(40) Unternimmt jemand im „anderen Lager“ wissenschaftliche Untersuchungen zu Parawissenschaften, wird dies als Ärgernis empfunden, das man gerne verhindern würde, wenn man es könnte, sofern der betreffende Forscher öffentliche Mittel zur Finanzierung seiner Studie erhält. (41) Es gibt keine positive Einstellung, für wissenschaftliche Untersuchungen von Parawissenschaften Geld auszugeben. Bedenkt man, dass dies auf einen ganz erheblichen Teil der Mitglieder der GWUP zutrifft, kann der Name „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ eigentlich nur noch als ein Etikettenschwindel aufgefasst werden.

Man fragt sich, welche Funktion die Gruppe überhaupt für viele Mitglieder der GWUP hat. Unzählige Male habe ich als verantwortlicher Redaktionsleiter des Skeptiker aus der Leserschaft und aus der Mitgliedschaft der GWUP Anfragen und Aussagen folgenden Sinngehalts bekommen: (42) „Daß Parawissenschaften Quatsch sind, weiß ich ohnehin. Die GWUP brauche ich vor allem deshalb, um gut begründen zu können, warum es Quatsch ist“. Eine wissenschaftliche Haltung verbirgt sich dahinter freilich nicht. Es geht für viele Mitglieder der GWUP offensichtlich darum, in der Gruppe soziale Sicherheit für ihre schon fest bestehenden Überzeugungen und Vorurteile zu gewinnen, sie sozial durch eine Gruppe bekräftigt zu bekommen, die als autoritativ empfunden wird, sowie Argumentationshilfen für entsprechende Diskussionen im eigenen sozialen Umfeld zu erhalten.

(43) Ein weiteres Merkmal des Skeptiker-Syndroms scheint mir ein besonderes Vorsichhertragen, ja sogar Stolz auf den „Skeptiker“-Begriff zu sein. Die Frage „Wer sind die Skeptiker?“ beantworten solche Personen häufig kurzum mit „Wir sind es“ - und führen damit eine dritte Bedeutung des „Skeptiker“-Begriffs ein, indem sie ihn (44) schlicht als Bezeichnung für die „ingroup“ verwenden.

Man muss sich genau vergegenwärtigen, was letztlich dadurch geschieht, indem (45) die drei „Skeptiker“-Bedeutungen unreflektiert gleichgesetzt werden:  „kritisch denkende Menschen“ = „nicht an Paranormales Glaubende“ = „ingroup“. Die Mitglieder der eigenen Gruppe („Skeptiker“) werden dadurch nicht nur klammheimlich per definitionem zu kritisch denkenden Menschen („Skeptikern“) erklärt, sondern auch deren inhaltliche Position („Skeptiker“ als „unbeliever“) festgelegt. Wird von außen Kritik an „Skeptikern“ (ingroup) geübt, lautet (46) die Erwiderung, dass „Skeptiker“ ja „in Wirklichkeit“ nichts weiter als „kritisch denkende Menschen“ bedeute und insofern die Kritik an den „Skeptikern“ (nun wieder „ingroup“) ungerechtfertigt sei. Umgekehrt kann jemand (47) rasch zur „outgroup“ („Nicht-Skeptiker“) erklärt werden, indem ihm „Glaube an Paranormales“ (=„Nicht-Skeptiker“) unterstellt wird, ohne dass eine Prüfung hinsichtlich der verbleibenden „Skeptiker“-Dimension des kritischen Denkens noch vorgenommen zu werden bräuchte.

Sensibilisiert auf die unterschiedlichen Bedeutungen des „Skeptiker“-Begriffs habe ich in der GWUP derart häufig solche durch Kontextwechsel erschlichenen Argumentationsmuster erlebt, dass ich für die Zukunft plane, durch eine umfassende Analyse von Texten führender Repräsentanten von „Skeptiker“-Organisationen detailliert aufzuzeigen, wie jene Personen je nach Kontext den „Skeptiker“-Begriff in unterschiedlicher Weise verwenden und wie sich dies auf ihre Schlussfolgerungen auswirkt. Ich habe übrigens keinen Zweifel daran, dass dies unreflektiert geschieht.

Einen wie auch immer gearteten apriorischen Grund für die Annahme, dass „Skeptiker“ im ersten Sinne auch automatisch „Skeptiker“ im zweiten Sinne seien (oder umgekehrt) oder gar zwangsläufig mit „Skeptikern“ im dritten Sinne identisch sind, sehe ich nicht, vielmehr zahlreiche Belege dafür, dass dies nicht der Fall ist.

Die Abgrenzung des Gegenstandsbereichs, zu dem die GWUP aktiv sein sollte, ist ein Thema für sich. Syndrom-Skeptiker tendieren dazu, (48) die Grenzen sehr weit und auch auf Religions- und Weltanschauungsfragen auszudehnen. Dies ist nur konsequent, wenn man das Agieren gegen Parawissenschaften als Weltanschauungskampf begreift, wie dies jene „Skeptiker“ oft tun. Dann braucht auch keine Rücksicht mehr darauf genommen zu werden, welche Fragen einem empirisch-wissenschaftlichen Zugriff eigentlich noch zugänglich sind und welche nicht. In Extremfällen kann sich dieser Kampf sogar pauschal auf „alles Schlechte in der Welt“ beziehen.

Während manche selbsterklärte „Skeptiker“ offen fordern, dass auch in Religions- und Weltanschauungsfragen die GWUP klar und kämpferisch Position beziehen sollte, erkennen andere, dass dies zumindest taktisch unklug wäre, da es die Glaubwürdigkeit der Organisation beeinträchtigen und vermutlich gruppeninterne Spannungen hervorrufen würde (denn die GWUP ist in weltanschaulicher Hinsicht nicht völlig homogen, wenn auch atheistisch-naturalistisch-szientistische Positionen klar dominieren). Folglich wird (49) aus taktischen (!) Gründen die Behandlung von Religions- und Weltanschauungsfragen vermieden und hier eine „Arbeitsteilung“ mit anderen Organisationen (in der Regel organisierten Atheisten) angestrebt oder empfohlen. Der Geschäftsführer der GWUP vertritt z.B.eine solche Haltung, nicht anders auch der CSICOP-Vorsitzende Paul Kurtz.

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