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Hirnforschung und Quantenphysik Ist der „chaotische Attraktor“ das lange gesuchte Bindeglied zwischen quantenmechanischen Mikro- und neurobiologischen Makro-Phänomenen? Interview mit Prof. Dr. Günter Ewald
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psychophysik.com: Herr Ewald, die Natur- und Geisteswissen- schaften wissen heute sehr viel über die Wirkung von Bewusstsein (unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen), gleichzeitig jedoch sehr wenig über das Phänomen Bewusstsein selbst. Es gibt bis heute keine allgemeingültige Definition von Bewusstsein und keine physikali- sche Theorie des Bewusstseins. Die moderne Gehirnforschung wähnt sich der Entschlüsselung am nächsten, stochert bisher jedoch über- wiegend in neurobiologischem Korrelat herum.
Was veranlasst Sie dazu, in diesem Durcheinander noch einen weiteren Begriff - den der Quantenphysik - in den Raum zu werfen?
Prof. Günter Ewald: Einerseits halte ich es für ratsam, wenn beim „Stochern“ die feineren Instrumente der Quantenphysik mit heran- gezogen werden. Zum andern soll das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass ein Verstehen des Bewusstseins an die Grundlagen neurobiologischen Denkens rührt und möglicherweise ein erweitertes Wirklichkeitsverständnis herausfordert.
psychophysik.com: Der Mainstream neurowissenschaftlicher Forschung sucht das Bewusstsein irgendwo im mikroelektrischen Flackern des Gehirns. Das ist ein wenig so, als würde man Shakespear in der Druckerschwärze seiner Bücher oder die Tagesschau auf den Platinen eines Fernsehers suchen. Was meinen Sie genau, wenn Sie von einem erweiterten Wirklichkeitsverständnis sprechen? Prof. Günter Ewald: Zunächst muss man die Frage nach einer erweiterten Wirklichkeit einmal zulassen. Das ist in unseren Breiten schon nicht einfach. In der Quantenphysik wird sie aber immer drängender: Die scheinbar geordnete Welt der Elementarteilchen mit ihren schönen Katalogen wird aufgeweicht. Wir wissen nicht recht, was im „Quantenvakuum“ alles herumspukt. Und selbst eine strenge mathematische Theorie wie die Superstringtheorie - ob eine ihrer Varianten sich durchsetzt, mag dahingestellt bleiben - geht nicht davon aus, dass man alle „Oberschwingungen“ einer „Urschwingung", und damit ein volles Bild von Materie zu fassen bekommt. Zudem sind für sie die drei anschaulichen Raumdimensionen ein Konstrukt, das auf Schwingungsknoten in einem mindestens zehndimensionalen abstrakten Schwingungsraum aufbaut. Dieser wiederum mag Unterstruktur eines umfassenderen Gebildes sein.
Ob überhaupt jeder Bewusstseinsinhalt durch ein Blitzgewitter unter der Schädeldecke beschreibbar ist - von einer Erklärung ganz abgesehen - ist keineswegs sicher. Es mag Träger geben, die wir bisher nicht kennen oder niemals wissenschaftlich zu erfassen vermögen. Ein erweitertes Wirklichkeitsverständnis überschreitet in diesem Sinne sowohl einen alten Begriff von Materie wie eine vollständig beschreibbare Bindung der Bewusstseinsinhalte an Gehirnmaterie und deren klassisch-physikalische Prozesse.
psychophysik.com: Heißt das mit anderen Worten, dass der mögliche Tunnelblick des neurowissenschaftlichen Mainstreams die zentrale Herausforderung in der Erforschung des Phänomens Bewusstsein sein kann? Menschen haben bekanntlich größere Probleme damit, Sachverhalte zu verstehen, welche sich nicht als dreidimensionale Objekte oder Folge von Bildern darstellen lassen. Quantenphysikalische Phänomene wie z. B. das von der Art der Beobachtung abhängige Kollabieren der Welle-Teilchen-Funktion in einem Möglichkeitsraum entziehen sich dem menschlichen Vorstellungsvermögen ebenso wie die mögliche Existenz weiterer Dimensionen. Neurowissenschaftler erforschen da vielleicht lieber jene Konstrukte, die in Form von Bildern und Objekten geistig vorstellbar sind. „Funkende Gehirnmasse“ mag in letzter Konsequenz sehr wenig zum Erkenntnisgewinn beitragen. Sie hat jedoch den großen Vorteil, dass man sich daran wunderbar festhalten kann. Auch wenn ich die Tagesschau nicht auf den Platinen meines Fernsehers finde, so kann ich mich doch viele Jahre lang sehr produktiv mit dem Innenleben eines TV-Gerätes beschäftigen.
Prof. Günter Ewald: Ein gutes Innenleben des TV-Gerätes ist allerdings wichtig für einen guten Empfang. Entsprechendes gilt für die „funkende Gehirnmasse“ und ihre Darstellung von Bewusstseinsinhalten. Die neurobiologische Erforschung derselben soll keineswegs abgewertet werden; der Erkenntnisgewinn, den sie bringt, ist enorm. Maßgeblich für eine umfassende Charakterisierung des Bewusstseins ist jedoch, was die „Antennen“ des Bewusstseins sind und wie die eingehenden Botschaften verarbeitet werden. Reichen die bisherigen Methoden und Denkmodelle aus?
Vielleicht ist schon die herkömmliche Vorstellung von den fünf Sinnen, mit denen wir Umweltreize aufnehmen zu grob und gibt es feinere Antennen, die erst mit der Quantenphysik oder noch ganz anderen „Instrumentarien“ in den Blick kommen. Dann ist auch offen, wo und wie sich die Verarbeitung des Wahrgenommenen, die sich ja in steter Rückkoppelung, „Rücksprache“ mit den Sendern vollzieht, abspielt. Gibt es Geist-Materie-Strukturen in einer erweiterten Wirklichkeit, die im traditionellen - monistischen wie dualistischen - Denken nicht vorkommen? - Es wäre schon ein großer Schritt, wenn die „Mainstream“ - Hirnforschung derartige Fragen überhaupt stellen würde.
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psychophysik.com: Können Sie das ein wenig konkretisieren? Halten Sie es für möglich, dass unsere Sinne und unser Gehirn zwar ganz zentral an der Verarbeitung von Bewusstsein beteiligt sind, in letzter Konsequenz jedoch nicht kausal für die Generierung von Bewusstsein zuständig sind? So ähnlich, wie ein Fernseher am Empfang der Tagesschau in erheblichem Umfang beteiligt ist - ohne Fernseher keine Tagesschau zu Hause - für die „Generierung“ der Tagesschau jedoch nicht kausal verantwortlich ist. Auf welcher Ebene sollte Bewusstsein existieren und wirken, wenn nicht im Gehirn? Und was genau veranlasst Sie dazu, außerhalb des Gehirns zu suchen?
Prof. Günter Ewald: Unsere Sinne übermitteln ja nicht nur ungeordnete Reize, sondern Bilder und Vorgänge um uns herum. Die Umwelt entspricht also schon der Fernsehstation. Die Frage ist aber, ob wir mit unseren fünf Sinnen genügend viel von der Umwelt wahrnehmen, besonders, wenn diese als erweiterte Wirklichkeit aufgefasst wird. Vielleicht haben wir noch andere „Antennen“, entweder in einer verfeinerten Hirnbiologie erfassbar oder auch darüber hinausreichend in die angesprochene Sphäre einer bislang nicht verstandenen Geist-Materie-Struktur hinein. Schon die meines Erachtens ausreichend als existent belegte außersinnliche Wahrnehmung oder paranormale Phänomene verlangen nach einer umfassenderen Perspektive als die bisherige Neurobiologie sie liefert.
psychophysik.com: Naja, die Umwelt scheint ja gerade nicht zu 100% der Fernsehstation zu entsprechen. Ein großer Teil dessen, was wir als äußere Umwelt bewusst wahrzunehmen meinen, ist in Wirklichkeit eine geistige Konstruktionen. Die wahrscheinlich bekannteste geistige Konstruktion ist das Drehen der vom Auge gelieferten Bilder um 180 Grad. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann geht es Ihnen hier jedoch zunächst einmal um Phänome wie z. B. Telepathie, bei denen Informationen, Reize, Wahrnehmungen etc. auf Distanz und ohne die uns bekannten Sinne den Weg ins menschliche Gehirn finden ... oder zu finden scheinen. Nun zeichnet sich der Umgang mit paranormalen Phänomenen in großen Teilen der Bevölkerung durch teils positive, teils negative Glaubenssysteme aus. Paranormale Phänomene scheint es u. a. deshalb zu geben, weil sie so wunderschön ins Weltbild von Esoterikern passen. Und es scheint sie aus dem gleichen Grund nicht zu geben, weil es sie aus Sicht von dogmatischen Skeptikern nicht geben darf. Sie sprechen hier von „meines Erachtens ausreichend als existent belegt“. Können Sie dies mit Beispielen belegen, die auch auf der Basis wissenschaftlicher Maßstäbe so starke Aussagekraft haben, dass man hier von Belegen oder zumindest von starken Indizien sprechen kann.
Prof. Günter Ewald: Über die Reichweite des Vergleichs von Fernsehstation und Umwelt brauchen wir uns nicht zu streiten. Was paranormale Phänomene angeht, orientiere ich mich weder an Weltbildern von Esoterikern noch an denen von Skeptikern. Ausschlaggebend ist für mich zunächst glaubwürdiges empirisches Material, das gut recherchiert ist. Davon gibt es ausreichend. Um ein Beispiel zu nennen: Schon 1930 publizierte der bekannte amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair, der hauptsächlich sozialkritische Romane verfasste, zu Überraschung seiner Umwelt ein Buch „Radar der Psyche“ (deutsch 1973), in dem er über hundert paranormale Nachzeichnungen von ihm angefertigter Handskizzen durch seine Frau wiedergab, die die Originale nicht gesehen hatte. Albert Einstein schrieb ein Vorwort zu dem Buch.
Oder denken Sie an das von E. Gruber herausgegebene Buch „Die PSI-Protokolle. Das geheime CIA-Forschungsprogramm und die revolutionären Erkenntnisse der neuen Parapsychologie“ (2001) und darin die vom CIA in der Zeit des kalten Krieges mit Millionen geförderten Aktivitäten des „remote viewing“. Es gibt eine lange Reihe seriöser, wenngleich - aus bekannten Gründen - wenig beachtete Liste von einschlägigen Arbeiten. Das Gezeter um die wissenschaftliche Stichhaltigkeit dieser Arbeiten sagt nicht viel: Es geht ja gerade darum, die geeigneten wissenschaftlichen Instrumente erst zu entwickeln und die beobachteten Phänomene nicht ausschließlich an der klassischen Hirnbiologie zu messen. - Hinzugefügt sei, dass paranormale Phänomene die neuartigen Bemühungen um ein die Erforschung des Bewusstseins zuspitzen, aber das Alltagsbewusstsein selbst eines besseren Verstehens harrt.
psychophysik.com: Gut, unterstellen wir einmal, dass an diesen Phänomenen mehr dran ist, als der wissenschaftliche Mainstream zur Kenntnis nehmen will. Die Wahrscheinlichkeit, dass Paradigmenwech- sel und spektakuläre Erweiterungen unseres Realitätsverständnisses aus dem Zentrum des wissenschaftlichen Betriebs kommen, ist aus ganz menschlichen Gründen vielleicht auch nicht so sehr groß. In unserem ersten Interview zitierten Sie übrigens ein gut belegtes Beispiel mit Berührungspunkten zur Hirnforschung:
„Eine Arbeitsgrupe „Korrelationen zwischen hirnelektrischen Aktivitäten von räumlich getrennten Versuchspersonen“ (Naranjo, Pütz, Wackermann, in Kooperation mit ... Prof. Walach) befasst sich z. B. mit den EEGs räumlich getrennter Versuchspersonen. Man misst, wie sich die EEG-Veränderungen bei optischer Stimulation der einen Versuchsperson sich auf die EEG-Veränderungen der anderen Versuchsperson auswirken. Das ist so etwas wie ein hirnbiologischer Nachweis (nicht Erklärung) von Telepathie.“
Könnten Sie nochmals konkretisieren, was Sie in diesem Zusammenhang unter einem erweiterten Wirklichkeitsverständnis genau verstehen und wie die Quantenphysik hier helfen könnte, zu neuen Erkenntnissen zu kommen.
Prof. Günter Ewald: Denken Sie zum Vergleich an Einsteins Relativitätstheorie. Als Einstein 1921 den Nobelpreis erhielt - für seine Verdienste um die Quantenphysik -, gehörte die Relativitäts- theorie noch nicht zum „Mainstream“; es gab erhebliche Zweifel an ihrer Gültigkeit. Die relativistischen Erfahrungen gehören nicht zum Alltag, sondern werden unter extremen Bedingungen wie etwa sehr hohen Geschwindigkeiten sichtbar. Heute gehört es zum Standardwissen der Physik, dass man einen Bruchteil einer Sekunde jünger wird als die Mitmenschen zu Hause, wenn man die Erde mit einem Linienflugzeug einmal von West nach Ost umrundet.
Paranormale Phänomene wie die im oben genannten Versuch einer telepathieartigen Fernwirkung sind auch nicht alltäglich. Einige mögen unter besonderen Bedingungen herstellbar sein (wie beispielsweise auch die oben genannten bei Sinclair), andere treten spontan auf und sind deshalb schwer zu fassen. Immerhin hat die Firma Sony in Japan ein eigenes Forschungsinstitut eingerichtet, um den „psychokinetischen“ Einfluss des Menschen auf empfindliche elektronische Geräte zu untersuchen. - Bei Einstein mag es ein Glücksfall gewesen sein, dass er eine umfassende Theorie fand, die unser Wirklichkeitsverständnis erheblich erweiterte (um Raumkrümmung, sphärische Gestalt des Kosmos, relativistische Zeit usw.). Im Falle des Paranormalen mag das Erweiterungsverständnis weniger geschlossen, dafür aber noch spektakulärer sein als das relativistische.
Welche Rolle dabei die Quantenphysik spielt, wird abzuwarten sein. Sie befindet sich ja auch noch in einer erheblichen Entwicklung. Entscheidende Impulse dürften allemal von ihr ausgehen, etwa bei Hirnvorgängen, deren chaostheoretische Empfindlichkeit in die Quantenebene hinunterreichen.
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psychophysik.com: Halten Sie es für möglich, dass die Quantenphysik uns Wege zeigt, wie ein menschlicher Informationsaustausch über räumliche Distanz - Herr Müller in Hamburg, Frau Meier in München - stattfinden kann? Das quantenphysikalische Phänomen der Verschränkung bietet hier vielleicht einen theoretischen Ansatzpunkt. Offen wäre jedoch u. a. die Frage, wie sich Impulse hier so „hochschaukeln“ können, dass ganz zum Schluss ein mikroelektrischer Impuls in einem Gehirn ausgelöst wird.
Prof. Günter Ewald: Quantenverschränkung, benutzt etwa bei der „Teleportation”, hat Fortschritte für die sichere Verschlüsselung von Information gebracht. Ob sie bei Telepathie eine Rolle spielt, ist schwer einzuschätzen. Vielleicht erhält man eine Theorie zu der schon genannten Beobachtung synchroner EEG-Wellen bei Telepathie durch die Arbeitsgruppe Naranjo, Pütz, Wackermann (in Kooperation mit Walach) mit Hilfe von synchronen „chaotischen Attraktoren” bei nichtlinearen Hirnvorgängen, mit einer Art „nichtlokalem Schmetterlingseffekt“. Es mag sich aber bei paranormalen Fernwirkungen auch um ganz andere - teilweise oder ganz quantenmechanische - Effekte handeln. Eine quantenphysikalisch erweiterte Hirnforschung dürfte jedenfalls noch einige Überraschungen bergen, besonders in Bereichen, die für viele Naturwissenschaftler wissenschaftliches Tabu gewesen sind.
psychophysik.com: In den erwähnten Experimenten von Jiří Wackermann, José Raúl Naranjo Muradás und Peter Pütz wird die elektrische Aktivität des Gehirns mittels EEG bei einer Versuchsperson gemessen, welche optisch mit Lichtblitzen stimuliert wird. Gleichzeitig wird die Gehirnaktivität einer zweiten mit dem Probanden bekannten Person gemessen. Es gibt inzwischen weitere Studien dieses 1994 erstmals von Grinberg Zylberbaum et al. erwähnten Forschungsansatzes.
Der 2004 auf einer Konferenz der Parapsychological Association vorgetragene Vorabbericht einer Replikationsstudie* von Jiří Wackermann, José Raúl Naranjo Muradás und Peter Pütz geht hier vielleicht in eine neue Richtung. In der Publikation heißt es: „...In our study based essentially on the same paradigm (Wackermann et al., 2003), we have not observed any 'transferred potentials', but we have found significant fluctuations of the average EEG power in the non-stimulated subjects at times of maximal VEPs in the stimulated subjects...“
[* EVENTRELATED CORRELATIONS BETWEEN BRAIN ELECTRICAL ACTIVITIES OF SEPARATED HUMAN SUBJECTS: PRELIMINARY RESULTS OF A REPLICATION STUDY - Jiří Wackermann, José Raúl Naranjo Muradás, & Peter Pütz]
Der Informationsaustausch auf räumliche Distanz - Herr Müller in Hamburg, Frau Meier in München - muss also nicht zwangsläufig schon in der ersten Stufe ein Aktionspotential im Gehirn auslösen. Es ist genauso denkbar, dass hier eine Relais-artig verknüpfte Prozesskette z. B. auf quantenmechanischer Ebene wirkt, welche erst ganz zum Schluss in einen Nervenimpuls des Gehirns umgewandelt wird.
Herr Ewald, Sie werfen an dieser Stelle das aus der Chaosforschung bekannte Konzept „chaotischer Attraktoren” in den Ring. So, wie gemäß Edward N. Lorenz der Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonas-Urwald einen Orkan in Europa auslösen können soll, so könnten sich, wenn ich Sie richtig verstanden habe, auch winzige quantenmechanische Effekte durch chaotische Prozesse „hochschaukeln“, bis sie einen Effekt im Gehirn auslösen. Was genau ist unter synchronen „chaotischen Attraktoren” bei nichtlinearen Hirnvorgängen zu verstehen?
Prof. Günter Ewald: Hirnvorgänge sind, wie etwa Wolf Singer in seinem Beitrag „Das Gehirn - ein Orchester ohne Dirigent” hervorhebt, zum größten Teil „nichtlinear”, also, grob gesagt, komplexer als einfache Proportionalitätsbeziehungen. Das bringt aber mit sich - ein Ergebnis der in den letzten Jahrzehnten entwickelten Chaostheorie - dass Geschehensabläufe, die man vergröbert durch „Trajektorien”, Kurven, deren Punkte gewisse Messdaten als Koordinaten haben und die in Zeitrichtung durchlaufen werden, darstellt, nicht notwendigerweise einem Punkt zustreben, also einen „deterministischen Vorgang” repräsentieren. Sie können sich aus mehreren oder unendlich vielen Punkten bestehende Punktmengen asymptotisch annähern; diese werden chaotische (oder „seltsame”) Attraktoren genannt. Durch einen immer geringeren äußeren Einfluss kann eine Attraktor-Möglichkeit ausgewählt werden; das nennt man den Schmetterlingseffekt.
Der „Schmetterling” im Hirnprozeß könnte ein Quantenvorgang sein, der „Orkan” die dadurch hervorgerufene Auswahl eines der im Attraktor schlummernden Hirnvorgänge. Das von Ihnen genannte „Aufschaukeln” wäre in einem Schritt erledigt.
Telepathische Beziehungen findet man besonders häufig zwischen Menschen mit emotionaler Verbindung. Freud vermutete sogar, dass Telepathie eine Urform der Kommunikation ist, die in der Evolution noch vor Aufkommen der Pieplaute dem Kontakt zwischen Muttertier und Jungem diente. Denkt man sich einmal die Deutungsmöglichkeiten eines Umweltgeräusches als „chaotischen Attraktor” und ein Quantenzustand, der „Gefahr” als Deutung auslöst, verschränkt bei Muttertier und Jungem vorhanden, dann würde eine Warnung sehr effektiv auf quantenmechanischem Weg weitergeleitet. Ähnliches könnte geschehen, wenn jemand „spürt”, dass einem ihm nahe stehenden Mensch gerade etwas zugestoßen ist. Schließlich könnte das im Beispiel der EEG-Stimulation bei Wackermann et al. ähnlich sein; das meinte ich mit der Möglichkeit, dass man eine Theorie für deren Experiment findet.
psychophysik.com: Bitte erlauben Sie mir, an dieser Stelle nochmals die - auch für Nicht-Mathematiker - plastische und anschauliche Darstellung eines chaotischen Attraktors aus Ihrem Artikel „Hirnforschung und Quantenphysik” zu zitieren:
„Was ein chaotischer Attraktor ist, lässt sich gut an dem ersten Beispiel erläutern, auf das man gestoßen ist, und zwar in der Wetterkunde. Der Meteorologe Edward Lorenz stellte unter vereinfachenden Bedingungen ein Gleichungssystem auf, dessen Lösungskurve den zu erwartenden Wetterverlauf theoretisch beschrieb. Zu seiner Überraschung strebte aber die Wetterkurve nicht einem bestimmten Punkt zu, sondern pendelte zwischen zwei Wetterzuständen hin und her, kam diesen zwar immer näher, nahm sie aber nicht an. Eine Wettervorhersage war also auch theoretisch unmöglich, unabhängig von der Zahl vorliegender Messungen. Praktisch konnte ein immer kleinerer äußerer Einfluss zu einem der Wetterzustände führen. Statt zwei möglichen Zielen können es unendlich viele sein, von denen die Lösungskurve eines dynamischen Systems „angezogen” wird. Man nennt diese einen chaotischen (oder „seltsamen”) Attraktor, so auch beim Ablauf eines Hirngeschehens. Das System wird hinsichtlich seines Zielpunktes immer empfindlicher gegen sehr kleine Einflüsse, die nicht zu ihm selbst gehören. Diese große Empfindlichkeit führt bis auf die Quantenebene hinunter und wirft somit grundlegende Fragen der Beeinflussbarkeit bestimmter Hirnvorgänge auf, die quantenphysikalisch zu bearbeiten sind.”
Spätestens an dieser Stelle stellt sich natürlich die Frage, was denn der Mainstream der Gehirnforschung zu Gedanken dieser Art sagt. Neurobiologen verfolgen chaostheoretische Ansätze bisher, um das Geschehen im Gehirn besser zu verstehen ... nicht jedoch um z. B. Telepathie zu untersuchen. Prof. Harald Walach - Forschungs-Professor Psychologie an der Universität Northampton - untersucht in seinem Beitrag „Generalisierte Quantentheorie: Eine theoretische Basis zum Verständnis transpersonaler Phänomene” die Hintergründe dieser Skepsis gegenüber transpersonalen Phänomenen. Jetzt scheint sich hier jedoch - vielleicht über den Umweg der Quantenphysik - ein erhebliches Umdenken anzubahnen. Kein geringerer als der renommierte Neurowissenschaftler Christof Koch stimmte erst kürzlich Ihrer Prognose zu, dass die Erforschung nichtlinearer Hirnvorgänge höchstwahrscheinlich in quantenphysikalische Überlegungen, insbesondere Quantenkohärenz und Nichtlokalität hineinführen werde.
Können Sie kurz erklären, warum die Zustimmung von Christof Koch zu Ihrer Analyse schon so etwas wie eine kleine Sensation ist?
Prof. Günter Ewald: Koch hat 2006 gemeinsam mit dem Züricher Physiker Klaus Hepp in der Zeitschrift Nature eine Arbeit publiziert, die hinsichtlich der Möglichkeit quantenphysikalischer Methoden in der Neurobiologie ein recht negatives Fazit zieht. Demnächst soll eine erweiterte Fassung dieser Arbeit erscheinen. In beiden Studien bleiben chaostheoretische Fragen der nichtlinearen Hirnforschung außer Acht, insbesondere solche, die durch die von Singer und Gray entdeckten 40 Hertz-Schwingungen aufgeworfen werden. Dass dieser Aspekt zu einem anderen, positiven Fazit veranlasst, hat Koch spontan eingesehen und bekräftigt. Eine solche Offenheit findet man nicht alle Tage.
psychophysik.com: Halten Sie es für möglich, dass die Zustimmung von Christof Koch auch damit zusammenhängt, dass Ihr Erklärungsansatz über ausreichend Bodenhaftung verfügt? Mitunter entsteht ja der Eindruck, dass quantenphysikalische Erklärungsansätze überdehnt werden und immer dann herhalten müssen, wenn es an harten Fakten fehlt.
Prof. Günter Ewald: Ich möchte es behutsamer ausdrücken: Koch und Hepp haben in ihren genannten Arbeiten explizite Schwierigkeiten aufgezeigt, die bisherigen Ansätze zu realisieren. Bei meinem Vorschlag sind offenbar derartige Schwierigkeiten - bisher - nicht in Sicht. Es werden neuartige Fragen aufgeworfen, die unmittelbar an den Stand der „Mainstream-Forschung” anknüpfen. Sie mögen das „Bodenhaftung “ nennen.
psychophysik.com: Herr Ewald, vielen Dank für dieses Interview!
Links zum Thema:
Prof. Dr. Günter Ewald: Quantenphysik und Hirnforschung
Prof. Dr. Günter Ewald: Gehirn, Seele & Computer
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