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Mir schiene, der einzige vernünftige und gangbare Weg wäre folgender: Ein völlig unverfängliches und neutrales Mitglied der Forschungsgemeinde sollte, mit den Vorwürfen der Kritiker gerüstet, die Autoren in einem persönlichen Gespräch um Aufklärung der entscheidenden Punkte bitten. Die entscheidenden Punkte sind aus meiner Sicht weder die Frage, warum Homöopathie untersucht worden ist, noch die Frage, warum dieses Modell verwendet worden ist, noch die Frage, ob es a priori sinnvoll sein kann oder nicht, eine solche Untersuchung anzustellen. Die entscheidenden Punkte sind vielmehr folgende:
1. Wurden die Untersuchungen verblindet vorgenommen, ja oder nein?
2. Wurden in den publizierten Daten alle Versuche berichtet? Wenn nein, aus welchen Gründen wurden andere Daten nicht berichtet? An dieser Stelle ist es vielleicht nützlich im Auge zu behalten, dass es allerorten üblich ist, Pilotdaten und erste Versuche beiseite zu legen, um anschließend entscheidende Experimente zu machen. Die hier zu klärende Frage ist, ob aus den entscheidenden Experimenten Datensätze abhanden gekommen sind bzw. absichtlich selektiert worden sind, um ein positives Ergebnis zu erzeugen oder nicht.
3. Wurden die vermeintlich nur auf die Verum-Präparate bezogenen Datenselektionen insgesamt vorgenommen, und wenn ja, was war der Grund hierfür? Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass Windsorisierungen oder Bereinigungen von Datensätzen durch Transformationen bzw. durch Weglassen von Ausreißern eine in allen Wissenschaftszweigen übliche Praxis ist, um Mittelwerte in einem vergleichbaren und durch Statistik abbildbaren Rahmen zu halten. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Daten weggelassen worden sind, sondern ob die Strategie allgemein angewandt worden ist, also auch für Kontrolldaten.
Diese drei Punkte - Experimentalselektion, Verblindung, Datenselektion - sind die entscheidenden und einzig kritischen Punkte in der gesamten Kritik. Sie sind aus meiner Sicht aufgrund der vorliegenden Information nicht gut zu beurteilen und können letztlich nur von den Autoren in einem offenen Gespräch erklärt werden. Ich denke, der einzig sinnvolle Beitrag in dieser Debatte ist, jemanden einzuschalten, der bereit ist, mit den Autoren genau diese drei Fragen zu klären und so zu einer Versachlichung der Diskussion beizutragen. Anwürfe, die von apriorischen Annahmen, von dogmatischen und doktrinären Vorgaben ausgehen, sind aus meiner Sicht in dieser Gesamtdebatte absolut hinderlich und führen nur zu einer weiteren Verhärtung von Fronten und nicht zu einer Aufklärung. Und ich wiederhole noch einmal: Die Einheit der Analyse ist kein einzelnes Experiment einer Arbeitsgruppe, sondern kann immer nur die Frage sein, ob bestimmte Datensätze und experimentelle Paradigmata über mehrere Experimente hinweg und auch von anderen Arbeitsgruppen durchgeführt replizierbar sind oder nicht. Zu dieser entscheidenden Frage kann es erst kommen, wenn andere Arbeitsgruppen sich dieses Themas annehmen. So lange dies nicht geschehen ist, ist eine überhitzte Diskussion eines einzigen Experiments ein Sturm im Wasserglas, der noch dazu eine völlig überflüssige Kräftevergeudung darstellt.
Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass ich aus völlig anderen Gründen ebenfalls sehr skeptisch bin, ob sich diese Experimente als replizierbar erweisen. Es würde mich nicht wundern, wenn erste Experimente dieser Art genau solche Effekte produzieren, wie sie von den Autoren berichtet worden sind. Es würde mich allerdings sehr wundern, wenn es möglich wäre, diese Experimentalreihen stabil zu reproduzieren. An diesem einzigen Punkt bin ich mit den Autoren der Kritik absolut einverstanden, aber aus vollkommen konträren theoretischen Gründen. Ich bin nämlich der Meinung, dass sich solche Effekte sehr wohl zeigen lassen. Die homöopathische und andere Literatur ist voll von sehr vielen Abweichungen, die nicht auf bewussten Irrtum oder Irreführung der Öffentlichkeit zurückzuführen sind. Sie sind aber meistens in reproduzierbaren Experimentalserien nicht weiter nachweisbar oder verändern ihre Datenstruktur. Dies ist aus meiner Sicht nicht die Signatur eines fehlerhaften experimentellen Herangehens, sondern Zeichen einer Kategorie von Effekten, die wir noch viel zu wenig verstehen. Ich bin der Meinung, dass sie Hinweis auf nichtlokale Kopplung in makroskopischen Systemen sind, von denen wir nicht einmal im Ansatz verstehen, was sie bedeutet, wie sie zustande kommt und in welcher Weise sie relevant sein kann. Nur ein unvoreingenommener phänomenologischer Umgang mit den Daten wird uns über diese Effektkategorie etwas lehren können bzw. wird uns zeigen können, ob diese Effekte überhaupt von Belang sind. So lange die Diskussion um die Frage kreist, ob die Effekte homöopathischer Verdünnungen und Potenzen lokale kausale Signale sind oder nicht, wird genau dieses möglicherweise entscheidende theoretische Element übersehen werden. Und genau in diesem Sinne plädiere ich für einen entkrampften und ausgewogenen Dialog.
Ich hoffe, diese Ausführungen helfen weiter und verbleibe mit herzlichen Grüßen,
Prof . Dr. Dr. Harald Walach, Dipl.-Psych.
Nachtrag der Redaktion:
Dieser Beitrag entspricht dem Stand Mai 2005. Aus Gründen der chronologischen Dokumentation soll er hier zunächst online bleiben. Den aktuellen Stand der Diskussion und Auseinandersetzung können Sie der Seite Nieber & Süß entnehmen.
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