Das Skeptiker-Syndrom:
Eine Analyse von Edgar Wunder...

Vorbemerkung

Ich bin eines von 19 Gründungsmitgliedern der im Oktober 1987 gegründeten „Skeptiker“-Organisation „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.“ (GWUP), war von 1992 bis Dezember 1998 deren „Fachbereichsleiter“ für das Thema Astrologie, von 1996 bis Juli 1998 Mitglied des Verwaltungsrats der GWUP, von 1994 bis Dezember 1998 Mitglied der Redaktion der von der GWUP herausgegebenen Zeitschrift Skeptiker und - last not least - von September 1996 bis Dezember 1998 der verantwortliche Redaktionsleiter des Skeptiker.

Vor diesem Hintergrund kenne ich die GWUP aus der Innenperspektive so gut wie sicher nur sehr wenige andere. Laut Satzung ist es das selbsterklärte Ziel der GWUP, „behauptete paranormale Phänomene ohne Voreingenommenheit mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen, sowie solche Untersuchungen zu fördern und über deren Ergebnisse zu berichten“, „kritisches Denken zu fördern“, eine entsprechende „Aufklärung der Öffentlichkeit“ zu betreiben und „mit gleichgesinnten Personen, Organisationen und Institutionen zusammenzuarbeiten“. Nach Aussagen des ehem. GWUP-Vorstandsmitglieds Rainer Rosenzweig in einem Editorial der Zeitschrift Skeptiker (Heft 4/97) bedeute dies, „eine echte neutrale Mitte einzunehmen“, d.h. „Urteile, positive wie negative, erst nach einer sorgfältigen Überprüfung, und dann mit der gebotenen Umsicht zu treffen.“

+ + + Aktuelle psychophysik.com-Meldung + + +

GWUP kritisiert neue Professur für Komplementärmedizin an der Charité

Der zur Skeptikerbewegung gehörende Verein GWUP e. V. veröffentlichte eine Pressemeldung mit der Schlagzeile: “GWUP kritisiert neue Professur für Komplementärmedizin an der Charité”.

Auf der Internetseite von openPR behauptet der Verein, erste Aussagen von Beteiligten und Wortführern der Charité, wie Stefan Willich, würden angeblich wenig Gutes für das Festhalten an wissenschaftliche Standards verheißen. “Wissenschaftliche Methoden sollen offenbar solange den Bedürfnissen der Alternativmedizin angepasst werden, bis sie die Resultate erzielen, die sich die Vertreter der ‘Komplementärmedizin’ wünschen.” Konkrete Belege für diese ehrabschneidende Behauptung liefern die Skeptiker in ihrer Pressemeldung nicht, für eine angeblich wissenschaftliche Vereinigung ein ungewöhnlicher Vorgang. Mehr Details unter:

openPR: Sturm im Wasserglas - GWUP kritisiert Professur für Komplementärmedizin an der Berliner Charité

READERS EDITION: GWUP und Komplementärmedizin: “Hilfe Skeptiker!”

H.Blog: Charité, Outcome-Studien, Rouven Schäfer und Prof. Dr. Ulrich Berger von der GWUP

Lobenswerte Ziele, aber meine Erfahrungen mit vielen Mitgliedern der GWUP sind leider andere. Es gibt innerhalb der GWUP eine ganze Reihe von Mitgliedern, die ohne hinreichende fachliche Kenntnis der jeweiligen Materie eine Art Weltanschauungskampf gegen alles führen wollen, was sie mit dem Begriff „paranormal“ assoziieren, die dabei auch (bewusst oder unbewusst) eine selektiv-einseitige Darstellung der Fakten und Argumente sowie zuweilen auch emotional-unsachliche rhetorische Taktiken in Kauf nehmen, während sie an wissenschaftlichen Untersuchungen zu Parawissenschaften höchstens insofern interessiert sind, als deren Ergebnisse „Kanonenfutter“ für öffentliche Kampagnen liefern könnten.

Mitte der 90er Jahre wurde mir in meiner Position als einer der führenden GWUP-Funktionäre zunehmend bewusst, dass die diesbezügliche Diskrepanz zwischen dem Anspruch (bzw. teils auch dem Selbstbild) und der Wirklichkeit der GWUP derart massiv war, dass es nicht mehr als bedauerliche Pathologie auf der individuellen Ebene einzelner Mitglieder abgetan werden konnte. Vielmehr handelte es sich ganz offenbar um ein  strukturelles Merkmal der "Skeptiker"-Bewegung, wie auch ein Vergleich mit ähnlichen Organisationen in anderen Ländern ergab. Als Soziologe beschloss ich, meine Stellung als GWUP-Funktionär dazu zu nutzen, um durch eine systematische Untersuchung der internen Kommunikation in "Skeptiker"-Kreisen ein Merkmals-Set typischer Mentalitätsmuster herauszuarbeiten, das die real existierende "Skeptiker"-Bewegung zu prägen scheint, unabhängig davon, ob es mit der Selbstdarstellung der Bewegung nach Außen hin konvergiert oder nicht. Dazu wurden in der Zeit von Februar 1997 bis März 1998 sorgfältig und planmäßig mündliche wie schriftliche Äußerungen von GWUP-Mitgliedern gesammelt, dokumentiert und kategorisiert, die situativ unter Bedingungen erfolgten, bei denen sich die Betreffenden "unter sich" glaubten und die Gefahr gering schien, dass sie in den Modus der Selbstdarstellung nach Außen oder der Rezitation idealisierter Selbstbilder verfielen (z.B. interne Vorstandssitzungen, E-Mails, Privatgespräche etc.), selbstverständlich ohne dass die beobachteten Akteure von diesem Projekt wussten. Das Ergebnis der Studie war ein als polythetisches Set konzipierter Merkmalskatalog, den ich das "Skeptiker-Syndrom" nannte. Im April 1998 schrieb ich auf dieser Grundlage den ersten Entwurf des vorliegenden Artikels, der bis auf weiteres noch unter Verschluss blieb und später noch durch einige weitere aktuellere Beispiele ergänzt wurde. Im Juni 1998 trug ich diesen Merkmalskatalog und die meisten der nachfolgend dargestellten Ergebnisse und Überlegungen zur "Skeptiker"-Bewegung bei einem zweistündigen Kolloquiumsvortrag am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) erstmals ausführlich öffentlich vor.

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