Generalisierte Quantentheorie:
Eine theoretische Basis zum Verständnis transpersonaler Phänomene
d
Von Prof. Dr. Dr. Harald Walach

INHALT

Zusammenfassung

1.   Einführung: Warum überhaupt Theorie

2.   Eine Theoretische Strategie: Mit Ockhams Rasiermesser Platons
2.   Rettungsboot Reparieren


3.   Das Problem: Eine - befriedigende - theoretische Struktur für
3.   transpersonale Phänomene


4.   Vorgänger: Pauli und Jung

5.   Verschränkung in quantenphysikalischen Systemen

6.   Schwache oder generalisierte Quantentheorie

7.Transpersonale Phänomene als Beispiel von generalisierter
7.1  Verschränkung
7.1  Komplementarität in der Lebenswelt
7.2  Übertragung
7.3  Schamanismus, Magie, Voodoo, magisches Heilen
7.4  Systemisches Familienstellen
7.5  Besessenheit
7.6  Andere Phänomene
7.7  Generalisierter Fall von Verschränkung

Danksagung
Literatur



ZUSAMMENFASSUNG      <<<INHALT

Die mangelnde Integration der Transpersonalen Psychologie in den Hauptstrom der Wissenschaft scheint damit zusammenzuhängen, dass es keine gute Theorie gibt, wie transpersonale Phänomene im Rahmen der wissenschaftlich gültigen Vorstellungen theoretisch verstanden werden können. Hierzu wird in diesem Beitrag ein Vorschlag gemacht. Nach einigen wissenschaftshistorischen und -theoretischen Erläuterungen wird als theoretischer Anknüpfungspunkt die Erkenntnis der Quantenmechnik (QM) vorgestellt, dass die Materie auf einer grundlegenden Ebene verschränkt ist. Eine von uns entwickelte verallgemeinerte oder schwache Version der QM sagt nun solche Verschränkungen auch als generalisierten Fall in anderen als quantenmechanischen Systemen im engeren Sinne voraus. Dazu müssen eine lokale und eine globale Observable, die das System kennzeichnen, zueinander komplementär sein. Auf diese Art und Weise können manche Phänomene, die im Rahmen der Transpersonalen Psychologie von Bedeutung sind, als Verschränkungen innerhalb eines Systems rekonstruiert werden.

ABSTRACT

Integration of transpersonal psychology into the mainstream has been slow, mostly due to the fact that no acceptable theory is available which could explain transpersonal phenomena without taking refuge to scientifically obsolete or difficult concepts. We propose here to reconstruct transpersonal phenomena analogous to quantum entanglement. While quantum entanglement holds only for quantum systems proper, a weak version of quantum theory recently published by us predicts entanglement for any type of system which fulfils the following two criteria: A local and a global observable have to be complementary. Using this prediction many transpersonal phenomena can be understood as consequences of entanglement within systems. This approach is able to connect transpersonal psychology to accepted scientific concepts without having to explain them reductively.


1. EINFÜHRUNG: WARUM ÜBERHAUPT THEORIE?   
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Transpersonale Phänomene sind für den, der sie erlebt, evident und bedürfen keiner Theorie. Sie sind unmittelbarer Erfahrung erwachsen und somit epistemologisch primär. Sie haben damit die gleiche Dignität wie empirische Erfahrungstatsachen, die im Rahmen der klassischen Wissenschaft gewonnen werden, die ja auch nicht weiter hinterfragt werden. So ähnlich lautet eine häufig kolportierte Meinung zur Frage, ob und inwiefern transpersonale Phänome-ne Realität widerspiegeln, Zugang zur Realität vermitteln oder nicht vielmehr Täuschungen sind, dem Wunschdenken Feen suchender Neureligiöser erwachsen. Eine etwas ernstzunehmendere Argumentation führt Ken Wilber, wenn er behauptet, die Meditation sei ein Werkzeug, mit dem sich solche transpersonalen Erfahrungen reproduzierbar und interkulturell konstant herbeiführen lassen, womit sie genauso den Anspruch an Wissenschaftlichkeit erfüllen – durch Reproduzierbarkeit, Einhaltung einer Methodik und Methodenkritik – wie die Wissenschaften im engeren Sinne (Wilber, 2001; Wilber, 1997). Er bemüht dabei die alte Metapher von den drei Augen des Geistes, die übrigens auf Hugo von St. Viktor, eine Autorität des 12. Jahrhunderts, zurückgeht. Hugo hatte das Auge der Kontemplation als denjenigen Zugang zur letzten Wirklichkeit, Gott, bezeichnet, der am verlässlichsten und am schönsten sei (Hugo von St. Viktor, 1880).

(Hugo sagt:”quia vero oculum contemplationis non habet, Deum et quae in Deo sunt videre non valet – wer aber das Auge der Kontemplation nicht hat, vermag Gott und das Göttliche nicht zu sehen” De sacramentis Christianae fidei, PL 176, 330A).

Seit Hugo von St.Viktor im 12. Jahrhundert dieses Bild prägen konnte, hat sich viel verändert. Der abendländische Konsens (wenn es denn je einen gab), der ein christliches Weltbild zugrundegelegt hatte, das natürlicherweise das gottgefällige Leben nach den Lehren der Kirche und die Erkenntnis Gottes nach den Lehren der Schriften und der Heiligen Väter als das Erstrebenswerte schlechthin lehrte, ist zerbrochen. Nicht nur das: Auch ein naiver Zugang zur Wirklichkeit, wie ihn selbst die Wissenschaft lange pflegte, ist dahin. Dies ist ein Sachver-halt, den Wilber und viele Anhänger der Transpersonalen Psychologie anscheinend nicht verstanden haben oder viel zu wenig würdigen oder beides zugleich. Wenn es ein konsensfähiges Ergebnis der modernen wissenschaftlichen Bemühungen über alle Disziplinen hinweg gibt, dann dieses: Einen einfachen, objektiv richtigen, vorurteilsfreien, theorie-, kultur- und sprachunabhängigen Zugang zur Wirklichkeit gibt es nicht (Collins & Pinch, 1993). Wirklichkeit ist immer mehr oder weniger stark konstruiert (von der Malsburg, 2002; Roth, 1997). Unser Zugang zu ihr ist abhängig von unseren „Zugangsorganen”, er ist abhängig von unserer genetischen und individuellen Geschichte, er ist abhängig von unserem sprachlichen und kulturellen Zugriff, er ist abhängig von den Möglichkeiten, die uns unsere Sinnesorgane und unser Nervensystem zur Verfügung stellen (letzteres dürfte auch für die vollkommene Erleuchtung gelten, denn auch die würden wir mithilfe oder mindestens im Rahmen der uns möglichen Gehirnprozesse erleben). Wir Menschen etwa können nur Schallwellen oberhalb von 12-20 Hertz und unterhalb von ca. 10.000 Hertz (manche etwas mehr) hören. Auf keinen Fall aber hören wir Infraschall, der sich mit Wellenlängen von ca. 4 bis 6 Hertz ausbreitet. Dies ist et-wa der Bereich, indem sich Elefanten über weite Distanzen und durch Hindernisse wie Wäl-der hindurch vor herannahender Gefahr warnen (Bouissac, 1993). Ein solcher Erfahrungszugang ist uns fremd, und wir können uns nicht einmal vorstellen, wie eine Welt aussähe, in der wir mit Infraschall kommunizieren könnten. Genausowenig hören wir den Ultraschall, mit dem sich Fledermäuse einen Eindruck von ihrer Umgebung verschaffen. Wir würden auch nie auf den Pfiff einer Ultraschallpfeife reagieren, ganz einfach weil wir sie nicht hören. Unser Hund aber tut es, und wir haben keine Ahnung, wie sich die akustische Umwelt (ganz zu schweigen von der Geruchsumwelt) unseres Hundes anfühlt. Insofern ist das, wir an Segmenten der Welt wahrnehmen und erfahren, abhängig von dem, wie wir evolutionär geworden sind.

Die Gehirnforschung, die Entwicklungspsychologie und die kognitive Psychologie haben im Verlauf der letzten Jahrzehnte deutlich gemacht, wie stark das, was wir wahrnehmen, eigentlich Konstruktionen sind. Unsere Wirklichkeit ist nicht etwas, das in uns hineinläuft, wie Wasser ins Glas – Karl Popper hat diese naive Epistemologie verächtlich „the bucket theory of knowledge”, die Eimertheorie der Erkenntnis genannt. Wir konstruieren sie. Intern, in un-serem Gehirn sind z.B. beim Aktivieren einer Vorstellung die selben Gehirnareale beschäftigt wie beim Wahrnehmen selbst, und es ist extrem schwierig zu sagen, wie sich zentral, innerhalb des Gehirns die Wahrnehmung eines externen Phänomens von einer intern generierten Vorstellung unterscheiden lässt (von der Malsburg, 2002). Die fairste Antwort ist: eigentlich gar nicht (wenn man von der zusätzlichen Aktivierung der peripheren Organe absieht).

Nicht nur haben wir alltagsempirisch keinen ungetrübt naiven Zugang zur Wirklichkeit, keine sog. unmittelbare Wahrnehmung der Welt, schon aus biologischen und physiologischen Gründen nicht. Nein, wir haben auch keinen unverstellten Zugang zur Wirklichkeit im psychologischen Sinne des Wortes. Was auch immer wir wahrnehmen und erfahren, ist in hohem Maße theorie- und kontextabhängig. Ein gutes Beispiel für diese Sachverhalte sind die bekannten optischen Täuschungen oder zweideutigen Bilder.

Abbildung 1 – Zweideutiger Stimulus; je nach Kontext wird der mittlere Stimulus als B oder als 13 gelesen

Abb. 2 – Zweideutiger Stimulus: Hase oder Ente?


Abbildung 1 zeigt ein solches zweideutiges Bild. Wird es von oben nach unten gelesen – und etwa die beiden Buchstaben rechts und links verdeckt, sehen wir klar eine „13”.  Von links nach rechts lesend rekonstruieren wir aus den Zeichen ein „B”. In Abbildung 2 können wir eine Ente oder einen Hasen entdecken, je nachdem, worauf wir unser Augenmerk richten. Spätestens seit der Erforschung solcher visuell zweideutiger Stimuli wissen wir, dass unsere Wahrnehmung, und damit auch unsere gesamte Erfahrung, extrem kontextsensitiv ist. Der Kontext hilft uns, die Zweideutigkeiten aufzulösen, die in einem visuellen (und eigentlich in fast jedem) Stimulus enthalten sind (Gheorghiu & Kruse, 1991). Der erweiterte Kontext ist unser kulturell-sprachlicher Kontext. Ihn ziehen wir zu Rate, wenn wir eine Erfahrung nicht einordnen können. Wir greifen auf dort verfügbare Begriffe und Termini zurück, mit denen wir unsere Erfahrung ordnen und Sinn stiften. Je neuer und unverständlicher uns eine Erfahrung vorkommt, desto größer ist unsere Tendenz im Normalfall, in unserem bekannten sprachlichen, begrifflichen und kulturellen Repertoire nach Anlehnungspunkten und Erklärungshilfen zu suchen.

Aber ist nicht eine Transpersonale Erfahrung gerade eine solche Erfahrung, die diesen Rahmen sprengt? werden mir die Anhänger der Naivitätshypothese, wie ich sie einmal nennen will, entgegenhalten (damit sei kein abschätziges Wort verbunden, sondern im Gegenteil Naivität in ihrer Bedeutung als Unvoreingenommensein gemeint). Die Antwort ist: Ja und Nein.
Ja, natürlich sind gerade transpersonale Erfahrungen zunächst einmal solche, die den herkömmlichen Rahmen von Erfahrungen und ihrer Benennbarkeit sprengen. Sie sind geradezu so definiert, dass wir für diese Erfahrungen in unserem konventionellen Rahmen keinerlei Begriffe und Verständnismöglichkeiten haben. Nicht umsonst drücken sich viele Mystiker, wenn überhaupt, dann in Paradoxien aus. Genau deshalb ist aber auch die Gefahr so groß, zum Verständnis und zur Handhabung einer solchen Erfahrung nach einem bekannten Rahmen zu suchen. Und ein solcher Rahmen ist immer ein kulturell gegebener. Und wenn man den Rahmen schon nicht in der eigenen Kultur findet, dann eben in einer fremden. Dann muss man eben ein schamanistisches Instrumentarium verwenden und eine Erfahrung als Geister-austreibung oder Seelensuche beschreiben, oder ein hinduistisches und von einer Kundalinierfahrung reden, oder ein buddhistisches und von einer Erleuchtungserfahrung sprechen. Immer nimmt man sich das Instrument einer bereits vorhandenen Kultur und deren Begriffe zu Hilfe, mit der eine Erfahrung handhabbar, verständlich, kommunizierbar und damit gemeinschaftsfähig wird. Selbstverständlich wird eine Kultur auch durch solche Erfahrungen erweitert und bereichert, aber sie wird selten durch eine einzige Erfahrung allein begründet oder verändert, weil die Erfahrung den kulturellen interpretativen Rahmen braucht, um überhaupt wirksam zu werden. Insofern gilt das Wort auch für die transpersonalen Erfahrungen: Es gibt keinen unvermittelt-naiven Zugang zur Wirklichkeit. Jede Erfahrung geschieht in einem kulturell-historisch-sprachlichem Raum, der sie auslegt, begrenzt und ihr Sinn und Wirkmöglichkeit verleiht.

Kehren wir zurück zu Wilbers These, die im Grunde die allgemeine These der Transpersona-len Psychologie ist: Transpersonale Erfahrung sei als naives Datum der Wissenschaft ernst zu nehmen und ein genauso legitimer Zugang zur Wirklichkeit wie diese. Dies These ist an zwei Stellen brüchig. Die eine Bruchstelle ist die gleiche wie die aller Wissenschaft: Wie geschieht die methodische Absicherung gegen Irrtum? Wenn wir die Inspiration eines Einzelnen, seinen unmittelbaren Erfahrungszugang zur Welt ungefragt annehmen, wie stellen wir dann sicher, dass wir nicht einem Gaukler, Verführer oder schlichtweg selbst Getäuschten auf den Leim gehen? Noch einmal anders ausgedrückt: Was unterscheidet den erfahrungsmäßigen Zugang zur Wirklichkeit eines Shakyamuni Buddha oder eines Jesus von Nazareth von der eines Hitlers? Auch letzterer gab vor, eine Mission zu erfüllen, einen Auftrag von der „Vorsehung” zu haben und einen göttlichen Plan zu erfüllen. Und viele stimmten ihm darin zu und hatten die gleiche „Erfahrung”, die damit also reproduzierbar und intersubjektiv kommuniziert war. Zweifelsohne müssen wir heute sagen, dass Hitler ein Scharlatan und Verbrecher war, Buddha und Jesus eher nicht. Allein dieses Gedankenexperiment zeigt uns, dass das Kriterium der individuellen Wahrheit, der persönlichen Evidenz und „Erleuchtung” allein nicht taugt, um erfahrungsmäßigen Zugang zur Wirklichkeit tatsächlich zu sichern. Die traditionellen Religionen wussten das und führten deshalb pragmatische Tests ein, die dazu dienen sollten, die Er-fahrung in der praktischen Anwendung zu festigen und zu sichern. Das neue Testament hat dies mit dem pragmatischen Kernsatz „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen” auf den Punkt gebracht. Und die Zen Literatur ist voll von Beispielen, wo die gelebte Praxis Zeugnis ablegt für die Tiefe der Wirklichkeitserfahrung. Offenbar waren selbst die Religionen, die sich auf Erfahrung stützen und berufen, skeptisch gegenüber der Möglichkeit, einen ungebro-chenen Zugang zur Wirklichkeit über Erfahrung allein zu sichern und wussten über die Not-wendigkeit der sprachlichen Vermittlung und der Verzerrbarkeit von Erfahrung.

Die These, die ich hier vertrete und die mich bei meiner Arbeit inspiriert, ist eine skeptische Gegenthese zur naiven Erfahrungstheorie: Ob wir wollen oder nicht, all unsere Erfahrung steht in einem kulturell-sprachlichen Kontext. Wir können gar nicht anders als die uns durch kulturellen Hintergrund, Studium, Lektüre, Schulbildung vertrauten und bekannten Begriffe zu verwenden, wenn wir uns in unserer Erfahrungswelt orientieren wollen. Wir haben keine andere Wahl. Anstatt so zu tun, als hätten wir als „Transpersonale” einen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit, ist unser bester Schutz gegen Selbsttäuschung, und eigentlich auch der transpersonalste Akt, dessen wir fähig sind, die permanente Bewusstmachung und Selbstkritik unserer sprachlich-begrifflich-theoretischen Weltvermittlung. Dies geschieht dadurch, dass wir uns über die Begriffe, die theoretischen Rahmen und Voraussetzungen Rechenschaft ablegen, mit Hilfe derer wir unsere Erfahrungen ordnen und rekonstruieren.

Aber ist es nicht doch evident, dass Leute, die sich auf das Holotrope Atmen einlassen, Erfahrungen machen, die teilweise ihr persönliches Leben betreffen, teilweise andere historische Zeiten, und zwar mit einer solchen Evidenz, dass sie – zu Recht – sagen, das sei eine Reinkarnationserfahrung? (Jahrsetz, 1999) Ist es nicht zulässig, das, was in einer Ubanda- oder Candomblé-Sitzung passiert, als Besessenheit durch einen anderen Geist oder eine Seele ei-nes Verstorbenen zu verstehen? (Krippner, 1998) Und ist es deswegen nicht vielleicht doch sinnvoll, eine exorzistische Austreibungstherapie zu versuchen, bei der ein eingedrungener Geist wieder vertrieben wird? Ist nicht das, was bei mediumistischen Sitzungen passiert, Beweis genug, dass es so etwas wie außerkörperliche Wesenheiten gibt, die bei Bedarf über den Körper eines anderen Menschen kommunizieren können? (Schwartz et al., 2001)

Die Antwort auf all diese Fragen ist wiederum: Ja und Nein. Ja insofern, als es töricht, fahrlässig oder einfach unprofessionell wäre, wollte man die Erfahrungen als solche verneinen und sie als Täuschungen oder gar böswillige Irreführung der Umgebung ausgeben. Die Erfahrungen selber bleiben unbenommen. Aber Anerkennen, dass jede Erfahrung auch immer eine – theoretisch inspirierte und sprachlich vermittelte – Interpretation sozusagen als siamesischen Zwilling transportiert, hilft dabei, sich dagegen abzusichern, die Erfahrung selber eindimensional in einem theoretischen Rahmen zu interpretieren, der vielleicht unangemessen ist.

Weshalb sich überhaupt solche Gedanken machen? Wenn wir ohnehin nicht ohne Theorie auskommen, kann es dann nicht egal sein, welche Theorie wir nehmen, eine wissenschaftlich akzeptierte oder eine mythologisch-narrative; Hauptsache wir machen unsere Erfahrungen und können sie vermitteln? Auf eine solche Haltung wäre meine Antwort ein klares Nein. Es ist eben nicht egal, mit welcher theoretischen Brille wir in die Welt blicken. Denn unsere Theorie, unser Weltmodell bedingt mit die Dinge, die wir sehen. Unsere Sprache ist die Be-grenzung unserer Welt, sagte sinngemäß Wittgenstein und meinte damit, dass unsere Mög-lichkeit, die Welt theoretisch zu begreifen und begrifflich zu fassen, diese auch prägen. Unsere implizite Theorie prägt unsere Welt in dem Sinne, dass sie die Dinge, Vorkommnisse und Gegenstände bestimmt, die darin vorkommen können, oder aber auch nicht (Collingwood, 1998; Schwartz & Russek, 1997). Insofern ist es auf jeden Fall sinnvoll und ein Akt der geistigen Hygiene, sich über seine implizite Welttheorie, sein geheimes Weltmodell Rechenschaft zu geben. Professionell plädiere ich dafür, anstelle einer naiven und konkretistischen Gegenposition zur reduktiven Wissenschaft zunächst in den eigenen Reihen Theoriekritik zu betreiben und innerhalb der Wissenschaft nach Anküpfungsmöglichkeiten zu suchen. Dies hat einen doppelten Sinn: zum einen verhindert man dadurch ein Auskristallisieren und Verfestigen untauglicher theoretischer Strukturen. Zum anderen behält man die Dialogfähigkeit mit dem Hauptstrom der Wissenschaft, was vor allem dann von Nutzen ist, wenn man von dieser wahrgenommen werden möchte (und dass dies sinnvoll ist, ist die implizite Voraussetzung die ich mit diesem Beitrag und die wir alle innerhalb des Deutschen Kollegiums für Transpersonale Psychologie machen).


2. EINE THEORETISCHE STRATEGIE: MIT OCKHAMS RASIERMESSER PLATONS RETTUNGSBOOT REPARIEREN     
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Der spiritus rector meiner theoretischen Unternehmung, ich brauche es nicht zu verschwei-gen, ist William Ockham, der Franziskanerlehrer, der von seinen Studenten und Zeitgenossen liebevoll „inceptor venerabilis” – verehrter Neuerer – genannt wurde, und dem Umberto Ecco in seinem Roman Der Name der Rose in der Gestalt des William von Baskerville ein unvergleichliches und stimmiges Denkmal gesetzt hat. Ockham ist innerhalb der Wissenschaft allgemein bekannt durch sein methodologisches Prinzip der Sparsamkeit, das als „Ockham’s razor – Ockhams Rasiermesser” in die wissenschaftliche Literatur eingegangen ist. Kaum bekannt hingegen ist die Tatsache, dass er sich viel mit genau den Fragen beschäftigt hat, die wir eingangs diskutierten: Wie genau kommt es zu Erfahrung? Gibt es einen unmittelbaren Zugang zu ihr? und dass er sich genau, um die unmittelbare Erfahrung als Möglichkeit theoretisch zu retten, gegen die von Thomas von Aquin und anderen (vor allem Duns Scotus, aber auch Heinrich von Gent) vertretene scholastische Wahrnehmungstheorie wandte (Day, 1947). Diese hatte, im treuen Gefolge des Aristoteles, postuliert, unsere Wahrnehmung würde Formen von den Dingen abstrahieren. Diese sog. species sensibiles, sinnliche Formen, die man sich als immaterielle Abbilder der Dinge vorstellen muss (die Photonenreflexion eines Gegenstandes wäre das moderne Äquivalent dazu) werden dann im Geiste zu species intelligibiles, intelligible Formen umgeformt. Diese intelligiblen Formen wären in etwa äquivalent unserem Begriff der mentalen Repräsentationen. Diese werden schließlich in kognitiven Akten manipuliert (ich wähle eine bewusst moderne Sprache, um die Sachverhalte zu skizzieren, ein konkretes Beispiel dafür, wie Theorie die Verständnismöglichkeit und damit die Wahrnehmung prägt). William von Ockham fragt nun, wie man sich denn mit einer solchen Theorie die Wahrnehmung eigener innerer Zustände erklären könne, Hunger, Durst, ganz zu schweigen von Frömmigkeit, Anbetung oder Dankbarkeit. Umformuliert: Wie kann man mit Hilfe eines so komplexen Wahrnehmungsapparates wie dem scholastisch-aristotelischen (der im übrigen erstaunlich viel Ähnlichkeit mit der modernen Konzeption hat!), so simple Dinge wie innere Erfahrung von eigenen Zuständen erklären? Schwerlich bis gar nicht. Und so kam Ockham dazu, den ganzen Apparat der scholastischen Species als überflüssiges theoretisches Beiwerk abzulehnen. Sein Paradesatz, der als Ockhams Rasiermesser in die Geschichte eingegangen ist, und der in vielen Formen an sehr vielen Stellen des Ockhamschen Werkes nachzulesen ist, lautet: „Pluralitas non est ponenda sine necessitate – Eine Vielheit (von theo-retischen Entitäten oder Theoriekonstrukten) darf nicht ohne Grund gefordert werden.” (Wilhelm von Ockham, 1982, p. 59). Er meinte damit, dass man keine theoretischen Konzepte postulieren solle, die nicht unbedingt notwendig sind und mit Zwischenkonstrukten, die zwischen unserer Welt, ihrer Wahrnehmung und unserer Theorie davon stehen, sparsam umgehen solle. Seither gilt in der Wissenschaft das methodologische Prinzip der Sparsamkeit, demzufolge eine Theorie, die mit weniger theoretischen Konstrukten auskommt, einer komlizierteren vorzuziehen ist. Ich betone noch einmal, dass der Grund für diese Position Ockhams war, dass er die „unmittelbare Wahrnehmung” vor der Verkomplizierung bewahren wollte, die die scholastisch-aristotelische Theorie bot. Dies im übrigen auch deswegen, um einen unmittelbaren Zugang zu Gott zu schaffen und zu ermöglichen, was für den frommen Franziskaner Ockham immer noch das Hauptziel seiner Tätigkeit und seines Lebens war (Goddu, 1984). Ironischerweise hat genau die Anwendung dieses Prinzips durch die Natur-wissenschaft dazu geführt, dass Ockhams Impuls – die Rehabilitation einer unmittelbaren und „unverkopften” Frömmigkeit und ein direkter, unvermittelter Zugang zur Wirklichkeit – in sein Gegenteil gewendet wurde. Der Sache nach ist unsere Wahrnehmung eben eher so strukturiert wie Aristoteles und Thomas dies gesehen haben.

Dennoch oder gerade deswegen lässt sich aus Ockhams Prinzip eine nützliche Folgerung ableiten, das „transpersonale Rasiermesser“ sozusagen:

Man geht mit theoretischen Konstrukten – „Geister”, „Energien”, „Engel”, „Dämonen”, „previous lives”, „transpersonaler Raum”, „absoluter Geist” – im transpersonalen Kontext am besten sparsam um. Im Wissen darum, dass mit dem Gebrauch solcher Begriffe und Wörter eine Tendenz zur Substanzialisierung einhergeht, verwendet man sie am besten sparsam bis gar nicht. Damit ist gemeint, dass man den damit gemeinten Sachverhalten eine Art Eigenexistenz zuzubilligen geneigt ist, wenn sie erst einmal genannt ist, eine Art transpersonaler Rumpelstilzcheneffekt im umgekehrten Sinne.

Das heißt aber nun nicht, dass man die Erfahrung deswegen verleugnen muss. Letzteres ist ein Trugschluss, der von der konventionellen Wissenschaft häufig gemacht wird, indem sie Ockhams Rasiermesser radikal anwendet und sich gewissermaßen nicht nur rasiert, sondern dem entsprechenden Phänomen gleich den Hals abschneidet und es damit für irrelevant erklärt. Nein, Ockhams Rasiermesser hat ein komplementäres Gegengewicht: Platons Rettungsboot. Dieses von mir so titulierte Prinzip leitet sich aus dem platonischen Wort von der „Rettung der Phänomene” ab (Walach & Schmidt, 2002). Dieses methodische Prinzip stammt aus der platonisch-astronomischen Schule und meint, eine astronomische Theorie müsste die Himmelsphänomene erklären können und nicht umgekehrt, dass Phänomene einer Theorie untergeordnet werden. Methodisch bedeutet dies, dass der Rahmen der Welt nicht durch die uns bekannten und für uns nützlichen Theorien abgesteckt wird, sondern von den Phänomenen selbst. Da unsere Wahrnehmung theorie- und unsere Erfahrung sprachgebunden ist, haben wir die Tendenz, Phänomene, die uns begegnen und die wir im Rahmen dieser geltenden Theorien nicht einordnen können, zu ignorieren, im Rahmen der Theorie umzudeuten oder aber für irrelevant zu erklären. Donner und Blitz, Phänomene, die im Altertum auch schon beobachtet wurden aber schlecht in die herrschenden Theorien integrierbar waren, wurden so assimiliert, dass sie als Zürnen der Götter ausgelegt wurden. Heute wissen wir, dass es sich dabei um das Aufeinandertreffen verschiedener Luftmassen und Ionenentladungen handelt. Transpersonale Phänomene werden in der Regel im Rahmen der geltenden kulturell-religiösen Normen interpretiert, und wo diese nicht mehr ausreichen, verdrängt oder bekämpft. Im gleichen Sinne werden transpersonale Erfahrungen heute von der Wissenschaft ignoriert, weil sie nicht ins herrschende wissenschaftliche Weltbild passen.

Wissenschaftshistorisch ist interessant, dass gerade diejenigen Phänomene, die nicht in eine herrschende Theorie integrierbar waren, den Ansporn für eine Erweiterung der Theorie oder für neue Entdeckungen gegeben haben (Oeser, 1979a, 1979b). Der Planet Pluto wurde beispielsweise entdeckt, weil einige wenige Astronomen den Abweichungen der Uranusbahn Aufmerksamkeit widmeten, die eigentlich aufgrund des astronomischen Modells nicht hätten sein dürfen, und die durch die Gravitation von Pluto zustande kamen und erklärbar waren. Dadurch erst wurden die Voraussetzungen für die Entdeckung Plutos geschaffen.

Die hier vorgetragene Strategie würde in diesem Sinne folgendes vorschlagen:
Wir nehmen die transpersonalen Phänomene ernst (Platons Rettungsboot). Zunächst als Anomalien und Fragwürdigkeiten, die gar nicht vorkommen dürften im herrschenden Weltmodell, ohne jedoch die impliziten Ontologien, die mit den Phänomenen transportiert zu werden scheinen, einzukaufen (Ockhams Rasiermesser), im Wissen darum, dass es jeweils mehrere theoretische Strukturen gibt, die einen gegebenen Satz von Phänomenen erklären können. Eine Erfahrung, in einer anderen Zeit als andere Person gelebt zu haben, ernstzunehmen, heißt noch lange nicht, der Ontologie zuzustimmen, wonach es isolierte Seelen gibt, die sich auf Wanderschaft begeben können, oder zu sagen, mein Ich hat sich schon 325mal auf dieser Erde in verschiedener Form manifestiert und es war immer das gleiche. Ich plädiere also der Sache nach dafür – wider besseres Wissen und wider meine Behauptung, eine theoriefreie Er-fahrung sei unmöglich –, die Erfahrung selber, so weit als möglich (und dies ist die wichtige, hier zu treffende Einschränkung), vom theoretischen Kontext getrennt zu betrachten, genauer, sich multiple theoretische Kontexte zu überlegen, innerhalb derer die Erfahrung rekonstruiert werden könnte. Unser Meinen, eine Erfahrung könne nur so und nicht anders verstanden werden, ist allermeistens Zeichen mangelnder Kreativität oder schlicht von Denkfaulheit.

Mit Ockhams Rasiermesser Platons Rettungsboot reparieren heißt also: Erfahrung ernstnehmen, Theorie mit Skepsis bedenken. Theoretische Konstrukte entfernen wo möglich, und die „eigentliche” Erfahrung ernst nehmen.

3. DAS PROBLEM: EINE – BEFRIEDIGENDE – THEORETISCHE STRUKTUR FÜR TRANSPERSONALE PHÄNOMENE    
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Unter transpersonalen Phänomenen wollen wir im folgenden jene Erlebnisse oder Erfahrungen verstehen, die unsere akzeptierte Vorstellung dessen, was ein individuelles Ich von seinen physiologischen, psychologischen und physikalischen Möglichkeiten erleben kann, übersteigt. Diese Definition beinhaltet die Theoriegebundenheit dessen, was als transpersonale Phänomene zu gelten hat, und dies ist Absicht. Denn es ist denkbar, dass unter anderen theoretischen Vorgaben das, was uns heute als transpersonal erscheint, vollkommen normal ist. Insofern bezieht sich die Definition auf den Alltagskonsens eines modernen, wissenschaftlich inspirierten und informierten Weltbildes. Beispiele für transpersonale Erlebnisse haben wir genannt. Ausser den genuin spirituellen Erfahrungen der Einheit mit anderen oder dem All, Reinkarnations-, Nahtoderfahrungen oder anderen außergewöhnlichen Erfahrungen gehören dazu alle, die suggerieren, dass unser Ich über die Grenzen unseres Organismus hinausreichend ist.

Das Problem einer wirklich zufriedenstellenden theoretischen Struktur, die zum Verständnis einer Fülle transpersonaler Phänomene tauglich ist, die den Phänomenen gerecht wird und wissenschaftlich anknüpfungsfähig und vermittelbar ist, ist alles andere als trivial. Die Phänomene, die es zu erklären gilt sind nämlich meistens nicht unbedingt ursächlich erklärbar, sie haben oft kategorial unterschiedliche Bereiche zum Gegenstand, etc. Wie etwa soll man sich eine Erklärung für eine tiefe Erfahrung vorstellen, wenn jemand sagt, sie sei plötzlich mit allem verbunden gewesen? (Segal, 1997) Wie lässt es sich begrifflich fassen, wenn jemand plötzlich in einer komplett anderen Sprache spricht, die er oder sie womöglich noch nie gelernt hat, und eine komplett andere Persönlichkeit zum Ausdruck bringt? (Spinu & Thorau, 1994) Wie ist es erklärbar, dass ein Medium plötzlich Sachverhalte über eine ihr völlig unvetraute Person sagt, die nicht nur im trivialen Sinne richtig sind, sondern die so spezifische Information darstellt, dass nur die betroffenen Peson selber die Informationen kennen konnte? (Schwartz et al., 2001)

Die meisten transpersonalen Erfahrungen sind gekennzeichnet durch ein Element der Nichtlokalität. Damit ist gemeint, dass bekannte Signal- und Ursachentheorien nicht auszureichen scheinen, um die in Frage stehenden Phänomene zu erklären. Wir gehen gewöhnlich davon aus, dass jedem Ereignis eine Ursache zugrunde liegt. Wenn man das Ereignis genauer analysiert, stellt man fest, dass es eine lückenlose Kette von benachbarten Energieaustausch- oder Wechselwirkungsprozessen gegeben hat. Wenn ich aufstehe und das Licht einschalte, dann hat irgendwo in meinem Gehirn irgendwann eine Neuronengruppe zu feuern begonnen (warum dies so war und ob dies ein freier Entschluss war, lassen wir außer Acht; dies ist auch innerhalb der Wissenschaft immer noch ungeklärt, wird aber als prinzipiell klärbar betrachtet), die über elektrochemische Signalketten den mechanischen Apparat meines Körpers in Bewegung gesetzt hat, welche den Lichtschalter betätigte, so dass Strom fließen konnte. Nirgendwo (bis auf den Anfang) ist hier ein mysteriöser Sprung in der Kette. Wenn ich traurig bin, weil ich vom Tod eines Freundes erfahren habe, so hat mich diese Nachricht im Regelfall über einen der fünf Sinneskanäle erreicht – eine Todesanzeige, ein Telefonat – und diese Nachricht hat bestimmte neuronale Prozesse in meinem Gehirn in Bewegung gebracht, die zu gedrückter Stimmung führen. Auch wenn wir die Prozesse im Gehirn nicht im Einzelfall ken-nen, vielleicht auch nie alle kennen werden, so ist doch im Prinzip ein Grossteil dieser Prozesse verstanden, und nirgendwo klafft eine Lücke. Wenn ich hingegen traurig wäre ohne irgend einen mir vorstellbaren Grund und erführe dann über ein Telefonat, dass justament zu dem Zeitpunkt, als meine Traurigkeit begann, mein lieber Freund gestorben ist, dann wäre dies ein Beispiel für einen nichtlokalen Prozess und ein transpersonales Phänomen, denn dann hätte ich über noch unbekannte Kanäle irgendwie dieses Wissen nicht-klassisch, nicht über Signale vermittelt, erhalten. Es gibt eine Fülle anekdotischer Belege für das Vorkommen solcher Phänomene, die aber mit dem herrschenden Weltbild nicht erklärbar sind. Weder gibt es Kenntnis über andere Signale, die schneller als Licht wären und solche Nachrichten früher überbringen könnten, noch gibt es Hinweise darauf, dass wir außerhalb unserer Sinneskanäle solche Möglichkeiten haben.

Transpersonale Erfahrungen haben also deswegen ein Element der Nichtlokalität, weil sie fast immer Zeit- und Raumgrenzen sprengen, dies ist ein weiteres Definitionselement. Die bereits öfter angesprochenen Erfahrungen vom Reinkarnationstyp sind solche Erfahrungen, die zeit-lich nichtlokal sind (Schwartz et al., 2001; Stevenson & Keil, 2000; Stevenson, 2000; Keil & Stevenson, 1999). Beispiele für Heilungsversuche, die über Kontinente hinweg funktionieren, ohne dass offenbar eine Einbuße im Effekt entsteht, sprechen dafür, dass diese Prozesse nichtlokal und nicht signalgebunden sind (Cha et al., 2001). Deswegen ist der häufig gebrauchte Begriff „Energie” oder „energetisch” in diesem Zusammenhang irreführend, da er einen kausalen Signalisationsprozess suggeriert, der mit dem Quadrat der Entfernung in seiner Stärke abnehmen würde.

Bedeutsam ist bei allen transpersonalen Erfahrungen offenbar das Bewusstsein: entweder dieses ändert sich durch die Erfahrung, oder durch ein verändertes Bewusstsein werden solche Erfahrungen möglich. Selten werden Erfahrungen im Alltagsbewusstsein gemacht, berichtet oder ernst genommen. Offenbar spielt immer das Bewusstsein eine Rolle.

Wir suchen also nach einem theoretischen Modell, das die nichtlokalen, akausalen Elemente der transpersonalen Erfahrungen aufgreifen und wissenschaftlich vermitteln kann, in dem auch Platz für das Bewusstsein in unterschiedlicher Form sein soll, und zwar in seiner Funk-tion als notwendige Bedingung einer solchen Erfahrung.


4. VORGÄNGER: PAULI UND JUNG    
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Interessanterweise gibt es Vorgänger in diesem Bereich. Bekanntlich hat C.G. Jung, auf den meines Wissens die deutsche Verwendung des Wortes transpersonal zurückgeht, immer eine große Offenheit für diese Phänomene gezeigt, ja seine Psychologie kann förmlich als ein erstes transpersonal-psychologisches Modell angesprochen werden. Weil er immer ein starkes Bedürfnis nach Verständnis und wissenschaftlicher Akzeptanz hatte, bemühte er sich schon relativ bald nach einer theoretischen Verständnismöglichkeit. Dabei kam ihm der Kontakt zum Physiker Wolfgang Pauli zugute, einem der bedeutsamsten Köpfe der Pionierquantenmechanik (Pietschmann, 1995). Dieser hatte aufgrund einer persönlichen Krise Jung aufgesucht und wurde von diesem an dessen Schülerin Erna Rosenbaum vermittelt. Aus dieser Begegnung entwickelte sich ein Briefkontakt, der bis zu Paulis Tod 1958 andauerte (Meier, 1992). Paulis Interesse war nicht nur persönlicher Art. Er war durch seine therapeutische Arbeit zu der Überzeugung gelangt, dass die Physik selbst anders strukturiert und formuliert werden müsse, damit sich die Psyche, das Bewusste und das Unbewusste integrieren ließe. Erst dann wäre sie vollständig. Aus diesem beiderseitigem Interesse heraus entwickelte sich eine Zusammenarbeit, zunächst skizzenhaft und dann konturierter, in der Pauli und Jung darüber nachdachten, wie ein Weltmodell aussehen könnte, in welchem diejenigen Prozesse, die Jung „synchronistisch” zu nennen begonnen hatte, einen Platz fänden. Mit „synchronistisch” oder „Synchronizität” meinte Jung folgenden Phänomenbereich: Immer wieder, zwar selten und nicht steuerbar, aber in einem sehr sinnvollen Lebenszusammenhang scheint sich die physikalische Welt korrespondierend zu einer inneren, psychischen Situation zu verhalten. Wir kennen diese Beispiele aus unserer Alltagserfahrung: Wir haben ein Problem, das wir selber nicht lösen können, benötigen dringend eine Information, und zufällig kommt jemand auf uns zu, der uns den Schlüssel zur Lösung bringt. Es sind dies jene „Zufälle”, die wir in unserer Wahrnehmung als sinnvoll, und wie absichtlich herbeigeführt erleben, obwohl es keinen direkten vorstellbaren oder bekannten Weg gibt, wie unser psychischer Zustand die mate-rielle Außenwelt so hätte beeinflussen können. Die Hilfsvorstellung, die sich Jung machte, war, dass sowohl psychische als auch materielle Prozesse im Grunde einer Einheit entsprun-gen sind, die er „unus mundus – eine Welt” nannte. In ihr ist noch keine Spaltung oder Auf-teilung in materiell und psychisch/geistartig geschehen, noch keine Subjekt-Objekt-Trennung vorgenommen. Vermöge dieser grundlegenden und ursprünglichen Einheit können beide Be-reiche auch „koordiniert” oder korreliert erscheinen, obwohl es keine denkbare kausale Brü-cke gibt (Abb. 3), sondern nur eine Verbindung zwischen den Bereichen durch Sinn (Jung, 1984).

Abb. 3: Jungs Modell von der zugrundeliegenden Einheit, die sich durch Auftrennung in Psyche/Geist und Materie erst als getrennt präsentiert. Synchronizität ist die Korrespondenz beider Bereiche durch Sinnverbindung

Auf diesem Hintergrund also hat Jung überlegt, wie solche Phänomene ins wissenschaftliche Weltbild integrierbar wären. In seiner Korrespondenz mit Pauli gab dieser ihm im Prinzip Recht, und beide postulierten in einer berühmten „Quaternio” – eine vierstellige Struktur, die lt. Jung die trinitarischen, dreistelligen Strukturen ablösen würden (Jung, 1996) – einen komplementären Bereich zur kausalen Welt (Abb. 4, Meier, 1992, S. 64ff.).

Abb. 4 – Quaternio mit Synchronizität als komplementäres Element zur Kausalität

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