Prof. Günter Ewald:
Über »Gehirn, Seele und Computer«

Der renommierte Physiker und Kernforscher Prof. Dr. Wolf Häfele bezeichnet »Gehirn, Seele und Computer« als ein „dringend erforderliches hervorragendes Buch, das in Sachen Subjekt-Objekt Spaltung eine Klärung zwischen moderner Physik und etablierter Medizin-Biologie herbeiführt.“ Der Theologe Prof. Dr. Helmut Obst umschreibt es mit den Worten: „In den letzten Jahren wurde von einigen Hirnforschern und Teilen der Presse der Eindruck erweckt, die Geheimnisse des menschlichen Hirns seien weitgehend entschlüsselt, Geist und Bewusstsein des Menschen seien letztlich Funktionen des menschlichen Hirns. Das Buch von Günter Ewald stellt diese - verschiedentlich mit dem Anspruch eines Dogmas vorgetrage- ne - These mit wissenschaftlichen Methoden in Frage, ohne die Grenze von Wissen und Glauben zu überschreiten.“ Lesen Sie nachfolgend, was Prof. Günter Ewald selbst über sein Buch schreibt.

Als Mitte des 20. Jahrhunderts die elektronischen Rechenmaschinen aufkamen, gab es auch bald Überlegungen und Spekulationen über das Verhältnis von Gehirn und Computer. Würde man das Gehirn nachbauen, wie man Prothesen für Hüftgelenke schafft? Würde man auf neue Weise Intelligenzbestien hervorbringen, die menschliches Denken in den Schatten stellen? Würden wir mit Hilfe von Computer- modellen verstehen, was menschlicher Geist ist und ob der Mensch überhaupt so etwas wie eine Seele hat?

Noch in 1970 sagte einer der Pioniere des Computerwesens, Marvin Minsky, in einem Interview mit dem LIFE-Magazin: “In drei bis acht Jahren, von jetzt ab gerechnet, werden wir eine Maschine haben mit der Intelligenz eines durchschnittlichen Menschen, eine Maschine, die Shakespeare lesen und ein Auto pflegen kann“.

Computer übernehmen Hirnfunktionen
Nun ist von dieser Prognose bis heute nur die Autowaschanlage geblieben, die es 1970 bereits gab. Dem Menschen vergleichbar Shakespeare lesen können Maschinen nicht und werden es voraus- sichtlich nie können. Gleichwohl hat die künstliche Intelligenz unsere technische und soziale Welt grundlegend verändert, vom Fließband- Roboter über Expertensysteme, Schreibtisch-PC, Internet bis zu Schachautomaten, denen Weltmeister nicht mehr gewachsen sind. Eines der eindrucksvollsten Beispiele, wie Computer und Gehirn auch Symbiosen eingehen können, hat in den letzten Jahren die Medizin- technik hervorgebracht: Schwerstgelähmte, die keinen Muskel mehr bewegen können, etwa infolge von amotrypher Lateralsklerose, waren bisher „locked in“, konnten sich nicht mehr mit der Umwelt verständigen, auch bei intaktem Denken und Bewusstsein – ein furchtbares Schicksal, für die Mitmenschen wie tot zu sein. Vor einigen Jahren gelang es, ihnen Computerchips so ins Gehirn einzu- pflanzen, dass sie wieder mit ihrer Umgebung kommunizieren können. In 2004 hat eine Arbeitsgruppe in Tübingen um den Hirnbiologen Birbaumer sogar einen Weg gefunden, dasselbe ohne Hirnoperation, durch Anzapfen der Hirnströme von außen zu erreichen: Mit Hilfe eines eintrainierten Zeichensysteme können aufgenommene Denk- impulse in Sprache umgesetzt werden. Das ist eine großartige Leistung.

Wie sinnvoll ist das Denken in Computermodellen?
Wohin aber führt der Fortschritt, was die Ergründung der Tiefen unseres Geistes angeht? Werden Computertechnik oder wenigstens das Denken in Computermodellen allmählich dahinter kommen, was das Geflecht von hundert Milliarden Nervenzellen unter unserer Schädeldecke hervorbringt und das wir bisher unzulänglich in Begriffe wie „Bewusstsein“, „Wille“, „Gefühl“ oder „Intelligenz“ gefasst haben? Folgt man den Worten mancher Neurobiologen, dann ist Hirnfor- schung in der Tat dabei, den Geisteswissenschaften grundlegend dreinzureden und Direktiven für ein neues Menschenbild zu entwickeln.

Am Beispiel Willensfreiheit wird das besonders deutlich. Diese Grundlage menschlicher Größe und Würde scheint ins Wanken zu geraten. Weder können wir – nach Meinung vieler Neurobiologen – tun, was wir wollen, noch wollen, was wir tun. Ein in der Evolution gewachsener Hirnautomatismus, in dem Gesetz und Zufall zusam- menspielen, bestimmen unser Handeln. Wir bilden uns ein, frei zu entscheiden und merken nicht, dass unser Gehirn längst entschieden hat. Man glaubt, das mit Hirnexperimenten beweisen zu können und fügt bedauernd hinzu, dass wir – traurig, traurig – nun einmal dort subjektiven Illusionen aufsitzen, wo die Natur objektiv unerbittlich voranschreitet.

Grenzen und Illusionen der Hirnforschung
Oder verfängt sich umgekehrt die Hirnbiologie in einer Illusion, die in naive Arroganz auszuarten droht? Genau das behaupten wir und suchen es in diesem Buch zu belegen. Man braucht nicht einmal Pessimist zu sein, um die Rolle der Neuroforschung in ihren Grenzen zu sehen. Entdeckungen führen oft zu neuen Perspektiven, zu neuen methodischen Überlegungen, wie man die neuen, faszinierenden Welten erobert. Das gilt auch für die Wissenschaft von den neuro- nalen Netzen.

Benjamin Libet, ein amerikanischer Hirnforscher, auf dessen Experimente in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich diejenigen berufen, die laut von einer Widerlegung der Willensfreiheit reden, ist selbst gegenteiliger Meinung: Ein genaues Studium seiner Ergebnisse gibt nichts her, was Willens- oder Handlungsfreiheit widerlegt. Nur eine kurzschlüssige, oberflächliche Deutung dessen, was Libet über Hirnvorgänge, die Entscheidungen vorgelagert sind, herausgefunden hat, behauptet so etwas. Während einige Bio- Propheten noch weiter gehen und neben menschlicher Freiheit auch religiöse Hoffnung durch die Neuroforschung dahinschwinden sehen, spricht Libet sogar ausdrücklich von der Möglichkeit einer unsterb- lichen Seele, die durch seine Wissenschaft nicht angetastet wird.

Quantenphysik: Quelle neuer Denkansätze für Hirnbiologen
Und noch etwas kommt hinzu. Dem gegenwärtigen Drama um ein angemessenes naturwissenschaftliches Verstehen von Geist steht ein neuer Akt bevor, der eine weitere dramatische Wende bedeuten könnte: Die Computerwissenschaft selbst fällt möglicherweise der am klassischen Computerdenken orientierten Neurowissenschaft in den Rücken. Sie entwickelt gegenwärtig neuartige Rechner, sogenannte Quntencomputer, die auf physikalischen Prinzipien aufbauen, die Einstein für so absurd hielt, dass er damit die Quantenphysik selbst in Zweifel zog. Sie wurden aber wirklich experimentell nachgewiesen. Nicht nur bringen sie neuartige Computer hervor, sondern sie rücken allmählich der Hirnbiologie auf den Pelz. Scheitert die zu hoch ange- setzte Hoffnung auf Erklärung von Bewusstsein und Willen schon an der grundlegendsten aller Naturwissenschaften, der Physik? Langsam dämmert es im Reich der Wissenschaften, dass mit den – zugegeben schwer zu verstehenden – Prinzipien der Quantentheorie längst ein neues Zeitalter des Denkens angebrochen ist. Wir werden in diesem Buch versuchen, anhand einiger Beispiele und den Bauelementen von Quantencomputern in dieses neue Denken vorzudringen.

Zwischen Gehirnforschung und Religion
Dann soll noch ein weiterer Vorhang aufgehen: Wir führen den hirn- biologischen Griff nach Religion vor und konfrontieren ihn mit tiefer liegenden Aspekten dessen, nach dem er greift. Es geht ja in Ordnung, wenn Religion nicht in abstrakten Fernen angesiedelt wird, die mit unserem körperlichen Sein und der Hirntätigkeit nur über Katechismen und Lehrinhalte verbunden ist. Spiritualität greift ihrerseits in die Strukturen zwischen Hirnstamm und Scheitellappen ein. Wie passt das alles zusammen? Wissen wir überhaupt viel darüber? Hirnbiologie muss sich vor religionsphilosophischer Stümperei hüten und tut gut daran, ihre – interessanten und in vieler Weise aufhellenden – Forschungen im Bereich religiöser Phänomene religi- onsphilosophisch hinterfragen zu lassen. Das kann ein Weg sein, zu einem umfassenden, weitsichtigen Welt- und Menschenbild vorzu- dringen.

Religiöse Fragen tauchen neurowissenschaftlich in doppelter Weise auf: In der Darstellung von Phänomenen, die in das biologische, insbesondere hirnbiologische Sein eingebunden sind und damit auch hirnbiologischer Forschung offen stehen. Sie artikulieren sich aber auch als Folge der Reflexion über das, was rationale Wissenschaft nicht mehr in den Griff bekommt und legitimerweise sich in Überzeu- gungen ausdrückt, die wissenschaftlich weder beweisbar noch widerlegbar sind. Ein besonderer Kristallisationspunkt ist dabei die Frage nach der Seele, nach der Psyche einerseits und nach der „unsterblichen Seele“ andererseits. Hier können materialistische Sicht und spirituelle, auf Leben über den Tod hinaus angelegte Sicht, Argumente austauschen, ohne sich zu befehden. Nach Evidenzen kann man ruhig fragen, man muss nur selbstkritisch genug sein, um wissenschaftliche Fakten nicht mit deren Interpretation zu verwech- seln.

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