Otto von Bismarcks Angst ist symptomatisch. Für deutsche Kanzler, ja für die ewigen Deutschen schlechthin. Adolf Hitler witterte, wie er in seiner psychopathologischen Bekenntnisschrift „Mein Kampf“ enthüllte, allenthalben Feinde: Franzosen, Russen, Slawen, Japaner, Bolschewisten, Sozialisten, Kapitalisten, Demokraten, Behinderte, Monarchisten, Defätisten. Seiner ins Panische potenzierten Angst gab er einen Namen und eine hebräische Teufelsfratze: „Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude im Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens, Volke raubt. Mit allen Mitteln versucht er, die rassischen Grundlagen des unterjochten Volkes zu verderben.“ Kurz: „(Der Jude) ist und bleibt der ewige Parasit, ein Schmarotzer, der, wie ein schädlicher Bazillus, sich immer mehr ausbreitet. Wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk ab. Siegt der Jude über die Völker der Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein.“

Politische Psychopathen hat es zu allen Zeiten und in allen Ländern gegeben. Bemerkenswert aber bleibt, dass die ewigen Deutschen diesen paranoiden Triebtäter in demokratischen Wahlen bereits 1932 zu ihrem Führer erkoren – anders als Politmonster wie Stalin, Mao, Pol Pot, Franco, Saddam, die sich die Position der Spitze erst freimorden mussten. Die ewigen Deutschen sind jedoch keineswegs eliminatorische Antisemiten, wie der amerikanische Politologe Daniel Jonah Goldhagen kurzschließt und dafür prompt hierzulande den meisten Beifall einheimste. Selbst während der Nazi-Herrschaft ereigneten sich die spontanen Ausschweifungen und Morde der örtlichen Bevölkerung gegen Juden keineswegs in Deutschland, sondern in Osteuropa und Ungarn. Wenn aber die ewigen Deutschen keine eliminatorischen Antisemiten waren, weshalb erwählten ausgerechnet sie den notorischen Judenhasser Hitler zu ihrem Führer? Weil die ewigen Deutschen von den gleichen, zumindest von überlappenden Ängsten heimgesucht wurden wie Adolf Hitler. Die Deutschen fürchteten sich vor ihren französischen Erb- und Erzfeinden, vor den Menschenmassen der „russischen Dampfwalze“, vor Inflation, Deflation und Arbeitslosigkeit, vor Kommunisten, Separatisten und Kapitalisten, vor der Zerschlagung ihres Reiches und vor dem demokratischen Chaos. Der Hass auf die Juden wechselte mit der Zeit seine Vorzeichen: Als Gottesmörder angefeindet, später als Brunnenvergifter und Blutsauger gefürchtet, um schließlich als Kapitalisten, Kommunisten und Anarchisten, kurz als Angstkatalysator, genutzt zu werden. Hitlers absoluter Antisemitismus wurde in seiner Totalität von den wenigsten Deutschen geteilt, aber allgemein toleriert – denn er entsprang den gleichen diffusen Ängsten, die sich beim Chefnazi zum Judenhass verdichteten. Antisemitische Vorurteile blieben keineswegs auf Christen begrenzt. Auch Juden teilten sie. Der spätere Außenminister Walther Rathenau etwa, der die Israeliten als „Horde“ brandmarkte und ihnen dringend empfahl, sich „anzurassen“.

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