Dr. Brigitte Wolter: Sinn gebende Unternehmenskultur zur Wertschöpfung und Existenzsicherung eines Unternehmens

Unternehmenskultur als Erfolgsfaktor steht als Quelle der Wertschöpfung derzeit so hoch im Kurs wie noch nie. Dabei wird auch der Ruf nach mehr Sinnorientierung in der Wirtschaft immer lauter. Mit ihrem Vortrag »Sinn gebende Unterneh- menskultur zur Wertschöpfung und Existenzsicherung eines Unternehmens« auf dem 6. Nürtinger Finanzforum am 24. Juni 2008, erläuterte Management Coach Dr. Brigitte Wolter, warum Sinnorientierung wichtiger ist denn je und wie es Unternehmen gelingen kann, eine sinnorientierte Hochkultur zu initiieren. Der nachfolgende Artikel ist eine Kurzfassung dieses Vortrages.


Entdeckung des Wertemanagements

Die Anfänge der Unternehmenskulturforschung gehen zurück auf die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Wie auch in anderen westlichen Ländern sah sich das Management in Deutschland in dieser Zeit einem zunehmenden internationalen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Unsanft aus der Komfortzone des deutschen Wirtschaftswunders in die Realität eines globalen Wettbewerbs katapultiert, suchten die Protagonisten des Changemanagements verzweifelt nach neuen Wegen, um der Lage Herr zu werden. Denn schell wurde klar, dass dem Raubbau an Marktanteilen mit altbewährten Methoden nicht mehr beizukommen war.

Allmählich begann in den Führungsetagen ein Umdenken. Immer mehr setzte sich die Überzeugung durch, dass unternehmerischer Erfolg auch und gerade eine Frage der konsequenten Entwicklung und Pflege eines richtungweisenden Wertesystems sei. Der erhöhte Abstimmungs- und Koordinierungsbedarf, der wachsende Kooperationsbedarf und der sich immer schneller vollziehende Wandel erforderten wie nie zuvor eine fokussierte Vorgehensweise. Ein an gemeinsamen Werten und Normen gebundenes Handeln sollte dies erleichtern. Außerdem erhoffte man sich von einer Wertegemeinschaft eine stärkere Bindung ans Unternehmen.

Denn Identifikation mit dem Unternehmen konnte nicht mehr länger als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Mit dem einsetzenden gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung und Selbstentfaltung stiegen die Ansprüche der Menschen an ihr Arbeitsumfeld und ihre Arbeitgeber. Und so war das Konzept von der „wertschöpfenden Unternehmenskultur“ als Antwort auf die umwälzenden Veränderungen in der Wirtschaft und Gesellschaft geboren.

Kulturverträglichkeit als kritischer Faktor

Die anfängliche Begeisterung wich jedoch schnell der Ernüchterung. Denn zur Umsetzung dieses Konzeptes fehlten damals noch die notwendigen Erfahrungen und Erkenntnisse; es lagen weder harte Zahlen noch Fakten vor, die die Zusammenhänge zwischen Unternehmenskultur und Unternehmenserfolg hätten überzeugend darstellen können. Vielmehr setzten sich in den 90er Jahren griffigere Managementsysteme wie das Business Reingeniering durch. Das eher schwammige Thema Unternehmenskultur verschwand wieder in den Schubladen bzw. wurde zum Anliegen von idealistisch geprägten Management-Pionieren und Beratern, deren Botschaften ebenso wenig Gehör fanden wie die von Rufern in der Wüste.

Was da vor 28 Jahren geschah, war der Anfang einer Wirtschaftsrevolution, deren Zenit noch längst nicht überschritten ist. Die Zerschlagung von Großkonzernen, Joint Ventures, Fusionen, Auslagerung von Geschäftseinheiten in Billiglohnländer, Outsourcing, Leanmanagement usw., kurz, der ökonomische Zwang zur Arbeitsteilung und Spezialisierung
und der immer stärker werdende Innovationsdruck haben die Arbeitswelt seitdem grundlegend verändert. Die Entwicklung hat aber auch gezeigt, dass ohne Berücksichtigung kultureller Aspekte Veränderungsprozesse sich sehr schwierig gestalten können bzw. ganz zum Scheitern verurteilt sind.
So manche Unternehmen haben ihren Fusionswahn schon bitter bereut; wenn die Synergieeffekte gegen Null tendierten und erhoffte Einsparpotentiale ausblieben, dann vor allem deshalb, weil der Faktor Kulturverträglichkeit d.h. der Faktor Mensch nicht genügend berücksichtigt bzw. nicht ernst genug genommen wurde.


Renaissance der Unternehmenskultur als Erfolgsfaktor

In einer im Februar 2008 vom Bundesarbeits-Ministerium veröffentlichten Studie zur Unternehmenskultur wird jedoch erstmals der Zusammenhang zwischen Mitarbeiter-Engagement und Unternehmenserfolg statistisch nachgewiesen. Die Studie kommt u. a. zum Ergebnis, dass für den finanziellen Erfolg eines Unternehmens die Unternehmenskultur bis zu 31 Prozent verantwortlich ist.

Wir leben in wilden Zeiten. Der globale Hyperwettbewerb stellt alles auf den Kopf, was einmal Bestand und Berechtigung hatte. Vielfach ist vom Wertewandel oder gar Werteverlust die Rede. Wie anders können Unternehmen dem enormen Veränderungsdruck in der Wirtschaft noch begegnen, wenn nicht durch eine radikal neue Auffassung von Wertschöpfung?

Und wie anders können sich Unternehmen noch Wettbewerbsvorteile aufbauen, wenn nicht durch qualifizierte, hoch motivierte, engagierte  Mitarbeiter/innen, die die neuen Spielregeln im internationalen Wettbewerb beherrschen und die die Bereitschaft mitbringen, sich immer wieder neu auszurichten und sich auf unbekanntes Terrain vorzuwagen?

Mit diesen Einsichten und vor dem Hintergrund immenser globaler sozioökonomischer und ökologischer Herausforderungen erfährt das Konzept von der Unternehmenskultur eine wahre Renaissance. Kein Kongress, kein Forum, keine Vorlesung zum Thema Unternehmenserfolg, bei dem nicht auch besondere Akzente in den Themen Unternehmens – und Führungskultur gesetzt würden.


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