Hans-Peter Zimmermann:
Was tun mit “Energie-Vampiren”?

   Ein Power-Leser schreibt:

   Es gibt diese Menschen, die andere mit ihren Problemen
   belästigen, die alles auf andere projizieren, die anderen
   Zeit rauben, sich ständig in den Mittelpunkt stellen (alles
   aus mangelndem Selbstwertgefühl heraus) und die offenbar
   gestärkt aus einer Begegnung herausgehen, in die das
   "Opfer" einseitig SEINE Zeit und Energie gesteckt hat.
   Ich hatte gerade so einen Fall, habe das nun (etwas spät)
   erkannt und bin dabei, die Verbindungen zu lösen. Das wird
   aber möglicherweise nicht ohne "Trouble" über die Bühne gehen.

   Wenn man nun schon mittendrin steckt, weil man es versäumt
   hat, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen (so wie ich kürzlich),
   glaubst Du, daß es dann einen konstruktiven, friedlichen
   Weg gibt, diese Situation umzuwandeln und ein "Win-Win"
   daraus zu machen? Der "Vampir" wird ja höchstwahrscheinlich
   nicht erkennen wollen, was gerade passiert, geschweige denn
   mir meine Energie zurückgeben...

   Meine Antwort:

   "Energie-Vampir" ist ein etwas hartes Wort. Was Du meinst,
   sind Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung.
   Zu Freuds Zeiten hiessen diese Störungen noch Charakter-
   neurosen, und man bezeichnete damit psychische Störungen, die
   tief im Charakter des Betroffenen verwurzelt sind.

   Es ist richtig, dass Menschen mit Persönlichkeitsstörungen
   wie Energie-Vampire wirken, vor allem dann, wenn sich ihre
   Mitmenschen nicht bewusst sind, was da abläuft, und dass es
   sich in Wirklichkeit um eine Krankheit handelt, obschon
   die Betroffenen oftmals keine Krankheits-Einsicht haben,
   sondern bestenfalls wegen sekundären Symptom-Neurosen einen
   Therapeuten aufsuchen.

   Persönlichkeitsstörungen werden grob in drei Hauptgruppen
   (sogenannte Cluster) eingeteilt. Gewisse Störungen sind schwer
   voneinander abzugrenzen und greifen ineinander über:

   Cluster A
   ---------

   - Schizoide Persönlichkeitsstörung.
     Der Schizoide ist "sich selbst genug", lebt zurückgezogen,
     ohne oder fast ohne Beziehungen, mit wenig oder gar
     keinem sexuellen Interesse.

   - Paranoide Persönlichkeitsstörung.
     Der Paranoide stuft die Menschheit allgemein als schlecht
     ein. Jede Handlung ist prinzipiell gegen ihn gerichtet.
     Paranoide sind die Lieblinge der Rechtsanwälte, weil sie
     ständig gegen irgend jemanden vor Gericht ziehen.

   - Schizotypische Persönlichkeitsstörung.
     Hart an der Grenze zur Schizophrenie. Schwierige Diagnose.

   Cluster B
   ---------

   - Dissoziale Persönlichkeitsstörung.
     Der typische Kriminelle. Er glaubt, besser zu sein als die
     übrige Menschheit, und das gibt ihm das Recht, anderen Gewalt
     anzutun. Hat kein Einfühlungsvermögen und kümmert sich nicht
     um soziale Normen.

   - Borderline-Persönlichkeitsstörung.
     Heisst deshalb Borderline (= Grenzlinie), weil man die Störung
     zunächst als "an der Grenze zwischen Neurose und Psychose"
     angesiedelt hat. Ein Satz, der für Borderliner typisch ist:
     "Ich hasse dich, verlass' mich nicht." Ein Borderliner
     klammert sich krankhaft an eine Bezugsperson, und in der
     nächsten Minute stösst er sie von sich oder tut ihr sogar
     Gewalt an. Filmbeispiel: "Eine verhängnisvolle Affäre"

   - Histrionische Persönlichkeitsstörung.
     Der Histrioniker (oder öfter: die Histrionikerin) tut alles,
     um permanent im Mittelpunkt zu stehen. Sie fällt oftmals auf
     durch theatralisches Verhalten und Distanzlosigkeit Fremden
     gegenüber, sowie durch aufreizendes Benehmen.
     Darunter liegt ein gravierender Mangel an Selbstsicherheit.

   - Narzisstische Persönlichkeitsstörung.
     Der Narzisst ist in sich selbst verliebt und findet es normal,
     dass alle für ihn arbeiten. Gegenleistungen erbringt er jedoch
     grundsätzlich nicht. Wenn er verlassen wird, ist er so tief
     beleidigt, dass er zu psychischem oder physischem Terror
     fähig ist.

   Cluster C
   ---------

   - Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung.
     Das sind Menschen, die bereits seit Kindheit oder Jugend an
     sehr ängstlich sind, viele alltägliche Tätigkeiten vermeiden,
     weil "zu gefährlich".

   - Abhängige (dependente) Persönlichkeitsstörung.
     Das sind Menschen, die noch nie in ihrem Leben eine eigene
     Entscheidung getroffen haben. Typischer Ausspruch: "Ich kann
     nicht ohne dich sein." Dependente Menschen brauchen immer
     jemanden im Leben (mit Vorliebe einen Menschen mit Helfer-
     Syndrom), der für sie sorgt und die Entscheidungen trifft.
     Sie geben sich selbst auf und tun alles, um den Partner bei
     sich zu behalten.

   - Zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung.
     Der Anankastiker beschäftigt sich ständig mit Ordnung,
     Perfektionismus und Kontrolle. Vor lauter Perfektionismus
     bleibt jedoch die Arbeit meistens liegen, und auch die
     Pflege der Beziehungen kommt zu kurz.


   Was tun, wenn man mit Persönlichkeitsgestörten zusammen ist?
   ------------------------------------------------------------

   Zunächst einmal sollte man aufpassen, dass man nicht in jedem
   Menschen eine Persönlichkeitsstörung entdeckt. Auch ich habe
   ab und zu histrionisch-narzisstische und schizoid-paranoide
   Phasen, bin aber deshalb noch lange nicht persönlichkeitsgestört.
   Eine Persönlichkeitsstörung macht sich durch Verhaltensmuster
   bemerkbar, die absolut starr bleiben, obschon sie permanent
   schlechte und selbstschädigende Resultate liefern.

   Persönlichkeitsstörungen galten lange Zeit als untherapierbar.
   Heute gibt es jedoch Therapie-Modelle, die Hoffnung versprechen.
   Achtung: Kommt bitte nicht auf die Idee, Persönlichkeitsgestörte
   zu einem Hypnotherapeuten zu schicken. Hier ist eines der
   wenigen Gebiete, wo Hypnose wenig bis gar nichts ausrichten
   kann. Oder mit anderen Worten und etwas burschikos ausge-
   drückt:

   - Der Schizoide braucht niemanden, auch keinen Therapeuten.

   - Der Paranoide findet, der Therapeut stehe mit "den Bösen,
     die ihn zur Therapie gezwungen haben", unter einer Decke.

   - Der Dissoziale sieht nicht ein, warum ER therapiert werden
     soll und nicht die anderen.

   - Der Borderliner wird dem Therapeuten sagen, dass er der
     Erste ist, der ihm helfen kann. Und wenn der Therapeut
     nicht auf dieses Klammerspielchen eingeht, wird der Patient
     den Therapeuten in Grund und Boden verdammen und
     die Therapie abbrechen.

   - Der Histrioniker weiss genau, wie man den perfekten Patienten
     spielt, wird "völlig geheilt" die Praxis verlassen und sich
     nach wenigen Tagen ein neues Problem einfallen lassen, um
     erneut im Mittelpunkt zu stehen.

   - Der Narzisst findet es normal, dass der Therapeut für ihn
     da ist, und das reicht dann auch schon.

   - Der Ängstliche wird aus Angst vor der Hypnose nicht in
     Trance gehen.

   - Der Dependente wird mitmachen in der Hoffnung, im Therapeuten
     einen Menschen gefunden zu haben, der ihm sagt, wo's lang
     geht.

   - Der Zwanghafte wird aus Angst vor Kontrollverlust ebenfalls
     nicht in Trance zu versetzen sein.

   Die einzige Chance, die ich bei Persönlichkeitsstörungen sehe,
   ist eine mehrwöchige oder gar mehrmonatige Verhaltenstherapie in
   einer Gruppe. Wobei in einer ersten Stufe meistens nur am "Funda-
   ment", also an einer tragbaren Therapeut-Patient-Beziehung
   gearbeitet wird.

   Mehr über Diagnose und Therapie von Persönlichkeitsstörungen
   gibt es hier:
                        
http://digbig.com/4derx
                         http://digbig.com/4desa

   Bei der Borderline-Störung hat sich vor allem die Dialektisch-
   Behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha Linehan von der
   Universität Washington bewährt:
                        
http://www.hansgunia.de/dbt.htm


   Ob man sich als Privatperson weiter mit einem Menschen abgeben
   mag, der an einer Persönlichkeitsstörung leidet, hängt von den
   persönlichen Prioritäten ab, die man im Leben setzt und nicht
   zuletzt auch von der persönlichen Energie-Situation. Für viele
   Angehörige kommt früher oder später die Entscheidung, ob man
   einen Menschen in den Abgrund fallen lässt, oder ob man ihm
   erlaubt, andere dorthin mitzunehmen.

   (C) Hans-Peter Zimmermann 2005

   Zitiert aus Power-Letter Nr. 96, dem Newsletter von
   Hans-Peter Zimmermann.
www.hpz.com

   Dr.Zimmermann+Partner
   Hypnose-Therapie und -Ausbildung
   Ganzheitliche Unternehmensberatung
   Schwertstr. 35  CH-6301 Zug