Das empathische Gehirn
Eine Buchrezension von Dr. Andreas Zeuch

Nadia Zaboura
Das empathische Gehirn
Spiegelneurone als Grundlage menschlicher Kommunikation
VS VERLAG FUER SOZIALWISSENSCHAFTEN, 2009

Spiegelneurone sind mittlerweile schon fast Volksgut geworden. Aber was leisten sie wirklich? Welche menschlichen Fähigkeiten wurzeln in dieser sonderbaren Art von Neuronen, die Handlungen, genauer: zielgerichtete Handlungen von beobachteten Subjekten beim Beobachter „spiegeln“? 2005 erschien das Buch „Warum ich fühle, was du fühlst“ des Freiburger Internisten und Psychiaters Joachim Bauer, das zu einem Longseller wurde. Bauer strapazierte damals die Spiegelneuronen etwas arg, als er sie zum einzigen Erklärungsmodell für menschliche Intuition stilisierte. Nadia Zabouras Blick ist da erfreulich  präziser und kritischer, wenngleich damit für viele Leser und Leserinnen nicht mehr so leicht zu konsumieren. Zaboura stellt die Spiegelneurone wesentlich präziser in den Zusammenhang menschlicher Kommunikation. Und so lautet die exakte Leitfrage ihrer Untersuchung, ob Spiegelneurone das kommunikationstheoretische und philosophische Problem der Intersubjektivität lösen können.

Folgerichtig beginnt das Buch mit einer kurzen Definition, was denn eigentlich unter Intersubjektiviät und dem damit verbundenen Problem zu verstehen ist: Wie gelangen wir in unserer täglichen Kommunikation eigentlich zum Verständnis dessen, was andere kommunizieren? Wie erschließen wir uns den Sinn und die Bedeutung des von anderen Gesagten? Es gab einige wissenschaftliche Ansätze, die genau das in Frage stellen und bezweifeln. Jeder kennt dieses Problem, vielleicht nicht unter diesem Fachbegriff, aber um so mehr aus dem eigenen Erleben.

Zaboura führt den Leser durch eine „kleine Geschichte der Intersubjektivität“, angefangen beim Leib-Seele-Dualismus Descartes über die göttliche Monadologie Leibniz, die Phänomenologie Husserls und die Wieder-Annäherung an den Leib und seiner Bedeutung für Wahrnehmung und Kommunikation durch Merleau-Ponty. Schließlich streift man noch die „Naturalisierung des Geistes“ durch Darwin, Arnold Gehlen und George Herbert Mead. Solchermaßen gerüstet geht es dann ins fünfte Kapitel zu „Der Aufruhr: Die Entdeckung der Spiegelneurone“. Dem folgen die letzten vier analytischen Kapitel über die Bedeutsamkeit und Konsequenzen der Spiegelneurone für die Leitfrage. Soweit der Überblick über die Gliederung dieses Buches.

Bei genauer Betrachtung fallen ein paar Ungereimtheiten auf, die den vorgebildeten Leser mit Fragen zurücklassen: Warum sollten erst die Spiegelneuronen das Konzept des bewussten Geistes und des bewussten Entscheidens in Frage stellen? Da wurde schon früher ein Phänomen entdeckt, dass Zweifel an unserer Willensfreiheit aufkommen lässt. Bereits 1979 hat der Neurologe Benjamin Libet die Entdeckung der sogenannten Bereitschaftspoteniale veröffentlicht, die eine heftige interdisziplinäre Diskussion in Gang setzte, die bis heute anhält und an der sich bekannte Hirnforscher wie Wolf Singer und Gerhart Roth ebenso beteiligen, wie Wirtschaftswissenschaftler wie
Karl-Heinz Brodbeck. Was hat es nun auf sich mit dieser Libetschen Entdeckung? Unseren bewussten Handlungsentscheidungen gehen ca. eine halbe Sekunde vorher unbewusste Bereitschaftspotentiale voraus, die eine berechtigte Frage aufgeworfen haben: Was entscheiden wir denn bewusst, wenn schon im Vorfeld die Handlung unbewusst vorbereitet worden ist? Wieso also soll durch die viel später entdeckten Spiegelneurone „die bis dato verfolgte enge Verbindung zwischen Intentionalität und Bewusstsein (speziell bezüglich der eigenen Handlungen) ... an dieser Stelle scheinbar einen Riss (erfahren)“? (S. 72) Das bedarf der Klärung.

Etwas verwunderlich erscheint auch, dass intuitives Verstehen und intuitive Empathie nicht thematisiert werden. Da wo Bauer über das Ziel hinausschießt und andere, kraftvollere und überzeugendere Intuitionstheorien wie Erfahrungswissen und unbewusste Wahrnehmung und Informationsverabeitung schlicht ignoriert (schließlich passt das ja auch besser zu seinem Vorhaben, Spiegelneurone als vorwiegenden Erklärungsmechanismus zu präsentieren), blendet Zaboura dieses äußerst interessante Phänomen menschlicher Entscheidungsfindung und Erkenntnisgewinnung vollständig aus. Dabei ist gerade Intuition als Grenzprozess zwischen unbewusstem und bewusstem Wahrnehmen, Denken und Handeln das Bindeglied zwischen der somatisch-neurologischen Grundlegung intersubjektiven Verstehens und seinem bewussten Ergebnis.

Fazit: Ein Buch, dass sich vor allem für wissenschaftlich interessierte Leser lohnt, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Der Schreibstil ist zum Teil komplizierter als nötig, auch wenn Wissenschaftlichkeit erreicht werden soll. So mancher Satz muss vermutlich von vielen zwei-, dreimal gelesen werden, aber nicht, weil der vermittelte Inhalt so kompliziert ist, sondern der Satzbau und die Wortwahl. Es ist, noch genauer, ein gutes Buch für Leser, die sich spezifisch Fragen der Intersubjektivität und Kommunikation widmen.



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