Dr. Michael Balk: »Focusing«
Klarheit im Fühlen, Denken und Handeln

»Focusing« kann immer dann wertvoll sein, wenn unser Leben durch Stress und Konflikte belastet wird und eine Verdrängung des Problems aber auch eine reine verstandesmäßige Analyse uns nicht weiterhelfen.

Zusammenfassung: Beim Focusing beziehen Sie sich auf ein spezielles Gefühl im Körper (Felt Sense), das auf ganzheitliche Weise die für eine bestimmte Situation relevanten Bedeutun- gen umfasst. Viele Menschen haben dies im Laufe des Lebens weitgehend verlernt, finden aber meist schnell wieder einen Zugang zum impliziten Wissen, das der eigene lebendige Organismus – als Einheit von Körper, Fühlen und Denken – in sich trägt und hervorbringt. Einen Felt Sense kann man für sich alleine oder im Gespräch mit einem anderen fokussieren. Focusing ist ein natürlicher Vorgang, sich klarer über den nächsten passenden Entwicklungs- und Handlungsschritt zu werden. Es geht dabei nicht nur um Klarheit im Kopf, sondern auch darum, den lebensfördernden Schritt innerlich tatsächlich zu empfinden. Dieses Empfinden wahr- und ernstzunehmen, ist erleichternd und befreiend. Die sechs didaktischen Schritte (Gendlin, 1998) stellen einen Rahmen dar, mit dem sich insbe- sondere Anfänger im Prozess orientieren können.

Möchten Sie manchmal in bestimmten Situationen ihres Lebens mehr Klarheit empfinden? Eine Klarheit, mit der Sie wissen, was Sie wirklich wollen und was nicht? Was zu tun und was besser zu unterlassen ist? Wer oder was Ihnen gut tut?

Häufig empfinden Menschen dieses Gefühl von Klarheit in Momenten, in denen sie bei sich selbst angekommen sind und in denen sie sich mit sich selbst in Einklang befinden. Dann kann sich ein Zustand achtsamer Eigenwahrnehmung einstellen, den man nicht mit bewusster Anstrengung 'machen’ kann, sondern der wie von selbst entsteht.

Sie kennen dies sicherlich aus der einen oder anderen Situation: während oder nach einer etwas anstrengenden, aber angenehmen körperlichen Aktivität (einem Spaziergang, Gartenarbeit, Tanzen, Joggen etc.), einem heißen Bad, einem anregenden Gespräch oder einer guten Massage. Schon allein die Vorstellung von etwas Angenehmen, das mit allen Sinnen erfahrbar ist, kann manchmal dieses wohlige, erleichternde Gefühl hervorbringen.

Wenn Sie sich so etwas – Klarheit, das Empfinden von persönlicher Stimmigkeit, Erleichterung – öfter in ihrem Leben wünschen, könnte Focusing für Sie interessant sein. Focusing ist ein Weg zur Klärung persönlicher Belange (Cornell, 1997; Gendlin, 1998; Gendlin & Wiltschko, 1999; Renn, 2006; Sturm, Wiltschko & Keil, 2003). Focusing kann dabei helfen, einen Moment still zu werden und bei sich selbst anzukommen. In diesem positiven Zustand kann man besser die richtigen persönlichen Schritte zu Wohlbefinden, Klarheit und einem erfüllten Leben finden, fühlen und gehen.

Im Folgenden möchte ich Ihnen zwei fiktive Situationen vorstellen, wie sie im Alltag vorkommen können, in denen sich Ansatzpunkte für die persönliche Klärung mittels Focusing zeigen.


Beispiel 1: Beruflicher Druck mit weitreichenden Folgen

Herr Maier ist Anfang dreißig. Er ist erfolgreich im mittleren Management einer Versicherung tätig. Seine Arbeitstage sind in der Regel anstrengend und lang. Seine neun Mitarbeiter hat er meist gut im Griff. Herr Maier gibt alles, um zu zeigen, dass er seine Aufgaben bewältigt. Natürlich möchte er aufgrund seiner Leistungen auch noch weiter nach oben kommen, da er sehr ehrgeizig ist. Sein Vorgesetzter macht seit etwa vier Wochen ziemlich Druck, weil die Zahl der Versicherungsabschlüsse stagniert. Herr Maier versucht sein Bestes, um seine Mitarbeiter konsequent zu motivieren, aber die potenziellen Neukunden scheinen einfach nicht interessiert genug zu sein.

Herr Maier achtet aber sehr darauf, dass niemand merkt, wenn er sich überfordert fühlt. Schließlich weiß er, dass selbstbewusste und kompetent wirkende Mitarbeiter in dieser Firma geschätzt werden. Immer wieder spürt er aber ein diffuses, unangenehmes Gefühl im Bauch. Dieses Gefühl ist ihm sehr lästig und er versucht, es vor anderen und vor sich selbst zu verbergen, indem er sich z.B. noch stärker auf die Arbeit konzentriert oder sich am Abend mit etwas zu viel Martini und Fernsehen 'ablenkt’, wie er es nennt.

Nachts jedoch lässt ihn die Anspannung jedoch häufig keine Ruhe: Zähneknirschen, Durchschlafstörungen, Alpträume. Neulich, nach einem besonders anstrengenden Arbeitstag, hat er von einem Hamster in einem Laufrad geträumt, dem die Zunge heraus hing und der schon ganz abgemagert war, aber immer weiter laufen musste, bis ihm alle Haare ausfielen. Schweißgebadet ist Herr Maier aufgewacht.

Seiner Freundin, mit der er zusammenlebt, ist diese Entwicklung natürlich nicht entgangen. Sie hat in der letzten Zeit das Gefühl, als würde ihm jeden Tag eine Laus über die Leber laufen. Wenn sie ihn darauf anspricht, reagiert er gereizt und mit Rückzug. Das macht sie traurig und auch irgendwie wütend. Sie weiß nicht, was sie tun soll, weil er so einsilbig, gereizt und lieblos geworden ist. Der Fernseher scheint ihn mehr zu interessieren als sie.


Beispiel 2: Elternsorgen – selbst gemacht?

Herr und Frau Schmidt sind glücklich miteinander verheiratet und beruflich erfolgreich. Sie haben zwei Kinder, einen aufgeweckten Jungen im Alter von fünf Jahren und eine Tochter, die neun Jahre alt ist. Sie freuen sich darüber, wie quicklebendig ihr Sohn ist und wie gut er sich entwickelt. Aufgrund seines kreativen und sehr aktiven Verhaltens bekommt er viel Zuwendung von seinen Eltern.

Mehr Sorgen bereitet ihnen allerdings ihre Tochter, die sehr ruhig und zurückhaltend ist. Während andere Mädchen in dem Alter gerne bei Freundinnen übernachten, Popkonzerte besuchen wollen, zum Turnen oder auf den Reiterhof gehen, ist ihre Tochter am liebsten zu Hause und liest. Sogar die Klassenleiterin hat in der letzten Elternsprech- stunde angedeutet, dass ihre Tochter die graue Maus in der Schule sei.

Schon oft haben Frau und Herr Schmidt miteinander über das Problem geredet. Alle möglichen Ursachen haben sie diskutiert, warum ihre Tochter denn nur so schüchtern ist. Sie haben sich auch schon häufig darüber Gedanken gemacht, was sie tun könnten, damit ihre Tochter etwas mehr aus sich herausgeht und Kontakte knüpft. Aber keine Lösung scheint in Sicht zu sein. Je öfter die beiden darüber sprechen, desto schwieriger kommt ihnen die Lage vor.


Die herkömmlichen Herangehensweisen helfen oft nicht, ein bestimmtes Problem zu lösen

Wie die beiden Beispiele zeigen, sind die beteiligten Personen nicht ganz zufrieden mit bestimmten Gesprächen, Entscheidungen und Situationsverläufen. Sie reagieren darauf in der Regel mit einem wiederkehrenden Erlebens- und Verhaltensmuster und mit bekannten, oftmals unangenehmen Gefühlszuständen und Gedankengängen (Gallen, 2006; Renn & Wiltschko, 2003). Während sich der Protagonist im ersten Beispiel seiner Anspannung (der Laus, der leisen Ahnung, dem Bauchgefühl, dem Bild vom Hamsterrad) nicht stellt, sondern dieser durch Arbeitseifer, Ablenkung und Rückzug ausweicht und sie dadurch eher noch verstärkt, versuchen die Eltern im zweiten Beispiel, durch Analysieren und Diskutieren zu einer Lösung zu kommen. Während Herr Maier das unangenehme Gefühl herunterspielt (-spült) und loswerden möchte, scheinen sich Herr und Frau Schmidt richtiggehend in das vermeintliche Problem hineinzusteigern.

Gerade unter Stress, Anspannung und dem Einfluss der damit in Verbindung stehenden unangenehmen Emotionen ist die eigene Kreativität für neue Lösungen häufig eingeschränkt (Storch, 2006), so dass man in Folge dessen kaum noch Möglichkeiten sieht, wieder über den Tellerrand schauen zu können. Aber welche Alternativen zum Ausweichen (Beispiel 1) oder Hineinfallen (Beispiel 2) in eine negativ getönte Denk- und Fühlweise könnte es geben? Wie kann man sich mit einer nicht zufriedenstellenden Situation auf positive Weise auseinandersetzen? Wie kann es gelingen, die eigene Befindlichkeit, seine Wünsche und Handlungsmöglichkeiten zu klären, sodass ein neuer, gehbarer Weg dabei herauskommt? Wenn die bisherigen Lösungsversuche das Problem eher noch aufrechterhalten bzw. verstärken zu scheinen, kann es sich lohnen, etwas Neues auszuprobieren.


Wie wichtig es ist, die eigenen Körpersignale zu beachten
– und warum dies häufig so schwierig ist

Vor allem im ersten Beispiel fällt auf, dass Herr Maier manchmal – mehr oder weniger bewusst – ein unangenehmes Gefühl im Bauch, eine leise Ahnung, dass 'etwas nicht passt’, wahrnimmt und diese dann als lästig bewertet. Worauf ihn dieses spezielle Körpergefühl vielleicht hinweisen möchte, scheint er nicht besonders spannend zu finden. Dies könnte daran liegen, dass er schlicht nicht weiß, wie er seine Körpersignale aufmerksamer und interessierter wahrnehmen und sie damit positiv nutzen kann. Von den Eltern in Beispiel 2 wissen wir gar nicht, was sie unmittelbar körperlich empfinden (und vielleicht wissen sie es selbst gar nicht), sondern nur, dass sie viel miteinander über ein Problem sprechen und ihre damit verbundenen unangeneh- men Gedanken eher zunehmen.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Bezug zu den eigenen Körper- signalen häufig so schwer fällt bzw. als nicht besonders vielver- sprechend bewertet wird. Wie
Hüther (2006) aus Sicht der neurobio- logischen Forschung überzeugend darlegt, führen viele Ereignisse und Erfahrungen im Lebenslauf dazu, dass Menschen die Verbindung zum eigenen Körper verlieren: "So wird beispielsweise das Bedürfnis, sich zu bewegen durch entsprechende Maßregelungen oder allein schon durch das Vorbild von Erwachsenen mehr oder weniger eingeschränkt. Der Impuls, den ganzen Körper einzusetzen, um das eigene Befinden auszudrücken, der bei kleinen Kindern noch vorhanden ist, wird später mehr oder weniger deutlich unterdrückt. Gefühle von Angst und Schmerz, aber auch von übermäßiger Freude und Lust, werden im Zusammenleben mit anderen zunehmend kontrolliert" (Hüther, 2006, S. 88).

Diese Anpassung an die Vorstellungswelt und die Verhaltensweisen der Erwachsenen lässt sich letztlich auf das Bedürfnis nach Zuge- hörigkeit und Geborgenheit zurückführen. Durch Belohnung und Bestrafung sowie Imitation lernt das Kind, wie es Anerkennung bekommen sowie seine eigenen Gefühle steuern und seine Körpersprache gezielt einsetzen kann. "Die eigenen Gefühle werden so im Laufe des Heranwachsens immer stärker kontrolliert und vom Körperempfinden abgetrennt“ (Hüther, 2006, S. 91). Das der eigenen Körper- und Sinneserfahrung entspringende und im Körper verfügbare implizite Wissen wird immer weniger zugänglich und von der bewussten Wahrnehmung abgeschnitten, indem körperliche Abwehrmuster in Form muskulärer Spannungen nicht-akzeptierte Gefühle unterdrücken helfen. Dieses implizite Wissen "enthält immer nicht nur den Eindruck des Kindes von sich selbst, sondern auch von dem, womit es in Beziehung tritt und die dabei geweckten Gefühle“ (Hüther, 2006, S. 89). Das 'eigentliche’ Körpergefühl sagt folglich viel aus über die unbewusste Einschätzung einer bestimmten Lebenssituation und die darin liegenden Möglichkeiten zum Lernen und zur persönlichen Weiterentwicklung.


Wie Freiraum und der spezielle Körperbezug beim Focusing dabei helfen kann, stimmige Klärungsschritte entstehen zu lassen

Eine Alternative dazu, die für das eigene Leben wichtigen Emotionen zu verdrängen oder die gedankliche Sorgenspirale anzutreiben, bietet Focusing – eine positive Art der Eigenwahrnehmung und der stimmigen Verbindung zwischen Kopf, Herz und Bauch. Können Kopf, Herz und Bauch 'mitleben und mitreden’, werden unangenehme Situationen zunächst innerlich klärbar und damit tun sich neue Problemlösungs- und Handlungsschritte auf. Und wenn sich Kopf, Herz und Bauch in Übereinstimmung befinden und neue Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns entstehen, stellt sich das eingangs erwähnte angenehme Gefühl der Stimmigkeit und Klarheit ein. Und dann hat das, was Sie nach außen hin sagen und tun, Hand und Fuß.

Beim Focusing bezieht man das umfassende Körpergefühl, das in einer spezifischen Situation entsteht, bei seinen Überlegungen und Entscheidungen mit ein. Der Fachbegriff für diese Art von Körpergefühl heißt 'Felt Sense’ (Gendlin, 1998). Felt Sense bedeutet übersetzt in etwa 'gefühlter Sinn’ und damit ist gemeint, dass dieses Körpergefühl eine wichtige Bedeutung für den Menschen hat. Ein Felt Sense bildet sich meist in der Körpermitte, etwa im Brust- und Bauchraum. Man empfindet einen Felt Sense häufig als leise Ahnung in Bezug auf eine bestimmte (Lebens-)Situation, die man bereits im Körper spüren kann, aber die in der Regel noch nicht in Worten formulierbar ist. Ihr Felt Sense ist quasi das Empfinden, das Ihnen sagt, ob eine Situation für Sie stimmig oder unstimmig ist. Im positiven Fall gibt Ihr Felt Sense beispielsweise Auskunft über den eingangs beschriebenen angenehmen Zustand.

Einen Felt Sense wahrzunehmen und als wichtigen Hinweis zu beachten, ist ein natürlicher Prozess, den im Grunde jeder Mensch – zumindest aus manchen Lebenserfahrungen – kennt. Die Fähigkeit, sich dem bereits körperlich Gespürten, aber vielleicht noch nicht gleich in Worten Fassbaren, zuzuwenden, können Sie erweitern und kultivieren, wenn Sie dies für viel versprechend und hilfreich erach- ten (Gendlin, 1998). Da ein Felt Sense ein unmittelbares, zunächst noch unklar erscheinendes, ganzheitliches und umfassendes Empfinden ist, muss sich das eigene Wahrnehmungssystem meist erst darauf einstellen und schrittweise lernen, wie ein Zugang dazu möglich ist. Focusing ist etwas anders als über Gefühle zu sprechen. Es ist ein Entstehen lassen von stimmigen Worten, Bildern und (Bewegungs-)Impulsen aus dem momentan im Brust-Bauchraum empfundenen Körpergefühl.

Damit dieser heilsame Schritt in Gang kommen kann, braucht es eine spezielle Qualität, mit diesem ungewohnten Körperempfinden in Beziehung zu treten. Diese spezielle Qualität verhindert, dass ein wichtiges, aber möglicherweise noch unklares körperliches Signal übersehen oder abgewertet wird. Die dazu notwendige innere Haltung zu sich selbst wird meist mit akzeptierend, achtsam und absichtslos bezeichnet (Sturm, Wiltschko & Keil, 2003). Dadurch werden günstige innere Bedingungen geschaffen, die einen Zugang zum Felt Sense erlauben.

Vorläufiges Fazit: (1) Das implizite Wissen des umfassenden Körpergefühls (Felt Sense) als wichtigen Hinweis zu beachten und zu nutzen, kann eine Alternative zu den gewohnten Denk-, Fühl- und Handlungsmustern sein. Diese Muster erhalten manchmal ein Problem eher aufrecht und laufen häufig abgetrennt vom reichhaltigeren, 'darunter’ liegenden Körperempfinden ab. (2) Die spezielle Qualität der Kontaktaufnahme (achtsam, akzeptierend, absichtslos) ist ent- scheidend dafür, ob ein Zugang zu diesem Körpergefühl stattfinden kann. Stellt sich ein Zugang dazu ein, spürt man, dass man wieder bei sich selbst angekommen ist und dass Kopf, Herz und Bauch miteinander verbunden sind.


Entwicklung, Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen von Focusing

Der über Fachkreise hinaus anerkannte Psychologe und Philosoph
Gene Gendlin hat bei seinen Forschungen zu psychotherapeutischen Wirkprozessen bereits Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts die besondere Art der inneren Kontaktaufnahme beschrieben, die er später 'Focusing’ nannte (Gendlin, 1998; Gendlin & Wiltschko, 1999). Gendlin war zu dieser Zeit Mitarbeiter von Carl Rogers an der Universität von Chicago und hat mit seinen Arbeiten zum Verständnis und zur Vertiefung therapeutischer Prozesse bedeutend beigetragen. Ab 1963 war er als Professor für Psychologie tätig und hat über 200 Veröffentlichungen publiziert. Sein Schaffen hat die Psychotherapie- forschung und die Weiterentwicklung des Personzentrierten Ansatzes nachhaltig beeinflusst. Gendlin entwickelte darüber hinaus zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Möglichkeiten, wie man Focusing auch in der Selbsthilfe gezielt anwenden kann. Sein 1981 in der Taschenbuchausgabe erschienenes Buch über Focusing ist in zehn Sprachen übersetzt worden und hat inzwischen eine Auflage von mehreren Hunderttausend erreicht (Sturm, Wiltschko & Keil, 2003).

Die Forschungsergebnisse und die persönlichen Erfahrungen vieler Anwender/innen haben gezeigt, dass sich Focusing als sehr wirksam in der Auseinandersetzung mit persönlichen Themenstellungen erwei- sen kann (Gendlin, 1998). Inzwischen gibt es außerhalb psychothe- rapeutischer Settings eine ganze Reihe von Anwendungsmöglichkei- ten von Focusing (Balk, 2003): (1) Selbst-Focusing, d.h. Focusing einzeln für sich (z.B. am Arbeitsplatz, am Abend zu Hause, vor einer Entscheidung etc.); (2) Focusing mit einem Begleiter (Coach, Supervisor, Focusingpartner); (3) Focusing als methodisches und didaktisches Element bei der Arbeit mit Gruppen und Teams (z.B. als Gruppenfocusing, d.h. einer Anleitung durch die Focusing-Schritte für eine Gruppe). Auch für Eltern und im Zusammenleben bzw. Arbeiten mit Kindern gewinnt Focusing an Bedeutung (Balk & Markones, 2005).

Selbstverständlich gibt es derzeit vielerlei Methoden, die zur Selbsthilfe eingesetzt werden können – und es kommen immer neue hinzu. Focusing ist eine gute Möglichkeit der Selbsthilfe. Mit Focusing kann man und frau sehr sanft und behutsam vorgehen, um einen positiven, hilfreichen Bezug zum eigenen Körpergefühl zu finden. Wenn ein positiver Zugang möglich wird, kann man/frau die eigene Befindlichkeit, seine/ihre Wünsche und Handlungsmöglichkeiten schrittweise genauer klären, sodass ein neuer, gehbarer Weg entstehen kann. Die neue Lösung fühlt sich dann als zur eigenen Person passend an. Das ist natürlich wünschenswert und wertvoll. Allerdings kann es sein, dass auch durch eine Selbsthilfemethode immer wieder auftretende Denk-, Fühl- und Handlungsmuster zwar etwas angestoßen, aber je nach Ausprägung, Persönlichkeit und Lebenskontext nicht immer zufrieden stellend gelöst werden können. Dauert das subjektive (von innen wahrgenommene) und/oder objektive (von außen wahrnehmbare) Leiden länger als drei bis sechs Monate an, so ist professionelle Hilfe in Form einer Beratung oder Psychotherapie angezeigt und empfehlenswert. Ob es sich um eine akute Belastungssituation handelt oder es um die Verarbeitung problematischer Erfahrungen geht, die schon längere Zeit zurücklie- gen – jeder Mensch hat ein Recht darauf, die Hilfe von erfahrenen, gut ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten in Anspruch zu nehmen (Informationen sind bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erhältlich).


Überblick über das Sechs-Schritte-Modell des Focusing

"Focusing nenne ich die Zeit, in der man mit etwas ist, das man körperlich spürt, ohne zu wissen, was es ist" (Gendlin & Wiltschko, 1999, S. 13). Diese körperbezogene Art der Aufmerksamkeit in der Haltung des Noch-nicht-Wissens ist der in unterschiedlichen Ansätzen der der Achtsamkeitsmeditation, beispielsweise im Zen, ähnlich. Gendlin weist jedoch darauf hin, dass erfahrende Meditierende häufig sehr schnell in einen achtsamen und schon sehr entspannten Zustand gelangen können (Man beachte die wichtige Rolle des 'Hara’ in der Zen-Meditation; das ist eine körperliche Gegend etwa im Unterbauch). Befindet man sich in innerer Achtsamkeit sozusagen schon eine Etage unterhalb des Felt Sense, findet man dort z.B. einen mit allem verbundenen, lebendigen, eventuell energievollen, friedlichen Zustand (was ja auch sehr erstrebenswert ist), aber nicht unbedingt innere Antworten zu bestimmten persönlichen Fragestellungen, da das Problem dann momentan kognitiv-emotional meist 'zu weit weg’ ist. Um mit dem Felt Sense in Dialog treten zu können und die eigene Befindlichkeit in Bezug auf eine bestimmte Lebenssituation klären zu können, ist erfahrungsgemäß ein Zustand etwa in der Mitte zwischen Alltagsbewusstsein (das häufig mit dem 'Kopfbereich’ assoziiert wird) und tiefer Versenkung (Bauchbereich) hilfreich, in dem genügend Freiraum zum Problem da ist und gleichzeitig der Problembezug aufrechterhalten werden kann. Körperlich ist diese Mitte etwa im Brust-Bauchraum zu finden, in der Gegend des Zwerchfells und des Sonnengeflechts (Solar Plexus).

In einem optimalen Abstand zur Problemstellung kann sich dieses bestimmte Körpergefühl, ein Felt Sense, entfalten. Die folgenden Schritte dienen als Orientierung, wie dieser Freiraum geschaffen werden, ein Felt Sense entstehen und das achtsame, absichtslose und akzeptierende Wahrnehmen sowie die Bedeutungsentfaltung des Felt Sense unterstützt werden kann (Gendlin, 1998; Wiltschko, 2003b). Sie wurden aus didaktischen Gründen entwickelt und sind nicht als starre Vorgehensweisen zu verstehen, sondern als flexibel einsetzbare, individuell anpassbare Hilfen für den persönlichen Prozess der Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema bzw. einer konkreten Lebenssituation.


(1) Freiraum schaffen

Damit sollen gute äußere und innere Rahmenbedingungen geschaffen werden, so dass man sich körperlich (einigermaßen) wohl fühlen und einen guten, angemessenen Abstand zu seinem Thema bzw. seiner Lebenssituation bekommen kann. Dadurch werden die eigenen Ressourcen (Fähigkeiten, Möglichkeiten) auf der körperlichen Ebene aktiviert und es kann eine neue Perspektive zur Problemstellung eingenommen werden. Freiraum dient dazu, ein Stück weit aus den gewohnten Denk-, Fühl- und Handlungsmustern auszusteigen (Disidentifikation). In Beispiel 1 könnte ein Freiraumschritt darin bestehen, sich – statt zu arbeiten oder Martini zu trinken und fernzusehen – ein paar Minuten Zeit zu nehmen, das Zimmer zu lüften, Arme und Beine auszuschütteln, einige Male tief durchzuat- men und sich ausgiebig und genüsslich zu strecken. Wenn sich dadurch der Körper etwas lockern kann, könnte einem dabei auf- fallen, dass die Kiefermuskulatur sehr angespannt war, nun aber schon etwas weicher geworden ist. So schnell kann das manchmal gehen. Als nächstes, wenn es einem also direkt schon etwas besser geht, könnte man sich bequem hinsetzen und erst einmal einen Moment – ein paar Atemzüge – zur Ruhe kommen, um ganz bei sich selbst anzukommen.

Der Protagonist in Beispiel 1 könnte sich dann fragen "Was beschäf- tigt mich gerade?“ oder "Was braucht gerade meine Aufmerksam- keit?“ oder "Was hat mich vorher so angespannt?“ Was immer dazu auftaucht, wird dann benannt und quasi in der Vorstellung aus dem Innenraum nach außen gestellt, um im Körper einen freien Raum zu schaffen, in dem sich der Felt Sense entfalten kann. Hilfreich ist für viele auch das Aufschreiben dieser Themen auf Karteikarten, die dann in einen stimmigen Abstand zur eigenen Person gelegt werden können.


(2) Einen Felt Sense entstehen lassen

In diesem Moment der Stille und mit einem guten Abstand zum entsprechenden (äußeren) Thema könnte man dann die Aufmerk- samkeit freundlich, interessiert und sanft zur eigenen Körpermitte fließen lassen. Wo im Körper können Sie fühlen, dass es etwas mit Ihnen zu tun hat? Die Resonanz, die dann meist in der Gegend des Bauch-Brustraums entsteht, wird Felt Sense genannt. "Mit dem manchmal augenblicklich sich einstellenden, manchmal sich langsam entwickelnden Felt Sense verweilt man achtsam und absichtslos (…): weder will man in ihn eindringen, noch ihn von der Ferne analysieren, man bleibt 'daneben’, in Tuchfühlung. Dann kann er sich 'öffnen’, entfalten und symbolisieren“ (Wiltschko, 2003b, S. 276).

Dieser Schritt fehlt vermutlich in der Auseinandersetzung der beiden Protagonisten in Beispiel 2. Sie wissen genau, was ihnen Sorgen bereitet, aber sie bleiben auf der Wort- und Analyseebene (wiederkehrendes Muster). Achtsam und mit weniger drängendem Lösungsdruck bei der körperlich spürbaren Resonanz zu verweilen, könnte eine neue Sichtweise und einen positiven Bezug zum eigenen Körpergefühl und dem damit verbundenen impliziten Wissen schaffen. Auch der Protagonist von Beispiel 1 könnte sich achtsam und interessiert seinem oft etwas unscheinbaren Körpergefühl zuwenden, das etwas unterhalb der bekannten Anspannung im Bauch liegt. Da die Anspannung in der gewohnten Denkweise und im bekannten Kontext eher unangenehm und dominant ist (Muster), kann mehr gespürter Freiraum dazu beitragen, die feineren Nuancen wahrzunehmen.


(3) Einen Griff finden

Einen Griff finden – diese Umschreibung leitet sich vom Bild eines Koffers ab: So wie der "Griff eines Koffers hilft, diesen Koffer hervorzuziehen, zu halten und zu tragen (…), hängt der Felt Sense am ersten Symbol“ – wenn "man den Griff einmal hat, kann der Felt Sense nicht mehr so leicht verloren gehen“ (Wiltschko, 2003b, S. 276). Dies ist wichtig, da ein Felt Sense häufig ein zartes, unge- wohntes und noch unklares Empfinden im Körper ist, das man aus den bereits beschriebenen Gründen leicht übersehen bzw. übergehen kann. Ein Symbol, das den Felt Sense beschreibt, kann ein Wort, ein Satz, ein inneres Bild oder ein körperlicher Bewegungsimpuls, z.B. eine Geste oder eine mimische Ausdrucksbewegung der Gesichts- muskulatur, sein.


(4) Vergleichen

Bei diesem Schritt pendelt man mit der Aufmerksamkeit einige Male (Atemzüge) zwischen dem Symbol (dem Wort, inneren Bild etc.) und dem Körperempfinden hin und her. Dabei überprüft man, wie weit dieses Symbol bereits stimmig ist und wie sich das auf das Körpergefühl – den Felt Sense – auswirkt. Ein tiefer Atemzug und ein (möglicherweise kleines) Gefühl von Erleichterung geben einen Hinweis darauf, dass bereits ein innerer Klärungsschritt vor sich gegangen ist (Felt Shift, d.h. eine gespürte Veränderung). Ist dies nicht der Fall, könnte es sein, dass ein neues Symbol den Felt Sense besser erfasst (siehe Schritt 3).


(5) Fragen stellen

Während man den sich möglicherweise bereits verändernden Felt Sense im Körper wahrnimmt, kann man klärende Fragen an diesen (wie an eine Art Person) richten. Beispielsweise: "Was ist das Schlimmste/Beste daran?“; "Wie wäre es, wenn die ganze Situation bereits gelöst wäre. Wie würde sich das im Körper anfühlen?“; "Was braucht es von innen, damit es wieder gut wird?“ Es ist empfehlens- wert, sich für eine Frage einige Atemzüge Zeit zu lassen und wahrzunehmen, welche innere Antwort dazu entstehen möchte, die neue Aspekte bringt oder bekannte Sichtweisen bestätigt.


(6) Annehmen und schützen

Jede innere Veränderung, auch kleine und dann oftmals unscheinbare 'Aufatmer’, gedankliche Klärungen, körperliche Entkrampfungen dürfen wirklich stattfinden und ihren Platz haben. Wie eine kleine Pflanze, die Licht, Wasser, Nährstoffe und Pflege braucht, kultiviert der Schritt "Annehmen und Schützen“ die Haltung der eigenen Wertschätzung und der positiven Weiterentwicklung. Nicht als Utopie, sondern als gefühlte, konkrete Praxis.


Eine persönliche Ermutigung am Schluss

Sollten Sie beim Lesen einige interessante Gedanken (und Körper- gefühle?) gefunden haben, möchte ich Sie ermutigen, Ihre feinen, impliziten Körpersignale wirklich zu beachten. Das muss nicht rund um die Uhr geschehen, denn dadurch würde ja wahrscheinlich nur zusätzlich Druck entstehen, von dem wir ja inzwischen wissen, dass dieser sich nicht immer förderlich auf den inneren Prozess der Klärung und persönlichen Weiterentwicklung auswirkt.

Es ist häufig schon sehr angenehm und hilfreich, sich einmal am Tag dem eigenen Körper im Sinne von Freiraum und entspannter innerer Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dies kann für sich alleine oder auch im Gespräch mit einer anderen (vertrauten) Person sein. Die Erlaubnis, wirklich glücklich sein zu dürfen (zumindest für einige Atemzüge), ist unter anderem sehr wohltuend und auch für das Immunsystem förderlich. Viel Vergnügen und angenehme Erlebnisse wünsche ich Ihnen dabei!

Wenn es Ihnen in solchen Situationen dann vielleicht manchmal schwer fällt, bei sich anzukommen, wenn Sie ungeduldig sind oder beim Focusing den Faden verlieren, mit den Gedanken abschweifen oder an einem (unangenehmen) Gefühl hängen bleiben, kann es helfen, sich etwas genauer über Focusing zu informieren. Im Inter- net, in der einschlägigen Literatur und in Seminaren bei ausgebilde- ten, zertifizierten Trainern/innen finden Sie Unterstützung und Übungen, damit Ihnen mit Focusing gelingt, mehr Klarheit im Denken, Fühlen und Handeln zu spüren.


© 2007 Dr. Michael Balk


Literatur

Balk, M. (2003). Anwendungen von Focusing (außerhalb psycho- therapeutischer Settings). In W. Keil, J. Wiltschko & G. Stumm (Hrsg.): Grundbegriffe der Klientenzentrierten und Focusing- orientierten Psychotherapie (S. 25-27). Stuttgart: Pfeiffer.

Balk, M. & Markones, B. (2005). Kinder, Achtsamkeit, Focusing. Impulse für Erwachsene, mit Kindern einfach da zu sein und ihnen beim Symbolisieren zu helfen.
Focusing-Journal (Nr. 14), S. 19-23.

Cornell, A. W. (1997). Focusing - Der Stimme des Körpers folgen. Reinbek: rororo.

Gallen, M.-A. (2006). Entwurf einer focusing-orientierten Diagnostik. Focusing-Journal (Nr. 16), 12-14.

Gendlin, E. T. (1998). Focusing: Selbsthilfe bei der Lösung persönli- cher Probleme. Reinbek: rororo.

Gendlin, E. T. & Wiltschko, J. (1999). Focusing in der Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.

Hüther, G. (2006). Wie Embodiment neurobiologisch erklärt werden kann. In M. Storch, B. Cantieni, G. Hüther & W. Tschacher (Hrsg.): Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen (S. 73-97). Bern: Huber.

Renn, K. (2006). Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst. Focusing – Wege der inneren Achtsamkeit. Freiburg: Herder.

Renn, K. & Wiltschko, J. (2003). Strukturgebundenheit. In G. Sturm, J. Wiltschko & W. W. Keil (Hrsg.): Grundbegriffe der Personzentrierten und Focusing-orientierten Psychotherapie und Beratung (S. 293-296). Stuttgart: Pfeiffer.

Storch, M. (2006). Wie Embodiment in der Psychologie erforscht wurde. In M. Storch, B. Cantieni, G. Hüther & W. Tschacher (Hrsg.): Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen (S. 35-72). Bern: Huber.

Sturm, G., Wiltschko, J. & Keil, W. W. (2003). Grundbegriffe der Personzentrierten und Focusing-orientierten Psychotherapie und Beratung. Stuttgart: Pfeiffer.

Wiltschko, J. (2003a). Focusing. In G. Sturm, J. Wiltschko & W. W. Keil (Hrsg.): Grundbegriffe der Personzentrierten und Focusing- orientierten Psychotherapie und Beratung (S. 117-120). Stuttgart: Pfeiffer.

Wiltschko, J. (2003b). Sechs-Schritte-Modell des Focusing. In G. Sturm, J. Wiltschko & W. W. Keil (Hrsg.): Grundbegriffe der Personzentrierten und Focusing-orientierten Psychotherapie und Beratung (S. 275-277). Stuttgart: Pfeiffer.

Dr. Michael Balk

Pädagoge M. A.
Focusing-Trainer (DAF)
Experte für Körperbezug und Qualitätsmanagement in Erziehung und Bildung
www.focusing-seminar.de
 

Externer Link:
Wikipedia Focusing