|
Von seinem Erscheinungstag an erweist sich das Buch „Die Andere Medizin“ der Stiftung Warentest und dessen illustren Autorinnen- und Schlussgutachter-Team weit mehr als rätselhaftes Medienphänomen, denn als auch nur einigermaßen brauchbarer medizinischer Ratgeber. Zwischen dem Ende der Pressekonferenz, auf dem das Buch Ende September 2005 präsentiert wurde, und dem Redaktionsschluss für die Zeitungen des nächsten Tages verblieben zur Manuskriptabgabe nur wenige Stunden, und so konnte keiner der Journalisten das Buch auch nur oberflächlich adaptiert geschweige denn gelesen haben. Grundlage der Berichterstattung waren also die von der Stiftung Warentest verteilten „Waschzettel“ und die ergänzenden mündlichen Erläuterungen, weit mehr als die verteilten Rezensionsexemplare. Und das Verdikt fiel anderntags ebenso einhellig wie einseitig aus: Etwa 70 Prozent der komplementären und alternativen Heilverfahren tau- gen nichts, beruhen bestenfalls auf Placebo-Effekten oder anderen dubiosen Suggestionen der Behandler. Das war der Stoff, aus dem die reißerischen Schlagzeilen der Boulevardpresse aufgemacht wur- den.
Unrealistischer und unseriöser Deutungsanspruch Dabei hätte eine einzige Behauptung zu Beginn des Buches zur Vorsicht mahnen müssen. „Der hier beschriebene Erkenntnisstand“ – so heißt es dort – „ist der zuverlässigste, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zur Verfügung stand. Auf ihm beruhen die Beurtei- lungen zur Eignung der Verfahren.“ (S. 22) Allein den 31. Januar 2005 als Redaktionsschluss will man als Erkenntnisgrenze gelten lassen. Ein solcher Anspruch dürfte in einer Zeit, in der seriös arbeitende Wissenschaftler nur Teile ihres Fachgebiets voll über- blicken können, ziemlich einmalig sein. Und wie zuverlässig der Erkenntnisstand der Enthüllungsjournalistinnen Krista Federspiel und Vera Herbst ist, zeigt ein kleines Beispiel: Der Begriff der Ordnungs- therapie sei angeblich „um 1900 von dem Schweizer Oskar Bircher- Benner geprägt“ und von Pfarrer Kneipp „um Gesichtspunkte aus Religion, Ethik und Moral, wie sie der damaligen Zeit entsprachen“, ergänzt worden (S. 46). Tatsächlich hat der Schweizer Naturarzt Dr. Max Bircher-Benner sein Konzept der „Ordnungsgesetze des Lebens“ im Jahre 1937 im Auftrag der britischen Food Education Society in einer Vortragsreihe in London öffentlich gemacht, und da war der Wasserdoktor aus Bad Wörishofen schon 40 Jahre tot. Aber mit derart obskuren Behauptungen richtet man bei Lesern höchstens Verwirrung, aber wenigstens keinen Gesundheitsschaden an.
Gefährliche Fehler im Detail Ganz anders verhält es sich da mit anderen Behauptungen, deren Gefährlichkeit und rechtliche Bedenklichkeit sich nicht so leicht durchschauen lassen, etwa dass man das Fieber induzierende, in Deutschland nicht zugelassene Injektionsmittel Picibanil „auf ärztliche Verschreibung aus Japan . . . importieren“ könne. Bei näherer Prü- fung dieser obskuren Empfehlung stellt man fest, dass dieses Streptokokken-Präparat in Ostasien unter dem Namen OK-432 als Krebsmittel der wissenschaftlichen Medizin (und keineswegs irgend- eines der alternativen Heilverfahren) eingesetzt wird. In einer japanischen Studie von Yamaguchi et altera aus dem Jahre 2000 heißt es etwa, dass „Fiebererhöhung bei 93 Prozent der Patienten“ auftrete. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf ein Mittel zur Fieber- therapie und folglich gibt es wohl auch keine Dosierungsanleitung für diesen Zweck (abgesehen davon, dass der Beipackzettel auf Japa- nisch von deutschen Ärzten und Apothekern nur schwer zu entziffern sein wird). Und wie verhängnisvoll falsche Dosierungen zur aktiven Fieberinduktion sein können, zeigt der Todesfall eines elfjährigen Jungen, der wegen eines Dosierungsfehlers starb – ein Fall, der wegen des Kunstfehlers im Jahre 1993 vom Bundesgerichtshof rechtsgültig entschieden werden musste.
Falsche Zuordnung zur Alternativmedizin Ähnlich obskur ist die Darstellung der aktiven Fiebertherapie des österreichischen Nobelpreisträgers und Rassehygienikers Julius Wagner-Jauregg (S. 147). Dieser habe durch Injektionen „immer wieder anderer Bakterien“ bei „psychisch erkrankten Patienten, die gleichzeitig Malaria – eine Krankheit mit wiederholten Fieberschüben – hatten“, „Besserungen registriert“. Eine Antwort, wo der Leiter einer Wiener Irrenanstalt im Jahre 1917 Malaria-Patienten in aus- reichender Anzahl für seine Menschenversuche auftrieb, bleiben die Autorinnen den erstaunten Lesern schuldig. Tatsächlich behandelte Wagner-Jauregg Patienten, die unter Progressiver Paralyse, einer Spätfolge der Syphilis, litten, mit Malaria-Erregern. Dafür bekam er 1927 den Nobelpreis. Das Verfahren hat er u. a. 1931 im „Handbuch der experimentellen Therapie“ unter dem Titel „Verhütung und Be- handlung der Progressiven Paralyse durch Impfmalaria“ beschrieben.
Gleichwohl sprechen die Autorinnen ihrer Fehlinterpretation der Behandlungsmethode Wagner-Jaureggs (die ebenso wie die Picibanil- Anwendung keine alternative Medizin, sondern seit Jahrzehnten obsolet gewordene Schulmedizin ist) „Ansätze einer wissenschaftli- chen Plausibilität“ zu. Und unter „Plausibilität des Konzepts“, der sie jedes der mehr als 50 aufgeführten Heilverfahren als Bewertungskri- terium unterziehen, verstehen sie „die Idee, die hinter dem Konzept des Verfahrens steckt“. Was macht es da schon, dass der Komple- mentärmedizin-Professor Edzard Ernst im Jahre 1997 im Deutschen Ärzteblatt geschrieben hatte: „Fest steht, dass bei weitem nicht alles, was in der Medizin therapeutisch eingesetzt wird und wurde, auf einem plausiblen Rationale basiert. Wer von uns würde davor zurückschrecken, beispielsweise Acetylsäure einzusetzen, wenn fest stünde, dass damit Krebs geheilt werden kann, ohne dass über den Mechanismus einer solchen Wirkung auch nur das Geringste bekannt wäre? Was in der klinischen Medizin letztlich zählt, ist also nicht die Plausibilität, sondern der Wirksamkeitsnachweis.“ (in dem Aufsatz „Homöopathie: Argumente und Gegenargumente“). Aber was irritiert einen „Weltklassewissenschaftler“, als der sich Ernst gerne bezeich- nen lässt, seine längst in die Veröffentlichungslisten hinabgesun- kenen früheren Arbeiten? Und andere werden’s schon nicht merken!
Keine Quellenangaben, dafür fehlerhafte Zitate Oder eine andere Kostprobe, des „zuverlässigsten Erkenntnisstan- des“, den die Stiftung Warentest habhaft werden konnte, diesmal der Schmerzbehandlung mit Hypnotherapie: „Eine Überprüfung und Neuauswertung der Daten von Studien zur Schmerztherapie mit Hypnose fasst 18 Studien zusammen und kommt nun zu dem Schluss, dass durch Hypnose Schmerzen gesenkt werden können. Diese Ergebnisse müssen nochmals überprüft werden, bevor die Wirksamkeit nachgewiesen werden kann.“ (S. 178). Also eine Über- prüfung der Überprüfung wird verlangt. Aber obwohl in dem Buch der Stiftung Warentest absolut keine einzige Quelle genannt wird, konnte die Studie in der Medline-Datenbank ausfindig gemacht werden; es handelt sich um „A meta-analysis of hypnotically induced analgesia: how effective is hypnosis?“ von Montgomery et altera aus dem Jahre 2000 (Int J Clin Exp Hypn.), und dort heißt es: „Die Metaanalyse von 18 Studien verdeutlicht einen maßvollen bis großen hypnoanalgeti- schen Effekt, welcher die Wirksamkeit hypnotischer Techniken des Schmerzmanagements unterstützt. . . . Das Gesamtergebnis legt eine umfassendere Anwendung hypnoanalgetischer Techniken bei Schmerztherapie nahe.“ Von Überprüfung der Überprüfung der – sonst als hohe Wissenschaft gepriesenen Metaanalysen ist also keine Rede. Aber wer würde wohl die vielen teuren Schmerztabletten noch schlucken wollen, wenn solches als Wissenschaft Allgemeinkenntnis werden sollte? Die Arbeitsplätze würden nicht nach Osteuropa ver- lagert werden, sondern ganz entfallen – und so unsolidarisch können doch nicht einmal die unter Schmerzen leidenden Mitbürger sein.
Kneipp: Mitarbeiter distanziert sich von Prof. Edzard Ernst Aber auch die Kneipptherapie fällt fast vollständig durch. „Die Wirksamkeit der Kneipptherapie als Gesamtmethode (ist) nicht belegt. Ihre Risiken sind gering. Eine Nutzen-Risiko-Abwägung fällt dennoch insgesamt eher negativ aus. Kneipptherapie als Ganzes ist wenig geeignet zur Therapie von Erkrankungen und Beschwerden.“ Diese Abqualifikation setzte ganz Bad Wörishofen so in Aufregung, dass das dort ansässige Europäische Gesundheitszentrum für Naturheilverfahren zu einer Tagung Ende Januar 2006 einlud, zu der auch Max Pittler, Mitarbeiter von Schlussgutachter Ernst an der Universität Exeter, in den Allgäuer Heilkurort anreiste. Und dort hat er sich dann zur Beruhigung der Tagungsteilnehmer und des örtlichen Tourismusbüros von der Warentest-Bewertung distanziert. Dass Pittler trotzdem Mitarbeiter von Ernst geblieben ist, gibt mittlerweile Anlass zu seltsamen Spekulationen unter vorgehaltener Hand.
Ignoranz über die Wissenschaft und ihre Umkehrung Unter Autointoxikation versteht man einen Vergiftungszustand, bei dem im Körper selbst, meistens im Darm, gebildete Gifte die Ursache von Krankheiten sind. Das sei – so meinte Ernst im Jahre 1997 – „ein Triumph der Ignoranz über die Wissenschaft“ („Colonic irrigation and the theory of autointoxication: a triumph of ignorance over science“, J Clin Gastroenterol., June 1997). Und so fällt dann auch die Bewer- tung im Buch der Stiftung Warentest im Kapitel über Kolonhydrothe- rapie aus. Pech für die Autoren der Stiftung, dass Williams et altera von der University of Birmingham ganz aktuell (aber noch vor dem 31. Januar 2005 als Redaktionsschluss) darauf hinwiesen, dass die Parkinsonsche Krankheit die erste bekannte neurologische Krankheit sein könnte, die auf Autointoxikation beruht. („Autotoxicity, methy- lation and a road of prevention of Parkinson’s disease, J. Clin Neuro- sci Jan 2005 / „Parkinson’s disease: the first common neurological disease due to autointoxication?”, QJM, Mar. 2005). Es scheint, dass der Triumph der Ignoranz über die Wissenschaft gerade seine Um- kehrung erfährt.
Das alles wird von Christian Ullmann, promovierter Wissenschafts- theoretiker und langjähriger Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, in seinem Buch „Fakten über die ‚andere Medizin’ – Zur Kritik der Stiftung Warentest an den komplementären und alternativen Heil- verfahren (CAM)“ auf rund 250 Seiten dokumentiert. Die zum Teil absurden Zerrbilder, welche das Autoren/Schlussgutachterteam der Stiftung Warentest zeichnen, könnten beliebig fortgesetzt werden; aber das würde den Rahmen einer Rezension sprengen, und deshalb muss auf die Originaldarstellung verwiesen werden. Einen Eindruck über die Bandbreite der bedenklichen Darstellungen im Buch der Stiftung Warentest mag das angefügte Inhaltsverzeichnis des Buchs von Christian Ullmann bieten.
|
|