|
Ursachen der „deutschen Krankheit“ und mögliche Therapien
VON KAI BEISSWENGER
Seit Jahren geistert ein Gespenst durch die deutschen Medien: die Lebensangst der Deutschen, die "German Angst". Der Begriff bezeichnet den Hang der Deutschen zum Grübeln, Meckern und Widerstand, angemessen auf ökonomische Realitäten zu reagieren. Blockiert uns die „German Angst“? Ist sie eine Art kollektive Krankheit?
Um einen Weg aus dem Teufelskreis von Pessimismus, Mutlosigkeit und Antriebsarmut zu weisen, sollten wir uns zunächst mit den Ursachen des Phänomens beschäftigen.
Was meinen Experten dazu, die bereits seit vielen Jahren sich mit den deutschen kollektiven Ängsten beschäftigen. Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans Joachim Maaz meint, dass die Menschen Ostdeutschlands an der unverarbeiteten Geschichte der DDR leiden. Hinzu kommen ökonomische Ängste: Der Mehrheit der Menschen gehe es heute tatsächlich besser, allerdings bleibe eine latente Unsicherheit, ob die soziale Stellung tatsächlich gesichert sei. Und etwa ein Viertel der Ostdeutschen übersehe die Fortschritte, weil es sich nur auf die hohe Arbeitslosigkeit fokussiere.
Folgen einer seelisch nicht verarbeiteten Geschichte? Auch die Kölner Journalistin Sabine Bode beschreibt in ihrem Buch „Die deutsche Krankheit – German Angst“ das deutsche Gemüt. Die Deutschen haben Angst, die von unverarbeiteten Kriegserlebnissen herrühre und sich zudem von Scham und einem tiefen Misstrauen gegenüber der deutschen Mentalität nähre. Leid und Schuld wurden nicht ausreichend betrauert und unter den Folgen der Verdrängung leide auch die heutige Jugend. Die unbewussten Existenzängste der Deutschen in Ost und West wurden lange durch eine kostspielige Staatsfürsorge kompensiert, in der Bundesrepublik ebenso wie in der DDR. Argwohn, Depressionen und Wahrnehmungsverzerrung seien die Folgen traumatischer Angst. Ähnlicher Ansicht ist auch der Psycho- analytiker Horst Eberhard Richter. Er meint, dass der Nazi-Terror schuld an der Panik und Mutlosigkeit sei und das Land Opfer einer nie betrauerten Geschichte.
Ich meine, Leid und Schuld liegen auf einer elementaren Grundebene. Darüber finden wir die Ebene ökonomische Ängste wie Umbau des Sozialstaats und sozialer Abstieg. Doch der Überbau, der Katalysator der schlechten Laune, wird von mehreren Gruppen konstruiert. Zum einen von den Betroffenen selbst, den Hartz IV-Opfern, die in ihrer Lethargie gefangen sind. Sie erhalten Mitleid von den Entscheidungs- trägern der 68er Generation, die heute als Politiker, Richter, Wissen- schaftler zu den Meinungsmachern gehören. Diese stecken im Dilemma, wie es SPD-Vize Steinbrück letzte Woche seiner Partei vorgeworfen hatte. Auf der einen Seite beklagen sie das „Gürtel- enger-schnallen“. Und auf der anderen Seite wissen sie, dass am Umbau der kostspieligen Staatsfürsorge kein Weg vorbeigeht. Des- halb fordern sie lautstark bessere Unterstützung für die Schwäch- sten, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Die nächste Gruppe sind die Untergangsapologeten der Wirtschaft, die Sinn, Henkel, Merz und Konsorten. Doch am kläglichsten schneiden die Medien ab. Keine Zeitung, keine Radio- oder Fernsehnachricht kommt ohne Horror- meldungen aus. Fassen wir zusammen: wir alle scheinen an unserer Vergangenheit und an den Verkündern schlechter Laune zu leiden.
Verantwortung übernehmen und Chancen nutzen Was sagen denn die Experten zu möglichen Wegen aus dem Jammer- tal? Peer Steinbrück, der seiner Partei „Heulsusen-Mentalität“ vor- gehalten hat, empfiehlt, auf Weinerlichkeit zu verzichten, Verant- wortung zu übernehmen und schließlich Chancen zu nutzen, statt Risiken zu bejammern. Der Journalist Hajo Schumacher schlägt dem zukünftigen Optimisten in seinem Buch „Kopf hoch, Deutschland“ ein 5-Punkteprogramm vor: Klare Ziele definieren, Geduld und Ausdauer haben, auf Ehrlichkeit achten, in der Zusammenarbeit Einverständnis erzielen und schließlich Mut zur Führung.
Hans Joachim Maaz setzt auf eine bessere Beziehungskultur. Men- schen sollten ihre Beziehungen zueinander positiv gestalten, sich unter Zuhilfenahme der Tugenden Ehrlichkeit und Offenheit unter- einander verständigen.
Der französische Soziologe Alain Ehrenberg analysiert und empfiehlt in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ folgendes: Eigenverant- wortung, Selbstverwirklichung, Erfolg und Glück seien Ansprüche, die in der modernen Gesellschaft selbstverständlich sind. Viele Menschen scheitern daran und reagieren mit innerer Leere, mit Depression, Antriebslosigkeit und Suchtverhalten. Die Gesellschaft leide unter den Bedingungen und Normen, die sie selbst erzeugt habe. Ein Mittel gegen die Volkskrankheit Depression könne nur Offenheit sein, eine Eigenschaft, die auch Maaz preist.
Verantwortung, Ziele und „Flow“ Die Experten bauen demnach auf das „Prinzip Verantwortung“ ge- paart mit offener Kommunikation. Aber was kann der Einzelne tun? Ich meine: Persönliche Ziele festlegen, Wege zu den Zielen definieren und sich dann mit allen Sinnen der Aufgabe verschreiben, um dort hin zu gelangen, was der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi „Flow“ nennt: mit sich selbst verschmelzen, mit seinem Tun und der Welt, damit Bewusstsein und Handeln eins werden.
Selbst wenn wir kritisch sind, was bleibt uns denn anderes übrig, als unser Bewusstsein „positiv“ zu programmieren. Jeder hat schon von der „sich selbsterfüllenden Prophezeiung“ gehört: die gute Stimmung lässt die Verbraucher weniger sparen, es wird mehr konsumiert, die Unternehmer investieren, stellen ein und die Arbeitslosigkeit sinkt. Im privaten Bereich: Ich habe Mut, gehe meinen Weg und werde erfolgreich sein!
Im Übrigen wurde die „sich selbst erfüllende Prophezeiung“ durch Experiment und Praxis längst bestätigt. Hohe Erwartungen an uns selbst führen zu besseren Leistungen, während niedrigere Erwartungen schlechtere Leistungen verursachen. Zusätzlich gilt: bessere Leistungen aufgrund höherer Erwartungen führen zu einer höheren Wertschätzung uns selbst und anderen gegenüber.
Links zum Thema:
Homepage von Kai Beisswenger
Rafael Seligmann: Der ewige Deutsche
Hajo Schumacher: Kopf hoch Deutschland
|