Warum ich fühle, was du fühlst:
Eine Buchrezension von Dr. Andreas Zeuch...

Prof. Dr. med. Joachim Bauer
Warum ich fühle, was du fühlst
Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen
Hoffmann und Campe, Hamburg

Spiegelneuronen? Humbug! Von wegen: Joachim Bauer stellt in
seinem kurzen Abriss faszinierende neue neurologische Erkenntnisse dar, die marketingwirksam von ihrem Entdecker Prof. Dr. Rizzolatti „Spiegelneuronen“ genannt wurden. Nach der Lektüre hat mein einen klaren Eindruck über die Bedeutung dieses neurologischen Mechanis- mus gewonnen: Worauf basiert unser Einfühlungsvermögen? Wieso können wir Dinge erahnen, die noch gar nicht passiert sind?

Bauer führt den Leser mit einer gut verständlichen und flotten Spra- che durch die Welt der Spiegelneuronen. Zu Beginn steht natürlich
die Entdeckung dieses spannenden Phänomens, gefolgt von zehn weiteren Kapiteln, in denen verschiedenste Aspekte aufgegriffen werden: Kindliche Entwicklung und Autismus, Herkunft der Sprache, Identität, Flirt und Liebe, Soziale Gemeinschaft, Jugend und die Chancen der Schule, Medizin und Psychotherapie, Beziehungsalltag und Lebensgestaltung, Freier Wille und letztlich Spiegelung als Leitgedanke der Evolution.

In Kürze lässt sich das Phänomen der Spiegelneuronen folgender- maßen beschreiben: Die Beobachtung einer Handlung bei einem anderen Menschen führt zu einer neurologischen Simulation dieser Handlung beim Beobachter. Unser Gehirn spiegelt die beobachtete Handlung. Damit aber nicht genug: Wir benötigen gar nicht die gesamte Handlung, sondern nur Teile, wie zum Beispiel deren Beginn. Ein kurzer Blick und schon werden die Spiegelneuronen wieder aktiv. Es reicht sogar, sich die Handlung einfach nur vorzustellen – was
eine plausible Erklärung für Mentale Trainingstechniken ist.

Welche fundamentale Bedeutung Spiegelneurone für verschiedenste Bereiche unseres Lebens haben, kann man sich mit etwas Phantasie leicht vorstellen. Und so wundert es nicht, dass Bauer am Ende Spiegelung als Leitgedanken der Evolution diskutiert und eine anre- gende Argumentation anreißt.

Zu kritisieren ist einzig Bauers reduziertes Verständnis von Intuition. In zwei kurzen Abschnitten widmet er sich deren Zusammenhang mit Spiegelneuronen. Dass dieses relativ neuentdeckte Phänomen ein neurologisches Erklärungsmodell liefert, ist kaum zu bestreiten. Dass Bauer hierüber andere etablierte Modelle außer Acht lässt, liegt
daran, dass er bezüglich der Funktion und Erscheinungsweise von Intuition ein eindimensionales Verständnis hat. Intuition wird zum Synonym für Empathie und Vorausahnung verkürzt. Etablierte und überzeugende Theorien wie Erfahrungswissen oder unbewusste Wahrnehmung und Informationsverarbeitung verblassen neben dem neu aufgehenden Stern der Spiegelneuronen. Andere Modelle, wie
das Konzept der „Somatischen Marker“ des amerikanischen Neuro- logen Antonio Damasio, die Theorie der „fraktalen Affektlogik“ des Baseler Psychiaters Luc Ciompi oder das Phänomen des Bauchge- hirns, fachlich korrekt: des enterischen Nervensystems, tauchen bei Bauer nicht auf. Das Gebot der Fairness achtend muss ich jedoch einräumen, dass dies der spezifische Blick eines Intuitionsexperten
ist. Und mit dem Anspruch, Intuition treffend zu beschreiben und zu erklären ist Bauer nicht angetreten.

Jeder, der sich für menschliche Resonanzphänomene wie Empathie in ihren Wurzeln interessiert, findet in diesem fesselnden Buch viele Anregungen. Als zusammenfassendes Rezensionsurteil fiel mir folgender Satz ein: Absolut empfehlenswert, seriös aber doch frisch.

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