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Eine in „Skeptiker“-Organisationen weit verbreitete und folgenreiche Kurzsichtigkeit besteht nun darin, gar nicht wahrzunehmen, dass diese beiden Dimensionen nicht identisch sind, dass also „critical thinking“ keineswegs zwingend mit „unbelief“ zusammenfallen muss, genau so wenig wie „dogmatism“ zwingend mit „belief“. Vielmehr können sich empirisch Individuen in allen vier Quadranten der Graphik aufhalten. Im Diskurs unter Mitgliedern von „Skeptiker“-Organisationen ist es aber üblich, den Begriff „Skeptiker“ sowohl in der Bedeutung „kritisch denkende Menschen“ als auch in der Bedeutung „nicht an Paranormales glaubende Personen“ zu verwenden, beides wird also gleichgesetzt.
Zur Verdeutlichung mag eine Umfrage unter der Leserschaft des Skeptical Inquirer dienen, die der CSICOP-Vorsitzende Paul Kurtz im Frühjahr 1998 durchführen ließ: Dort waren auf die Frage „Which of the following would you say best describes your point of view?“ fünf Antwortalternativen vorgegeben (in Klammern die Ergebnisse der Umfrage): „Strong skeptic“ (77,5 %), „Mild skeptic“ (16,2 %), „Neutral“ (2,4 %), „Mild believer“ (1,0 %), „Strong believer“ (0,4 %).
Dem kann wohl entnommen werden, dass erstens für Kurtz der Begriff „skeptic“ das Gegenteil von „believer“ meint, er also für „unbelief“ steht (oder zumindest, dass Kurtz ein derartiges Kategorienschema in den Köpfen der Leser des Skeptical Inquirer vermutet), zweitens, dass für Kurtz die Position eines „skeptic“ nicht „neutral“ ist. Drittens, dass sich zumindest unter CSICOP-Anhängern empirisch nur eine verschwindende Minderheit als „neutral“ versteht. Würde man im Kontext dieser Umfrage „skeptic“ im Sinne von „open mindedness / critical thinking“ verstehen, wären Begriffe wie „mild skeptic“ oder „neutral“ ziemlich sinnlos bzw. schwer verständlich. Ganz offensichtlich ist mit „skeptic“ hier ein „unbeliever“ bezüglich des „Paranormalen“ gemeint. (Zahlreiche weitere Textstellen aus „Skeptiker“-Publikationen ließen sich anführen, in denen der Skeptiker-Begriff ganz augenscheinlich in dieser Bedeutung verwendet wird.)
Andererseits gibt es z.B. folgendes Verständnis des Begriffs, das „Skeptiker“-Organisationen nicht selten in ihren öffentlichen Selbstdarstellungen anführen: „Ein Skeptiker in unserem Verständnis nimmt so wenig wie möglich als gegeben hin, sondern ist bereit, jede Aussage zu hinterfragen und zu prüfen. Insbesondere ist er auch bereit, die eigene Meinung einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Mit dieser Einstellung steht der Skeptizismus im Gegensatz zum Dogmatismus. Skeptizismus heißt also nicht, andere Meinungen blind abzulehnen oder gar von vornherein die Existenz von paranormalen Phänomenen zu leugnen“. (Dieser Satz ist aus der offiziellen GWUP-Vorstellungsbroschüre entnommen und wurde von mir selbst 1996 für die GWUP verfasst - in einem normativen Sinne, wie es in „Skeptiker“-Organisationen eigentlich sein sollte, nicht unbedingt als Beschreibung eines realen Zustandes.)
Die Frage ist nun, im Sinne welcher der beiden Begriffsverständnisse die real existierende „Skeptiker“-Bewegung zusammengesetzt ist. Anders formuliert: Bildet die „belief / unbelief“-Dimension die Demarkationslinie für die Mitgliedschaft jener Bewegungen, oder ist es die „dogmatism / open mindedness-critical thinking“-Dimension? Bezogen auf die Graphik: Welche der in der Abbildung dargestellten beiden Mengen entspricht der realen Zusammensetzung z.B. der GWUP? Da zumindest mir kein einziges Mitglied der GWUP bekannt ist, das man im rechten oberen Quadranten ansiedeln könnte, jedoch eine ganze Reihe von Mitgliedern, die wohl unzweifelhaft im linken unteren Quadranten einzuordnen sind (und die intern teilweise nicht einmal davor zurückschrecken, ihre eigene Position selbst als „ideologisch“ zu bezeichnen!), kann meines Erachtens kein ernsthafter Zweifel daran bestehen, dass die real existierende GWUP der in der Graphik unten dargestellten Menge entspricht.
Dies hat Konsequenzen. Denn es bedeutet, dass die Kohäsion der Gruppe gefährdet und sie vom Auseinanderfallen bedroht ist für den Fall, dass eine ernsthafte, ergebnisoffene, gleichberechtigte und kollegiale Diskussion mit Personen im rechten oberen Sektor stattfinden soll, denn die Personen im linken unteren Quadranten befürchten dann eine „Aufgabe des skeptischen (unbelief-)Profils“ oder gar eine Infragestellung der Gruppenidentität. Gleiches kann passieren, wenn Gruppenmitglieder im rechten unteren Sektor Personen im linken unteren Sektor offen kritisieren und/oder hervorheben, dass gewisse Ergebnisse empirischer Untersuchungen dem „unbelief“-Überzeugungssystem zu widersprechen scheinen und deshalb eine ernsthafte, offene, informierte wissenschaftliche Auseinandersetzung anmahnen.
Das Resultat sind erhebliche Spannungen und Konflikte in der Gruppe, die zwangsläufig den Vorstand einer derartigen Vereinigung beschäftigen müssen, da unschwer zu erkennen ist, dass eine wie auch immer geartete Infragestellung oder gar Verschiebung der Gruppengrenzen in der Graphik zu schwerwiegenden Verwerfungen, ja Austrittswellen führen könnte. Der Vorstand wird also im wesentlichen den Status quo der Gruppe in der Graphik zu erhalten versuchen und jene, die in seinen Augen diesen Status quo gefährden könnten, mit Sanktionen bedrohen und notfalls mit Gewalt entsprechende Maßnahmen und „Säuberungen“ durchführen. Was sich im Jahr 1998 innerhalb der GWUP abgespielt hat (und oben angedeutet wurde), ist in dieser Hinsicht geradezu ein Lehrbuchbeispiel für eine derartige Dynamik.
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