Fortsetzung von „Das Bewusstsein - Nur Funke der Neuronen?”

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So ist ihr Gehirn auf Drogen

Vergangenen Sommer, als ich mitten in meinen Nachforschungen war, stand eines Morgens ein langjähriger Kollege bei mir in der Bürotür und sah etwas verstört aus.

"Irgendetwas stimmt nicht mit meinem Vater", sagte er, "er ist nicht er selbst."

Über die Jahre hatte ich mit dem Vater meines Freundes oft Zeit verbracht und wusste von seinem zwanzigjährigen Kampf gegen die Parkinsonkrankheit, die langsam die Geschicklichkeit und die Agilität des erfolgreichen Strafverteidigers und früheren Athleten aufgezehrt hatte. Mehr als einmal hatte ich den Ausdruck von Schmerz und Verwirrung im Gesicht meines Freundes gesehen, wenn sich die Krankheit plötzlich zum Schlechteren wendete. Doch heute war da noch etwas anderes.

"Was meinst du?", fragte ich. "Ist es der Parkinson?"

"So ungefähr", antwortete er. "Irgendwie ist seine Medikation aus dem Ruder gelaufen. Er macht die bizarrsten Sachen. Gestern spät nachts fand ihn mein Bruder, wie er mit einer Spritzpistole in der Hand im Vorgarten stand. Er war davon überzeugt, das Haus vor einer Bande von Plünderern zu beschützen zu müssen."

"In Omaha?"

Für kurze Zeit unterbrach ein Lächeln seine ernste Miene. "Ja, und als mein Bruder zu ihm ging, sagte er nur: "Es wurde aber auch Zeit, dass du kommst. Ich brauche Unterstützung."

"Wie geht es ihm jetzt?" fragte ich.

"Sie haben ihn ins Krankenhaus gebracht und prüfen seine Medikation, um herauszufinden, was falsch gelaufen ist. Sie müssen ihn permanent überwachen, denn, immer wenn die Schwester den Raum verlässt, versucht er abzuhauen." Er macht eine kurze Pause. "Ich finde, das ist eine so heikle Angelegenheit. Was heißt das, wenn die Person, von der du dachtest, dass du sie kennst, sich auf so dramatische Weise verändern kann, nur weil sich die Chemie im Gehirn verändert? Was sagt das darüber aus, wer wir als Menschen sind?"

Von der Beziehung zwischen Gehirnchemie und Bewusstsein ist im Zeitalter der Neurowissenschaften nur schwer loszukommen. Da Neurobiologen unser Wissen über die starken neurochemischen Substanzen, die unseren Stimmungen und Motivationen zugrunde liegen, vertieft haben, sind Worte wie Adrenalin, Endorphine, Dopamine und Serotonin Teil unserer Umgangssprache geworden. Und wer sich mit diesem Gebiet beschäftigt hat – egal, wie lange – , dem fällt es zunehmend schwerer, über menschliches Verhalten nicht in chemischen Begriffen zu reden. In seinem Buch Mind Wide Open: Your Brain and the Neuroscience of Everyday Life aus dem Jahr 2004 fasst der Journalist Steven Johnson die vorherrschende Ansicht zusammen: "Unsere Persönlichkeit – jene Entität, die uns als Individuen sowohl einzigartig wie auch vorhersehbar macht – entsteht aus solchen Mustern chemischer Ausschüttungen." Ein Teil der Gewissheit dieser Ansicht resultiert aus der Beobachtung solcher Fälle wie dem des Vaters meines Freundes, wo ein plötzliches chemisches Ungleichgewicht eine ernsthafte psychologische Störung auslösen kann. Am meisten haben dazu jedoch die Beobachtungen der überwältigend positiven Veränderungen beigetragen, welche durch die richtige Abstimmung der inneren Chemie hervorgerufen werden können. Seit der Revolution der Psychopharmakologie in den Fünfzigerjahren, als Psychiater die Macht von Thorazin entdeckten, welches selbst die schlimmsten Symptome von Psychosen eindämmte, ist das Bestreben, geistige Gesundheit und Wohlbefinden auf chemischem Wege zu erreichen, in vollem Gange. Natürlich müssen sich die meisten Menschen nur auf ihren letzten Gang zu Starbucks oder ihrer Eckkneipe besinnen, um zu erkennen, wie überzeugt wir von den Vorteilen eines chemisch veränderten Bewusstseins sind. Aber was geschieht, wenn unsere Fähigkeit, unsere Erfahrung auf chemischem Wege zu verändern, über die vorübergehende Befreiung von Hemmungen und die Verstärkung der Aufmerksamkeit hinaus geht? Was wäre, wenn Sie regelmäßig eine Pille schlucken könnten, die Ihre Persönlichkeit radikal verändern würde, auch Ihr Selbstwertgefühl – zum Besseren? In der schönen neuen Welt der Psychopharmakologie ist sogar diese bizarre Möglichkeit Realität geworden.

Wir alle kennen wohl Prozac (auf dem deutschen Markt: Fluctin) als erstes und immer noch populärstes Antidepressivum der neuen Generation, das in den letzten beiden Jahrzehnten die zivilisierte Welt überschwemmte. Indem es die zelluläre Wiederaufnahme von Serotonin hemmt, hat diese magische Pille mit überwältigendem Erfolg bewiesen, wie man damit nicht nur die Gemüter der klinisch Deprimierten aufhellt, sondern auch all jener, die sich einfach nur ein bisschen "mehr als wohl" fühlen wollen. Letzteres, von dem Psychiater Peter Kramer als "kosmetische Pharmakologie" bezeichnet, wirft viele ethische Fragen auf und stand im Mittelpunkt vieler hitziger Debatten, doch die Resultate aus den klinischen Anwendungen sind an dieser Stelle sehr interessant.

In seinem Bestseller von 1993 Listening to Prozac (dtsch.: Glück auf Rezept: Der unheimliche Erfolg der Glückspille Fluctin) dokumentiert Kramer die Fälle einiger Patienten, die, nachdem ihnen das Medikament verschrieben worden war, nicht nur die erwartete Aufhellung der Stimmung, sondern eine umfassende Veränderung ihrer Persönlichkeit erfuhren. Ein solcher Fall war eine Frau namens Tess, die zusätzlich zu der Erlösung von ihrer Depression angab, dass sie gleichzeitig entspannter wäre und mehr Antrieb hätte, weniger anfällig für emotionale Störungen, extrovertierter, gesellschaftlich versiert und kompetenter bei der Arbeit. Zwei Wochen nach Beginn der Medikation schreibt Kramer:

Sie sah anders aus als vorher, gleichzeitig entspannt und energetisch – zugänglicher. Als ob die Person, auf die der Ausdruck ihrer Augen gelegentlich hinwies, jetzt die Führung übernommen hätte. Sie lachte öfter, und die Qualität ihres Lachens war anders, nicht mehr kontrolliert, sondern lebendig, ja sogar aufreizend.

Mit diesem neuen Verhalten begann ein neues Sozialleben und zwar so, dass es sich nicht langsam entfaltete als Resultat harter Arbeit, mit der man ungleiche Teile des Ichs integriert, sondern es schien alles eher auf einmal, in vollem Umfang, zu passieren.

"Drei Verabredungen jedes Wochenende", erzählte mir Tess. "Ich muss wohl ein Zeichen auf meiner Stirn tragen!"

Diese neue Persönlichkeit blieb neun Monate konstant – bis Kramer die Medikation absetzte. Obwohl es Tess anfangs gelang, teilweise an ihrem neu gefundenen Selbstvertrauen festzuhalten, fing sie langsam an, in ihre alten Persönlichkeitseigenschaften zurückzufallen, die ihr Leben vor Fluctin charakterisiert hatten. "Ich bin nicht ich selbst", sagte sie zu Kramer, der ihr sofort wieder das Medikament verabreichte.

Eine andere Patientin, Julia, hatte eine ähnliche Veränderung erfahren, nachdem sie eine Zwangsneurose aufgab, die ihre Familie und ihr Arbeitsleben zerstört hatte. Doch als Kramer versuchte, die Dosis zu reduzieren, geschah folgendes:

Zwei Wochen später rief Julia an, um zu sagen, dass ihr der Boden unter den Füßen schwand: "Ich bin wieder eine Hexe." Sie fühlte sich elend – pessimistisch, wütend, fordernd. Sie war die halbe Nacht auf und putzte ... "Es ist nicht nur meine Einbildung", insistierte sie, und dann gebrauchte sie dieselben Worte wie Tess: "Ich spüre mich nicht."

Walter Truett Anderson reflektierte über die Darstellungen Kramers und schreibt in The Future of the Self: "Besonders faszinierend ist daran, dass die Frauen in beiden Fällen glaubten, ihr ‚wirkliches Ich' wäre jenes, welches sie während der kurzen Periode der Behandlung erlebten, und nicht jenes, mit dem sie ihr ganzes übriges Leben fristeten. Welches ist dann das wirkliche Ich? Und wer entscheidet das? Kramer selbst, wahrscheinlich der einzige und größte Befürworter kosmetischer Pharmakologie, hatte auch Schwierigkeiten, mit diesem besonderen Teil des Ergebnisses der Behandlung umzugehen. "Wie können wir das, was Fluctin für Tess tat, mit unserer Vorstellung von einem kontinuierlichen autobiografischen menschlichen Ich vereinbaren?" Das sind große Fragen. Und im Lichte der gegenwärtigen Forschung möchte ich eine weitere hinzufügen: Wenn eine einfache Änderung in der Chemie des Gehirns eine solch dramatische Veränderung des Ichs hervorrufen kann, welche Aspekte unseres Selbst, oder unserer Seele, glauben wir, liegen dann außerhalb der Kontrolle des Gehirns? So, wie die Studien über Gehirnschädigungen, scheint uns auch die Psychopharmakologie zu suggerieren, dass wir mehr ein Produkt unseres Gehirns sind als es den meisten von uns lieb ist.

Neuro-Ethik

Wenn Untersuchungen über Gehirnschäden und die Neurochemie die Grundlage für einen Überblick über die zugrunde liegende Verbindung zwischen Gehirn und Denken schaffen, könnten neue und leistungsstarke Verfahren bei Aufnahmen des Gehirns die Details in leuchtenden Farben liefern. Durch Bilder von der Blutversorgung des Gehirns während bestimmter Aktivitäten werden Forscher, insbesondere durch PET, SPECT und fMRI-Aufnahmen, in die Lage versetzt, eine Landkarte der verschiedenen Gehirnregionen zu erstellen, wie früher Kartografen die Umrisse unseres Globus erstellten.

Durch ausgiebige Untersuchungen mittels bildgebender Verfahren gelang es Gehirnforschern, fast ein Dutzend Gehirnareale zu identifizieren, die allein mit den verschiedenen Aspekten von Sprache zu tun haben. Und das ist ausgesprochen wenig, wenn man es mit den über dreißig verschiedenen Arealen vergleicht, die mit den spezifischen Aspekten des Sehens zu tun haben. Es gibt ein Gehirnareal, das vertikale Linien erkennt und ein anderes, das horizontale Linien erkennt, ein weiteres, um Bewegung zu erkennen, und wieder ein anderes, um die Farbe Blau wahrzunehmen. Und bezüglich des Wiedererkennens wird das Ganze noch komplexer. Können Sie sich vorstellen, dass es spezifische Neuronengruppen gibt, die aktiviert werden, wenn bestimmte Gesichter aus unterschiedlichen Perspektiven vorgelegt werden, dass es beispielsweise einen winzigen Teil in unserem Gehirn gibt, der ganz speziell den Gesichtszügen der eigenen Großmutter zugeordnet ist, und einen anderen für die überall gegenwärtige Visage von George Bush? Die Erforschung der biologischen Grundlagen von Sprache und Wahrnehmung ist jedoch gerade einmal am Anfang. Mithilfe einer experimentellen Methodik, die mit jedem Monat Verbesserungen erfährt, lüftet man jetzt sogar die Geheimnisse der komplexeren Aspekte unserer Erfahrung, wie Emotionen, Vernunft, Motivation und Wille. Die Wissenschaftsjournalistin Rita Carter schreibt in Mapping the Mind (Eine Landkarte vom Gehirn erstellen): "Es ist mittlerweile möglich, die Vorgänge bei Wut, Gewalt und fehlerhafter Wahrnehmung zu beobachten und sogar die körperlichen Anzeichen komplexer Qualitäten unseres Gehirns wie Güte, Humor, Herzlosigkeit, Gruppendynamik, Altruismus, Mutterliebe und Selbstwahrnehmung aufzuspüren."

Die bedeutsamen Konsequenzen dieser Entdeckungen entgingen der Aufmerksamkeit neurowissenschaftlicher Kreise keineswegs, im Gegenteil: Eine der wirklich interessanten neuen Diskussionen wurde bekannt als Neuroethik. Nach Ansicht der Psychologin Martha Farah haben insbesondere die bildgebenden Verfahren der Gehirnforschung mit ihrer bis dato unbekannten Möglichkeit, in die zuvor vertraulichen Bereiche des Gehirns eines Individuums zu spähen, in Bezug auf die Ethik ein Fass ohne Boden geöffnet. Es wurde so zum Beispiel möglich festzustellen, ob jemand betrügerisch ist oder sogar, ob sich jemand selbst betrügt. Auftritt des Programms "Lügendetektor 3.0"! Wissenschaftler können jetzt unterscheiden, ob jemand in ein Verbrechen involviert war oder nicht, indem sie Objekte vom Tatort zeigen und überprüfen, wie das Gehirn reagiert. Willkommen in der neuen Dimension der forensischen Medizin! – so der Marketingslogan der Firma Brain Fingerprinting Laboratories. Es ist durch Vorlage von Bildern von Drogenutensilien sogar möglich festzustellen, ob jemand regelmäßig Rauschdrogen konsumiert. Damit lässt sich nämlich überprüfen, ob das Gehirn in einen Zustand der Gier gerät – der Auftakt zu einem neuartigen Krieg gegen Drogen.

Dann gibt es da noch etwas, das Farah als "brainotyping" bezeichnet. Mit denselben Methoden können Gehirnforscher jetzt hinter die Kulissen unserer Persönlichkeit schauen, um herauszufinden, was für ein Mensch man wirklich ist. Hegen Sie heimlich Rassenvorurteile? Die Beobachtung Ihres Gehirns beim Betrachten von Bildern mit Gesichtern von unterschiedlichen Rassen kann mittels eines Gehirnscanners Aufschluss darüber geben. Wie sieht es mit sexuellen Vorlieben aus? Indem Ihnen eine Reihe erotischer Bilder gezeigt wird, lässt sich herausfinden, was Sie (oder Ihr Gehirn) anmacht. (Kommen Sie nicht auf die Idee, die Reaktion unterdrücken zu wollen; Ihr Gehirn sieht dann nämlich anders aus.) Sind Sie risikofreudig? Ein Pessimist? Introvertiert? Neurotisch? Ausdauernd? Mitfühlend? Sogar wesentliche Charakterzüge wie diese werden jetzt aufgedeckt, bevor das Neuroverhör beginnt.

In der Tat wirft das ethische Fragen auf.

Innerhalb der Diskussionen über Neuroethik gibt es ein größeres Sujet, das sich in den Vordergrund drängt, wobei einige meinen, dass es die Grundlage dessen, wie wir über Ethik denken, ins Wanken bringen wird. In der Zivilisationsgesellschaft gründen sich unsere ethischen Normen, und sogar unser Rechtssystem, auf die Vorstellung der Verantwortung des Individuums. Wenn wir die Handlungen von anderen beurteilen, halten wir sie für fähig, ihre Handlungen als gut oder schlecht einschätzen – also verantworten – zu können. Wenn wir aber das Bild des Menschen betrachten, wie es in der Neurowissenschaft entsteht, haben viele den Eindruck, dass es nur wenige oder keine Anhaltspunkte für die Vorstellung gibt, dass wir unsere Handlungen aus freien Stücken wählen. Wenn unsere Handlungen ausschließlich vom Gehirn ausgelöst werden, und das Gehirn wiederum gänzlich durch die Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt geformt wird, wo kommt dann der freie Wille ins Spiel?

Vielleicht hört sich das wie philosophischer Unsinn an, wenn man davon ausgeht, dass eine unserer grundlegendsten menschlichen Erkenntnisse die unserer Wahlfreiheit ist. Führende Gehirnforscher behaupten jedoch, dass dieses deterministische Bild des menschlichen Verhaltens durch eine Reihe von Experimenten untermauert ist, die offensichtlich zeigen, dass unser Gehirn Entscheidungen trifft, bevor wir uns darüber bewusst sind, diese getroffen zu haben, und dass, in der Tat, der freie Wille eine Illusion ist.

Diese seltsame Vorstellung, die in der Gemeinschaft der Neurowissenschaftler weit verbreitet ist, wird für die breite Masse sicher nicht so leicht zu verdauen sein. In der Hitparade der Kontroversen wird dies knapp auf dem zweiten Platz landen, genau hinter der von allen am heftigsten diskutierten Behauptung der Gehirnforscher, dass, wie Farah sich ausdrückt, selbst unsere "Empfindung der Spiritualität" eine "physische Funktion des Gehirns" darstellt.


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