Fortsetzung »Die Magie der Pseudomaschine« (Walter v. Lucadou)

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Nichtseparierbare Systeme

Während die Rhinesche Schule hauptsächlich von Vorstellungen der klassischen Physik ausging ("implizite Modelle" in der Art von Sender-Kanal-Empfänger, Reiz-Reaktionsschema), zeichnet sich in den letzten Jahren ein neuer theoretischer Zugang zum Verständnis von Psi-Phänomenen ab. Ausgehend vom vieldiskutierten "Messproblem in der Quantenphysik" wurden unterschiedliche Modellansätze entwickelt, die sogenannten "observational theories" (OTs). Diese weisen eine Reihe von Übereinstimmungen auf: (1) die Verletzung der "üblicherweise" geltenden Naturgesetze ist schwach, d. h. Erhaltungssätze und Symmetrien werden nicht verletzt, nur quantenphysikalischstochastische Prozesse können "beeinflusst" werden; (2) ASW kann auf PK zurückgeführt werden; (3) der PK-Effekt ist zumindest in einem näher zu bestimmenden Rahmen raum-zeitunabhängig (nicht-lokal); (4) PK "funktioniert" zielorientiert im Hinblick auf die gegebene Instruktion, wobei Feedback über den Erfolg ein essentieller Bestandteil des Prozesses darstellt. Die OTs erlauben spezifische quantitative Vorhersagen über die fraglichen Psi-Effekte, können also experimentell überprüft werden.

Die letzten beiden Punkte können sicher auch für die Homöopathie in Anspruch genommen werden. Vor allem die Notwendigkeit von Feedback bringt Schwierigkeiten beim Doppelblinddesign mit sich, wie wir weiter unten sehen werden.

In Bezug auf die Homöopathie aber auch ASW und PK (Psi-Phänomene) erscheint vor allem das "Modell der Pragmatischen Information" (MPI), eine systemtheoretische Version der OTs (vgl. Lucadou 1995) von Interesse zu sein. Es kann in zwei "Hauptsätzen" dargestellt werden:

Erster Hauptsatz: Psi-Phänomene sind nichtlokale Korrelationen in psychophysikalischen Systemen, die durch die pragmatische Information, die das (organisatorisch geschlossene) System erzeugt, induziert werden.

Eine der wichtigsten Annahmen des MPI besteht darin, dass selbstorganisierende psycho-physikalische Systeme in der Lage sind, organisch geschlossene Einheiten ("organizational closure") zu bilden. Das Phänomen der "organisierten Geschlossenheit" kann nach Varela (1981) geradezu zur Definition von lebenden Systemen benutzt werden. Gleichzeitig sind lebende Systeme nur in "thermodynamisch offenen Systemen" möglich. Dabei sind nichtlokale Korrelationen gleichzeitig Indizien und Konstituenten dieser Einheit. Die organische Geschlossenheit kann man sich - in Analogie zur Physik - wie die "Geschlossenheit" eines Atoms oder Moleküls, bzw. einer Zelle oder eines Individuums vorstellen. Dabei spielen zwar "klassische" Anziehungs-Kräfte durchaus eine wichtige konstituierende Rolle, die "Einheit" oder die Stabilität des Gebildes werden jedoch in erster Linie von "quantenmechanischen" Wechselwirkungen - den sog. "Austauschkräften" - erzeugt, die kein klassisches Analogon besitzen. Sie entsprechen phänomenologisch nichtlokalen Korrelationen und bringen zum Ausdruck, dass das Gesamtsystem nicht separierbar ist. Die Geschlossenheit des Systems drückt sich in der Quantentheorie durch Erhaltungsgrößen oder Symmetrien aus (z. B. Energieerhaltung, Drehimpulserhaltung usw.). Bei komplexen nichtklassischen Systemen spielt die "Pragmatische Information" die Rolle einer solchen Erhaltungsgröße.
"Pragmatische Information" ist ein Maß für die "Bedeutung" einer Information für - oder genauer ein Maß für die "Wirkung" einer Information auf - ein System. Daraus folgt, dass der Aufbau oder die Zerlegung eines organisiert geschlossenen Systems pragmatische Information "verbraucht" bzw. "erzeugt", um die nichtlokalen Korrelationen innerhalb des Systems "aufzubauen" bzw. "aufzulösen". "Psychophysikalisch" sind aber alle diejenigen Systeme für deren Beschreibung gleichermaßen die Sprache der Physik wie der Psychologie benötigt wird, die also ohne fächerübergreifende Beschreibung nicht untersucht werden können. Hierzu gehört das bekannte "Leib-Seele-Problem" oder - so wollen wir hier annehmen z. B. auch das homöopathische Treatment. Das heißt, dass die Nicht-Separierbarkeit bei nichtklassischen Pseudomaschinen keineswegs ein möglicherweise behebbarer Mangel darstellt, sie ist vielmehr eine fundamentale Eigenschaft, die nicht beseitigt werden kann, ohne das System und damit die Funktion der Pseudomaschine zu zerstören.

Die "nichtlokalen Korrelationen" haben allerdings eine Reihe von merkwürdigen Eigenschaften, die den Physikern großes Kopfzerbrechen bereiten und die bisweilen sogar als "paradox" oder "geisterhaft" bezeichnet werden. Trotzdem glaubt natürlich kein ernstzunehmender Physiker, dass es hier mit "übernatürlichen Dingen" zugeht, ganz im Gegenteil: nichtlokale Korrelationen beschreiben die fundamentalen Eigenschaften der Materie.

Eine nichtlokale Korrelation ist ein Zusammenhang zwischen Ereignissen, ohne dass dabei eine Informationsübertragung beteiligt wäre. Dieser Zusammenhang ist "flüchtig", was im zweiten Hauptsatz des MPI ausgedrückt wird:

Zweiter Hauptsatz: Jeder Versuch, nichtlokale Korrelationen zur Signalübertragung zu verwenden, bringt diese zum Verschwinden oder ändert sie in unvorhersagbarer Weise.

Präziser kann man diesen Zusammenhang durch folgende Ungleichung ausdrücken:

Effektstärke * Dokumentationsgüte < Entanglement (Involvement)

Die "Effektstärke" eines Psi-Phänomens oder einer nichtklassichen Pseudomaschine multipliziert mit der "Dokumentationsgüte" wird beschränkt durch das Entangement, also die organisierte Geschlossenheit des Systems bzw. dem Involvement der Beteiligten. Die Dokumentationsgüte ist unter anderem ein Maß für die Reliabilität oder die Robustheit des Effekts, kann aber auch ein Maß sein für die Eingriffsmöglichkeiten, die der Anwender für das System besitzt.

Auf die "Verwertung" paranormaler Phänomene oder die Funktion von Pseudomaschinen angewendet heißt das allerdings: in dem Moment, wo man sich auf die "Technik" wirklich verlässt, funktioniert sie nicht oder etwas anderes geschieht, als man von ihr erwartet. Das heißt nicht, dass es keine reale Wirkung geben kann, nur  kann man sich nicht auf sie verlassen, d. h. sie ist statistisch nicht reliabel. In der Parapsychologie weisen in der Tat fast alle statistischen Experimente einen deutlichen "Decline-effect" (Absinkungseffekt) auf, d. h. bei (identischen) Replikationen zeigt sich, dass die Effektstärke abnimmt (vgl. Biermann 2000, Radin & Nelson 2000). Hier fällt nun eine erstaunliche Parallele z. B. zur Homöopathie auf.

Der Praktiker, der die Homöopathie anwendet, wird sich ganz einfach am Erfolg orientieren. Er wird feststellen, dass er bei einem großen Prozentsatz von Fällen konkreten Erfolg hat. Dieser Erfolg misst sich natürlich nicht an den Maßstäben, die bei einer Doppelblindstudie notwendig sind. Diese stellt eine rigide aber auf der anderen Seite auch sichere Methode dar, um kausale Zusammenhänge aufzufinden. Wenn jedoch bei einem Treatment Feedback eine ausschlaggebende Rolle spielt, treten hier Schwierigkeiten auf. Bei einer homöopathischen Behandlung beobachtet der Arzt im allgemeinen die Reaktion des Patienten und wandelt daraufhin die Medikation entsprechend ab. Gerade dies lässt die Verblindung aber nicht zu.
Bei nichtlokalen Effekten gilt - aus ganz andern Gründen - die gleiche Einschränkungen. Hier muss die Verblindung als eine Systembestandteil angesehen werden, dessen Einfluss auf das Gesamtsystem nicht kompensiert werden kann. Im Extremfall können gar keine Doppelblindstudie durchgeführt werden ohne das untersuchte System vollkommen außer Kraft zu setzen.

Es ist sicher nicht falsch, im homöopathischen Treatment einen komplexen Kommunikationsvorgang zwischen dem Arzt, dem Patient und dem Medikament zu sehen.

Manche theoretischen Modelle der Homöopathie nehmen an, dass die Information über die Wirkung der Substanz im Lösungsmittel der Verdünnung gespeichert sei - eine physikalisch schwer nachvollziehbare Hypothese, die übrigens ein Versuch darstellt, das psycho-physikalische System separabel zu machen. Das MPI besagt, dass dies nicht nur nicht hilfreich sondern aussichtslos ist.

Nach meiner Auffassung geht es hier in erster Linie um das therapeutische Ritual, das man aber als Gesamtsystem betrachten muss. Es macht also in diesem Sinne ein Unterschied, ob das Medikament einem langwierigen Herstellungsprozess (man denke an die Schüttelungen) unterzogen wird oder ob bloß ein Placebo gegeben wird. Der Herstellungsprozess und das ganze Treatment sind also wesentliche Bestandteile der Pseudomaschine, sie wirken gewissermaßen als Gefäß für nichtlokale Zusammenhänge, die sich als kausaler Zusammenhang nicht festmachen lassen.

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