Energetische Psychologie:
Die Psychotherapietechnik des 21. Jahrhunderts oder eine kulturfremde Provokation?

Von Dr. Michael Bohne

Seit einigen Jahren verbreiten sich einige Psychotherapietechniken, die sich allesamt mit dem aus der traditionell chinesischen Medizin bekannten Meridian- und Akupunktursystem beschäftigen. Die zzt. bekanntesten und am weitesten verbreiteten dürften EDxTM (Energy Diagnostic and Treatment Methods von Fred Gallo); EFT (Emotional Freedom Technique von Gary Craig), NAEM (Negative Affect Erasing Method von Fred Gallo) und TFT (Thought Field Therapie von Roger Callahan) sein. Die Methoden eint, dass zur Behandlung das Meridiansystem durch Klopfen oder Berühren der Akupunkturpunkte beeinflusst wird. Sie eint auch, dass das zu behandelnde Thema vorher herausgearbeitet, bzw. fokussiert werden muss (was häufig die eigentliche Kunst darstellt). Die Methoden unterscheidet, dass bei den jeweiligen negativen Gefühlszuständen unterschiedliche Akupunkturpunkte geklopft werden und auf verschiedene Art und Weise störende Glaubenssätze oder negative Lebensüberzeugungen, die als „Psychische Umkehrung“ bezeichnet werden, behandelt werden.

Einige Techniken beklopfen, bzw. behandeln die betreffenden Punkte „pauschal“ (EFT, NAEM, TFT) andere Techniken (EDxTM) diagnostizieren vorher, unter anderem durch einen aus der Applied Kinesiology kommendem Muskeltest, die zu behandelnden Punkte und Glaubenssätze. EFT, NAEM und TFT eignen sich auch sehr gut als Selbsthilfetechniken, EDxTM braucht einen Behandler, da das zu behandelnde Problem vorher genau diagnostiziert wird.

Unabhängig davon sind all diese Techniken nach den jetzigen Erfahrungen und Beobachtungen sehr wirksam, wenngleich aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht geklärt ist, wie diese Techniken wirken und ob es Wirkunterschiede zwischen ihnen gibt. Es ist auch vorstellbar, dass es gar nicht so sehr die Beeinflussung des Energiesystems ist, die wirkt, sondern eine sehr geschickte und intelligente Aneinanderreihung verschiedenster Aktivierungen im Gehirn (Problem aktivieren, an verschiedenen Lokalitäten Klopfen, Summen, Zählen, Summen, Augenrollen, Sätze sprechen, ins Problem spüren, wieder aktiv sich selbst (be)handeln, also Klopfen, usw.). Die zukünftigen wissenschaftlichen Untersuchungen werden hierüber sicherlich Aufschluss geben. Erste wissenschaftliche Pilotstudien kommen zu gleichen Ergebnissen, wie die Beobachtungen und Erfahrungen der Anwender.

Egal wie diese Techniken wirken, man kann wohl davon ausgehen, dass sie in gut ausgebildeten Händen ein hohes Wirkpotential haben. Die Selbsthilfetechniken, hier vor allem EFT, NAEM und TFT lassen sich aufgrund der Standardisierung des Behandlungsablaufes auch gut zur Selbstbehandlung nutzen. Allen Techniken gemein ist jedoch, dass es sich nicht um Psychotherapiemethoden handelt, sondern um ergänzende Techniken. Eine Psychotherapiemethode hat ein ausgefeiltes Erklärungsmodell für das Zustandekommen von psychischen Störungen und Problemen, sowie ein explizites Menschenbild. Sie beschreibt auch wie die unterschiedlichen Symptome und Gefühle in Beziehung zueinander und zur Persönlichkeit des betreffenden Menschen stehen und welche Rolle oder Position der Mensch innerhalb seines Systems einnimmt, bzw. wie systemische und über die Generationsgrenzen hinweg wirkende Aspekte die einzelne Persönlichkeit und den Heilungsverlauf beeinflussen können.

Selbsthilfe versus professionelle Behandlung

Wenn man unter klar umschriebenen negativen Gefühlen wie z.B. Ängsten, Scham, Eifersucht, Ärger oder Neid leidet, dann können die Selbsthilfetechniken ohne großen Aufwand in vielen Fällen sehr schnell sehr gut helfen. Hat man jedoch komplexere Probleme, weiß man vielleicht gar nicht woran man genau leidet oder ändert sich durch die Selbstbeklopfung nichts, so sollte man jemanden aufsuchen, der professionell in Psychotherapie ausgebildet ist und darüber hinaus eine der neuen energetischen Psychotherapieverfahren beherrscht. Sollten Sie auch dort keinen Fortschritt machen, sollten Sie ggf. darauf achten, dass derjenige auch in EDxTM ausgebildet ist. Dies ist eine sehr differenzierte Diagnostik- und Behandlungstechnik, mit der sich auch sehr verborgene Blockaden gut auffinden und auflösen lassen. Allerdings sollten Sie bei allen „Anbietern“ skeptisch sein, wenn diese Heilsversprechungen machen. Trotz all dieser neuen hochwirksamen Zusatztechniken, gibt es immer noch Menschen und wird sie immer geben, die Monate bis Jahre benötigen, bis es ihnen wirklich besser geht. Manche Veränderung braucht eben Zeit. Das bleibt auch nach Entdeckung der energetisch wirksamen Techniken so. Allerdings könnte es durchaus sein, dass Sie, wenn Sie z.B. viele traumatische Erlebnisse hatten, oder in einem sehr feindseligen Elternhaus ohne verlässlich Beziehungspersonen aufgewachsen sind, viele Dutzend Therapiestunden sparen, wenn in der Therapie auch die energetischen Techniken genutzt werden.

Und es gibt sie wirklich. Die an Wunderheilung grenzenden schnellen Veränderungen, die von vielen Anwendern beschrieben werden und die sich durch eine einzige wenige Minuten dauernde Behandlung ergeben, z.B. bei Ängsten oder traumatischen Erinnerungen. Allerdings wohl nur dort, wo die Persönlichkeit des betreffenden nicht zu sehr gestört, bzw. betroffen ist. Und noch etwas bleibt zu beachten. Es gibt in allen Methoden und Techniken gute und nicht ganz so gute Therapeuten. Auch die energetischen Techniken werden von einigen Therapeuten besser als von anderen eingesetzt. Auch bleibt es wichtig, dass Sie vertrauen zu dem Therapeuten haben können, die therapeutische Beziehung ist nach wie vor wirksam, egal bei welcher Technik oder Methode. Sie sollten sehr skeptisch sein, wenn jemand andere Techniken oder Therapiemethoden entwertet oder zum Besten gibt, alles ausschließlich mit energetischen Techniken zu behandeln. Was wäre das für ein Handwerker, der sein bisheriges Werkzeug wegwirft nur weil er ein sehr gutes und wirksames Spezialwerkzeug neu dazu bekommen hat.

Ablauf einer Behandlung mit energetisch wirksamen Techniken

Wie sieht denn nun so eine Behandlung aus? Der Klient klopft auf verschiedenen Akupunkturpunkten seines Körpers herum, rollt mit den Augen, summt, zählt, summt – und spricht ungewöhnlich klingende Sätze nach, ggf. während der Behandler auf seinen ausgestreckten Arm drückt, dieser nach dem Aussprechen der vorgegebenen diagnostischen Sätze bisweilen stark, dann wieder schwach reagiert. Nach diesem ungewöhnlich anmutenden Procedere hat sich plötzlich etwas Wesentliches in der emotionalen Reaktion auf zuvor belastende Gedächtnisinhalte verändert. Die Veränderung vollzieht sich meist so schnell, dass das Gehirn des Klienten (und bisweilen das der Therapeuten) Mühe hat, sich das Geschehen zu erklären, es nachzuvollziehen, zu glauben und zu integrieren.

Wenngleich diese Techniken faszinierend hinsichtlich ihrer Schnelligkeit und Wirksamkeit sind, so verlangen sie doch einiges von uns ab. Sie sind insofern für die meisten Menschen eine kulturelle Provokation, da die meisten wohl wenig bis keine Referenzerfahrung im übrigen Leben mit dem Beklopfen ihres Körpers zur Problembewältigung haben. Auch lieb gewordene und vielfach bestätigte Überzeugungen und Erkenntnisse über die Entstehung und Behandlung von psychischen Problemen müssen im Lichte dieser Technik neu überdacht werden.

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(C) Dr. Michael Bohne 2005