PSI-Phänomene & Komplementärmedizin
Interview mit Dr. Dr. Walter von Lucadou
Von Hermann Grösser für das Fachmagazin CO’MED

CO’MED: Herr Dr. von Lucadou, in den letzten Jahren sind wieder mehrere Bücher zum Thema Psi-Phänomene erschienen, so auch zwei von Ihnen. Gibt es in diesem Bereich etwas Neues zu berichten oder ist einfach die Nachfrage gestiegen bzw. das Bewußtsein der Bevölkerung für diese Phänomene mehr sensibilisiert?

Dr. Walter von Lucadou: In gewisser Weise beides. Es gibt heute ein großes Interesse an unkonventionellen Fragen, und das hat mehrere Gründe. Zum einen, weil die paranormalen Erlebnisse, ich bezeichne sie viel lieber einfach als ungewöhnliche menschliche Erfahrungen, eben noch nicht klassifiziert sind. Zum anderen hängt es damit zusammen, daß wir auch in anderen Bereichen festgestellt haben, daß die Segnungen der Wissenschaft mit Vorsicht zu genießen sind. Wir haben heute erkannt, Wissenschaft ist nicht ein ehernes Gebilde von absoluten Aussagen, sondern sie ist von Menschen gemacht und ist, wie alles was Menschen machen, fehleranfällig.

Der andere Teil Ihrer Frage ist, gibt es auf dem Gebiet der Parapsychologie, also dem Teil der Wissenschaft, der sich um solche ungewöhnlichen Erfahrungen kümmert, neue Erkenntnisse? Die Parapsychologie gibt es seit hundert Jahren und es gibt kaum etwas, was ich nicht schon seit dreißig Jahren kenne. Aber die Aussagen, die man heute innerhalb der Parapsychologie machen kann, sind auf Grund von einer ganz langen, siebzigjährigen Methodendiskussion viel zuverlässiger als es vielleicht vor zwanzig Jahren noch war. Wir wissen heute mit einer viel größeren Sicherheit: da ist etwas dran, es lohnt sich, das genauer anzuschauen.

CO’MED: Was uns hier speziell interessiert, ist die Complementär-Medizin. Haben Sie in diesem Bereich Erfahrung und werden Sie auch mit derartigen Themen im Rahmen Ihrer Beratungsstelle konfrontiert?

Dr. Walter von Lucadou: Ja, natürlich. Das Problem ist ein grundlegendes und ein ziemlich komplexes und wenn Sie die Medizin ansprechen, dann ist es für mich ein schönes Beispiel dafür, um zu zeigen, wie schwierig es insgesamt eigentlich ist, hier Klarheit zu bekommen. Für den Praktiker, den einzelnen Arzt oder Heilpraktiker, der irgend eine Methode anwendet wie z. B. die Homöopathie oder etwas ähnliches, was nicht offiziell anerkannt ist, der wird sich ganz einfach am Erfolg orientieren. Er wird feststellen, wenn er eine ganz bestimmte Methode anwendet, dann hat er bei einem großen Prozentsatz von Fällen konkreten Erfolg. Dieser Erfolg mißt sich natürlich nicht an den Maßstäben, die bei einem Prüfverfahren von Medikamenten unbedingt eingehalten werden müssen, also daß eine Doppelblindstudie gemacht wird, um festzustellen, ob ein bestimmtes Medikament die Wirkung, die es biochemisch haben soll, auch wirklich hat. Das ist eine sehr rigide und auf der anderen Seite relativ sichere Methode, um kausale Zusammenhänge darzustellen. Man kann sicher sagen, wenn so eine Doppelblindstudie einen Effekt zeigt, dann kann man sich ziemlich darauf verlassen, daß es auch so ist. Solche Doppelblindstudien hat man auch in der Parapsychologie gemacht, aber es wäre vollkommen übertrieben anzunehmen, daß nur das, was sich durch Doppelblindstudien belegen läßt, wirklich wirksam ist, das widerspricht jeder Erfahrung.

Der Mensch ist keine Maschine, die sich durch Doppelblindstudien beschreiben läßt. Das dämmert heute in der Psychologie, und deswegen wird interessanterweise der Introspektion, die man lange Zeit als total subjektiv abgelehnt hat, wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil. Ich möchte es einmal philosophisch formulieren: es betrifft das Leib/Seele-Problem oder das, was in den Neurowissenschaften als Mind/Brain-Problem bezeichnet wird. Dieser Bereich zeichnet sich dadurch aus, daß es eine ganz intensive und sehr komplizierte Wechselwirkung zwischen psychologischen und biochemischen Vorgängen gibt, die deswegen so schwierig zu untersuchen sind, weil man gerade diese sogenannten subjektiven Anteile, die bei einer Doppelblindstudie herausfallen müssen, nicht erfassen kann. Deswegen weiß heute jeder, der sich mit Methoden auskennt, daß es Prozesse gibt, bei denen man von der Sache her gar keine Doppelblindstudie machen kann.

Ich gebe Ihnen hierzu ein Beispiel aus der Homöopathie. Natürlich kann ich hingehen und sagen: ich nehme jetzt ein homöopathisches Medikament, verabreiche das, und dann gebe ich ein Placebo, und ich mache eine Doppelblindstudie und prüfe, ob das homöopathische Medikament über den Placeboeffekt hinaus wirkt. Ich kann mir gut vorstellen, daß bei der Untersuchung kein Unterschied auftritt. Das heißt aber nur, daß in der Situation dieses homöopathische Mittel keinen stärkeren Effekt erzeugt als das Placebo, es heißt aber nicht, daß es wirkungslos ist. Ein Placebo ist auch eine Wirkung. Übrigens eine, die wir auch noch nicht verstehen, weil sie nämlich genau dieses Interface zwischen Mind und Matter betrifft. Diese Studie ist auch nicht fair, denn ein homöopathischer Arzt - und dies ist eines der wesentlichen Prinzipien der Homöopathie - verschreibt ein homöopathisches Medikament gerade nicht wie ein normales Medikament, wo man einen kausalen Zusammenhang kennt, wie z. B. bei Aspirin, das bei Schmerzen oder bei Erkältungskrankheiten etc. hilft. Bei der Homöopathie ist ja gerade der ganze Ablauf so etwas wie ein komplizierter Kommunikationsvorgang, zumindest wenn es richtig gemacht wird. Das heißt noch nicht, daß es alle richtig machen, aber die ursprüngliche Idee ist, daß der Arzt erst einmal feststellt, welche Mittel auf welche Weise beim Patienten wie wirken.

Dies ist ein komplexer Kommunikationsvorgang zwischen dem Arzt, dem Patient und dem Medikament. Auf Grund der Einsicht, die dabei gewonnen wird, wird das Medikament ausgewählt, und das kann man natürlich nicht doppelt blind machen. Sie könnten auch sagen, da gibt es eine Information, die im Wasser oder in dem Lösungsmittel gespeichert ist oder ich erkläre das Ganze als ein komplexes Ritual zwischen Arzt und Patient, was immer die Behandlung auch sein mag. Wir wissen jedenfalls, daß dieses Verfahren wirkt, und sie können diesen Wirkungsmechanismus nicht verblinden, das ist methodisch nicht möglich. In solchen Fällen kann man deswegen nur epidemiologische Untersuchungen machen und feststellen, wieviel Ärzte arbeiten z. B. mit der Homöopathie und wie erfolgreich sind sie im Vergleich mit anderen Ärzten, und da sieht es ja gar nicht so schlecht aus.

Wären nämlich die Homöopathen nicht erfolgreich, so wäre dies nicht nach wie vor ein so brennend heißes Thema.

CO’MED: In der Complementär-Medizin gibt es eine ganze Reihe von sogenannten Informations-Therapien, vorwiegend als Bioresonanz-Therapien bekannt. Sind Sie damit etwas vertraut?

Dr. Walter von Lucadou: Ich kenne sie informell, ich bin da kein Experte. Die theoretischen Ansätze mit dem Informationsgedanken sehe ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Auf der einen Seite habe ich das Gefühl, man hat eine Modellvorstellung, die besagt, es gibt eine Wirkung von Information, also so etwas wie eine zusätzliche Größe zur Energie, und auf der anderen Seite ist diese Idee ja keinesfalls absurd und wurde auch von großen Wissenschaftlern wie Norbert Wiener diskutiert.

CO’MED: In unserem Falle dürfte es sich wohl eher um eine geistige Größe handeln, denn Information setzt hier ja Bewußtsein voraus.

Dr. Walter von Lucadou: Als Wissenschaftler bin ich gewohnt, sehr präzise zu formulieren. Wir haben es mit einer Größe zu tun, die sicher in irgendeiner Weise eine Wirkung hat, die aber begrifflich noch nicht richtig erfaßt ist. Hier setzt auch gleichzeitig meine Kritik ein. Sie besteht darin, daß von einem Informationsbegriff ausgegangen wird, von dem die Informationstheoretiker wissen, daß er noch nicht ausreichend ist. Dieser Informationsbegriff von Shannon und Weaver mißt im wesentlichen nur die syntaktischen Informationen, also das, was wir für ein Telefongespräch bezahlen, aber nicht dessen Inhalt. Dies reicht mit Sicherheit nicht aus, um das adäquat zu beschreiben, was wir wirklich unter Information verstehen.

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