(50) Die Möglichkeit bzw. Wahrscheinlichkeit, dass sich doch noch eines der als „paranormal“ abgelehnten Phänomene irgendwann als existent erweisen könnte, wird - falls diese Frage überhaupt ernsthaft gestellt wird - als gegen Null gehend, vernachlässigbar gering bzw. als rein hypothetisch jenseits aller ernsthaften Erwägungen angesehen. Da vielen Mitgliedern der GWUP aus diversen öffentlichen Kontroversen klar geworden ist, dass man bei einem allzu deutlichen Zeigen jener subjektiven quasi absoluten Sicherheiten in einem dogmatischen Licht erscheinen würde, haben sich derartige „Skeptiker“ vielfach angewöhnt, im Sinne einer Rhetorik zwar stets ihre „grundsätzliche Offenheit“ zu betonen, dem aber kaum ernsthafte Erwägungen folgen zu lassen. Ein typisches Beispiel ist etwa eine in GWUP-Aktuell 1/98 abgedruckte Antwort des GWUP-Geschäftsführers Amardeo Sarma zur Frage, ob er es für möglich halte, dass sich bisher als „paranormal“ eingestufte Thesen einmal als wahr erweisen könnten: „Ich wäre bei entsprechender Lage der Dinge bereit, einen solchen grundlegenden Paradigmenwechsel ... mitzumachen. Dass diese Lage aber eintritt würde mich mehr überraschen, als zu erfahren, dass Karl Marx nie gelebt hat und eine Erfindung von Thomas Gottschalk ist.“  Der letzte Satz unterstreicht einerseits die absolute Sicherheit von Sarma, andererseits erfüllt er die Funktion, (51) entsprechende Thesen ins Lächerliche zu ziehen.

Je sicherer wir uns in unserem Urteil sind, umso schwerer fällt es uns natürlich, neue Daten fair zu beurteilen. Und genau dies ist das Problem jener „Skeptiker“. Hinzu kommt ihre schon angesprochene weitgehende Unkenntnis relevanter Literatur, weshalb sie bei entsprechender „Lage der Dinge“ sicher unter den Letzten wären, die einen solchen „Paradigmenwechsel“ erkennen und vollziehen würden, mit Sicherheit erst deutlich nach der allgemeinen scientific community selbst. Dies ist aber eine fragwürdige Situation für eine Gesellschaft zur „wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“, von der man eigentlich erwarten sollte, dass ihr Herz ganz dicht am jeweils aktuellen Forschungs- und Erkenntnishorizont schlägt und sie auch in der Vermittlung dessen sowohl gegenüber der scientific community als auch gegenüber der Öffentlichkeit eine Vorreiterrolle einnimmt. Dass dem aufgrund mangelnder Kenntnisse nicht so ist, hat mir gegenüber eines der GWUP-Vorstandsmitglieder in einem persönlichen Gespräch auch ganz offen zugegeben - und mit dem Argument verteidigt, dass es ja gar nicht die Aufgabe der GWUP sei, über den aktuellen Forschungsstand zu informieren, sondern nur über die Bedingungen, unter denen man einen solchen „Paradigmenwechsel“ ggf. akzeptieren könne. Inwieweit Personen zu solchen Meta-Urteilen besonders qualifiziert sind, die kaum Verbindung zum jeweiligen Forschungsprozess und dessen spezifischen Problemen haben, sei dahingestellt.

Die Frage, inwiefern typische „Skeptiker-Organisationen“ in der Lage wären, ihrem „unbelief“-System widersprechende Erkenntnisse zu rezipieren, lässt - abgesehen vom mangelnden oder bestenfalls sehr selektiven Fluss relevanter Informationen in jenen Organisationen sowie der weitgehend fehlenden kontroversen Diskussionskultur auf wissenschaftlichem Niveau - auch noch in anderer Hinsicht Zweifel aufkeimen:  Denn für eine ganze Reihe von jenen „Skeptikern“ heiligt (52) bis zu einem gewissen Grad der Zweck die Mittel im Sinne ihres „Kampfes gegen das Paranormale“. Mir haben wiederholt verschiedene Mitglieder der GWUP versichert, dass sie auch unsachliche Argumente (Anspielen auf Emotionen, Zynismus u.a.) für legitim halten, um gegen das „Paranormale“ anzutreten. Dies kann bis zum bewussten Verschweigen eventuell „störender“ Informationen gehen.

Anlässlich einer von der GWUP geplanten Tagung, zu der auf Anregung von Rudolf Henke und mir auch „Pro“-Vertreter (so ein in der GWUP üblicher terminus technicus, der übrigens schon impliziert, dass die GWUP immer „contra“ ist) als Referenten eingeladen werden sollten, um einen sachlichen und konstruktiven Dialog zu führen, meinte mir gegenüber beispielsweise der Geschäftsführer der GWUP, Amardeo Sarma, man solle einen bestimmten Referenten lieber nicht einladen, da die von ihm präsentierte Studie (die Sarma zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bekannt war!) möglicherweise so gut und so fehlerfrei erscheinen könnte, dass den „Skeptikern“ der GWUP keine Argumente mehr dagegen einfallen könnten.

Genauso forderte Sarma, dass Pro-Contra-Dialoge im Skeptiker (die von mir eingeführt worden waren und von ihm und anderen GWUP-Mitgliedern mit großem Misstrauen gesehen wurden, da sie „das skeptische Profil gefährden“ würden) von vornherein so angelegt sein müssten, dass die „skeptische Seite“ am längeren Hebel sitze, das Schlusswort habe und als Gewinner dastehe. So teilte mir Sarma in einer E-Mail mit: „Kontroverse Diskussionen sind dann und nur dann zulässig, wenn es im Interesse des skeptischen Lesers ist oder der Überzeugung von noch-nicht-skeptischen Lesern dient. In jedem Fall ist sicherzustellen, dass ... ein Fazit immer aus skeptischer Sicht gezogen werden muss. Es soll verhindert werden, auch in jedem Einzelfall, dass Zweifel über die Position des Skeptikers auftritt“. In welchem Sinne „skeptisch“ hier gemeint ist, braucht nicht weiter betont zu werden und geht auch durch den Kontext der genannten Intention „Überzeugen“ (natürlich bezüglich inhaltlicher Positionen) klar hervor.

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