|
Wodurch und auf welche Weise gelang es dem Tonmeister, sich zum Born des ewigen Deutschen aufzuschwingen? Die einfühlsamsten und unerbittlichsten Antworten formulierte Wagners sächsischer Landsmann Friedrich Nietzsche. Denn der einstige Bewunderer des Komponisten war rasch zu dessen Durchschauer gereift: „Wagner ist krank. Die Probleme, die er auf die Bühne bringt – lauter Hysteriker-Probleme. Die Wahl seiner Helden und Heldinnen eine Krankengalerie! Wagner est une névrose.“ Sein fortgesetzter Gebrauch wirke wie „Alkohol“. Denn „in Deutschland sind nur zu viele verurteilt, unter einer unabwerfbar gewordenen Last hinzusiechen. Diese verlangen nach Wagner als nach einem Opiat“.
Kein Tonmeister, ja kein Künstler, hat die Seelen und das Denken seiner Landsleute derart aufzuwühlen vermocht wie Richard Wagner. Die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Elite der gegenwärtigen deutschen Demokratie pilgert ebenso zum Grünen Hügel Bayreuths wie vormals der braune Diktator Adolf Hitler, der demonstrativ kundtat, niemand habe ihn so sehr beeinflusst wie Richard Wagner. Der Meister hat nichts von seinem Nimbus eingebüßt. Denn „die Bühne Wagners hat“ – so Nietzsche – nur eines nötig: „Germanen! Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine.“ Um mit so wenig so viel zu erreichen, bedarf es eines speziellen Publikums, eben des ewigen Deutschen. Er oder sie – Wagners Wirkung ist keineswegs auf Männer begrenzt, wie die Hingabe seiner Gattin Cosima und die Bewunderung Angela Merkels unterstreichen – bedürfen eines Gemüts, das von Angst, der Überzeugung, ein Opfer der Geschichte, der Mitmenschen und der Umstände zu sein, sowie einer tugendhaften Lebenseinstellung umgetrieben wird.
Die Deutschen und Angst? Stoiber, Genscher und Beckenbauer als Opfer? Hitler als Tugendbold? Eine willkürliche, absurde Reihung? Keineswegs. Der ewige Deutsche bleibt, ob mit oder ohne die Liebe zu Richard Wagners Musik und Mythen, ein Gefangener im magischen Dreieck von Angst, Tugend und Opferbewusstsein. „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt“, deklamierte Otto von Bismarck. Pfeifen im Wind. Der Gründungskanzler des modernen Deutschland, der sein Reich mit Eisen und Blut geschmiedet hatte, wusste, weshalb er die permanente eigene Angst wie die seiner Landsleute durch markige Sprüche vergessen machen wollte. Der „Eiserne Kanzler“ fürchtete fast alles auf der Welt: Sozialisten, Katholiken, Demokraten, kriegslüsterne preußische Militärs. Am meisten aber ängstigte den Reichskanzler der wankelmütige, hochfahrende Kronprinz Wilhelm. Bismarck ahnte, dass der zukünftige Kaiser unfähig wäre, das geopolitisch höchst gefährdete Deutsche Reich im Herzen Europas im Spannungsfeld zwischen rachsüchtigen Franzosen und panslawistischen Russen zu balancieren. Bismarcks Angst trog ihn nicht. Kaum auf dem Thron, feuerte Wilhelm II. 1890 den alten Lotsen vom Staatsschiff. Der Kaiser hielt es nicht für nötig, den Rückversicherungsvertrag mit Russland zu erneuern. Ohne diese Versicherungspolice aber war das deutsche Kaiserreich zum Untergang bestimmt. Es wurde im Ersten Weltkrieg, wie Bismarck vorausgesehen hatte, zwischen Ost und West zerrieben.
|