Projekt WIR:
Funktioniert Fern- und Geistheilung?

»Nehmen Sie an einem Experiment teil und lassen Sie Menschen für sich beten«. So lautete die Überschrift eines Versuchs, zu dem Perry Fehr (www.schmerzfrei-leben.ch) und Claus Fritzsche (www.psychophysik.com) die Besucher ihrer Homepages in den Jahren 2006 bis einschließlich 2008 einluden. Insgesamt 490 Menschen haben sich registriert. Die überwiegende Mehrheit, um es einmal selbst auszuprobieren. Ein kleiner Teil, um die Arbeit von aus ihrer subjektiven Sicht durchgeknallten Esoterikern im Auge zu behalten und zu dokumentiern.

Ein Kommentar von Claus Fritzsche

Um es gleich vorweg zu nehmen. Eine klare Antwort auf die Frage »funktioniert Fern- und Geistheilung« konnte dieses Experiment nicht geben. Allein schon aus dem einfachen Grund, weil es nicht unter Rahmenbedingungen stattfand, die in der medizinischen Forschung üblich sind, um Ergebnisse vergleichbar zu machen und verfälschende Einflüsse wie z. B. die Erwartungshaltung der Probanden als Ursache von Effekten auszuschließen.

Inspiration für das Projekt WIR waren die Forschungsarbeiten von Dr. Harald Wiesendanger (siehe auch: Geistheilung von A bis Z) sowie die zwischen 2001 und 2004 unter Leitung von Prof. Harald Walch durchgeführte und von der EU geförderte randomisierte kontrollierte EUHEALS-Studie zum möglichen Nutzen von Geist- bzw. Fernheilung bei chronischer Müdigkeit.

Geistheilung und Naturwissenschaft

Für einen naturwissenschaftlich geprägten Menschen stellt sich vermutlich die Frage, wie klar denkende Zeitgenossen auf die absurde Idee kommen könnnen, sich überhaupt mit Phänomenen wie Fern- und Geistheilung auseinanderzusetzen. Meine Antwort auf diese Frage: Wer sich als naturwissenschaftlich denkender Mensch für die Möglichkeit öffnet, dass unsere Makrowelt nicht nur durch die Newtonschen Gesetze der Mechanik sondern ebenso durch die Gesetze der Quantenphysik beeinflusst wird, der muss sich zwangsläufig mit Phänomenen der Biokommunikation auf Distanz auseinandersetzen.

Die Integration quantenphysikalischer Erkenntnisse in diverse wissenschaftliche Disziplinen hat auch 80 Jahre nach dem Aufkommen der Quantenmechanik noch nicht stattgefunden. Hier verfügt die heutige Wissenschaft über großflächige weiße Landkarten. Wer sich mit Phänomenen auseinandersetzt, die unserer primär mechanistischen Wahrnehmung der Realität widersprechen, der setzt sich schnell dem Spott der Allgemeinheit aus. Wollen Sie wissen, welchen Bezug das Thema Fern- und Geistheilung zur Quantenphysik hat, so empfehle ich Ihnen die Lektüre meines H.Blog-Artikels: »Quanten-Teleportation: Verschränkung ganzer Atome in ca. 1 Meter Distanz erstmals geglückt« .

Die Ergebnisse der EUHEALS-Studie

Und zu welchen Resultaten kam nun die EUHEALS-Studie, die im Gegensatz zum Projekt WIR unter kontrollierten und randomisierten Bedingungen stattfand? Im Rahmen von EUHEALS kümmerten sich 400 Heiler aus 21 Ländern um 400 chronisch Kranke. Die EUHEALS-Daten wurden in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics publiziert. Im Abstract der Publikation »Effectiveness of Distant Healing for Patients with Chronic Fatigue Syndrome: A Randomised Controlled Partially Blinded Trial (EUHEALS)« von Harald Walach, Holger Bösch, George Lewith, Johannes Naumann, Barbara Schwarzer, Sonja Falk, Niko Kohls, Erlendur Haraldsson, Harald Wiesendanger, Alain Nordmann, Helgi Tomasson, Phil Prescott, Heiner C. Bucher steht:

Background: Distant healing, a form of spiritual healing, is widely used for many conditions but little is known about its effectiveness. Methods: In order to evaluate distant healing in patients with a stable chronic condition, we randomised 409 patients with chronic fatigue syndrome (CFS) from 14 private practices for environmental medicine in Germany and Austria in a two by two factorial design to immediate versus deferred (waiting for 6 months) distant healing. Half the patients were blinded and half knew their treatment allocation. Patients were treated for 6 months and allocated to groups of 3 healers from a pool of 462 healers in 21 European countries with different healing traditions. Change in Mental Health Component Summary (MHCS) score (SF-36) was the primary outcome and Physical Health Component Summary score (PHCS) the secondary outcome. Results: This trial population had very low quality of life and symptom scores at entry. There were no differences over 6 months in post-treatment MHCS scores between the treated and untreated groups. There was a non-significant outcome (p = 0.11) for healing with PHCS (1.11; 95% CI -0.255 to 2.473 at 6 months) and a significant effect (p = 0.027) for blinding; patients who were unblinded became worse during the trial (-1.544; 95% CI -2.913 to -0.176). We found no relevant interaction for blinding among treated patients in MHCS and PHCS. Expectation of treatment and duration of CFS added significantly to the model. Conclusions: In patients with CFS, distant healing appears to have no statistically significant effect on mental and physical health but the expectation of improvement did improve outcome.

Die Daten der EUHEALS-Studie lassen keine allgemeingültige Aussage über Fern- und Geistheilung zu, sind jedoch trotzdem ernüchternd. Insbesondere wenn man sie mit den spektakulären Effekten so genannter unspezifischer Faktoren in kontrollierten medizinischen Studien vergleicht. Siehe zu diesem Thema auch mein H.Blog-Artikel: »Randomisierte klinische Studien (RCT), vom Goldstandard zum Sorgenkind«. Die hier zitierte Naproxen-Studie von Bergmann JF et al. kam zu dem sensationellen Ergebnis, dass Placebo (Glaube, Erwartungshaltung) einem Verum (hier: der Naproxen-Wirkstoff) signifikant überlegen sein kann, wenn Probanden die echte Arznei ohne ihr Wissen verabreicht bekommen. Die Naproxen-Daten passen sehr gut zu den Ergebnissen der gerac-Akupunkturstudien. Auch hier war Placebo (Sham-Akupunktur) einer konventionellen Behandlung von Rückenschmerzen deutlich überlegen.

Mein Fazit:

Die traditionelle medizinische Forschung ging bisher davon aus, dass in unter kontrollierten Bedingungen erfolgreich getesteten Therapien die spezifischen Faktoren den Löwenanteil der Wirkung und des Effekts verantworten, während die unspezifischen Faktoren wie z. B. der Glaube an den Erfolg, das Patient-Therapeut-Verhältnis oder die Erwartungshaltung eher einen Randaspekt darstellen. Neuere Forschungsarbeiten wie z. B. die hier zitierten gerac- und Naproxen-Studien deuten auf die Möglichkeit hin, dass es unter bestimmten Bedingungen genau umgekehrt ist. Der tiefe Glaube an die Wirkung eines etablierten pharmazeutischen Präparats, an die Wirkung einer alternativmedizinischen Therapie ... oder eben an Fern- und Geistheilung ... kann positive Effekte auslösen, die man bisher nicht für möglich gehalten hat. Und zwar nicht nur als Spontaneffekt im Einzelfall sondern ebenso in repräsentativen großen Gruppen, die eine Gemeinsamkeit haben sollten: Die felsenfeste Überzeugung, dass die jeweils gewählte Therapieform - ob nun seriös getestete Pillen, seriös getestete Komplementärmedizin oder »Außenseiter- und Wundermedizin« - wirksam und wertvoll ist.

Viele nachweislich erfolgreiche Heiler betonen übrigens, dass nicht sie selbst einen Patienten gesund machen. Sie betrachten sich als eine Art Katalysator, der dabei hilft, die in jedem Menschen vorhandenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Machen sie dies mit belegbarem Erfolg, so entspricht ihre Arbeit durchaus ethischen Ansprüchen. Siehe auch: Interview mit Dr. Harald Wiesendanger.

Esowatch:

Wie oben erwähnt, haben sich für das Projekt WIR auch einige Personen registriert, um die Arbeit von aus ihrer Sicht komplett durchgeknallten Esoterikern zu überwachen und zu dokumentieren. Es handelt sich um die üblichen Verdächtigen aus der Skeptiker-Szene, einer streng dogmatischen und fundamentalistischen weltanschaulichen Gruppierung. Weitere Informationen über Esowatch erhalten Sie über folgende Links:

GWUP.WATCH: Univ. Prof. Dr. Ulrich Berger und Esowatch: legal, illegal, scheißegal

H.Blog: Esowatch.com im Münchhausen-Test: »Akupunktur«

 

Perry Fehr, www.schmerzfrei-leben.ch:

Perry schreibt auf seiner Webseite: »Die wichtigste, aufwändigste und wohl auch ertragsreichste Entwicklung jedes einzelnen Menschen ist seine spirituelle.« Dies ist auch meine Sichtweise und ich sehe das Engagement von „Überzeugungstätern“ wie Perry Fehr oder auch Dr. Harald Wiesendanger nach wie vor mit großem Wohlwollen. Für die angenehme und wertvolle Zusammenarbeit möchte ich mich an dieser Stelle bei Perry Fehr ganz herzlich bedanken. Er setzt das Projekt WIR übrigens in Eigenregie fort. Sie können sich bei ihm über den folgenden Link registrieren.