst seit zwölf Jahren als Auslöser. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass Bakterien im Spiel waren. Unerklärt bleibt aber vor allem, warum die Grippesterblichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg so dramatisch gesunken ist. Sie beträgt heute nur noch einen Bruchteil dessen, was vor dem Krieg die Regel war. Die späteren sogenannten Pandemien, die “Asiatische Grippe” von 1957 und vor allem die “Hongkong-Grippe” von 1968/69, kann man in der Todesstatistik kaum noch oder gar nicht mehr als herausragende Ereignisse erkennen.«

SPIEGEL: »Warum spricht man dann überhaupt von Pandemien?«

Jefferson: »Das müssen Sie die WHO fragen!«

Link zum vollständigen SPIEGEL-Interview …

Zum gleichen Thema:

SPIEGEL ONLINE: Kampf gegen Schweinegrippe - Händewaschen schützt viel besser

x

stern-Interview mit Dr. Angela Spelsberg von Transparency Deutschland International:

Dr. Angela Spelsberg: Wir kritisieren, dass in den Kommissionen und Komitees, die über Pandemie- und Impfstrategien entscheiden, Leute sitzen, die seit vielen Jahren intensive Beziehungen mit den Impfstoffherstellern pflegen. Außerdem sind die Entscheidungsprozesse nicht transparent. Wir können zum Beispiel keine Protokolle der Sitzungen einsehen. Das wäre aber wichtig.

stern: Welche Kommissionen meinen Sie konkret?

Dr. Angela Spelsberg: Unter anderem kritisieren wir potenzielle Interessenskonflikte bei der Ständigen Impfkommission (Stiko) vom RKI. Erst nach jahrelangem Drängen haben die Mitglieder ihre Beziehungen zu Pharmaunternehmen offen gelegt. Die sind zum Teil sehr weit reichend, und das ist ein großes Problem. Es muss möglich sein, unabhängige Experten in solchen Kommissionen zu haben.

Link zum stern-Interview mit Dr. Angela Spelsberg von Transparency Deutschland International …

x

Links zum Thema:

NEU - H.Blog: WHO und aggressives Pharma-Marketing. Pharmaverband IFPMA verteilte laut WikiLeaks vertrauliches WHO-Dokument.

H.Blog: ARD Plusminus: So geht Lobby. Das Geschäft mit der Schweinegrippe.

H.Blog: ZDF Frontal21: Das Geschäft mit der Schweinegrippe. Interview mit Wolfgang Becker-Brüser (arznei-telegramm)

H.Blog: Schweinegrippe H1N1: Transparency International Deutschland kritisiert Ständige Impfkommission (STIKO)

x

Link zum Thema Cochrane Collaboration und IQWiG:

H.Blog: Interview mit IQWiG-Chef Peter Sawicki. Hausaufgaben für Daniel Bahr (FDP) und Annette Widmann-Mauz (CDU/CSU).

x

Home

x

x

Themen: Claus Fritzsche |

Ein Kommentar to “Cochrane Collaboration: Kritik an neuer Definition der WHO zur Pandemie (→ Schweinegrippe, H1N1)”

  1. WHO und aggressives Pharma-Marketing. Pharmaverband IFPMA verteilte laut WikiLeaks vertrauliches WHO-Dokument. | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    12th.Juni 2010 um 11:39 am

    [...] Collaboration kritisierte 2009 in aller Öffentlichkeit eine Entscheidung der WHO. Der Epidemiologe Dr. Tom Jefferson wunderte sich darüber, dass die WHO ihre Pandemiedefinition veränderte. Die hohe Zahl der Erkrankten und die hohe [...]

Kommentare