Homöopathie:
Zwischen Wissenschaft und Placeboverdacht
Von Dr. Christian Ullmann

Die renommierte britische Medizinzeitschrift Lancet veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 27.08.2005 eine Arbeit des Schweizer Sozial- und Präventivmediziners Matthias Egger und dessen Mitarbeiter von der Universität Bern, die in einer vergleichenden Studie von placebo- kontrollierten Versuchen von Homöopathie und Allopathie die Frage stellten: „Sind die klinischen Effekte der Homöopathie Placebo- Effekte?“.  Sie verglichen dabei – so die Mitteilung von Lancet – „110 placebokontrollierte, randomisierte Studien zur Homöopathie mit 110 konventionellen medizinischen Studien, die bezüglich der Erkrankung und dem Behandlungsziel vergleichbar waren“, dabei angeblich auch solche für die Homöopathie so charakteristischen Gebiete der Opera- tionen und der Anästhesiologie.

Verdacht politischer Manipulation seitens The Lancet
Diese Vergleiche fielen zunächst für die Homöopathie gar nicht so schlecht aus, und so machten die Autoren die Feststellung, dass die Mehrzahl der ausgewerteten Arbeiten „kleiner, qualitativ nicht so hochwertig“ waren, eine kleine Anzahl hingegen „größer, qualitativ hochwertig“. Da erwies sich dann, dass die kleineren Studien bessere Behandlungserfolge zeigten als die größeren. Das erbrachte offenbar aber nicht das gewünschte Ergebnis. Und so reduzierte man in einer zweiten Analyse den letztlich das Ergebnis bestimmenden Vergleich auf acht homöopathische und sechs konventionelle Studien. Und so konnte man in Lancet befriedigt feststellen: „Diese Ergebnisse pas- sen zu der Annahme, dass die klinischen Effekte der Homöopathie Placebo-Effekte sind.“

Weil den Lancet-Herausgebern diese Feststellung noch nicht deutlich genug war, flankierten sie die Eggerstudie mit einem „Begleitkom- mentar“ des Holländers Jan Vandenbrouke, und in einem Lancet- eigenen „begleiteten Leitartikel“ wurde „das Ende der Homöopathie“ ausgerufen und festgestellt: „Die Zeit der Investitionen in der Forschung zur Homöopathie-Allopathie-Debatte [. . .] ist sicherlich vorbei. Ärzte sollten jetzt mutig und aufrichtig mit ihren Patienten über den fehlenden Nutzen der Homöopathie sprechen.“ Es geht der angeblich führenden medizin-wissenschaftlichen Zeitschrift darum, Forschung zu verhindern.

Emotionale Verstrickungen im Umgang mit der Homöopathie
Obwohl die Homöopathie älter ist als die meisten heute weltweit praktizierten medizinischen Disziplinen, ist sie die Zielscheibe an- haltender, auf Effekthascherei bedachter, nur scheinbar einsichtiger, in Wirklichkeit aber oft eher dümmlicher Gegenkampagnen geblieben. Nun mag es jedem Arzt freigestellt bleiben, die Homöopathie in seiner Praxis zu meiden und auch darauf zu verzichten, sich Kenntnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiet anzueignen. Aber dann sollte er tun- lichst vermeiden, aus dieser bewusst gewählten Position der Unwis- senheit heraus vorschnelle Urteile abzugeben. In keiner anderen Wissenschaft würde es die Gemeinschaft der Forschenden hinneh- men, dass aus einer Situation der selbst eingestanden Inkompetenz heraus ständig abwertende Urteile gegeben werden. In keiner ande- ren Wissenschaft wäre es möglich, beharrlich alle nachgewiesenen Erfolge und Belege der Wirksamkeit eines bestimmten Verfahrens einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen und darüber alberne Witze zu reißen (wie etwa das Beispiel vom Tropfen im Bodensee). Das aber
ist die Position der bornierten Überheblichkeit, in der Schulmediziner mit Absolutheitsanspruch, die ja sonst immer eine auf Exaktheit gerichtete, naturwissenschaftliche Geisteshaltung für sich rekla- mieren, gegenüber der Homöopathie seit den Jahren Samuel Hahne- manns verharren.

Vom ärztlichen Paternalismus hin zum mündigen Patienten
Noch machen aber die Menschen von ihrem Recht Gebrauch, selbst
zu bestimmen, welcher Arzt oder Heilpraktiker und welche Methode der Behandlung für sie gut ist. Dafür bedarf es aber informierter Patienten. Es genügt nicht, das Unbehagen am heute – im absolutis- tischen Sinn des Wortes –  „herrschenden“ etablierten Medizinbetrieb zu verstärken und die Patienten dann den so erzeugten unartiku- lierten Zweifeln zu überlassen. Es müssen positive Auswege aus
einem für viele Patient/innen schmerzhaften Dilemma aufgezeigt werden. Die Homöopathie ist ein solcher Ausweg. Die Hinwendung der Menschen zu solchen Verfahren, die nicht der jeweiligen Norm entsprechen, hat der austro-amerikanische Philosoph und Wissen- schaftstheoretiker Paul Feyerabend einmal wie folgt charakterisiert: Sie seien „nicht einfach Symptome der Unvernunft; sie sind erste, zögernde Schritte auf eine Aufklärung hin, bei der der Bürger das Urteil der Fachleute nicht einfach schluckt, sondern es sich wie ein mündiger Mensch überlegt und dann zu einem eigenen Entschluss kommt.“ (1)

Wissenschaft ist nicht nur empirische Forschung, sondern auch rationales Argumentieren. Und ebenso, wie die Ergebnisse der Empirie überprüfbar sein müssen, sind es die Argumente; beide zusammen ergeben erst wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir möchten deshalb hier nicht der Frage nachgehen: Wie empirisch-wissenschaftlich ist die Homöopathie? Sondern wir möchten untersuchen:
Wie rational- wissenschaftlich ist die Diskussion über die Homöopathie?

Sterben verhindert, Gesundheit nicht erreicht
Vorab soll aber festgestellt werden: Alle ohne Zweifel hervorra- genden Leistungen der konventionellen Medizin verdienen uneinge- schränkten Respekt. Aber viele der spektakulären Neuerungen wie
die Mikro- oder Transplantationschirurgie sind nicht für die große Masse der Patienten bestimmt. Das meinte auch der hoch angese- hene Hamburger Internist Arthur Jores, als er feststellte, die Medizin sei, „verglichen mit dem Krankengut des praktischen Arztes, weit- gehend zu einer Medizin der seltenen Krankheiten geworden“ (2). Auch eine andere Feststellung von Jores ist aktuell geblieben: „Die Medizin verhindert in vielen Fällen das Sterben, macht aber nicht gesund. Sie bewirkt den Zustand des chronischen Leidens.“ (3)

Die wissenschaftliche Medizin lässt also in vielen Fällen sowohl Patienten als auch Behandler im Stich. Folglich dürfen sich die Vertreter der konventionellen Medizin nicht beklagen, wenn sich
diese Patienten und deren Behandler zunehmend von ihr abwenden. Seitens der Patienten ist die Zuwendung zu „anderen“ Heilverfahren, die von der wissenschaftlichen Medizin nicht anerkannt werden,
leicht zu erklären: Sie suchen Heilung und nicht wissenschaftliche Behandlung, die ihre Beschwerden vielfach nur in Bereiche der Nebenwirkungen verlagern.

Misserfolge diskreditieren Ärzte, nie die Wissenschaft
In einer viel verzwickteren Lage sieht sich der Arzt zwischen den Ansprüchen der wissenschaftlichen Medizin und der Patienten. Zwischen deren Geboten: „Du darfst nur solche Verfahren anwen- den, die wir als wissenschaftlich anerkannt haben!“ und: „Du sollst mich gesund machen!“ klafft – vor allem bei den funktionellen Leiden ohne somatischen Befund – eine oft unüberbrückbare Kluft. Und da wird der Arzt dann sehr rasch eine ernüchternde Erfahrung machen: Ach wenn ihm die Wissenschaft bei bestimmten Patienten und Leidenskomplexen im Stich lässt (und das ist nicht selten), wird durch Misserfolge niemals die Wissenschaft diskreditiert, sondern immer der Behandler. Er erwirbt sich auf diese Weise den Ruf, ein schlechter Arzt zu sein. Neben den Patienten als den direkten Leidtragenden trägt die Konsequenzen des Misserfolgs niemals die Wissenschaft, sondern immer nur der Behandler, dem vorschnell unterstellt wird, er sei ein schlechter Arzt. Daraus entstehen innerberufliche soziale Sanktionen, die unerbittlich werden können und in Extremfällen die Behandler zu einem Berufswechsel zwingen. Solche Mechanismen der Intoleranz und Ächtung sind in der Medizin uralt. Erinnert sei nur an den posthum zum „Retter der Mütter“ hochstilisierten Frauenarzt Ignaz Semmelweis, der wegen der Aufforderung an seine Kollegen, sie sollten sich vor der Geburtshilfe die Hände waschen, zunächst aus dem Beruf und danach in den Wahnsinn getrieben wurde.

Das ist im übrigen keine Erscheinung, die auf die Medizin beschränkt wäre, sondern die in allen Wissenschaften vorkommt. Deshalb
wenden sich die meisten Wissenschaftler mit Vorliebe solchen For- schungsprojekten zu, deren Erfolg sie im vorhinein abschätzen
können (dies ist „normale Wissenschaft“ im Sinne der Paradigmen- lehre des amerikanischen Wissenschaftshistorikers Thomas S. Kuhn). Nur: ein Arzt kann sich seine Patienten nicht so auswählen wie ein Wissenschaftler sein nächstes Forschungsvorhaben.

Ausweg Komplementär- und Alternativmedizin (CAM)
Der Grund, warum trotzdem sehr wenige Ärzte diesem Zwang zum Berufswechsel unterliegen, ist, dass es unterhalb der Schwelle dieses Berufswechsels einen Ausweg gibt – der sie indes nur unzureichend vor berufsintern-sozialer Ächtung bewahrt: die Hinwendung zu komplementären und alternativen Methoden der Medizin (CAM), die in vielen Fällen jenen Erfolg (d. h. Kranken Besserung von ihren Leiden) bringen, der mit wissenschaftlicher Medizin bisher nicht zu erzielen sind. Nur so ist es zu erklären, dass sich viele Ärzte, die ja allesamt wissenschaftlich ausgebildet und von der Wissenschaft im Grunde überzeugt sind, zunehmend CAM-Verfahren zuwenden, obwohl sie davon während ihres Studiums weitgehend abgeschirmt wurden und von den Vertretern der wissenschaftlichen Medizin vielfach mit Verleumdung und Spott überschüttet werden. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass „Außenseitermethoden“ wie die Homöopathie oder die Akupunktur oder die Augendiagnostik vor allem von solchen Medizinern angegriffen werden, zu deren Aufgaben es nicht vordringlich gehört, Patienten zu ihrer Gesundheit zu verhelfen, etwa Medizinfunktionäre in den Ärztekammern oder Rechtsmediziner.

Bewertung einer Unbekannten X mit einer Unbekannten Y
Doch jetzt zur Homöopathie: Selbst ihre Gegner stellen heute nicht mehr in Frage, dass homöopathische Behandlungen erfolgreich sein können. Sie führen diese aber zumeist auf Placebo-Effekte zurück. Völlig außer Acht gelassen wird dabei, dass das Argument des Placebo-Effekts keinerlei Erkenntnisgewinn bringt. Denn Placebo- Effekte sind noch weit weniger erforscht als Wirkungen homöopathi- scher Mittel und Methoden. Und es hilft gewiss nicht weiter, die Homöopathie (wie auch jede andere CAM-Methode) damit erklären zu wollen, dass man sie in einen Bereich verweist, über den wir noch viel weniger wissen.

Vielfach wird die Möglichkeit, mit Hilfe einer Theorie und einer Menge von Beobachtungssätzen Voraussagen ableiten zu können (und de- ren Eintreffen dann zu kontrollieren), als ein Kriterium der Wissen- schaftlichkeit angesehen. Diese Auffassung geht auf den Philosophen Karl R. Popper zurück. Wenigstens in ihren Intentionen sind homöo- pathische Therapien allesamt auf prognostizierte Erfolge ausgerich- tet, wenn auch nicht alle dann auch eintreffen. In solchen Fällen versucht man, die Erfolgsquote in statistischer Wahrscheinlichkeit zu erfassen, in Abweichung von den Doppelblind-Randomisierern, die in der Regel einen kausal durchgängigen Erfolg postulieren. Dagegen ist es in der kurativen Medizin oft von unschätzbaren Wert, wenn der Arzt seinem Patienten sagen kann: Wir haben eine Chance, aber keine sichere Erfolgsaussicht, deine Krankheit zu lindern oder gar zu heilen. Und angesichts dieses verbreiteten Sachverhalts kann sehr leicht gezeigt werden, dass Placebo-Argumente noch viel weniger zu therapeutischen Voraussagen taugen als die Homöopathie oder die Anthroposophische Medizin, die Hypnotherapie, die Akupunktur oder jede andere Methode. Vielmehr werden jeweils im Nachhinein alle jene Effekte mit dem sprachlichen Etikett „Placebo“ abklassifiziert, für die Wissenschaftler keine andere Erklärung akzeptieren. Hingegen ist es die Regel, dass ein homöopathischer Behandler nach sorgfältiger Repertorisation und anderen Diagnosen auch eine Prognose auf den möglichen Heilerfolg – und darüber hinaus auf den Verlauf der Heilung, etwa die Erstverschlimmerung – stellt. Und natürlich kann das Eintreffen solcher Prognosen kontrolliert werden.

Die Frage nach einer gültigen Theorie der Homöopathie
Bleibt die Frage nach einer gültigen Theorie der Homöopathie, die
man implizit als gegeben annehmen kann, die aber in expliziter Ausformung mit dem Ziel der formalen Widerspruchsfreiheit (wie in vielen anderen Wissenschaften) bisher nicht vorliegt. In der Wissenschaftstheorie und in zahlreichen Einzelwissenschaften
wurden die Probleme, ob erst dann eine Disziplin als Wissenschaft gelten kann, ausführlich diskutiert. Wir müssten hier zunächst einen übergeordneten, von medizinischen Einzeldisziplinen (d.h. der Allopathie, der Chirurge etc.) unabhängigen Begriff der „gültigen Theorie“ entwickeln und untersuchen, inwieweit die Homöopathie, aber auch die weithin als wissenschaftlich anerkannten Disziplinen
der Medizin diesem Theorie-Begriff genügen. Es könnte dann sein, dass keiner der so überprüften Kandidaten sonderlich gut abschnei- det. Wir können uns in diesem Zusammenhang aber auf die Feststel- lung beschränken, dass beim Festhalten an einen standardisierten Theoriebegriff ganze akademische Disziplinen ihren Status der Wis- senschaftlichkeit einbüßen würden, nicht nur Geisteswissenschaften wie die Geschichtswissenschaft, sondern auch „Naturwissenschaf- ten“ wie Darwins Evolutionstherapie. Tatsächlich hat Popper die der Evolutionstheorie verbundene Paläontologie mit der Feststellung geschockt, er halte es für „wichtig zu zeigen, dass Darwinismus
keine wissenschaftliche Theorie, sondern Metaphysik“ sei, dessen „Wert für die Wissenschaft als ein metaphysisches Forschungs- programm“ allerdings „sehr bedeutend“ sei. (4)

Somit können wir als Zwischenergebnis festhalten, dass ungeachtet der möglichen Wissenschaftskriterien die Homöopathie gegenüber der Placebo-Medizin zwei deutliche Vorteile hat: Sie ist – trotz aller Mängel – wissenschaftlich besser erforscht, und sie ist für Prognosen besser geeignet. So betrachtet ist die Homöopathie als Erfahrungs- Medizin (also unter Absehung vom Theorie-Begriff) der Placebo-Medi- zin deutlich überlegen. Soweit also eine Erklärung angestrebt wird, ist die Placebo-Doktrin dazu völlig ungeeignet.

Placebo-Effekte sind nicht identisch mit Homöopathie-Effekten
Nehmen wir aber einmal an, dass sich eine Theorie der Placebo- Medizin rational rekonstruieren lasse. Dann müssten damit die auf Placebo-Effekten beruhenden Therapie-Erfolge bis hin zu Heilungen erklärbar sein. Ich will hier solche Erklärungen p-Erklärungen nennen und homöopathische Erklärungen h-Erklärungen. Wenn jetzt die Annahme der Homöopathie-Gegner richtig ist, dass alle Heilerfolge der Homöopathie auf Placebo-Effekte zurückgeführt werden könnten, dann müsste jede h-erklärbare Heilung auch p-erklärbar sein und zwar in einer umfassenden Argumentationskette und nicht als dumpfes Überstülpen eine leeren Worthülse. Und dies ist bis heute nicht der Fall.

Nehmen wir einmal einen einfachen Normalfall aus der Praxis: Ein Patient fühlt sich krank. Er geht in eine homöopathische Praxis. Nach homöopathischer Repertorisation und Anamnese stellt der Behandler fest, dem Patienten kann mit homöopathischen Mitteln geholfen werden. Er behandelt entsprechend, und nach einer gewissen Zeit fühlt sich der Patient wieder gesund. Bei oberflächlicher Betrachtung lassen sich zwei Einwände formulieren, die aber am Kern des Problems vorbeigehen:

1. Die Homöopathie ist nur zu Schein-Heilungen fähig. Der Patient fühle sich zwar gesund, ist in Wirklichkeit aber so krank wie zuvor.

2. Die Homöopathie ist eine Scheintherapie. Der Patient ist ein Hypochonder. Er fühlt sich krank, ist aber gesund. Und Patienten, die nicht krank sind, kann man auch nicht heilen.

Den Haupteinwand hat der 1964 verstorbene Internist Paul Martini formuliert, der gesagt habe: „Der Unterschied zwischen wissen- schaftlicher Medizin und homöopathischer Medizin ist nicht in erster Linie ein Unterschied der Materie, sondern ein Unterschied der geistigen Haltung.“ (5)

Soweit man Martinis Aussage nicht als Werturteil auffasst, sondern als sachliche Feststellung, hat er Recht. Unter Berufung auf Thomas S. Kuhn würde man die Aussage heute wie folgt formulieren: Die Anhänger der konventionellen Medizin und der Homöopathie fühlen sich unterschiedlichen Paradigmen verpflichtet. Nun ist Kuhns Begriff des Paradigmas, so wie er ihn in seinem Buch The Structure of Scientific Revolutions (6) eingeführt hat, äußerst komplex. Einer der Explikationsversuche, die er selbst gegeben hat, lautet: „Ich halte (die Paradigmen) für allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistungen, die für eine gewisse Zeit Problem- und Lösungsmodelle für eine Gemeinschaft von Fachleuten zur Verfügung stellen.“ (7) Mit einem Paradigma werde eine „Reihe anerkannter Überzeugungen“ zusammengefasst, ohne die keine Gruppe von Wissenschaftlern „ihren Beruf ausüben“ könnte. Oft ist ein Paradigma nicht viel mehr als eine Verheißung auf Erfolg.

Anomalien: Vorboten wissenschaftlicher Paradigmenwechsel
Inzwischen liegt eine umfangreiche Literatur zum Kuhnschen Begriff des Paradigmas vor. Der (verstorbene) Münchner Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller, der sich im deutsch- sprachigen Raum am intensivsten mit dem Werk Thomas S. Kuhns auseinander gesetzt hat, schrieb etwa: „Er (Kuhn) unterscheidet zwischen der normalen Wissenschaft (normal science), die sich stets im Rahmen eines bestimmten, der Tradition verpflichteten ‚Paradigmas’ vollzieht und sich mit dem ‚Lösen von Rätseln’ (‚puzzle solving’) beschäftigt, und der außerordentlichen Wissenschaft (extraordinary science), welche sich in ‚traditionszerstörenden Ergänzungen zur traditionsgebundenen Tätigkeit der normalen Wissenschaften’ manifestiert. Zur außerordentlichen Wissenschaft kommt es immer erst dann, wenn der normale Wissenschaftsbetrieb durch gehäuftes Auftreten von Anomalien, die sich mit den herkömmlichen Methoden nicht bewältigen lassen, in eine Krise hineingerät. Es kommt dann zu einer wissenschaftlichen Revolution, in deren Verlauf sich das Paradigma und damit auch die Probleme und Maßstäbe für die Fachwissenschaft ändern.“ (8)

Anomalien in der Medizin als normaler Wissenschaft können darin gesehen werden, dass nach kompetenten Schätzungen (die im Laufe der Zeit kaum Schwankungen unterliegen) wissenschaftliche Diag- nosen bei bis zu 40 Prozent der Patienten keine positiven, messbaren Befunde erbringen, oder dass Wirkungen angeblich nur um das Risiko (oder bei Dauermedikation: den Preis) schwerer Nebenwirkungen erzielt werden können. Als Anomalie der normalen Medizinwissen- schaft kann auch angesehen werden, dass Erreger zunehmend resistent werden gegen Medikamente, die einmal die Ausrottung ganzer Seuchen verhießen; dass die Medizin inzwischen verbreitet Organe und ganze Organsysteme transplantieren und pränatal gefürchtete, genetisch bedingte Krankheiten und Missbildungen diagnostizieren kann, aber mancher Neurose ziemlich ratlos gegen- über stehen.

Paradigmenwechsel & Ausgrenzung
Jeder Arzt, dem die Erfahrung seiner täglichen Praxis solche Ano- malien ins Bewusstsein gerückt hat und der sich deshalb entschließt, neben seiner wissenschaftlichen Medizin auch noch Homöopathie oder Traditionelle Chinesische Medizin oder Chiropraktik gelten zu lassen, vollzieht natürlich für sich selbst einen Paradigmenwechsel, einen Wechsel in der geistigen Haltung im Sinne Martinis. Dem wider-
spricht keineswegs, dass die Wissenschaft diesen Wechsel nicht mit vollzieht, sondern die vermeintlich Abtrünnigen zuweilen wie Aus- sätzige behandelt.

“Verdrängung ohne Falsifikation”
Schon Kuhn hatte erkannt, dass die Auseinandersetzungen zwischen Anhängern konkurrierender Paradigmen eher den Charakter von erbitterten Machtkämpfen und Generationenkonflikten haben als von rationalen Argumentationen. Das kann an einem Beispiel aus der Physik illustriert werden, die manche Erfahrungen bereits hinter sich hat, die der Medizin noch bevorstehen. Aristoteles und Galilei haben beide schwingende Steine betrachtet. Aristoteles sah darin einen gehemmten Fall, Galilei eine Pendelbewegung. Empirisch zu wider- legen, d.h. zu falsifizieren, ist keine der beiden Auffassungen. Der Unterschied liegt tatsächlich in den verschiedenen Theorien. Und in der Regel entscheidet sich die Gemeinschaft der Wissenschaftler für die leistungsfähigere Theorie, also jene, die auch jene Anomalien erfasst, die in der anderen nur mit komplizierten Hilfskonstruktionen oder terminologischen Tricks (wie der inflationären Ausweitung des Placebo-Begriffs) überspielt werden können. Diesen Vorgang nennt man in der Wissenschaftstheorie Verdrängung ohne Falsifikation. Es ist wohl die erstaunlichste, aber auch treffende Erkenntnis, die durch die Diskussion um Kuhns Wissenschaftsuntersuchungen zutage ge- fördert worden ist, dass Überzeugungen von Wissenschaftlern weit- gehend immun sind gegen Widerlegungen und dass Wissenschaftler keineswegs jene Rationalität verkörpern, auf die sie sich immer be- rufen.

© 2006 Dr. Christian Ullmann

Zur Person:
Dr. Christian Ullmann studierte Philosophie, Politikwissenschaft, Wissenschaftstheorie und Zeitungswissenschaft. Seit 1973 arbeitete er als Redakteur bei der “Süddeutschen Zeitung”. Ullmann ist Autor des Buches
“Fakten über die „andere Medizin“ Zur Kritik der Stiftung Warentest an den komplementären und alternat. Heilverfahren (CAM)”.

Quellenangaben:
(1)  Feyerabend, Paul: „Rückblick“; in: Hans Peter Duerr (Hrsg.): Versuchungen – Aufsätze zur Philosophie Paul Feyerabends, zweiter Band, Frankfurt/Main 1981, S. 34

(2)  Jores, Arthur: Die Medizin in der Krise unserer Zeit, Bern/ Stuttgart 1961, S. 54

(3)  Jores, Arthur, a.a.O. S. 38

(4)  Popper, Karl R.: Unended Quest. An Intellectueal Autobiography, Fontana/Collins, 1976 

(5)  Zitiert nach Oepen, Irmgard: „Homöopathie: Stellungnahme ‚Contra’; in: Deutsches Ärzteblatt vom 6. August 1981, S. 1519

(6)  Englisch erstmals 1962 veröffentlicht. Deutsche Ausgabe: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/Main 1973

(7)  Zitiert nach: Masterman, Margaret: „Die Natur eines Para- digmas“ in: Lakatos/Musgrave (Hrsg.): Kritik und Erkenntnisfort- schritt, Braunschweig 1974

(8)  Stegmüller, Wolfgang: Theorie und Erfahrung, Zweiter Halbband: Theorienstrukturen und Theoriendynamik, Berlin/Heidelberg/New York, 1973. S. 156f.