(Fortsetzung) Elke Stangl: Allerdings fehlen hier die Worte – nicht unbedingt nur mir persönlich, sondern aus meiner Sicht generell: Das was aus meiner Sicht (und auch aus der Frankl's) WIRKLICH existentiell ist, bleibt zutiefst persönlich und prinzipiell unaussprechbar. ("Wo alle Worte zuwenig wären, ist jedes Wort zuviel"). Alles an "Spirituellem", was sich durch besonderen Wortreichtum auszeichnet, wagt sich vor aus der Sphäre des wirklich Spirituellen in die Arena das sprachlich Fassbaren – und muss sich dort wohl oder übel einem Diskurs stellen, den man im weitesten Sinne als skeptisch- wissenschaftlich bezeichnen kann.

Wahrscheinlich stört mich an „Esoterik“ genau diese Erfindung neuer Worte von „transpersonal“ bis „mental“, um etwas in eine doch (pseudo?)wissenschaftliche Sphäre zu zerren, was sich per se nicht fassen lässt. Es darf nicht nötig sein, Quantenphysik und Neurobiologie und irgendetwas dazwischen bemühen zu müssen – als intellektuelle Krücke – um im Leben einen Sinn zu erkennen (oder wie immer man das formulieren möchte). Das stellt in meinen Augen eher eine ENTWERTUNG, eine Kreation fragwürdiger metaphorischer Hilfskonstruktionen.

Die Nahtodeserlebnisse sind ein gutes und schlechtes Beispiel zugleich. Sie sagen: "Erheben Sie den Anspruch, grundsätzlich jedes esoterische Phänomen müsse sich mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise erschließen lassen, dann macht diese Sichtweise Sinn, wenn Sie Aspekte der Esoterik wie z.B. ein Leben nach dem Tode mit großen Zweifeln aus der Distanz betrachten und im Zweifelsfall für Unsinn halten." Die Bezeichnung "esoterisches Phänomen" in diesem Zusammenhang halte ich für ein Beispiel dieser Entwertung. Wenn wir Aspekte davon in irgendeiner Form untersuchen können, so dass das Wort "untersuchen" passend ist – bzw. in der Form, in der wir das Phänomen untersuchen können - dann würde nichts dagegen sprechen, das als "wissenschaftlich" zu bezeichnen. Ich bin der Meinung, dass sich essentielle Fragen nicht durch Untersuchungen lösen können. D.h. ich sehe in "Wissenschaft" keinen Ersatz für Religion oder Weltanschauung – und ich sehe somit den esoterischen Brückenschlag (unter Nutzung von zum Teil wissenschaftlichem Vokabular) hier als unzulässige Vermengung. Vielleicht habe ich Ihre Definition von "positiv glaubend" und "negativ glaubend" noch nicht verstanden. "Skeptisch" bezüglich der "Verwissenschaftlichung" – und da zähle ich von Dingen, die den Urgrund unserer Existenz betreffen – würde ich nicht unbedingt mit "Negativ Glaubend" gleichsetzen.

Möglicherweise ist bei einer genaueren Abgrenzung von Begriffen – oder der Vermeidung von besetzten Begriffen – eine Annäherung der Standpunkte möglich. Sinnvoller als eine weitere Detaillierung meines Standpunkte finde ich an dieser Stelle einen Hinweis auf "Das Foucault'sche Pendel" von Umberto Eco, der aus meiner Sicht zu recht als "letzte Universalgelehrte unserer Zeit" bezeichnet wird. Drei skeptische Mitarbeiter eines Verlages konstruieren aus vorhandenen esoterischen Bestandteilen eine gigantische Verschwörungstheorie, die sich im Sinne einer selbst erfüllenden Prophezeiung bewahrheitet, weil sie von den esoterischen Protagonisten für wahr gehalten wird. Die Skeptiker werden in die Sphäre der okkulten Geheimlehren gezogen und fallen ihrem eigenen Spiel zum Opfer. Eco ist hier unzweifelhaft skeptisch und transportiert seine Botschaft über eine fesselnde Handlung und sein profundes historisches Wissen. Der letzte überlebende Skeptiker in seinem Roman erkennt – zu spät – dass die Essenz des Lebens in wenigen "perfekten Momenten" besteht. Ganz im Gegensatz zu den ausufernden Schilderungen der esoterischen Philosophien verliert Eco hier keine blumigen Worte und aus meiner Sicht bleibt völlig offen, ob das jetzt die Ansicht eines religiösen Menschen oder eines Atheisten darstellen soll. Wenn wir "Esoterik" – auch wenn mir andere Begriffe lieber wären – mit Erkenntnissen dieser Art gleichsetzen, dann meinen wir in manchen Aspekten vielleicht das Gleiche. Dann reduziert sich jedes philosophisch-wissenschaftliche Streitgespräch aber letztendlich auf SCHWEIGEN. Und interessant wäre wieder: Ist das dann unsere Privatmeinung oder die Mehrheitsmeinung in unseren Communities?

Worüber man aus meiner Sicht weniger diskutieren kann und wo wir uns in den Bereich begeben, der medizinisch bewanderten Experten in der Psychologie aus guten Gründen auch ein wenig vorbehalten bleiben sollte: Zwischen "eigenen Erfahrungen" mit bewusstseinserweiternder Wirkung und gesundheitlich u.U. nicht absehbaren Experimenten mit der menschlichen Psyche liegt eine breite, gefährliche Grauzone. Gefährlich wird sie vor allem dann, wenn Beteiligte an diesen Erfahrungen nicht unbedingt selbst entscheiden wollen, ob sie diese machen wollen. Ich brauche hier keine Extrembeispiele von entführten Sektenopfern anführen – diese Fälle lassen sich eindeutig (oft auch strafrechtlich – so hoffe ich zumindest) abgrenzen. Mehr Sorgen machen mir die Kinder, die sich die "esoterischen Phasen" ihrer Eltern oder Lehrer nicht aussuchen können. Oder die Mitarbeiter, die das gruppendynamische Team-Building-Seminar, das mit "unkonventionellen" Elementen durchsetzt sein kann, aus Angst um den Job nicht verweigern können (auch wenn sie sich dabei nicht wohl fühlen). Eventuell verbirgt sich hier ein weiteres mögliches Forschungsprojekt – hier eher im Bereich Psychologie oder Soziologie.

| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 |


Hinweis zu Copyright & Urheberrecht

Social Bookmarking