Was wirkt in der Homöopathie?
Von Dipl.-Stat. R. Lüdtke und Dr. H. Albrecht

Unter der Überschrift “Homöopathie wirkt, aber nicht die ho- möopathische Arznei” nahm die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft e.V. am 31. Oktober 2005 Stellung zur Diskussion der Leipziger Homöopathie-Experimente der Professoren Nieber und Süß. Dr. Henning Albrecht, Geschäftsführer der Karl und Veronica Carstens Stiftung, sowie Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung, korrigieren nachfolgend wesentliche Aussagen der DPhG.

Unter einer homöopathischen Behandlung kann es zu erheblichen gesundheitsrelevanten Effekten kommen. Verschiedene Kohorten- studien berichten konsistent, dass weit über 60% aller homöopathisch behandelten Patienten relevante Verbesserungen ihres Gesundheitszustands erfahren [1-4], die Beschwerdestärke nimmt deutlich ab, die Lebensqualität steigt beträchtlich und nachhaltig [5]. Bei einigen Erkrankungen sind die Erfolge einer homöopathischen Behandlung sind denen einer konventionellen Therapie vergleichbar [6].

Diese Ergebnisse sind weitgehend unbestritten! Wie seit 200 Jahren schon entbrennt aber ein heftiger Streit darüber, ob die homöopa- thischen Arzneimittel zur Wirksamkeit der Homöopathie beitragen. Aus chemischer Sicht sind homöopathische Arzneimittel oft so verdünnt („potenziert“), dass ein üblicher pharmakologischer Wirkmechanismus ausgeschlossen werden kann. Dieses schließt aber nicht per se andere Wirkwege aus, über die wir heute mangels eindeutiger Forschungsergebnisse nur spekulieren können.

In der klinischen Forschung gibt es deutliche Hinweise darauf, dass die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel über die eines Placebos hinausgehen. Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft kann die klinische Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel unterstellt werden bei allergischer Rhinitis [7, 8], kindlicher Diarrhoe [9], Fibromyalgie [10-12], postoperativem Ileus [13] und Atemwegsinfektionen [14]. Bei mehreren anderen Indikationen ist anzunehmen, dass der Arzneimitteleffekt nicht (oder nur unwesentlich) über einen Placeboeffekt hinausgeht.

Neuere Übersichtsarbeiten kommen daher zu dem Schluss, dass eine globale Wirksamkeit aller homöopathischen Arzneimittel bei allen Indikationen nicht nachgewiesen werden kann [15]. Subgruppenana- lysen zeigen aber, dass bei Erkrankungen der oberen Atemwege die Effekte homöopathischer Arzneimittel die eines Placebos statistisch signifikant übersteigen [15].

Die Frage, ob und in welchem Maße die homöopathischen Arzneimittel zum Gesamterfolg der homöopathischen Behandlung beitragen, ist daher sicherlich nicht eindeutig, und vor allem nicht undifferenziert, zu beantworten, auch wenn dieses in einer völligen Überinterpretation der Datenlage immer wieder geschieht [16]. Die Behauptung, die Homöopathie wirke, aber nicht ihre Arzneien, ist somit wissenschaftlich nicht haltbar. Stattdessen ist dringend geboten, die Forschung zur Homöopathie zu intensivieren, um zu verstehen, welche Elemente der homöopathischen Therapie (Arzt, Patient, Arznei, Setting und ihre jeweiligen Wechselwirkungen) ihre unbestreitbaren Behandlungserfolge determinieren. Wissenschaftliche Aussagen zu homöopathischen Arzneien sind nicht nur äußerst kritisch zu überprüfen, wie es die DPhG in Ihrer Stellungnahme fordert [17], sie sind zunächst erst einmal aus der klinischen Forschung zu generieren!

Dabei kann auf einen beträchtlichen Wissensstand aus der Grundlagenforschung zurückgegriffen werden: In einer Bilanz für die WHO hat die Carstens-Stiftung im vergangenen Jahr erhoben, dass es über 1.000 Versuche aus der experimentellen Grundlagenforschung gibt (davon 93 % mit positivem Ergebnis für die Homöopathie).

Es muss den unvoreingenommenen Beobachter daher erstaunen, wie die DPhG als wissenschaftliche Fachgesellschaft aus dem Bereich der Biowissenschaften ohne Würdigung der internationalen Literatur zur Auffassung kommen kann, dass homöopathische Arzneimittel per se unwirksam seien.

Zumal die Stellungnahme der DPhG in unmittelbarem Zusammenhang mit der Berichterstattung über die in den Arbeitsgruppen von Frau Prof. Nieber und Herrn Prof. Süß durchgeführten Leipziger Experimente steht [18]. Diese haben sich nicht im luftleeren Raum abgespielt, sondern basieren auf einer Reihe von früheren Forschungsergebnissen: In den von uns identifizierten Experimenten zur Grundlagenforschung handelt es sich in 588 Fällen um Tierversuche, von denen 212 Ratten verwendeten; 53 Versuche erfolgten an isolierten Organen, 60 Experimente untersuchten die auch in Leipzig verwendete Substanz Belladonna (bzw. Atropin). Der speziell in Leipzig gewählte Versuchsansatz, die isometrische Kontraktion des isolierten Ratten-Ileums, ist unabhängig voneinander bereits von mehren Autoren [19-23] verfolgt worden, wobei der Ansatz von Cristea [21] bis in Details dem Leipziger Ansatz entspricht; Cristea konnte dabei auch für sog. homöopathische Hochpotenzen Effekte des Arzneimittels nachweisen.

Schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es auch im Bereich der Veterinärmedizin weit über 100 randomisierte Therapiestudien zur Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel gibt (von denen 55 % positiv verlaufen sind). Placeboeffekte sind in diesem Bereich sicherlich nicht auszuschließen. Wie sich aber die von der DPhG beschworene persönliche Zuwendung, die Überzeugung und der Glaube (!) im Schweinestall unter den Bedingungen der modernen Massentierhaltung an mehr als 4.000 Tieren ,verabreicht über das Trinkwasser, unter Doppelblindbedingungen gegenüber Placebo bzw. Antibiotika durchsetzen kann [24], ist jedenfalls höchst erklärungsbedürftig.


Literatur

1.Clover A: Patient benefit survey: Turnbridge Wells Homoeopathic Hospital. Brit Hom J 2000;89(2):68-72.

2.Sevar R: Audit of outcome in 829 consecutive patients treated with homeopathic medicines. Brit Hom J 2000;89(4):178-187.

3.Steinsbekk A, Lüdtke R: Patients’ assessments of the effectiveness of homeopathic care in Norway: A prospective observational multicentre outcome study. Homeopathy 2005;94:10-16.

4.Spence DS, Thompson EA, Barron SJ: Homeopathic treatment for chronic disease: a 6-year, university-hospital outpatient observational study. J Altern Complement Med 2005;11(5):793-8.

5.Witt CM, Lüdtke R, Baur R, Willich SN: Homeopathic medical practice: Long-term results of a cohort study with 3981 patients. BMC Public Health 2005;5:115.

6.Witt C, Keil T, Selim D, Roll S, Vance W, Wegscheider K, Willich SN: Outcome and costs of homoeopathic and conventional treatment strategies: a comparative cohort study in patients with chronic disorders. Complement Ther Med 2005;13(2):79-86.

7.Taylor MA, Reilly D, Llewellyn-Jones RH, McSharry C, Aitchison TC: Randomised controlled trials of homoeopathy versus placebo in perennial allergic rhinitis with overview of four trial series. BMJ 2000;321:471-476.

8.Lüdtke R, Wiesenauer M: A metaanalysis on the pollinosis treatment with homeopathic preparations of Galphimia glauca. Wien Med Wochenschr 1997;147:323-327.

9.Jacobs J, Jonas WB, Jimenez-Perez M, Crothers D: Homeopathy for childhood diarrhea: combined results and metaanalysis from three randomized, controlled clinical trials. Pediatr Infect Dis J 2003;22(3):229-234.

10.Fisher P: An Experimental Double-blind Clinical Trial Method in Homoeopathy - Use of a Limited Range of Remedies to Treat Fibrositis. Brit Hom J 1986;75(3):142-147.

11.Fisher P, Greenwood A, Huskisson EC, Turner B, Belon P: Effect of Homoeopathic Treatment on Fibrositis (Primary Fibromyalgia). BMJ 1989;299:365-366.

12.Bell IR, Lewis DA, Brooks AJ, Schwartz GE, Lewis SE, Walsh BT, Baldwin CM: Improved clinical status in fibromyalgia patients trated with individualized homeopathic remedies versus placebo. Rheumatology 2004;43:577-582.

13.Barnes J, Resch KL, Ernst E: Homeopathy for Postoperative Ileus? - A Meta-Analysis. J Clin Gastroenterol 1997;25(4):628-633.

14.Vickers AJ, Smith C: Homoeopathic Oscillococcinum for preventing and treating influenza and influenza-like syndromes. Cochrane Database Syst Rev 2004(1):CD001957.

15.Shang A, Huwiler-Muntener K, Nartey L, Juni P, Dorig S, Sterne JA, Pewsner D, Egger M: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. Lancet 2005;366(9487):726-32.

16.The end of homoeopathy. Lancet 2005;366(9487):690.

17.Holzgrabe U, Dingermann T, Schubert-Zsilavecz M, Mohr K: DPhG-Statement: Homöopathie wirkt, aber nicht die homöopathische Arznei. Deutsche Apotheker Zeitung 2005;145(44):5824.

18.Homöopathischer Wirksamkeitsnachweis: Wirkung ohne Molekül. Deutsche Apotheker Zeitung 2005;145(44):5822-5824.

19.Wurmser L: Action des faibles doses de butelline sur l'intestin isolé de rat. C R Séances Soc Biol 1947;141:15-17.

20.Cristea A: Recherches pharmacodynamiques expérimentales concernant des dilutions homéopathiques de Belladone. Homéopathie francaise 1991;79(6):20-22.

21.Cristea A: Experimental pharmacological researches concerning vegetal extracts in high dilutions - II. Belladonna, at a very wide scale of dilutions, in vitro, on isolated rat duodenum. In: Taddei-Ferretti C, Marotta P, editors. High Dilution Effects on Cells and Integrated Systems: Vol. 3 Biophysics. Singapore: World Scientific; 1998. p. 200-207.

22.Cristea A, Nicula S, Darie V: Pharmacodynamic Effects of Very High Dilutions of Belladonna on the Isolated Rat Duodenum - A pharmacological study of high dilution effect. In: Bastide M, editor. Signals and Images - Selected Papers from the 7th and 8th Giri Meeting. Dordrecht; Boston; London: Kluwer; 1997. p. 161-170.

23.Sukul NC, Zaghlool HA: Effect of two homoeopathic drugs, Agaricus muscarius and Nux vomica on the isolated ileum of rats. Sci Cult 1990;56:254-258.

24.Albrecht H, Schütte A: Homeopathy versus antibiotics in metaphylaxis of infectious diseases - A clinical study in pig fattening and its significance to consumers. Altern Ther Health Med 1999;5(5):64-68.


Dipl.-Stat. R. Lüdtke
Dr. rer. nat. H. Albrecht

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