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CO’MED: Das ist auch ein gutes Beispiel für unser Thema Pseudomaschinen. Von was hängt die Wirkung ab, gibt es bessere und schlechtere oder nach welchen Kriterien werden solche Pseudomaschinen beurteilt?
Dr. Walter von Lucadou: Also mein Eindruck ist folgender: Eine Pseudomaschine muß immer etwas Faszinierendes an sich haben, sie muß ein Faszinosum enthalten. Die Leute, die zum Arzt gehen, schimpfen zwar viel über die Apparate-Medizin, aber gleichzeitig sind sie ja auch fasziniert davon, denn da passiert was. Der klassische Medinziner sagte: „Ut aliquid fieri videatur“ (damit es den Anschein hat, irgend etwas geschehe). Mit anderen Worten, Aktion ist wichtig. Da müssen Lämpchen blinken, da muß was zu hören sein, da muß man Diagramme sehen, und das alles ist sozusagen das Faszinosum bei diesen modernen Apparaten, die mit soviel Elektronik und Computer funktionieren. Sie beeindrucken schon alleine durch moderne Technik und Design. All dies zieht sowohl die Aufmerksamkeit des Patienten als auch des Therapeuten auf die Pseudomaschine, denn beide haben ein gemeinsames Interesse, nämlich daß die Krankheit weggeht.
CO’MED: Man spricht dabei auch von einem ausgerichteten Bewußtseinsfeld, würden Sie mit dem Begriff konform gehen?
Dr. Walter von Lucadou: So könnte man das bezeichnen, wenn Sie wollen. Ich bin allerdings viel zu methodisch ausgebildet, um mich jetzt mit so einem Begriff gleich wieder anfreunden zu können, weil der Feldbegriff in der Physik etwas ganz Klassisches ist. Ausgerichtetes Bewußtsein würde mir schon reichen, das Feld können Sie streichen. Das Bewußtsein ist ganz sicher der entscheidende Faktor, aber er ist es nicht alleine, denn der Mensch besteht eben nicht nur aus Geist, sondern auch aus Körper, und nur beide zusammen machen den Effekt. Denken Sie wieder an den Schwamm und die Flüssigkeit. Dieser ständige Streit hin und her, ist es jetzt der Schwamm oder ist es das Wasser, das ist Unsinn, denn das eine geht nicht ohne das andere!
CO’MED: Die Schulmedizin dürfte sich wohl kaum diesem Standpunkt anschließen, denn sie bezeichnet die Pseudomaschinen ja kategorisch als physikalischen Humbug.
Dr. Walter von Lucadou: Die Schulmedizin selbst ist eine Pseudomaschine. Schauen Sie, es gibt doch Therapieforschung, man weiß ganz genau, das, wenn man zum Zahnarzt geht, der ja auch eine Art kausale Maschine darstellt, von der man wirklich weiß, das sie funktioniert, dann geht es ihm schon besser, und genau das ist die Wirkung der Pseudomaschinen. Es gibt ganz viele Untersuchungen von irgendwelchen Kuren, die man früher gemacht hat, wo man zu wissen glaubte, wie sie funktionieren. So hat man z. B. Quecksilber angewandt, bevor es die Antibiotika gab. Eigentlich muß man sich wundern, daß die Menschen dabei nicht gestorben sind. Wenn Sie dies aber heute betrachten, können Sie sagen, ja der Wirkungsmechanismus, an den man damals geglaubt hat, war falsch. Häufig ist es so, daß der eigentliche Wirkungsmechanismus selbst sogar ein schlechtes Resultat erzielen würde, aber die Funktion der Pseudomaschine, alles zusammen ist wieder stärker und deswegen gibt es trotzdem einen Erfolg. Meiner Ansicht nach gibt es sicher auch in der normalen Schulmedizin ganz viele Pseudomaschinen.
CO’MED: Es gibt ja diesen viel zitierten Spruch: „Wer heilt, hat recht”. Wie sehen Sie das?
Dr. Walter von Lucadou: Dieser Spruch ist höchst gefährlich, weil er nämlich unterschiedlich aufgefaßt werden kann. Wenn er so interpretiert wird, daß man sagt, derjenige, der einen anderen Menschen gesund macht, der hat Erfolg und das ist gut so. Wenn man aber anders interpretiert und sagt, wer heilt, hat recht mit den Vorstellungen, die einer dabei im Kopf hat, was da geheilt und gewirkt hat, dann kann dies ein absolutes Gift sein. Es würde jede vernünftige Forschung unterbinden, weil es dann heißt, ich habe doch recht, also brauche ich da schon nicht mehr nachzusehen, und das wird leider nur allzu häufig gemacht. So verwenden Scharlatane diese Argumentation zu ihrer Legitimation und wissen dabei gar nicht, was für einen Schaden sie anrichten. Sie nehmen nur ihre Erfolge selektiv wahr. Von den Mißerfolgen erfährt man meistens nichts. Ich glaube, ein Nicht-Scharlatan unterscheidet sich von einem Scharlatan nicht darin, daß er eine bestimmte Pseudomaschine oder ein bestimmtes therapeutisches Ritual anwendet, sondern daß er sich über die Begrenztheit seines Wissen und die Fragwürdigkeit seiner Methode bewußt ist und nicht behauptet, daß er den Stein der Weisen besitzt und für alles eine Lösung hätte. Der Scharlatan dagegen wird dies immer glauben. Daß bestimmte Methoden als „charlatanesque“ bezeichnet werden und andere wiederum nicht, ist nicht der entscheidende Punkt. Scharlatan bezieht sich auf den Charakter einer Person und nicht auf die Einschätzung dessen, was wie angewendet wird. Wenn also jemand bewußt und reflektiert z. B. eine Pseudomethode anwendet, ein verantwortungsbewußter Arzt, der weiß, dem Patient, dem mache ich jetzt eine Pseudo-Operation, dem schneide ich den Bauch auf, obwohl es gar nicht notwendig wäre, aber dann hat er das Gefühl, es wird etwas getan und das hilft ihm auch, das wäre je nach Lage ja noch zu tolerieren.
CO’MED: Auf sicherem Terrain bewegt man sich dabei allerdings nicht mehr. Wird da nicht auch wissenschaftliches Denken in Frage gestellt?
Dr. Walter von Lucadou: Überhaupt nicht, das wäre ein Fehlverständnis von Wissenschaft, denn Wissenschaft ist eben gerade nicht der sichere Bereich. Die abgelegte Wissenschaft, also das was in den Lehrbüchern steht, das ist der sichere Bereich.
CO’MED: Ja nur, daß in der Praxis wissenschaftlich von den meisten mit „sicher“ oder „bewiesen“ gleichgesetzt wird.
Dr. Walter von Lucadou: Natürlich, im Bewußtsein der Bevölkerung ist es leider so, daß die Wissenschaft mit dem verwechselt wird, was sie gerade nicht ist. Das, was in den Lehrbüchern steht, ist das Ergebnis von Wissenschaft, aber nicht die Wissenschaft selber, sie ist ein ungeheuer dynamisches, flexibles, aber auch ganz unsicheres Gebilde. Die lebendige Wissenschaft ist eher so etwas wie eine Kunst als ein fertiges Gebäude und deswegen denke ich, ist es kein Widerspruch, es erscheint nur so.
CO’MED: Das Thema Pseudomaschinen ist natürlich ein sehr komplexes Problem, das sich nicht so ohne weiteres beiseite schieben läßt. Im Gegenteil, die Pseudomaschinen nehmen zu und ebenfalls das Interesse seitens der Schulmediziner. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Dr. Walter von Lucadou: Pseudomaschinen sind nicht neu, vielleicht nimmt jedoch ihre Verbreitung durch die stärker werdende Polarisierung heute zu. Ein schönes Beispiel ist Franz Anton Mesmer (1734 bis 1815), der eigentliche Begründer, sozusagen der Entdecker dieser psycho-physikalischen Wirkung in der Medizin, die er als animalischen Magnetismus bezeichnete, kurz Mesmerismus genannt, eine Vorform der Hypnose. Was er gemacht hat mit seinem Baguette (Stab), wo man das „Fluidum“ ableiten konnte, das war damals eine Riesenepidemie, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Doch es war damals sicher nicht anders, also vergleichbar mit der heutigen Situation, das war ein typischer Fall einer Pseudomaschine. Solche Pseudomaschinen gab es schon immer, auch in der Wissenschaft, wo immer Sie auch hinschauen, die Menschen haben immer mit Pseudomaschinen gearbeitet.
CO’MED: Sind im Prinzip nicht auch Symbole Pseudomaschinen?
Dr. Walter von Lucadou: Das sehe ich auch so. Symbole sind simple Pseudomaschinen, die aber trotzdem wirken. Die Pseudomaschinen werden immer bleiben, es werden immer neue Sachen gefunden, die sich als Pseudomaschinen eignen, sie gehören einfach zum Menschen dazu. Interessant ist, daß es dabei auch so etwas wie einen „decline effect“ gibt, also einen Absinkungseffekt, denn Pseudomaschinen halten immer nur für eine bestimmte Zeit und dann sind sie nicht mehr aktuell. Das gleiche ist ja auch bei manchen Arzneimitteln zu beobachten, sie wirken am besten, solange sie noch neu sind. Daran sieht man auch, daß es eine Gesetzmäßigkeit ist, die man mit meinem zweiten Hauptsatz erklären kann. Sobald nämlich die Neuigkeit weg ist, verflüchtigt sich diese „Fluidität“, sie petrifiziert oder härtet aus und dann wirkt sie nicht mehr, dann muß was neues kommen. Vielleicht kommt dann einer daher, der findet etwas ganz Verrücktes oder was ganz Plausibles und sagt, ich habe es wissenschaftlich bewiesen. Er glaubt es wirklich, alle glauben es, und es ist eine ganz tolle Sache. Aber komischerweise, nachdem es ein paar Jahre auf dem Markt ist, hört es wieder auf zu wirken. Dies zeigt, daß es eben doch nur eine Pseudomaschine war.
CO’MED: Gehört Geistheilung nicht ebenfalls in diese Kategorie, ist sie nicht auch als eine Art Pseudomaschine zu werten? Haben Sie in diesem Bereich Erfahrungen machen können?
Dr. Walter von Lucadou: Zur Geistheilung müßte man sehr viel sagen, doch eine wichtige Bemerkung möchte ich dazu machen, und das gilt auch für die Pseudomaschinen. Es wäre falsch zu glauben, daß Pseudomaschinen, auch wenn sie in den Augen der Kritiker keine Wirkung haben, nicht trotzdem auch Nebenwirkungen haben können. Es gibt sowohl beim Geistheilen als auch bei den Pseudomaschinen ganz negative Auswirkungen, also „side effects“ sogenannte unerwünschte Nebeneffekte, wie sie ja aus der Schulmedizin bestens bekannt sind. Wenn nämlich etwas wirklich wirkt, dann hat es auch Nebeneffekte! Eines der Hauptprobleme, um es kurz zu sagen, besteht nicht darin, daß Geistheilung wirkt oder daß es Menschen machen, das werden sie immer tun, das ist eine Art anthropologische Konstante. Das Hauptproblem besteht darin, daß die negativen Wirkungen nicht gesehen werden. Ich kriege hier jeden Tag Leute, die ganz massive Nebenwirkungen, ganz negative Effekte auf Grund von geistiger Heilung haben. Als Folgeerscheinung kann es z. B. zu enormen psychosomatischen Störungen kommen, die danach nur sehr schwer in Griff zu bekommen sind. Das muß man einfach wissen und wie man damit umgeht, dazu habe ich in meinem Buch „Geister sind auch nur Menschen” etwas geschrieben.
CO’MED: Herr Dr. Lucadou, vielen Dank für das Gespräch.
(Das Interview führte Hermann Grösser)
© 2001 CO’MED
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