In dieser Quaternio stellt sich unsere Welt, das Raumzeitkontinuum, als konkret gewordene Ausgestaltung der unzerstörbaren Energie dar. Die Verbindung von Ereignissen durch Kausalität, unser gewohntes Verständnis der materiellen Welt, wird ergänzt durch eine andere Art von Verbindung, der Verbindung durch Sinn, oder Synchronizität, in der es eine Korrespondenz zwischen materiellen und psychischen Ereignissen gibt. Pauli hat sich diese Vorstellung zumindest in seinen unpublizierten Schriften und im nicht-öffentlichen Bereich zu eigen gemacht, sich jedoch publizierend nur vorsichtig geäußert.

Immerhin war ihm klar, dass ohne eine Integration des Bewusstseins, der Psyche, in die fundamentalen Theorien der Physik auch diese unvollständig und fehlerhaft sein müssten (Römer, 2002). Pauli und Jungs Ansatz ist bislang nicht weitergeführt oder aufgegriffen worden, und bis auf Randkreise hat er keine große Wirkung gezeigt. In der Grundstruktur dieses Denkens steckt jedoch der Keim zu einer, wie ich meine, grundlegenden allgemeinen Struktur. Diese ist schon lange bekannt, aber erst in jüngster Zeit empirisch ausreichend bestätigt und allgemein akzeptiert worden: die sog. EPR-Korreliertheit oder Verschränkung innerhalb quantenphysikalischer Systeme.


5. VERSCHRÄNKUNG IN QUANTENPHYSIKALISCHEN SYSTEMEN    
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Bereits in den Anfangstagen der Quantentheorie wiesen Einstein, Podolsky und Rosen (EPR) darauf hin, dass sich aus dem Formalismus der Quantenmechanik (QM) folgende, paradox anmutende Situation ergibt (Einstein et al., 1935): Nimmt man ein quantenphysikalisches System, so hat dieses vor der Messung keinen definierten Zustand, sondern nur überlagerte Wahrscheinlichkeiten für definierte Messergebnisse. Misst man nun den Zustand eines Teiles des Systems, z.B. den Polarisationswinkel eines Photons, oder den Spin eines Elektrons, so ist aufgrund der formalen Struktur der QM der Wert des korrespondierenden Teilchens unmittelbar festgelegt, so als wüssten die beiden Teilchen um den Zustand des anderen, ohne dass jedoch Signale zwischen ihnen ausgetauscht werden können. Dies ist auch dann der Fall, wenn die Teilchen des Systems gewissermaßen über Lichtjahre oder das ganze Universum „verschmiert” wären. Unter den Voraussetzungen des klassisch-physikalischen Denkens ist eine solche Struktur absurd. Voneinander entfernte Elementarteilchen würden sich im Rahmen des alten Denkens als voneinander unabhängig gebärden und ein Messergebnis von Teil-chen A oder eine Manipulation an A hätte weder Einfluss auf B noch würde es uns etwas über Bs Status sagen. Nicht so in der QM: Solange ein Quantensystem als solches nicht zerstört wird, bleiben seine Elemente miteinander korreliert. John Bell hat die kombinatorische Überlegung durchgeführt, wie Messergebnisse aus einem Zwei-Teilchen-System strukturiert sein müssen, wenn sie voneinander unabhängig sind. Dies sind die berühmten Bellschen Ungleichheiten, die numerisch die Grenze dessen definieren, was an Messergebnissen unter Annahme der Unabhängigkeit zu erwarten ist (Bell, 1987). Damit wurde die zunächst rein theoretische Überlegung von Einstein und Kollegen prinzipiell testbar. Dies geschah in einer Serie von Experimenten seit den frühen 80er Jahren (Stefanov et al., 2002; Aspect et al., 1982a, 1982b). In beinahe allen Experimenten wurden die Voraussagen der QM bestätigt, und die EPR-Korreliertheit quantenmechanischer Systeme gilt heute als experimentell gesichert.

Was aber ist ein quantenmechanisches System? Ist dieser Sachverhalt auch für unsere Makrowelt von Tischen, Menschen, Tieren, Zügen und Häusern relevant? Oder ist er, wie die starke und schwache Kernkraft, nur unter bestimmten, höchst speziellen Umständen von Bedeutung? Denn in aller Regel scheint ja die merkwürdige Quantennatur unserer Materie für das zuverlässige Funktionieren unserer makroskopischen Strukturen keine Auswirkung zu haben (was im Übrigen als kleines Wunder gelten muss; eigentlich ist völlig unklar, wie sich unsere klassische Welt stabiler Gegenstände aus dieser Quantenwelt entwickelt). Man geht in der Regel davon aus, dass Quanteneffekte, wie die genannte Verschränkung oder EPR-Korreliertheit, jenseits von Distanzen oder Zeiten, die die Planck-Größe übersteigen, keine Rolle mehr spielen. Wann genau und wie genau diese sog. Dekohärenz geschieht, wird derzeit heftig diskutiert. Aus der algebraischen Fassung der QM kann man aber eine einfache, etwas anders geartete Ableitung treffen: Quantensysteme sind solche Systeme, in denen nicht-kommutierende oder komplementäre Observable vorkommen (Atmanspacher, 1996). Was muss man sich darunter vorstellen?

Das bekannteste Beispiel für komplementäre Größen oder Observable sind der Ort und der Impuls eines Teilchens. Es ist ja gerade kennzeichnend für die QM, dass in ihr solche nicht-kommutierenden oder komplementären Größen vorkommen, die nicht gleichzeitig scharf be-stimmbar sind. Nicht-kommutierende oder komplementäre Observable sind also solche, bei denen nur eine von beiden jeweils scharf bestimmbar oder messbar ist. Ist eine bestimmt, ist die andere maximal unbestimmt, und umgekehrt. Dies ist der Sinn der Heisenbergschen Unschärferelation. Wenn ich beispielsweise den Ort eines Teilchens maximal scharf bestimme, dann muss eine Messanordnung gewählt werden, die seinen Impuls so stört, dass dieser nicht mehr bestimmbar wird und umgekehrt. Man könnte nun zuerst den Ort, danach den Impuls messen, oder umgekehrt. Auf jeden Fall ergeben sich bei umgekehrter Reihenfolge der Mes-sungen unterschiedliche Ergebnisse. Dies ist die operationale Bedeutung des Begriffes „nicht-kommutierend”. Nicht-kommutierende Eigenschaften sind solche, bei deren Messung die Reihenfolge nicht egal ist. Wir kennen in der gewöhnlichen Algebra nur kommutierende Größen. Ob wir in der Rechnung 2*3 = 6 zuerst „2” nehmen und dann mit „3” multiplizieren oder umgekehrt ist völlig egal. Das Ergebnis ist immer „6”. Formal geschrieben: a*b – b*a = 0. Nicht so in der QM. Hier gilt bei komplementären oder nicht-kommutierenden Grössen wie Ort und Impuls p*q – q*p # 0. Dies ist der Sinn der Heisenbergschen Unschärferelation, die etwas anders geschrieben das gleiche ausdrückt Delta p * Delta q  > 0. Stellen wir uns für einen Moment vor, wir würden für die Größe rechts nach dem Ungleichzeichen eine sehr kleine Zahl einsetzen, z.B. 0.00005 und wir würden eine der Größen, z.B. Delta p ganz klein werden lassen in unserem Bestreben, sie möglichst scharf zu bestimmen, z.B. 0.0000000001. Lösen wir jetzt die Gleichung nach Delta q auf, dann ergibt sich aus dem Bruch eine Größe Delta q von 5*105. Und wenn wir Delta p weiter gegen Null gehen lassen, geht Delta q gegen Unendlich.

Komplementäre Größen in der QM sind also solche, die nicht kommutieren, d.h. deren Wert nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar ist. Wird der eine präzis bestimmt, ist der andere maximal unbestimmt und umgekehrt. Dieser Sachverhalt ist der Definitionsbestandteil eines Quantensystems. Ein Quantensystem ist ein solches, in dem nicht-kommutierende Größen vorkommen, zu dessen Formalisierung deshalb eine Algebra nötig ist, die solche nicht-kommutierenden oder komplementären Observablen handhaben kann.

Die Unschärferelation quantifiziert also nicht nur das Ausmaß der Unbestimmtheit, sondern definiert auch, welche Größen komplementär sind und damit für eine Verschränkung in Frage kommen (Kim & Mahler, 2000). Wenn die Unschärferelation zwischen zwei Größen gilt, von denen eine einen globalen Charakter hat, also das ganze System beschreibt, die andere lokal ist, also einen Teil des Systems charakterisiert, dann ist das System verschränkt.


6. SCHWACHE ODER GENERALISIERTE QUANTENTHEORIE – WEAK QUANTUM THEORY (WQT)    
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Man kann nun den Formalismus der algebraischen QM benützen und daraus eine allgemeine Axiomatik für Systeme aufstellen, die nicht Quantensysteme im engeren Sinn sein müssen. Dabei werden einige Randbedingungen, die für die QM charakteristisch sind, fallengelassen. So kommt etwa keine Planck-Konstante vor. Andere, wie die Möglichkeit, mit nicht-kommutierenden Größen zu operieren, bleiben bestehen. Wir haben gezeigt, dass eine solche Axiomatik sinnvoll formulierbar ist und dass sich daraus die QM im eigentlichen Sinne unter Einführung bestimmter Definitionen und Restriktionen wieder gewinnen lässt. Ein solches Modell haben wir unter dem Namen „Weak Quantum Theory” (WQT), einer generalisierten Form der Quantentheorie, unlängst publiziert (Atmanspacher et al., 2002).

Aus dem Formalismus der WQT lässt sich ableiten, dass Verschränkung, analog der EPR-Korreliertheit in quantenmechanischen Systemen im engeren Sinne des Wortes, auch in Systemen anderen Typs vorkommen kann. Quantenmechanische Systeme im engere Sinne können ebenfalls sehr groß sein, wie etwa galaktische Systeme, und Quanteneffekte können auch im makroskopischen Bereich vorkommen, etwa bei der Supraleitung, oder wenn eine EPR-Verschränktheit im Labor über 20 m nachgewiesen wird. Der Unterschied ist, dass all diese Effekte mit der QM im eigentlichen Sinne theoretisch und formal behandelbar und beschreib-bar sind. Die generalisierte Form der QM, die WQT, behandelt alle Typen von Systemen. Es kann sich dabei um biologische, psychologische, gemischte oder andere Systeme handeln. Es müssen auch keine rein materiellen Systeme sein, sondern es können auch solche sein, bei denen das Bewusstsein als Element des Systems behandelt wird.

Dieses Modell sagt also nun vorher, dass in einem System dann Verschränkung zu erwarten ist, wenn es
a) komplementäre oder inkompatible Observablen enthält
b) eine dieser Observablen lokal ist, also einen Teil des Systems beschreibt und die andere global ist.

Dies ist eine sehr abstrakte Formulierung, die im Einzelnen mit konkreten Aussagen gefüllt werden muss, aber sie bietet eine allgemeine formale Struktur dar, die erlaubt, Verschränkung auch in anderen Systemen zu verstehen, ja sogar zu erwarten, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind. Ähnlich wie bei der QM im eigentlichen Sinne, ist dies zunächst einmal eine theoretische Aussage. Ob sie stimmt oder nicht, ist eine empirische Frage, die mit grundlegenden Experimenten, analog zu den EPR-Experimenten der QM geklärt werden muss. Unter der Voraussetzung aber, dass die theoretische Vorhersage eines generalisierten Falles von Verschränkung in allen möglichen Systemen richtig ist – und formal ist sie dies – lassen sich daraus interessante Folgerungen ableiten. Vor allem haben wir damit die gesuchte theoretische Struktur an der Hand, die es uns erlaubt, transpersonale Phänomene theoretisch zu verstehen, ohne auf problematische Entitäten zurückgreifen zu müssen. Da die WQT sich direkt aus der eigentlichen algebraischen QM ableiten lässt und auch wieder in diese überführbar ist, wäre damit auch der geforderte Anschluss an den Hauptstrom der Wissenschaft gewährleistet. Ob diese Struktur wirklich der empirischen Wirklichkeit entspricht, ist, ich betone es nochmals, eine empirische Frage. Hier steht zunächst nur die explanatorische Kraft eines solchen Ansat-zes zur Diskussion. Ich schlage vor, transpersonale Phänomene auf dem Hintergrund dieses Modells als Fälle generalisierter Verschränkung zu verstehen. Im folgenden wollen wir dies konkretisieren.

 
7. TRANSPERSONALE PHÄNOMENE ALS BEISPIELE VON GENERALISIERTER VERSCHRÄNKUNG   
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7.1 Komplementarität in der Lebenswelt     <<<Inhalt

Die WQT sagt also vorher, dass überall dort, wo Inkompatibilitäten oder Komplementarität vorhanden ist, wenn sich diese auf eine lokale und eine globale Observable bezieht, Ver-schränkung auftritt. Hier muss zunächst eine Schwierigkeit oder Problematik bezeichnet werden: Wir wissen zwar für die QM im engeren Sinne ziemlich genau, was komplementäre Größen sind, da sie hier definiert sind. Dies ist anders in unserer Lebenswelt. Unsere lange kulturelle Tradition, geprägt durch die aristotelische, zweiwertige Logik, den Satz der Identi-tät und den Satz vom Widerspruch, hat in uns die Denkstruktur fixiert: Entweder ist etwas A, oder nicht A; entweder A, oder B, entweder hier, oder dort, entweder heute, oder morgen, entweder grün, oder rot, usw. Wir haben hingegen Schwierigkeiten, mit Komplementarität oder Inkompatibilität umzugehen. Das sieht man schon daran, dass diese Begriffe in der QM zunächst rein mathematisch und formal definiert waren, und das Erklären dieser Sachverhalte im Rahmen der Alltagssprache kompliziert und fehlerbehaftet ist. Unsere Alltagssprache ist eigentlich untauglich, Komplementarität zu vermitteln, da wir gewöhnlich individuell und kulturell damit wenig Umgang pflegten. Gleichwohl hält auch unsere Normalsprache eine ganze Reihe von Sachverhalten bereit, die bei genauerem Zusehen komplementäre Paare dar-stellen. Wichtig hierbei ist es, nicht einfach Polaritäten oder Gegensätze anzuhäufen. Denn Komplementarität bezeichnet nicht einfach einen Gegensatz, sondern eine maximale Inkom-patibilität (Atmanspacher, 1996). Einige Kandidaten für komplementäre Begriffspaare habe ich in Tabelle 1 festgehalten:

Individualität

Gemeinschaft

Selbständigkeit

Verbundenheit

Freiheit

Verantwortung

Gerechtigkeit

Liebe

Diagnose

Therapie

Immanenz

Transzendenz

Welt

Gott

Struktur

Funktion

Erstmaligkeit

Bestätigung

Kreativität

Fleiß

Spontaneität

Präzision

Leere

Form

Materie

Geist

Gewährenlassen

Regeln aufstellen

Ergebnis

Prozess

Offenheit

Unbewusstheit

Tab. 1 – Lebensweltliche Begriffspaare, die komplementäre Struktur aufweisen

Man beachte, dass es sich bei dieser einigermaßen bunten und wahllosen Auswahl manchmal um ähnliche Strukturen handelt, die sich je nach Perspektive je neu darstellen. So ist etwa das Paar Individualität-Gemeinschaft unter moralisch-ethischer Hinsicht die Antinomie zwischen Freiheit und Gerechtigkeit und unter psychologischer Perspektive Selbständigkeit vs. Verbundenheit oder Symbiose. In systemtheoretischer Hinsicht taucht derselbe Sachverhalt unter dem Titel Erstmaligkeit und Bestätigung wieder auf. Auch die Paare Kreativität-Fleiß oder Spontaneität-Präzision sind äquivalent und bezeichnen den selben Sachverhalt einmal aus der Perspektive der reproduzierenden und einmal aus der Sicht der schaffenden Kunst. Interessanterweise zeigt sich auch im therapeutischen Kontext Komplementarität: Diagnose und Therapie erscheinen als komplementäre Begriffspaare, ebenso wie Ergebnis und Prozess. Eine andere therapeutisch relevante Kombination ist die zwischen Offenheit und Unbewusstheit. Sie wird im nächsten Abschnitt eine Rolle spielen.

Eine sehr allgemeine Komplementarität herrscht zwischen Materie und Geist (Walach & Römer, 2000), wie wir bereits oben sahen. Und typischerweise sind alle religiös-spirituellen Kontexte mehr oder weniger stark von komplementärer Sprache durchdrungen. Reich (1990) hat darauf hingewiesen, dass die Formulierungen der ökumenischen Konzile von Nicäa und Chalcedon, die definierten, Jesus sei ganz Mensch und ganz Gott, explizit komplementaristiche Formulierungen waren. Man könnte überhaupt philosophiehistorisch argumentieren und sagen, dass die plotinsche Spekulation vom jenseitigen Einen, das zugleich alles und nichts ist, der philosophische Ansatzpunkt komplementärer Art ist, mit dem sich die aristotelische Logik und der Satz vom Widerspruch transzendieren lassen. Die christliche Theologie der Väterzeit hat dies erkannt und die plotinsche Systemspekulation zur Basis für die Trinitätslehre genommen (Beierwaltes, 1974; Ivanka, 1964). Dies nur am Rande. Jedenfalls sind die berühmten theologischen Gegensätze Gott und Welt, Immanenz und Transzendenz aus meiner Sicht als komplementäre Begriffspaare aufzufassen, genauso wie das aus der buddhistischen Tradition kommende Paar von Leere und Form.

Bei genauerem Zusehen gäbe es sicher noch eine ganze Reihe solcher komplementären Paare. Dies möge einstweilen als Beleg dafür genügen, dass eine Analyse der lebensweltlichen Gegensätze und eine Untersuchung, inwiefern auch hier Komplementarität eine Rolle spielt, loh-nend sein kann. Wenn aber in der Lebenswelt Komplementarität vorkommt, dann ist eine verallgemeinerte Quantentheorie durchaus am Platz. Denn nur sie kann Inkompatibilitäten theoretisch und formal handhaben. Dann ist auch zu erwarten, dass Verschränkungsphänomene außerhalb der QM vorkommen. Und die Behauptung dieser Arbeit ist, dass transpersonale Phänomene Beispiele für solche Verschränkungen sind. Hier ein paar Rekonstruktionen:


7.2 Übertragung   
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Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass Übertragungsphänomene als Beispiele von Verschränkung betrachtet werden können. Dabei habe ich vor allem jene Phänomene im Blick, bei denen Therapeuten fremdpsychisches Material als ihr eigenes wahrnehmen, also bei besonders deutlichen Fällen von Gegenübertragung (Stirn, 2002). Diese sind ja bekanntlich dadurch gekennzeichnet, dass in einem therapeutischen (oder in einem anderen engen und intensiven zwischenmenschlichen) Verhältnis im Therapeuten Material zum Vorschein kommt, das dieser als fremd erlebt. Dies können Impulse sein, Affekte oder Fantasien, die plötzlich auftauchen. Wenn eine Therapeutin etwa in einer Episode heiteren, leichten Geplauders plötzlich Angst verspürt, Fantasien von Bedrohung und Vergewaltigung erlebt, die ihr normalerweise völlig fremd sind, dann ist es oftmals therapeutisch geraten, diese als Gegenübertragung zu verstehen, als Material also, das zum Patienten gehört, auch wenn dieser es im Mo-ment nicht wahrnimmt. Dies ist erfahrungsgemäß vor allem bei unbewusstem und verdrängtem Material der Fall.

Theoretisch verstehen lässt sich dieses Phänomen als Beispiel für einen generalisierten Fall von Verschränkung. Das Gesamtsystem Patient-Therapeutin ist durch Offenheit, Bewusstheit gekennzeichnet. Dies ist sozusagen das Resultat des therapeutischen Abkommens. Lokal gibt es jedoch, hierzu komplementär, viele unbewusste Elemente und Anteile, sowohl im Patienten, als auch im Therapeuten, wobei im Moment diejenigen Anteile des Patienten von besonderer Bedeutung sind (der umgekehrte Fall, dass die unbewussten Anteile des Therapeuten beim Patienten Affekte und Gefühle oder möglicherweise auch Impulse „induzieren” ist sicherlich auch nicht zu vernachlässigen und spielt bei therapeutisch malignen Verläufen eine wichtige Rolle, die wir aber hier außer Acht lassen wollen). Diese Konstellation führt zu einer Verschränkung zwischen Therapeutin und Patient, was die psychischen Inhalte betrifft (und möglicherweise auch auf anderen Ebenen, die wir nicht kennen, nicht beachten, oder nicht als solche erkannt haben). Dadurch kann sich das Material des Patienten in der Therapeutin als das „ihre” manifestieren, wobei eine Aufteilung in „dein” und „mein” im Verschränkungsfalle eigentlich nicht sinnvoll ist.


7.3 Schamanismus, Magie, Voodoo, magisches Heilen   
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Ein häufig von transpersonalen Therapeuten und Schriftstellern bemühtes Phänomen sind schamanistische, magische und ähnliche Rituale. Allen gemeinsam ist, dass es keine vorstellbaren kausalen Mechanismen gibt, die einem neuzeitlich aufgeklärten Geist zufriedenstellende Erklärung für das Geschehen bieten. Zwar kann man sich in neuromantischer Entrückung auf die angebotenen animistischen Weltbilder zurückziehen und von Geistern, Dämonen, Seelenfahrten schwärmen. Solange man dies metaphorisch und bildlich tut ist dagegen auch nichts einzuwenden. Meistens aber werden damit implizite Ontologien transportiert, die aus meiner Sicht optimale Kandidaten für eine Ockhamsche Rasur darstellen. Bleibt zu überlegen, ob es eine andere Rekonstruktionsmöglichkeit gibt. Die generalisierte Quantentheorie und der verallgemeinerte Fall von Verschränkung kann auch hier angewandt werden, und zwar so:

Bestandteil eines jeden schamanistischen oder magischen Rituals ist es, eine klare Grenze zu ziehen zwischen Alltagswirklichkeit und -leben und dem Heiligen. Das ist Sinn des Rituals. Damit wird eine Systemgrenze errichtet zwischen dem involvierten zu behandelndem System und der Außenwelt. Wir haben in der Regel eine krankhaft veränderte Wirklichkeit, die geheilt werden soll. Der Heiler oder Schamane tut etwas, in der Wirklichkeit als Ritual, im Geist, rein mental, oder an einem Abbild, und zwar so, als wäre dies die Wirklichkeit. Damit wird ein zur Wirklichkeit komplementärer Zustand geschaffen, wenn auch nur im Bewusstsein. Es wird also ein globaler Zustand mit einer komplementären lokalen Operation verkoppelt, wodurch Verschränkung hergestellt wird. Auf diese Art und Weise könnte dann eine bestimmte Handlung oder ein bestimmter mentaler Akt eine korrelativ vermittelte Veränderung im System herbeiführen.

Der Fall wird je nach konkreter Konstellation unterschiedlich zu analysieren sein. So ist eine geistige Fernbehandlung durch Gebet anders zu analysieren als ein magisch-schamanistisches Ritual im eigentlichen Sinne des Wortes. Die Struktur hingegen ist die selbe.
 
7.4 Systemisches Familienstellen    
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Bekannt beim Familienstellen, wie es von Hellinger eingeführt wurde, ist das Phänomen der partizipatorischen Wahrnehmung (Varga von Kibéd, 1998). Darunter versteht man die Tatsache, dass ein Stellvertreter, der in einem aufgestellten Familiensystem einen bestimmten Platz für ein nicht anwesendes Familienmitglied einnimmt, plötzlich stellvertretend Dinge wahrnimmt – Affekte, Impulse, Ideen, Fantasien hat -, die nicht ihm sondern dem vertretenen Familienmitglied zugehört. Umgekehrt können Änderungen, die in diesem virtuellen System vorgenommen werden, auch in der Wirklichkeit Reflexe zeigen.

Eine Rekonstruktion dieser Situation im Rahmen der WQT würde davon ausgehen, dass durch das Ritual des Stellens ein System erzeugt wird, das die Gruppe und die ursprüngliche Familie umfasst. Eine lokale Beschreibung umfasst die Personen, die aktuell das Familien-stellen durchführen, eine globale das System als Ganzes, welches nicht materiell ist, sondern in gewisser Weise ideell. Es vereinigt schließlich idealtypische Elemente – der Vater, die Mutter schlechthin –, mit Konkretisierungen – Personen und ihre Geschichte. Beide sind komplementär zueinander und ermöglichen so Verschränkung. Dadurch sind partizipatorische Wahrnehmungen als Beispiele von Verschränkung denkbar.


7.5 Besessenheit    
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Sowohl im Rahmen der holotropen Atemarbeit, als auch innerhalb kulturell definierter ritueller Grenzen kennt man das Phänomen der Besessenheit in den Sinne, dass sich plötzlich Persönlichkeitsanteile einer fremden Persönlichkeit zu äußern scheinen (Spinu et al., 1994). Dies kann mit völlig verschiedener Stimme, aber auch mit dem Sprechen einer fremden Sprache einhergehen, die der Betreffende nie gelernt hat. Eine klassische Erklärung rekonstruiert diese Fälle als Dissoziation, was sicherlich auch oftmals zutrifft oder mit eine Rolle spielt (Pfleiderer, 1994). Ob hingegen alle Fälle als Dissoziation verständlich sind, mag bezweifelt werden. Gehen wir einmal davon aus, dass es genuine, d.h. nicht allein und ausschließlich mit Dissoziation erklärbare Fälle gibt. Diese wären als Verschränkungsphänomene verständlich. Durch Rituale werden Systemgrenzen errichtet. Innerhalb dieser bewegen sich konkrete Personen und imaginierte Wirklichkeiten, die zunächst rein virtuell sind. Das eine sind lokale, das andere globale Beschreibungen, die zueinander komplementär sind. Dadurch kann Verschränkung entstehen und Inhalte können sich manifestieren, ohne kausal durch eine „Inbesitznahme” der Persönlichkeit oder durch „Geister” hervorgerufen zu sein.


7.6 Andere Phänomene    
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Das gleiche Erklärungsmuster lässt sich für viele andere Phänomene durchführen. Hier ging es nur um das beispielhafte Skizzieren. Channeling etwa und Medialität, außersinnliche Wahrnehmung und Präkognition, spontane Spukfälle und ortsgebundener Spuk, eine Vielzahl paranormaler Phänomene, die von manchen in die Nähe der transpersonalen Psychologie gerückt werden, können als solche nichtlokalen Korrelationen in makroskopischen Systemen verstanden werden. In der Tat hat Walter von Lucadou schon seit vielen Jahren darauf hingewiesen, dass eine Erklärung dieser Phänomene analog der EPR-Verschränktheit ihrer Phänomenologie und Natur vermutlich wesentlich besser gerecht wird als eine signaltheoretisch-kausale (Lucadou, 1995). Der Unterschied zwischen dem hier vorgestellten und dem von Lucadouschen Modell ist lediglich in der Formalisierung und in der engeren Anlehnung an die QM zu sehen. In Lucadous Sicht ist es die pragmatische Information eines System, die die Verschränkung erzeugt (Lucadou, 2001). Die pragmatische Information wird von der WQT nicht als Größe eingeführt, und möglicherweise gibt es ja Verbindungen, die erst zu entde-cken sind.


7.7 Generalisierter Fall von Verschränkung    
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C.G. Jung war ursprünglich der Auffassung, dass Synchronizitäten seltene Fälle darstellen, die in außergewöhnlichen Momenten, gewöhnlich Krisen- oder Gefahrensituationen, vielleicht auch zu besonderen Gnadenzeiten, auftreten, aber nicht die Regel sind (Jung, 1952). Durch sie zeigt sich das Numinose in der alltäglichen Welt. Später und an anderer Stelle scheint er seine Meinung etwas revidiert oder erweitert zu haben. Zunächst in einer Fußnote, dann auch in einem erläuternden Brief meint Jung, dass Synchronizitäten möglicherweise viel häufiger vorkommen, als man denkt, und dass große Heilige, Erleuchtete, Heiler und Schamanen durch die Art ihres Bewusstseins oder durch Techniken der Bewusstseinsveränderung Zugang zu diesen Bereichen haben könnten (Jung, 1980). Jungs Vermutung würde durch die WQT bestätigt. Verschränkung wäre wahrscheinlich auch in unserer alltäglichen Welt ein häufiger vorkommendes Phänomen, als wir glauben, nur nehmen wir sie nicht als solche wahr. Bereits Leibniz hatte mit seinem Beispiel der synchronisierten Uhren insinuiert, dass die leiblichen und psychischen Vorgänge irgendwie koordiniert sein müssen (Leibniz, 1966). Er prägte dafür das Wort von der prästabilierten Harmonie, etwas, das man lange für metaphysisches Geschwafel hielt. Aufgrund der hier vorgestellten Analyse wäre es durchaus denkbar, dass etwa die Koordination psychischer und leiblicher Vorgänge als eine Art generalisierter Fall von Verschränkung behandelbar wäre. Erste Ansätze hierzu gibt es bereits (At-manspacher, 2002). Dann wäre allerdings oft mit Verschränkungen und Nichtlokalitäten zu rechnen, vielleicht auf einem sehr subtilen Niveau, das unserem alltäglichen Zugriff entzogen ist. Nur in wirklich drastischen Fällen würde sich diese Verschränkung phänomenal richtig bemerkbar machen.

Eingangs sagten wir, dass unsere Sprache unsere Welt prägt und unsere Theorie das, was wir sehen, bedingt. Unsere Theorie der Welt ist im wesentlichen kausal. Deshalb denken wir vornehmlich kausal, nehmen hauptsächlich kausal wahr, rekonstruieren die Welt in unseren wissenschaftlichen Theorien kausal, und all das ist auch gut so, denn sonst hätten wir wohl als Spezies nicht überlebt, geschweige denn die Möglichkeit zur Evolution und kulturellen Entwicklung gehabt (Oeser, 1987). Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass möglicherweise parallel oder komplementär zum kausalen Strom der Welt ein korrelativer, nicht-lokaler verläuft, dessen Phänomenologie und Struktur noch weitestgehend unklar ist (Römer, 2002). Er äußert sich in anscheinend erratischen und schlecht im kausalen Weltbild unterzubringenden Phänomenen, zu denen die spirituellen und transpersonalen Erfahrungen zu gehören scheinen.

Die WQT gibt hierfür den theoretischen Rahmen ab, der mit Stoff, d.h. entsprechenden Analysen von Phänomenen und zu allererst dem experimentellen Nachweis dieser Phänomenklasse gefüllt werden will. Meine Vermutung ist, dass sich viele Beispiele werden finden lassen, dass vielleicht sogar ein Strom von mehr oder weniger stabilen und dauerhaften, mehr oder weniger ins Fühl- und Sichtbare sich wendenden Verschränkungen aufdeckbar sein wird. Möglicherweise haben sie die Aufgabe von Koordination über kategoriale Grenzen hinweg, die nicht von kausalen Signalen überbrückbar sind oder zwischen zeitlichen und räumlichen Weltdomänen, für die die gegebenen kausalen Prozesse zu langsam sind. Eine rasche Intuition im zwischenmenschlichen Bereich etwa, die Gefahr signalisiert und uns abwehr- oder fluchtbereit macht ist im Ernstfall fürs Überleben hilfreicher als eine präzisere, die kausalen Bedingungen analysierende, aber vielleicht langsamere. Zu Zeiten eines Mangels an Beutetieren ist es für den Jäger absolut notwendig, dass er auch über nichtlokale Zugriffsmöglichkeiten auf die Bewegungen und Aufenthalte seiner Beute verfügt. Ein aufgeklärt analytisches Denken, das vor allem in den Bahnen der Kausalanalyse verläuft, würde solche Optionen als magische Hirngespinste abtun. Ziel und Zweck meiner Analyse war es zu zeigen, dass gerade das analytische Denken, auf die Spitze getrieben in seiner modernen Höchstform der QM, uns beinahe dazu nötigt, eine solche Klasse von Phänomenen anzuerkennen, die nicht kausal, nicht lokal sind und gerade die Basis für solche magischen Prozesse darstellen. Dies empfinde ich im übrigen als eine hübsche Ironie oder Dialektik der Geschichte. Mit diesen Prozessen eines generalisierten Falles von Verschränktheit in allen möglichen Arten von Systemen unter den skizzierten Voraussetzungen wird auch das rehabilitiert, was lange totgesagt wurde: Es wird eine Art finaler Kausalität, die bereits Aristoteles gefordert hatte und die mit der wissen-schaftlich-mechanistischen Revolution zu Grabe getragen wurde, wieder denkbar. Holistische, ganzheitliche Kontrollprozesse werden wissenschaftlich hoffähig.

Kehren wir zum Schluss noch einmal zu einem unserer Ausgangspunkte zurück, zu William Ockham. Wir sahen, dass die unmittelbare Wahrnehmung für ihn ein Motiv war, die scholastische Wahrnehmungstheorie zu attackieren. Damit hat er den Weg für die moderne Wissen-schaft geebnet. Unmittelbare Wahrnehmung, das vorurteilsfreie Bei-den-Dingen-und-Menschen-Sein ist auch Bestandteil einer jeglichen spirituellen Tradition. Auch in der christlichen Tradition spielt es eine große Rolle, wenn auch in der Praxis stark vernachlässigt. Es wird momentan unter dem Stichwort Achtsamkeit weiten Kreisen zugänglich. Die philosophische Tradition kennt dies unter dem Stichwort Phänomenologie. Hier haben wir ein generisches Beispiel von Verschränkung vor uns: Das Ich und sein Objekt sind getrennt und doch eins, differenziert und doch verbunden. Es ist nämlich nicht der lärmig-langweilige Einheits-singsang „wir sind ja alle eins” das Loblied der Spiritualität, sondern die Differenzierung in der Einheit, die Vereinzelung in der Verbundenheit, die Individualität in Gemeinschaft. Nicht Leere, sondern Leere und Form. Insofern steckt vermutlich die gleiche Struktur, die wir aus der QM abgeleitet haben und die maßgeblich für den Aufbau der Materie ist, in der ganzen Welt und auch in der Spiritualität. Dies ist der eigentliche Grund, weswegen Spiritualität und Wissenschaft im Grunde keine Kontrahenten sind, sondern gleichfalls komplementäre Zugänge zur Welt. Daraus leitet sich ab, dass es eine Verkürzung wäre, auf eines der beiden zu verzichten. Dies sei den Wissenschaftlern genauso wie den spirituellen Suchern gesagt.

Die Transpersonale Psychologie könnte der Ort werden, an dem diese Komplementarität zu einer fruchtbaren Verbindung zwischen beiden Bereichen führt, auf dass die Teilung zwischen Spiritualität und Wissenschaft, die irgendwann gegen 1260 in unserer Kultur einsetzte (Walach, 1994), wieder zu einem neuen Brückenschlag finden kann.

 
DANKSAGUNG:   
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Die hier ausgedrückten Gedanken wären nicht möglich gewesen, wenn nicht Prof. Hartmann Römer meiner mir zum einen einige Sachverhalte der Quantenmechanik erklärt und zum anderen den Formalismus der WQT entwickelt hätte. Die Bedeutung dieser Möglichkeit ist mir vor vielen Jahren durch einige anregende Diskussionen mit Walter von Lucadou klar gewor-den.

 
LITERATUR   
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