Die Magie der Pseudomaschine
Von Dr. Dr. Walter von Lucadou

Zusammenfassung

In vielen Bereichen der (Komplementär- oder Alternativ-) Medizin und Psychologie (vorallem bei Diagnostik und Therapie) aber auch in der Alltagstechnik spielen Pseudomaschinen eine nicht zu unterschätzende Rolle. "Pseudomaschinen" werden definiert als technische Apparate und/oder als damit verbundene technische Handlungsanleitungen, denen eine objektive rein physikalische Wirkung zugeschrieben wird, die sich aber bei genauerer Betrachtung auf psycho-physikalische Systeme beziehen und somit verborgene subjektive Komponenten enthalten. Bei manchen Pseudomaschinen können physikalische und psychologische Wirkungen eindeutig voneinander separiert werden; sie werden als "klassische Pseudomaschinen" bezeichnet. Bei "nichtklassischen Pseudomaschinen" ist eine solche Separation nicht möglich, sie sind Beispiele für "verschränkte" psychophysikalische Systeme. Für beide Arten von Pseudomaschinen werden Beispiele vorgestellt. Pseudomaschinen unterliegen bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die in der Praxis eine große Rolle spielen, die den Benutzer (und Untersuchern) der Pseudomaschinen häufig nicht bekannt sind, aber den Gebrauch bzw. die Wirkung des Verfahrens stark beeinflussen. Es zeigen sich typische Abschwächungs- und Verschiebungseffekte, die Wiederholbarkeit ist eingeschränkt. Die damit verbundenen Besonderheiten bei wissenschaftlichen Doppelblindstudien zur Testung von Pseudomaschinen werden diskutiert. Auf der anderen Seite bieten vor allem nichtklassische Pseudomaschinen eine Reihe von Möglichkeiten in Therapie und Diagnostik, die im Vergleich mit konventionellen Verfahren vorteilhaft sein können.

Key-words: Cartesischer Schnitt , Entanglement, Nicht-Separierbarkeit, Organisierte Geschlossenheit, Pseudomaschine, Modell der Pragmatischen Information.


Einführung

Schon immer gab es Geräte, die im täglichen Leben von Menschen verwendet wurden, deren Funktionsweise für den Anwender jedoch nicht einfach zu durchschauen war. Mit zunehmender technischer Entwicklung nimmt ihre Zahl allerdings rapide zu. In der vorindustriellen Zivilisation, konnte die Herstellung und Verwendung von Geräten z.B. einfache mechanische Maschinen, wie Flaschenzüge, Hebelwerke oder Seilwinden auch vom technischen Laien noch einigermaßen nachvollzogen werden. Komplexere Geräte wie Uhren, Musikinstrumente (Orgel) oder hydraulische Anlagen waren aber bereits damals schon "geheimnisumwittert", ihre Herstellung erforderte viel Erfahrung und Geschick. Manchmal wurde ihren Schöpfern magischen Fähigkeiten zugeschrieben.

Andererseits gab es auch immer Konstrukteure von Maschinen, die versuchten Maschinen "magische" Eigenschaften einzubauen - man denke an die Entwicklung von Spieluhren, Automaten und vor allem die Suche nach dem Perpetuum Mobile. Mit der Entwicklung der industriellen Massenherstellung von Maschinen verschwanden diese geheimnisvollen Attributionen zunächst weitgehend und machten vor allem seit Beginn des 20. Jahrhunderts einer großen Technikbegeisterung und -gläubigkeit Platz. So wurden z.T. Geräte konstruiert, deren Anwendung in der Praxis mehr Aufwand erforderte als einfache manuelle Tätigkeiten (z.B. besitze ich eine Kartoffelschälmaschine aus dieser Zeit, deren Bedienung weit komplizierter und zeitaufwändiger ist als das Schälen einer Kartoffel von Hand. Ähnliche Situationen kann man allerdings auch heute bei "Computer-Freaks" beobachten.

In den letzten 20 Jahren ist jedoch eine Entwicklung zu beobachten, die auf eine "Remystifizierung" von Maschinen schließen lässt. Vor allem auf dem sogenannten Esoterik-Markt werden in zunehmenden Maße Geräte und Maschinen angeboten, die mysteriöse oder zumindest erstaunliche Wirkungen hervorbringen sollen: Das werden Pyramiden angeboten in denen eine rätselhafte Kraft (die Pyramidenkraft) wirken soll, kraftstoffsparende Magneten für Autos, Kirliangeräte, Orgonstrahler und Akkumulatoren, Wünschelruten und Pendel u.s.w. Vor allem Geräte zur Anwendung im Gesundheitsbereich haben Hochkonjunktur. Die öffentliche Meinung über derlei Geräte ist gespalten: Die einen schwören darauf, die anderen machen sich darüber lustig.

Hier wollen wir versuchen, die Mechanismen aufzudecken, die bei einem großen Teil dieser "Wundermaschinen" dazu führen, dass Anwender trotz offensichtlicher Dysfunktionalität von der Wirkungsweise der Geräte überzeugt sind, ja dass man sogar davon sprechen kann, dass diese Geräte tatsächlich "funktionieren".

Wir wollen diese Geräte "Pseudomaschinen" nennen. Im Einzelfall muss jedoch immer geklärt werden, ob es sich um eine "echte" Maschine oder um eine "Pseudomaschine" oder schlichtweg um Betrug handelt.

Echte Maschinen und Pseudo-Maschinen

Definition: "Echte Maschinen" sind technische Geräte oder Apparate und/oder damit verbundene technische Handlungsanleitungen, die einem eindeutig definierten Zweck dienen. Sie sind in erster Linie "Verstärker" oder zumindestens "Umformer".

So dient ein Flaschenzug der Verstärkung und Umformung einer Kraft. Ein Mikroskop ist ein optischer Verstärker. Ein Haartrockner verstärkt die Eigenschaft der Luft, das Haar zu trocknen. Nur wenige Maschinen wie z.B. der Computer sind "universell". Man könnte ihn als "Verstärker für die Geschwindigkeit und Anzahl formaler Operationen" bezeichnen.

Der Zweck, dem eine Maschine dient, muss nicht immer technischer Natur sein. Er kann auch der Unterhaltung, der Gesundheit oder der Erbauung dienen. Ein wirkungsvolles Medikament ist in diesem Sinne eine "echte Maschine", ein Musikinstrument ebenso.

Definition: "Pseudomaschinen" werden definiert als technische Apparate und/oder als damit verbundene technische Handlungsanleitungen, denen eine objektive rein physikalische Wirkung zugeschrieben werden, die sich aber bei genauerer Betrachtung auf psycho-physikalische Systeme beziehen und somit (verborgene) subjektive Komponenten enthalten.

Ein Paradebeispiel für eine Pseudomaschine ist der oben erwähnte Magnet, der der Kraftstoffeinsparung bei Automobilen dienen soll. Diese Geräte werden in Kaufhäusern, im Versandhandel und erstaunlicherweise auch im Kfz-Fachhandel angeboten. Ihr Preis übersteigt den Herstellungs- und Materialwert um ein Vielfaches. Die Installation ist unproblematisch und kann vom Kunden selbst vorgenommen werden. In der beigepackten Beschreibung findet sich eine ausführliche Funktionsbeschreibung und eine "wissenschaftliche Erklärung". Ferner sind "Dankesschreiben aus aller Welt" abgedruckt, in denen die perfekte Funktion des Geräts dankend beschrieben wird. Meist ist ein TÜV-Gutachten beigefügt, in dem allerdings im Kleingedruckten erwähnt wird, dass das Gutachten sich nicht auf die Wirkungsweise bezieht, sondern lediglich bescheinigt, dass das Gerät unter Sicherheitstechnischen Aspekten bedenken los ist und die allgemeine Betriebserlaubnis des Fahrzeuges nicht tangiert. Die Erklärung der Wirkungsweise ist für den naturwissenschaftlichen Laien eindrucksvoll: Es wird behauptet, dass die Magnetfelder die Moleküle des durchfliesenden Kraftstoffes so verändern, dass verborgene Leistungsreserven aktiviert würden. Eine Kraftstoffeinsparung von mehr als 10% wird versprochen.

Für den Physiker ist allerdings sofort klar, dass die angegebene Erklärung nicht richtig sein kann. Ein relativ schwaches Magnetfeld führt nicht zu permanenten Veränderungen in der Molekülstruktur von Kohlenwasserstoffen und hat auch keine katalytische Wirkung auf den Verbrennungsvorgang. Mit einer Verbesserung der Verbrennung in der Größenordnung von 10% ist keinesfalls zu rechnen. Wäre dem so, so wäre das Gerät mit Sicherheit vom Hersteller serienmäßig eingebaut worden, da ein geringer Kraftstoffverbrauch heute zu den wichtigsten Umweltschutzauflagen und Marketingargumenten in der Automobilbranche gehört.

Dennoch funktioniert das Gerät. Sein Wirkungsmechanismus ist jedoch ein ganz anderer als der angegebene. Alle Automobil- und Verkehrsexperten sind sich heute darüber einig, dass schonende Fahrweise erheblich zur Kraftstoffeinsparung beiträgt. Dies gilt vor allem für moderne Automotoren, die in bestimmten Drehzahlbereichen einen hohen Wirkungsgrad besitzen. Die Investition eines solches Gerätes, veranlasst den Benutzer in den meisten Fällen (unbewusst) zu einer kraftstoffsparenden Fahrweise. Dabei schadet eine möglicherweise skeptische Haltung des Benutzers keineswegs, weil er sich ja selbst darüber Rechenschaft ablegen will ob sich seine Investition gelohnt hat. Es ist also für die Funktion des Geräts von Bedeutung, dass es nicht zu billig verkauft wird. Aus der Bio-Feedback-Forschung ist bekannt, dass alleine schon die Zurkenntnisnahme der Ist-Variablen eine Veränderung des Verhaltens in Richtung der Soll-Variablen bewirkt. Der Autofahrer, der beispielsweise zur Kontrolle seiner Investition beginnt seinen Kraftstoffverbrauch zu protokollieren, wird "automatisch" kraftstoffsparender fahren. Die Pseudoerklärung, es handle sich um einen physikalischen Effekt, wirkt sich ebenfalls positiv auf das Verhalten aus. Sie führt zur "Externalisierung" im Sinne von Rotters "locus of control" (vgl. Rotter 1966). Der Anwender wird davon abgelenkt, dass er selbst für den Einsparungseffekt verantwortlich ist. Die Frage, wie lange Pseudomaschinen funktionieren können, wollen wir weiter unten behandeln.

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