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Techniken, Methoden und Erklärungsmodelle in den angewandten Wissenschaften und im Alltag sind stark abhängig von übergeordneten, die Menschheit bewegenden Themen und Strömungen. Dies muss so sein, da wir Menschen mit unserem Gehirn eben nicht losgelöst vom großen Ganzen sind. Daher überrascht es nicht, dass plötzlich die Nutzung von natürlich vorkommenden Energien in der Psychotherapie an Attraktivität gewinnt. Dies in einer Zeit, in der sich große Teile der Gesellschaften weltweit der Grenzen unserer Energieressourcen wirklich bewusst werden, selbst konservative Politiker die Wichtigkeit der erneuerbaren Energieformen betonen und der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore erst mit seiner Ökotainment-Show die Welt belehrt und dann noch den Friedensnobelpreis für seine Ökoaktivitäten erhält.
Was für Freud und das 20. Jahrhundert die Heilmethode der Psychoanalyse war, könnte vielleicht für uns am Anfang des 21. Jahrhunderts in gewisser Weise die Energetische Psychologie werden. Beides sind wirkliche Paradigmenwechsel. Freud führte das Unbewusste in das Denken der Menschen seiner Zeit und in die psychotherapeutische Behandlung ein, die Energetische Psychologie das Phänomen Energie (6) .
Möglicherweise rührt die Attraktivität der Energetischen Psychologie aber auch von ihrer im positiven Sinne gemeinten Einfachheit und ihrem Selbsthilfepotenzial her.
Wir leben in einer extrem komplexen Welt, und die Psychowissenschaften haben eine Komplexität erreicht, die von einem Menschen allein gar nicht mehr verstanden werden kann. Es erscheint unmöglich, alle psychodynamischen, behavioralen, kognitiven, hypnotherapeutischen, systemischen, transgenerationalen, transpersonalen, neurobiologischen, psychoimmunologischen und traumarelevanten Aspekte eines Menschen und seiner Problematik bzw. seines Leidens gleichzeitig zu berücksichtigen. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass das Gehirn eines Klienten nur ein Teil seines Körpers ist und auch im übrigen Körper manchmal der Grund dafür liegen kann, dass sich psychotherapeutisch nichts oder zu wenig bewegt.
Und nun kommt eine neue Technik daher, die alles Leid als blockierten Energiefluss erklärt und auch bezüglich der Veränderungsmaßnahmen eine überschaubare Anzahl an Tools und Techniken bereitstellt. Na, wenn das nicht begeistert.
Doch Vorsicht. Ist denn da wirklich alles neu und kulturfremd, was unter der Flagge der Energetischen Psychologie segelt?
Mein Anliegen ist es, zunächst das Bekannte im Unbekannten zu erkennen und erst zum Schluss die Aufmerksamkeit auf das Neue zu richten. Wenn ich also die Energetische Psychologie untersuche, dann suche ich zunächst nach mir bekannten und bereits bewährten Elementen. Diese gilt es darzustellen. Danach bleibt immer noch genug Raum für das Neue, das Unbekannte, das Ungewöhnliche, ja das vielleicht Nichterklärliche. Auch deshalb kann es interessant sein, ein wenig in die Entstehungsgeschichte der Energetischen Psychologie zu schauen.
2. Wurzeln der Energetischen Psychologie
Die Beobachtung, dass sich über die Stimulation von Akupunkturpunkten auch Emotionen therapeutisch verändern lassen, ist im Grunde so alt wie die Akupunktur selbst, also ca. 5000–6000 Jahre. Emotionen werden in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als „Bewegungen des Qi der Organe“ bezeichnet (7) und waren immer nur ein Teil einer Gesamtdiagnose und -behandlung der TCM. Die Psychotherapie westlicher Prägung gab und gibt es weder im alten noch im neuen China (8).
Der enorm innovative US-amerikanische Arzt und Chiropraktiker George Goodheart war es, der in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts das alte Wissen der TCM mit verschiedenen manualtherapeutischen Methoden und dem aus der Physiotherapie kommenden Muskeltest zusammenbrachte. Hieraus entwickelte sich die Applied Kinesiology (AK), jene ganzheitliche ärztliche Behandlungstechnik, in der körperliche Störfelder mittels Muskeltest aufgesucht und mit verschiedensten manualtherapeutischen Techniken behandelt werden. Im Folgenden waren es zwei ungewöhnliche und innovative Psychotherapeuten, die über ihren psychotherapeutischen Tellerrand blickten und sich in Applied Kinesiology fortbildeten. Zum einen war es der australische Arzt, Psychiater und Psychoanalytiker (nach C. G. Jung) John Diamond, der bei George Goodheart die Applied Kinesiology erlernte (9). Zum anderen war es der amerikanische Psychologe Roger Callahan, der sich von Harvey Ross inspirieren ließ und durch einen Kurs in Applied Kinesiology bei David Walther und Robert Bleich die Technik kennenlernte (10). Ferner soll Callahan entscheidende Impulse zur Behandlung von Emotionen wiederum von John Diamond erhalten haben (11). Callahan betrachtete laut Gallo den Großteil seiner Arbeit als „Betriebsgeheimnis“. Er entwickelte ein System, in dem je nach Diagnose ganz konkrete Akupunkturpunkte in einer ganz genauen Reihenfolge beklopft werden mussten, damit sich die Symptome auflösen konnten (Thought Field Therapy = TFT, mehr hierzu siehe S. 29) (12). Gallo selbst, dem wir es neben Gunther Schmidt (aus Heidelberg) zu verdanken haben, dass die Energetische Psychologie in Deutschland in die akademisch sozialisierte Psychotherapie Einzug gehalten hat, hat sich mit den unterschiedlichsten energetischen und kinesiologischen Techniken beschäftigt, später noch bei Callahan gelernt und dann sein eigenes System (EDxTM = Energy Diagnostic and Treatment Methods) (13) entwickelt. Er ist der Vertreter, der sich am ehesten an jenem alten und bekannten ärztlichen Leitspruch orientiert hat: Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt. In seinem System werden die betroffenen Meridiane, die bestwirksamen Behandlungspunkte, die dysfunktionalen Kognitionen und die unbewusste Abwehr (in der EP psychische Umkehrung genannt) mittels verschiedener Testungen, vor allem mittels Muskeltest, ermittelt (mehr dazu siehe S. 32).
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(C) Carl-Auer Verlag 2008
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