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Ben Furman Ich schaffs! Spielerisch und praktisch Lösungen mit Kindern finden - Das 15- Schritte- Programm für Eltern, Erzieher und Therapeuten Carl-Auer Verlag, Heidelberg
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sind Mutter oder Vater eines lebhaften Jungen (Thomas, 7 Jahre) und seine Lehrerin spricht Sie wie folgend an: “Thomas verhält sich gegenüber seinen Mitschü- lern aggressiv.” Wie fällt Ihre spontane Reaktion auf solch einen Kommentar aus? Bedanken Sie sich für den wertvollen Hinweis? Oder fühlen Sie sich angegriffen und verweisen darauf, dass sich Thomas zu Hause ganz normal verhält, in der Klasse immer wieder Angriffen ausgesetzt ist bzw. das Verhalten von seinem Vater oder seiner Mutter (jedenfalls nicht von Ihnen) geerbt hat?
Stellen Sie sich nun vor, die Lehrerin Ihres Sohnes würde den Sach- verhalt in vollkommen anderer Form ansprechen. Sie würde das problematische Verhalten Ihres Sohnes mit keinem Wort erwähnen und stattdessen mit Ihnen über Fähigkeiten sprechen, von denen sie meint, dass Thomas sie noch erlernen muss. Beispielsweise so: “Ich habe darüber nachgedacht, was für Thomas im Moment am wichtigsten wäre zu lernen, damit er in der Schule erfolgreich und ausgeglichen ist. Mein Eindruck ist, dass es für ihn wichtig wäre, etwas mehr Selbstkontrolle zu entwickeln und ruhig zu bleiben, selbst wenn seine Mitschüler ihn provozieren. Was meinen Sie dazu?”
Hört sich doch irgendwie besser an, oder? Über zu erlernende Fähig- keiten zu sprechen, anstatt über zu bekämpfende Probleme, ist ein kooperativer und konstruktiver Weg, sich den Herausforderungen eines Kindes anzunehmen. Aber aufgepasst, finden Sie Beschreibun- gen dieser Art in dem Bestseller “Ich schaffs!” des Psychiaters Ben Furmann, so handelt es sich hier nicht um eine verkäuferische und geschönte Darstellung eines Problems, mit dem Sie anschließend alleine gelassen werden. Es ist vielmehr die Spitze eines Eisbergs, dessen größerer Teil ein leicht verständliches und gut in die Praxis umsetzbares 15-Schritte-Programm für Eltern, Erzieher und Thera- peuten beinhaltet. Oder, um Klartext zu sprechen: Es geht hier um eine kleine Kulturrevolution im Umgang mit Kindern.
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Es gehört zu den Besonderheiten der westlichen Psychologie, Pro- bleme von Kindern wie z.B. Ängste, Wutanfälle, Lernschwierigkeiten oder Bettnässen von schädlichen Umweltfaktoren her abzuleiten. Beispielsweise von der Beschaffenheit einer Familie, ihren Umgangs- formen und der Erziehung. Als Folge dieser Denkweise neigen Eltern schnell zu einer problemorientierten Sichtweise, sobald ihre Kinder Herausforderungen zu meistern haben. “Das kommt davon, weil du immer XY machst” oder “Ich habe es dir ja gleich gesagt, aber du musst ja immer...”. “Ich schaffs!” verhindert so genanntes “Blame- storming” (destruktive persönliche Anschuldigungen) und lenkt die Aufmerksamkeit stattdessen auf das, was ein Kind lernen kann. Typische fehlersuchende und anschuldigende Gespräche werden so vermieden. Und wird die Methodik des Ratgebers systematisch in die Praxis umgesetzt, so fördert dies sowohl das Selbstvertrauen des Kindes als auch die Gelassenheit der Eltern.
Ben Furman legt Wert auf die Feststellung, dass es sich bei “Ich schaffs!” nicht um eine weitere neue Erziehungsmethode handelt, welche Eltern vorschreibt, was sie mit ihren Kindern tun oder auch nicht tun sollten. Er beschreibt den von ihm entwickelten lösungs- orientierten Ansatz stattdessen mit den Worten: “’Ich schaffs!’ ist wie ein Floß, auf dem Sie zum anderen Ufer des Flusses übersetzen können, dorthin, wo Sie Ihre Kreativität ausschöpfen und wieder Spaß haben können”. Kreativität und Spaß sind zentrale Gedanken, auf denen “Ich schaffs!” aufbaut und vielleicht liegt hier auch der große Erfolg dieser Methode, welche Furman Mitte der 90er Jahre für eine Sonderschule in Finnland entwickelte und die inzwischen in über zehn Sprachen übersetzt wurde. Nach Angaben von Thomas Hege- mann vom Institut für Systemische Therapie und Organisations- beratung e.V. in München wird das Programm heute in Schulen eingesetzt, um die Entwicklung sozialer Kompetenzen zu fördern und kommt es auch in Tagesstätten zum Einsatz, um eine Kultur der Kooperation und gegenseitigen Hilfe (der Kinder untereinander, der Eltern und der Professionellen) zu fördern. Und Hegemann betont, dass “Ich schaffs!” aus therapeutischer Sicht gerade in Fällen von Hoffnungslosigkeit nutzt, in denen es gilt, Optimismus und Vertrauen in Fortschritte zu schaffen.
Erhalten Kinder gewöhnlich wenig Möglichkeiten, sich selbst dazu zu äußern, wie ihre Schwierigkeiten beseitigt werden sollen, so werden sie im Falle von “Ich schaffs!” nicht als Zielobjekte erwachsener Er- ziehungsmaßnahmen angesehen, sondern stattdessen als gleichwer- tige Partner, von denen erwartet wird, dass sie sich an den sie be- treffenden Entscheidungen beteiligen. Dies geschieht über 15 aufein- ander aufbauende Schritte, in welchen Probleme zu Beginn in Fähig- keiten verwandelt werden, die es zu erlernen gilt. In denen die Motivation aufgebaut wird, um Kinder für das Erlernen von Fähigkei- ten zu gewinnen. Und in denen die Fähigkeiten systematisch geübt werden und das Lernen verstärkt wird. Unter “Lernverstärkung” versteht Furman beispielsweise, zu Ehren des Kindes ein Fest zu feiern, wenn es bestimmte Fähigkeiten erfolgreich erlernt hat. Oder dem Kind die Möglichkeit zu geben, seine neu erlernte Fähigkeit an ein anderes Kind weiterzugeben. Dies fördert das Selbstwertgefühl des Kindes und stärkt sein Vertrauen, in die eigenen Fähigkeiten.
Die 15 Schritte im Detail: 1. Probleme in Fähigkeiten verwandeln 2. Sich auf eine zu erlernende Fähigkeit einigen 3. Den Nutzen der Fähigkeit herausfinden 4. Der Fähigkeit einen Namen geben 5. Eine Kraftfigur aussuchen 6. Helfer einladen 7. Vertrauen aufbauen 8. Die Feier planen 9. Die Fähigkeit beschreiben 10. Öffentlich machen 11. Die Fähigkeit üben 12. Erinnerungshilfen finden 13. Den Erfolg feiern 14. Die Fähigkeit an andere weitergeben 15. Zur nächsten Fähigkeit übergehen
Ben Furman schildert, dass viele Eltern ihn zu Beginn des Programms mit dem Hinweis konfrontieren, dass ihr Kind nicht nur eine sonder massenhaft Schwierigkeiten hat. Furman versucht diese Eltern für die Idee zu gewinnen, dass sie zunächst ihre Vorstellung, dass Kinder massenhaft Schwierigkeiten haben, durch die neue Sichtweise erset- zen, dass sie einfach noch mehr Fähigkeiten erlernen müssen. Wer- den nun die vielen Schwierigkeiten in Fähigkeiten verwandelt, so wird aus einer langen Problemliste eine umfangreiche Aufstellung mit Fä- higkeiten. Da es nur wenige Kinder gibt, welche viele Fähigkeiten auf einmal erlernen können, muss zu Beginn die Entscheidung getroffen werden, welche Fähigkeit zuerst gelernt werden soll. Hier ist es laut Furman ratsam, nicht gleich mit der schwierigsten zu erlernenden Fähigkeit zu beginnen, sondern stattdessen mit einer einfachen - “selbst wenn es nur die ist, nach dem Essen “Danke” zu sagen”.
Wer “Ich schaffs!” in die Praxis umsetzen will, der erhält neben der reinen Theorie viele praxisorientierte Tipps und Hilfsmittel. Die Beschreibung der 15 Schritte enthält plastische Beispiele aus der Praxis und wie damit umzugehen ist. Da ist beispielsweise die Rede vom neunjährigen Tobias, der in Schwierigkeiten war, weil er Lügen erzählte. Oder es wird die Geschichte von Harry erzählt, der in der Schule so unkontrolliert aggressiv war, dass er nur unter ständiger Aufsicht durch das Schulpersonal mit anderen Kindern spielen durfte. Die Geschichten von Tobias, Harry und vielen anderen Kindern sind nicht konstruiert. Sie stammen aus dem Erfahrungsschatz von Therapeuten aus aller Welt und machen deutlich, welches große Potential “Ich schaffs!” in der praktischen Arbeit mit Kindern bietet. Eine Fall-Sammlung am Ende des Buches informiert über typische problematische Verhaltensmuster von Kindern und wie diese mit Hilfe von “Ich schaffs!” gelöst wurden. Da finden sich beispielsweise Lösungsbeispiele für den Umgang mit schlechten Angewohnheiten, aggressivem Verhalten, Depression, Verlust, Trauer, Ängsten, Einkoten, Zündeln oder Aufmerksamkeitsstörungen (ADS), welche dem Helsinki Brief Therapy Institute zur Verfügung gestellt wurden. Ein zusätzlich zum Lehrbuch angebotenes Trainingsbuch und Plakat helfen dabei, “Ich schaffs!” und die damit verbundenen Aktivitäten fest in der Aufmerksamkeit von Kind und Eltern zu verankern.
Fazit: “Ich schaffs!” ist kein neuer Erziehungsratgeber unter vielen tausend Erziehungsratgebern. Hinter “Ich schaffs!” verbirgt sich stattdessen ein vollkommen neuer Ansatz, um problemorientiertes in lösungsorientiertes Denken zu verwandeln und erzieherische Schwie- rigkeiten spielerisch und mit Gelassenheit zu meistern. Die wichtigste Hürde im Umgang mit “Ich schaffs!” wird sehr wahrscheinlich weder in der von Ben Furman entwickelten Methodik noch in den Proble- men eines Kindes liegen. Die größte Herausforderung wird für Eltern darin bestehen, problemorientiertes in lösungsorientiertes Denken zu verwandeln. Die oben erwähnte “Kulturrevolution im Umgang mit Kin- dern” ist in Wirklichkeit ein Paradigmenwechsel in den Köpfen von Eltern, der im Einzelfall vielleicht sogar zunächst ein Training “Ich schaffs für Eltern!” erfordert.
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