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Ein Power-Leser schreibt:
Es gibt diese Menschen, die andere mit ihren Problemen belästigen, die alles auf andere projizieren, die anderen Zeit rauben, sich ständig in den Mittelpunkt stellen (alles aus mangelndem Selbstwertgefühl heraus) und die offenbar gestärkt aus einer Begegnung herausgehen, in die das "Opfer" einseitig SEINE Zeit und Energie gesteckt hat. Ich hatte gerade so einen Fall, habe das nun (etwas spät) erkannt und bin dabei, die Verbindungen zu lösen. Das wird aber möglicherweise nicht ohne "Trouble" über die Bühne gehen.
Wenn man nun schon mittendrin steckt, weil man es versäumt hat, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen (so wie ich kürzlich), glaubst Du, daß es dann einen konstruktiven, friedlichen Weg gibt, diese Situation umzuwandeln und ein "Win-Win" daraus zu machen? Der "Vampir" wird ja höchstwahrscheinlich nicht erkennen wollen, was gerade passiert, geschweige denn mir meine Energie zurückgeben...
Meine Antwort:
"Energie-Vampir" ist ein etwas hartes Wort. Was Du meinst, sind Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung. Zu Freuds Zeiten hiessen diese Störungen noch Charakter- neurosen, und man bezeichnete damit psychische Störungen, die tief im Charakter des Betroffenen verwurzelt sind.
Es ist richtig, dass Menschen mit Persönlichkeitsstörungen wie Energie-Vampire wirken, vor allem dann, wenn sich ihre Mitmenschen nicht bewusst sind, was da abläuft, und dass es sich in Wirklichkeit um eine Krankheit handelt, obschon die Betroffenen oftmals keine Krankheits-Einsicht haben, sondern bestenfalls wegen sekundären Symptom-Neurosen einen Therapeuten aufsuchen.
Persönlichkeitsstörungen werden grob in drei Hauptgruppen (sogenannte Cluster) eingeteilt. Gewisse Störungen sind schwer voneinander abzugrenzen und greifen ineinander über:
Cluster A ---------
- Schizoide Persönlichkeitsstörung. Der Schizoide ist "sich selbst genug", lebt zurückgezogen, ohne oder fast ohne Beziehungen, mit wenig oder gar keinem sexuellen Interesse.
- Paranoide Persönlichkeitsstörung. Der Paranoide stuft die Menschheit allgemein als schlecht ein. Jede Handlung ist prinzipiell gegen ihn gerichtet. Paranoide sind die Lieblinge der Rechtsanwälte, weil sie ständig gegen irgend jemanden vor Gericht ziehen.
- Schizotypische Persönlichkeitsstörung. Hart an der Grenze zur Schizophrenie. Schwierige Diagnose.
Cluster B ---------
- Dissoziale Persönlichkeitsstörung. Der typische Kriminelle. Er glaubt, besser zu sein als die übrige Menschheit, und das gibt ihm das Recht, anderen Gewalt anzutun. Hat kein Einfühlungsvermögen und kümmert sich nicht um soziale Normen.
- Borderline-Persönlichkeitsstörung. Heisst deshalb Borderline (= Grenzlinie), weil man die Störung zunächst als "an der Grenze zwischen Neurose und Psychose" angesiedelt hat. Ein Satz, der für Borderliner typisch ist: "Ich hasse dich, verlass' mich nicht." Ein Borderliner klammert sich krankhaft an eine Bezugsperson, und in der nächsten Minute stösst er sie von sich oder tut ihr sogar Gewalt an. Filmbeispiel: "Eine verhängnisvolle Affäre"
- Histrionische Persönlichkeitsstörung. Der Histrioniker (oder öfter: die Histrionikerin) tut alles, um permanent im Mittelpunkt zu stehen. Sie fällt oftmals auf durch theatralisches Verhalten und Distanzlosigkeit Fremden gegenüber, sowie durch aufreizendes Benehmen. Darunter liegt ein gravierender Mangel an Selbstsicherheit.
- Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Der Narzisst ist in sich selbst verliebt und findet es normal, dass alle für ihn arbeiten. Gegenleistungen erbringt er jedoch grundsätzlich nicht. Wenn er verlassen wird, ist er so tief beleidigt, dass er zu psychischem oder physischem Terror fähig ist.
Cluster C ---------
- Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung. Das sind Menschen, die bereits seit Kindheit oder Jugend an sehr ängstlich sind, viele alltägliche Tätigkeiten vermeiden, weil "zu gefährlich".
- Abhängige (dependente) Persönlichkeitsstörung. Das sind Menschen, die noch nie in ihrem Leben eine eigene Entscheidung getroffen haben. Typischer Ausspruch: "Ich kann nicht ohne dich sein." Dependente Menschen brauchen immer jemanden im Leben (mit Vorliebe einen Menschen mit Helfer- Syndrom), der für sie sorgt und die Entscheidungen trifft. Sie geben sich selbst auf und tun alles, um den Partner bei sich zu behalten.
- Zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung. Der Anankastiker beschäftigt sich ständig mit Ordnung, Perfektionismus und Kontrolle. Vor lauter Perfektionismus bleibt jedoch die Arbeit meistens liegen, und auch die Pflege der Beziehungen kommt zu kurz.
Was tun, wenn man mit Persönlichkeitsgestörten zusammen ist? ------------------------------------------------------------
Zunächst einmal sollte man aufpassen, dass man nicht in jedem Menschen eine Persönlichkeitsstörung entdeckt. Auch ich habe ab und zu histrionisch-narzisstische und schizoid-paranoide Phasen, bin aber deshalb noch lange nicht persönlichkeitsgestört. Eine Persönlichkeitsstörung macht sich durch Verhaltensmuster bemerkbar, die absolut starr bleiben, obschon sie permanent schlechte und selbstschädigende Resultate liefern.
Persönlichkeitsstörungen galten lange Zeit als untherapierbar. Heute gibt es jedoch Therapie-Modelle, die Hoffnung versprechen. Achtung: Kommt bitte nicht auf die Idee, Persönlichkeitsgestörte zu einem Hypnotherapeuten zu schicken. Hier ist eines der wenigen Gebiete, wo Hypnose wenig bis gar nichts ausrichten kann. Oder mit anderen Worten und etwas burschikos ausge- drückt:
- Der Schizoide braucht niemanden, auch keinen Therapeuten.
- Der Paranoide findet, der Therapeut stehe mit "den Bösen, die ihn zur Therapie gezwungen haben", unter einer Decke.
- Der Dissoziale sieht nicht ein, warum ER therapiert werden soll und nicht die anderen.
- Der Borderliner wird dem Therapeuten sagen, dass er der Erste ist, der ihm helfen kann. Und wenn der Therapeut nicht auf dieses Klammerspielchen eingeht, wird der Patient den Therapeuten in Grund und Boden verdammen und die Therapie abbrechen.
- Der Histrioniker weiss genau, wie man den perfekten Patienten spielt, wird "völlig geheilt" die Praxis verlassen und sich nach wenigen Tagen ein neues Problem einfallen lassen, um erneut im Mittelpunkt zu stehen.
- Der Narzisst findet es normal, dass der Therapeut für ihn da ist, und das reicht dann auch schon.
- Der Ängstliche wird aus Angst vor der Hypnose nicht in Trance gehen.
- Der Dependente wird mitmachen in der Hoffnung, im Therapeuten einen Menschen gefunden zu haben, der ihm sagt, wo's lang geht.
- Der Zwanghafte wird aus Angst vor Kontrollverlust ebenfalls nicht in Trance zu versetzen sein.
Die einzige Chance, die ich bei Persönlichkeitsstörungen sehe, ist eine mehrwöchige oder gar mehrmonatige Verhaltenstherapie in einer Gruppe. Wobei in einer ersten Stufe meistens nur am "Funda- ment", also an einer tragbaren Therapeut-Patient-Beziehung gearbeitet wird.
Mehr über Diagnose und Therapie von Persönlichkeitsstörungen gibt es hier: http://digbig.com/4derx http://digbig.com/4desa
Bei der Borderline-Störung hat sich vor allem die Dialektisch- Behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha Linehan von der Universität Washington bewährt: http://www.hansgunia.de/dbt.htm
Ob man sich als Privatperson weiter mit einem Menschen abgeben mag, der an einer Persönlichkeitsstörung leidet, hängt von den persönlichen Prioritäten ab, die man im Leben setzt und nicht zuletzt auch von der persönlichen Energie-Situation. Für viele Angehörige kommt früher oder später die Entscheidung, ob man einen Menschen in den Abgrund fallen lässt, oder ob man ihm erlaubt, andere dorthin mitzunehmen.
(C) Hans-Peter Zimmermann 2005
Zitiert aus Power-Letter Nr. 96, dem Newsletter von Hans-Peter Zimmermann. www.hpz.com
Dr.Zimmermann+Partner Hypnose-Therapie und -Ausbildung Ganzheitliche Unternehmensberatung Schwertstr. 35 CH-6301 Zug
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