Fortsetzung »Die Magie der Pseudomaschine« (Walter v. Lucadou)

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Wir sehen an diesem Beispiel, dass hier der gewünschte Effekt, ausschließlich auf psychologischen Mechanismen beruht, ein physikalischer Anteil ist nicht vorhanden. Bei den meisten Pseudomaschinen werden die Verhältnisse nicht so einfach liegen. Es kann ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass ein Teil der Wirkung der Pseudomaschine tatsächlich "physikalisch" bewirkt ist, ein anderer Teil dagegen auf psychologischen Mechanismen beruht. Genaugenommen können also "echte Maschinen" gleichzeitig Pseudomaschinen sein. Am deutlichsten wird dies in der Arzneimittelforschung. Hier gibt es eine weite Spanne zwischen reinen "Placebos", die in unserem Sinne Pseudomaschinen darstellen, und reinen Wirksubstanzen, die unabhängig von psychologischen Bedingungen des Patienten wirken. Aber selbst bei starken Giften - wird zumindest in anekdotischer Weise - über eine starke psychologische Komponente berichtet (so soll z. B. Rasputin auf eine tödliche Dosis von Gift zunächst nicht reagiert haben). Man sieht, dass hier eine grundlegende philosophische Problemstellung berührt wird, nämlich die Frage nach dem sog. Cartesischen Schnitt (vgl. Atmanspacher et. al. 1994), die auch so formuliert werden kann: Wo verläuft die Trennungslinie zwischen der physikalischen und der mentalen Beschreibungsebene bei Pseudomaschinen?

In der Praxis zeigt sich (vgl. Lucadou 1998), dass diese Frage nicht immer einfach zu beantworten ist. Im obigen Kfz-Beispiel wissen wir recht genau, wo die Grenze zwischen der psychologischen und der physikalischen Beschreibung liegt, und zwar deswegen, weil die physikalische Wirkung selbst nicht existiert und daher physikalische Details wie Preis, Form, Farbe, Größe und Gewicht lediglich von psychologischer aber nicht physikalischer Bedeutung sind. In anderen Fällen können wir zumindest davon ausgehen, dass die psychologische und physikalische Beschreibung im Prinzip voneinander unterschieden werden kann - dazu dienen bekanntlich Doppelblindstudien. Wir wollen solche Pseudomaschinen "separierbare" oder "klassische" Pseudomaschinen nennen.

Es ist zunächst eine theoretische und dann aber auch eine empirische Frage, ob eine solche Separation in mentale und physikalische Teilsysteme bei Pseudomaschinen immer möglich ist, oder anders ausgedrückt, ob der Cartesische Schnitt eindeutig definiert oder "verschieblich" ist. In der Physik sind jedenfalls Systeme bekannt, die nicht in Teilsysteme zerlegt werden können. Sie werden als "verbundene" oder
"entangelte" Systeme bezeichnet. Zumindestens gibt es eine Reihe von empirischen Studien aber auch rein theoretische Überlegungen (vgl. Lucadou 1991), die die Frage aufkommen lassen, ob Pseudomaschinen in diesem Sinne "entangelt" sein könnten. Wir wollen sie "nicht-klassische Pseudomaschinen" nennen.

Definition: Bei "klassische Pseudomaschinen" sind die physikalische und psychologische Wirkungen eindeutig voneinander unterscheid- bzw. separierbar.

Bei "nichtklassischen Pseudomaschinen" ist eine Separation physikalischer und psychologischer Variablen nicht eindeutig möglich. Es herrscht Entanglement.

Beispiele von klassischen Pseudomaschinen sind die meisten abergläubische Verhaltensregeln, sie wirken rein psychologisch. Dazu gehören Amulette, die Astrologie, die Edelsteintherapie, geweihtes, "magnetisiertes" oder "levitiertes" Wasser, die Pyramidenkraft oder z. B. die "Tachionentherapie". Bei der "Auraphotographie", der Kirliandiagnose, Magnet und Kupferarmbändern liegt möglicherweise noch ein realer physiologischer Anteil zugrunde. In der Regel sind aber solche Verfahren entweder nicht genügend systematisch untersucht oder so komplex, dass eine Untersuchung aussichtslos erscheint (vgl. Federspiel et. al. 1994).

Interessant sind auch die große Anzahl von verschiedenen sog. N-Maschinen. Sie stellen eine moderne Variante des Perpetuum Mobiles dar. Hier wird behauptet, es sei möglich, eine sog. "freie Energie" zur Energiegewinnung auszunützen. Die freie Energie soll das Universum gewissermaßen durchdringen und überall verfügbar sein. In der Regel handelt es sich um Geräte, die den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik "überwinden" sollen, der besagt, dass es unmöglich ist, ein "Perpetuum Mobile 2. Art" zu bauen, ein Gerät, das z. B. die Wärmeenergie des Wassers der Weltmeere (durch dessen Abkühlung) verwenden könnte, um Schiffe anzutreiben. Dies würde allerdings der physikalisch gut erhärteten Tatsache widersprechen, dass in geschlossenen Systemen die Entropie immer ansteigt. Bei den N- Maschinen wird behauptet, sie würden mehr Energie abgeben, als zu ihrem Betreiben notwendig sei. Da Ernergiebilanzmessungen in der Physik nicht ganz einfach sind, schleichen sich hier sehr leicht methodische oder subtile Messfehler ein, die von den "Erfindern" kaum durchschaut werden können. Der dabei zugrundeliegende psychologische Attributionsmechanismus ist für die Betroffenen praktisch nicht zu durchschauen, spielt aber bei vielen klassischen Pseudomachinen eine große Rolle.


In den Fängen der Attribution

Ein schönes Beispiel für den oben erwähnten Attributionsmechanismus ist folgender Fall: Im Zusammenhang mit den Auftritten von Uri Geller im Fernsehen hatte eine Schweizer Familie festgestellt, dass sie ein "Wunder", das ihnen Uri Geller vorgemacht hatte, auch selber bewerkstelligen konnten. Wenn sie sich sehr auf einen ganz normalen Taschenkompass konzentrierten, begann die Magnetnadel deutliche Ausschläge zu vollführen.

Obgleich sie nicht damit gerechnet hatten, war die Familie aufgrund von "Selbstexperimenten" davon überzeugt, dass sie über psychokinetische Fähigkeiten verfügten. Sie ging daraufhin zu einem physikalischen Institut und bat die dortigen Physiker, ihre "psychokinetischen" Fähigkeiten zu untersuchen. Zur Überraschung der Familie wollten die Physiker das Phänomen keineswegs untersuchen. Sie wiesen lediglich darauf hin, dass das Phänomen mit Psychologie zu tun habe und sie sich daher an das psychologische Institut wenden sollten. Dort bekamen sie allerdings die entsprechend entgegengesetzte Auskunft: Es handle sich zweifelsohne um ein physikalisches Problem, für das die Physik zuständig sei, und das nicht Gegenstand psychologischer Untersuchungen sein könne.

Die meisten Wissenschaftler untersuchen also derartige Dinge nicht. Die Gründe dafür sind natürlich vielfältig. Ein Grund z.B. ist, daß sich die meisten Fachwissenschaftler als nicht genügend qualifiziert ansehen, Vorgänge, die nicht in ihre Disziplin fallen, zu beurteilen. Dahinter steckt vor allem die Angst, auf einen Streich oder eine Täuschung hereinzufallen.

Schließlich wandte sich die Familie an die Freiburger "Parapsychologen". Zusammen mit meinem australischen Kollegen Jürgen Keil untersuchte ich die Angelegenheit (vgl. Keil, Lucadou 1979). Ich muss gestehen, dass auch wir zunächst äußerst misstrauisch waren. Jeder weiß, dass man eine "Beeinflussung" von Kompassnadeln relativ leicht tricksen kann. Zunächst konnten wir allerdings feststellen, dass die Familie keinerlei Tricks verwendete und auch gar nicht daran interessiert war, uns etwas vorzumachen. Die Ausschläge der Kompassnadel waren deutlich, manchmal hat sie sich um 360 Grad gedreht; es funktionierte zwar nicht immer, und oft mussten sich unsere "Versuchspersonen" ziemlich anstrengen, doch dafür hatten sie meistens eine Erklärung. Sie sagten z. B., dass sie sich gerade nicht so wohl fühlten und sich nicht genügend konzentrieren könnten und so weiter. Wir haben dann alles gründlich mit einem Magnetometer mit Streifenschreiber untersucht - und schließlich kamen wir hinter das Rätsel. Die Familie war überhaupt nicht für die Kompassausschläge verantwortlich. Sie wohnte in einem Hochhaus und neben ihrer Wohnung fuhr ein Aufzug vorbei; dieser hatte ein Ausgleichsgewicht aus Eisen. Jedesmal, wenn er an der Wohnung vorbeifuhr, machte die Kompassnadel große Auslenkungen. Man ist geneigt, darüber zu schmunzeln und die Betroffenen für einfältig zu halten. So hätte sicherlich auch die Familie selbst reagiert, wenn sie die Sache von anderen gehört hätte.

Aber es gab noch einen zweiten Effekt, der dabei eine Rolle spielte, ohne dass sie sich dessen bewusst waren: Sie konnten nämlich überhaupt nicht anders, als die Kompassnadelausschläge auf sich zu beziehen. Dieser zweite Effekt ist psychologischer Natur. Man kann sich ihm kaum entziehen, selbst wenn man ihn kennt. Die Familie konnte also gar nicht anders, als darauf "hereinzufallen". Es war nämlich so, dass der Fahrstuhl unregelmäßig in Zeitabständen von zwei bis 10 Minuten fuhr. Dies ist gerade das Zeitintervall, das man als "Aufmerksamkeitsintervall" bezeichnet. Es ist die Zeit, die man braucht, um sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Wenn die Leute mit dem "Kompassnadelspiel" begannen, konzentrierten sie sich auf die Kompassnadel. Wurde der Aufzug in diesem Moment gerade benutzt, "funktionierte es" sofort und wurde als "Erfolg" verbucht. Ließ der Aufzug auf sich warten, so glaubten die "Experimentatoren", dass es an ihnen läge, weil sie sich nicht genügend konzentriert hätten. Dabei strengten sie sich sehr an, und wenn der Aufzug schließlich nach 10 Minuten doch noch fuhr, so war das verständlicherweise ein "noch größerer Erfolg".

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