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WIE: Da viele von uns im Westen die religiösen Traditionen hinter sich gelassen haben, haben wir auch das moralische und ethische Fundament, das sie uns boten, verloren. Wo können wir uns jetzt hinwenden, um eine neue Moral zu finden, die relevant ist für unser gegenwärtiges, wissenschaftliches Zeitalter?
SEINE HEILIGKEIT, DER DALAI LAMA: Ich führte einmal ein Gespräch mit einem deutschen Politiker, der der Meinung war, dass Moral und Ethik auf einer religiösen Tradition fundiert sein müssen. Ohne dieses Fundament, meinte er, ist es unmöglich, ein ethisches System zu haben. Aber ich bin da anderer Meinung. Nach meinem Verständnis bietet uns ein ethisches System Verhaltensregeln oder eine Denkweise, die das langfristige Gemeinwohl berücksichtigen. Und ich denke, dass wir eine weltliche oder nichtreligiöse Ethik finden müssen.
Häufig sage ich den Leuten, dass wir gleich von der Geburt an die Zuneigung unserer Mutter schätzen lernen. Und unsere Mutter gibt uns ihre Zuneigung freiwillig und natürlich. Es gibt einen Grund hierfür: diese Zuneigung ist ausschlaggebend für das Überleben des Kindes. Und bei vielen anderen Tieren ist es ähnlich – die Jungtiere sind auch vollkommen abhängig von der Mutter. Aber bei einigen Arten, zum Beispiel bei Schildkröten, sind die Jungtiere nicht von der Mutter abhängig, nachdem die Eier gelegt sind. Wenn also jemand eine Mutterschildkröte und ihre Nachkommen zusammen führen würde, würden sie Zuneigung empfinden? Gäbe es eine Bindung? Wahrscheinlich nicht. Ihre Nachkommen sind von Geburt an unabhängig, sodass sie niemals dieses Gefühl der Nähe entwickeln würden.
Wenn wir jetzt aber diese Logik der Abhängigkeit weiter verfolgen – von der Familie zur Gemeinschaft und zur Gesellschaft, zur nationalen und internationalen Ebene, und selbst zur ökonomischen und ökologischen Ebene – dann sehen wir, wie verbunden wir sind, wie abhängig wir voneinander sind in dieser Welt. Angesichts dieser Realität können wir der Notwendigkeit für gegenseitige Fürsorge nicht entrinnen. Dies hat nichts mit Religion zu tun. Ich spreche nicht über Gott oder Buddha. Ich spreche von dem Verständis und der Wahrnehmung dieser hochkomplizierten und vernetzten Welt. Dann kann man, selbst vom Standpunkt des persönlichen Überlebens und Wohlbefindens, für ein ethisches System argumentieren, das auf Zuneigung beruht.
Die Zuneigung eines Kleinkindes basiert nicht auf Glauben, sie ist von Natur aus sehr stark. Ich denke, wir machen den Fehler, zu denken, dass wir unabhängig sind, wenn wir erwachsen sind. Wir glauben, dass wir andere nicht brauchen, um erfolgreich zu sein – außer, um sie vielleicht auszubeuten! Dies ist die Quelle von allerlei Problemen, Skandalen und Korruption. Wenn wir jedoch mehr Respekt hätten für das Leben anderer Menschen – mehr Interesse und mehr Bewusstsein – dann hätten wir eine ganz andere Welt. Wir müssen die Realität gegenseitiger Abhängigkeit darlegen. Dann würden die Leute entdecken, dass, entsprechend dieser Realität, Zuneigung und Mitgefühl unverzichtbar sind, wenn sich je etwas verändern soll.
(C) MOKSHA PRESS 2005
WIE steht für What is Enlightenment, ein viermal jährlich herausgegebenes Magazin mit dem Themenschwerpunkt “Spiritualität im 21. Jahrhudert”.
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