Ein weiterer sehr wichtiger Vertreter der Energetischen Psychologie ist der Ingenieur und Coach Gary Craig (14), dem die unterschiedlichen Behandlungsabfolgen von Callahan nicht plausibel erschienen und der die kreative Idee entwickelte, einfach alle Meridiane durchklopfen zu lassen, in der Annahme, dass ja die betroffenen Meridiane und Akupunkturpunkte so in jedem Fall dabei sein würden. Seine Technik, die Emotional Freedom Techniques (EFT), ist im Selbsthilfebereich sicherlich die bislang populärste. Dies liegt außer am professionellen Marketing nicht zuletzt daran, dass EFT stark systematisiert ist und so auch ohne große Vorerfahrung angewandt werden kann. Der Grund dafür mag auch darin zu suchen sein, dass im EFT gewisse omnipotente Heilsversprechungen (nicht nur im Namen Emotionale Befreiung bzw. Freiheit) gemacht werden, die bei Hilfesuchenden natürlich gut ankommen. Dies wiederum ist verständlich, da Gary Craig und viele EFT-Anwender eben keine ausgebildeten Psychotherapeuten sind, sie somit nicht die Differenziertheit und Komplexität vieler Störungsbilder berücksichtigen können. Da die Klopftechniken in einigen Bereichen, wie z. B. bei Ängsten und posttraumatischem Stress, enorme Wirksamkeit zeigen, vermuten viele EFT-Anwender auch bei anderen, weit komplexeren Störungsbildern diese Wirksamkeit, die die Energetische Psychologie jedoch insgesamt zurzeit noch nicht aufweisen kann. Dennoch, EFT stellt einen wichtigen, hilfreichen und wesentlichen Zweig der Energetischen Psychologie, zumindest für den Bereich der Selbsthilfe, dar (mehr hierzu siehe S. 29).

Auf die Dutzenden von anderen energetischen und kinesiologischen Techniken sei hier nicht weiter eingegangen (15). Wichtig bleibt zu erwähnen, dass die Applied Kinesiology, also die Wurzel der Energetischen Psychologie, nicht mit der Angewandten Kinesiologie verwechselt werden darf. Die Applied Kinesiology ist eine Technik, die nur von Ärzten, Zahnärzten und erfahrenen Physiotherapeuten erlernt und ausgeübt werden darf, während die Angewandte Kinesiologie ein Oberbegriff für verschiedene Kinesiologietechniken ist, die man erlernen kann, ohne überhaupt eine medizinische oder psychologische Grundausbildung zu haben (16). Ihre Wurzeln liegen u. a. in der Laienversion der Applied Kinesiology, dem Touch for Health, welches der Arzt John Thie zur Selbsthilfe für medizinisch nicht vorgebildete Menschen entwickelt hat (17). Auch der Muskeltest wird in beiden Disziplinen sehr unterschiedlich durchgeführt und erklärt (siehe hierzu auch S. 32). Ich beziehe mich hier, wenn ich über den Muskeltest schreibe, durchweg auf die Mutterdisziplin der Energetischen Psychologie, die Applied Kinesiology, wenngleich erwähnt werden muss, dass einige der Werkzeuge und Techniken, die heute in der Energetischen Psychologie genutzt werden, ihren Ursprung in den verschiedenen kinesiologischen Methoden haben (18).  Es muss ferner berücksichtigt werden, dass die Grundhaltung in der Applied Kinesiology eine vollkommen andere als in der abendländischen Psychotherapie ist. Nach meiner Beobachtung berücksichtigen die am Körper arbeitenden Therapeuten und Autoren, auch die mit der Applied Kinesiology befassten, die Psyche zu wenig differenziert und haben bisweilen eine eher mechanische Vorstellung von emotionalen, kognitiven und bindungsrelevanten Prozessen. Deshalb verwundert es nicht, dass in der AK meist einzig die Veränderungstechnik NLP als psychotherapeutische Technik empfohlen wird (19).

Psychotherapeuten hingegen bedenken häufig viel zu wenig, welche massiven psychischen Auswirkungen durch (körper)strukturelle, biochemische und ernährungsbedingte Probleme des Körpers entstehen können. Durch sie wird der Körper nicht selten auf ein oft rudimentäres Maß von gesund oder krank reduziert. All die körperlich-funktionellen Fehlsteuerungen, die bereits weit vor manifesten Erkrankungen das emotionale und kognitive Erleben beeinflussen können, werden von Psychotherapeuten auf Grund ihrer fehlenden medizinischen Ausbildung meist erheblich unterschätzt. Ich persönlich glaube, dass beide Seiten von einem Behandler allein auch gar nicht mehr differenziert berücksichtigt werden können, da sich die Bereiche enorm diversifiziert haben und jeweils eine sehr hohe Komplexität aufweisen. Somit sollten wir intensiv kooperieren, was gerade zwischen den Anwendern der Energetischen Psychologie und denen der Applied Kinesiology erfahrungsgemäß für alle Beteiligten (Klienten, Psychotherapeuten und AKler) zu sehr segensreichen Synergien führen kann ...
[Ende der Leseprobe]

(C) Carl-Auer Verlag 2008


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Über Michael Bohne:

Dr. med. Michael Bohne ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Neben der fachärztlichen Weiterbildung in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und Verhaltenstherapie ist er fortgebildet in Systemischer Therapie, Hypnotherapie, EMDR, Struktur- und Familienaufstellung und Energetischer Psychologie. Er ist einer der renommiertesten Ausbilder in Energetischer Psychologie in Deutschland und gefragter Referent auf psychotherapeutischen Tagungen und Kongressen.

Als Auftritts-Coach trainiert er Fernseh- und Radiomoderatoren von ARD und ZDF, Orchestermusiker vieler deutscher Opern- und Sinfonieorchester sowie solistisch arbeitende, international auftretende Opernsänger. Ferner arbeitet er als externer Coach und Management-Trainer für verschiedene Unternehmen, u. a. die VW Coaching Gesellschaft, die NORD/LB und den NDR. Daneben ist er Coach und Berater für die Club of Rome-Schulen Deutschland. Vielfältige Vortrags- und Workshoptätigkeit zum Thema Lampenfieber und Bestleistungsoptimierung, u. a. im Rahmen von Lehraufträgen und Gastdozenturen an verschiedenen Musikhochschulen. Zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Energetische Psychologie und Auftrittsoptimierung.



Dr. med. Michael Bohne
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie


www.dr-michael-bohne.de
www.energetische-psychologie-fortbildung.de





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