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Katharina Lehmann Umgang mit komplexen Situationen. Perspektivenerweiterung durch Organisationsaufstellungen. Eine empirische Studie. Carl-Auer Verlag, Heidelberg
Katharina Lehmann widmet sich mit ihrer Doktorarbeit einer Methode, die sich zu Zeit besonders großer Beliebtheit erfreut: die Organisa- tionsaufstellung. Durch die Republik rauf und runter schieben Füh- rungskräfte ihre Mitarbeiter und umgekehrt als Repräsentanten durch den Raum und hoffen auf Lösungen ihrer Probleme. Mit kompetenten AufstellerInnen wird dies sicherlich auch in vielen Fällen gelingen; mit Scharlatanen, die mit dem Wunsch nach einem schnellen Euro auf den fahrenden Zug aufspringen, wohl weniger. Welchen (systemi- schen) Nutzen hat denn diese Mode-Methode? Lehmann hat die komplexe Herausforderung angenommen, Organisationsaufstellun- gen nach Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer in der Praxis kritisch zu beleuchten.
Die Autorin, die selbst als Organisationsaufstellerin tätig ist, stellte sowohl eigene als auch fremde Aufstellungsarbeiten in den Fokus ihrer Studie. Sie hat in drei verschiedenen Kontexten (Forschungs- foren, Führungsseminare und eine Einzelfallstudie) insgesamt 54 Aufstellungen über einen Zeitraum von anderthalb Jahren zur Datensammlung bereitgestellt. Es nahmen insgesamt 51 Personen teil. Die meisten waren zum Zeitpunkt der Untersuchung als Berater und Führungskräfte vorwiegend in Nonprofit-Organisationen oder kleinen mittelständischen Unternehmen bis 249 Mitarbeiter tätig.
Das meines Erachtens wichtigste Ergebnis besteht in der Antwort auf die zweite Forschungsfrage der subjektiv wahrgenommen Verbesse- rung eines zuvor definierten Lösungskriteriums. Es gab insgesamt drei Messzeitpunkte: vor der Aufstellung (Skalierungsfrage: 1. Wo stehe ich jetzt? 2. Wo möchte ich gerne sein?), direkt danach und zu einem Zeitpunkt nach der Aufstellung, in der das Anliegen relevant wurde. Dieser letzte Messzeitpunkt variierte demzufolge bei den verschiedenen TeilnehmerInnen. Die Mittelwerte von allen Befragten ergaben eine deutliche subjektive Verbesserung. Ausgehend von einer Erreichung des Lösungskriteriums von 4.3 vor der Aufstellung, kam es zu einer Erreichung von 7.1 beim zweiten Messzeitpunkt direkt nach der Aufstellung hin zu einer weiteren Steigerung beim dritten Messzeitpunkt auf 7.7. Damit wurde durch die Aufstellungs- arbeit das Lösungskriterium wesentlich in die Nähe des erwünschten Idealzustandes (wo möchte ich gerne sein?) von 8.3 erreicht.
Etwas kritischer scheint mir das Ergebnis des spezifisch systemi- schen Nutzens: Organisationsaufstellungen wirken nach Lehmann vor allem durch ihre Perspektivenerweiterung. Das klingt – wenn man Aufstellungsarbeit kennt – durchaus plausibel, ist aber reichlich unspezifisch. In der Psychotherapieforschung gibt es die sinnige Unterscheidung von spezifischen und unspezifischen Wirkfaktoren. Spezifisch sind Wirkfaktoren dann, wenn sie eine Therapiemethode von einer anderen abgrenzen. Wenn also beispielsweise systemische Familientherapie Wirkfaktoren hat, die in der Psychoanalyse nicht zu finden sind. Unspezifische Wirkfaktoren unterscheiden die Therapie- schulen indes nicht, zum Beispiel der Wirkfaktor der Therapeut– Patient–Beziehung, denn die gibt es zwingend in allen Therapieschu- len. Zurück zu Lehmann: Perspektivenerweiterung kann zweifelsohne auch durch andere Methoden erreicht werden: das Dialog-Verfahren nach David Bohm, Mediation, zirkuläres Fragen, interaktives Unter- nehmenstheater, Rollenspiele und dergleichen mehr. Wenn also der Nutzen vornehmlich durch eine Perspektivenerweiterung erreicht wird, müssen sich Aufsteller fragen lassen, was das Besondere ihrer Methode ist. Ich persönlich glaube, dass (Organisations-)Aufstellung sehr wohl etwas Besonderes sind – aber was das ausmacht, bleibt offen.
Abgesehen von kleineren Schwächen, wie einer teilweise nur schwer nachvollziehbaren Ergebnisdarstellung oder einer teils unlogischen Reihenfolge von Abschnitten (Umgang mit Komplexität vor der Defi- nition, was überhaupt komplex heißt) fällt mein subjektives Urteil durchweg positiv aus: Dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der mit Organisationsaufstellungen arbeitet. Die Lektüre bietet eine verbes- serte Nutzenargumentation gegenüber kritischen Kunden, die diese Methode angesichts des Booms zurecht hinterfragen.
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