Fortsetzung von „Das Bewusstsein - Nur Funke der Neuronen?”

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Teil Drei: Auf der Suche nach einem neuen Paradigma

Ist der Geist ein Hirngespinst?

Der leichte Schneefall, der mich begleitet hatte, seit ich Massachusetts in aller Frühe verließ, schien stärker zu werden, als mein Zug gerade westlich des Hauptbahnhofs von Penn auftauchte. Ich machte es mir für die letzten beiden Stunden meiner Reise nach Philadelphia bequem und holte die neue Ausgabe des Time Magazins hervor, die ich mir am Zeitungskiosk geholt hatte. Es handelte sich um eine Sonderausgabe mit dem Thema "Mind and Body"; der Titel war: "Die Wissenschaft vom Glück". Als ich anfing, sie durchzublättern, landete ich sofort auf einer Doppelseite, die ein Farbfoto eines buddhistischen Mönchs zeigte, an dessen Kopf Elektroden befestigt waren. Der Psychiater, der die Elektroden an dessen kahl geschorenem Kopf befestigte, war Richard Davidson, "der Papst der Glücksforschung". Er beobachtet die Gehirnaktivität von Meditierenden, um den Zusammenhang zwischen den Glücksgefühlen in der Meditation und unseren vorderen Stirnlappen zu verstehen.. Der Artikel mit dem Titel "Die Biologie der Freude" war der neueste einer Reihe von Berichten, die in den letzten Jahren in der Boulevardpresse aufgetaucht sind, um den Zusammenhang zwischen spiritueller Erfahrung und dem Gehirn darzustellen. Der erste, und sicher auch interessanteste, war eine Titelstory des Newsweek Magazins im Mai 2001 gewesen: "Gott und Gehirn: Wie wir auf Spiritualität programmiert sind." Durch diesen Artikel wurde ich auf die Arbeit des Mannes aufmerksam, zu dem ich gerade in Richtung Philadelphia unterwegs war: des bekannten Meditationsforschers Andrew Newberg.

Als Radiologe der medizinischen Fakultät der Universität von Pennsylvania wurde Newberg bekannt, als er in den späten Neunzigern Untersuchungen mit Aufnahmen des Gehirns an Meditierenden durchführte. Seine Ergebnisse, die die deutlichen Veränderungen, die im Gehirn bei spirituellen Erfahrungen stattfinden, als Erste auf Film bannten, wurden in zwei Büchern veröffentlicht: "The Mystical Mind" und "Why God Won't Go Away" (Koautor war sein Partner Eugene D'Aquili). Seit dieser Zeit machte er die Runde in Talkshows, wurde in fast jedem Magazin vorgestellt, mit Vortragsanfragen von Kirchen und medizinischen Einrichtungen überhäuft und trat in dem kürzlich erschienenen "Science-meets-Spirit"-Kultfilm "What the Bleep Do We Know?" auf. All das deutet an, wie groß das öffentliche Interesse (oder die Angst) ist, was die Möglichkeit angeht, dass vielleicht sogar die Spiritualität ihre Wurzeln in unserem Schädel hat.

Nachdem er mich in der Empfangshalle des Krankenhauses abgeholt und durch ein Labyrinth von Gängen bis zu einem kleinen fensterlosen Büro in der Radiologieabteilung begleitet hatte, schaltete Newberg dort seinen Computermonitor an und sagte zu mir: "Das hier wollte ich Ihnen zeigen." Auf dem Bildschirm waren zwei farbige Abbildungen zu sehen, die – wie ich annahm – ein Gehirn darstellten. "Das linke Bild," erklärte er mir, "ist das Bild des Gehirns der Testperson vor der Meditation. Auf dem rechten Bild sieht man, wie es während der Meditation aussieht. In diesem Fall war der Meditierende ein tibetischer Buddhist, oder vielmehr ein amerikanischer Buddhist, der eine tibetische Meditationsform praktiziert."

In ihren anfänglichen Studien arbeiteten Newberg und D'Aquili mit zwei Hauptgruppen. Die eine bestand aus acht amerikanischen Buddhisten, die eine konzentrierte Meditationsform ausübten, und die andere Gruppe setzte sich aus drei Franziskanerinnen zusammen, die eine kontemplative Gebetsform ausübten. Obwohl sich die Ergebnisse ihrer Untersuchungen bezogen auf die beiden Gruppen etwas unterschieden, war das Gesamtbild bemerkenswert einheitlich. So ist es nicht verwunderlich, dass Newberg und D'Aquili herausfanden, dass während der Meditation oder des Gebets eine Zunahme der Aktivität in den vorderen Stirnlappen zu beobachten war, einer Region für höhere Fähigkeiten wie Absicht, Wille oder die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren. Aber es gab noch eine andere Entdeckung, welche die eigentliche Ursache der Aufregung zu sein schien.

"Wenn Sie den Bereich hier im hinteren Teil des Gehirns betrachten", sagte Newberg, indem er mit seinem Stift auf einen kleinen gelben Farbfleck deutete, "können Sie erkennen, dass er während der Meditation deutlich weniger hervorgehoben ist als zuvor. Das ist der hintere Seitenlappen, den ich auch als Orientierungs- und Assoziationsfeld bezeichne. Es ist der Teil des Gehirns, der es uns ermöglicht, uns im Raum zu orientieren. Er gibt uns das Gefühl der Abgrenzung zwischen uns selbst und dem Rest der Welt. Unsere Hypothese war, dass das Gefühl der Einheit, oder des Einsseins, das die Menschen während der Meditation erfahren, mit einer verringerten Aktivität in diesem Gebiet korreliert. Und genau das zeigen diese Aufnahmen des Gehirns."

Ich lernte also, dass die erhabene mystische Erfahrung der Einheit, die Newberg als "absolutes einheitliches Sein" bezeichnet, durch eine reduzierte Aktivität in einem ganz bestimmten Teil des Gehirns herbeigeführt wird. Und das gehört für mich zu den Dingen, mit denen sozusagen schlagartig "der Spaß vorbei" ist. Bis zu dem Punkt zumindest. Newberg schien mir aber zu gutherzig zu sein, als dass er zu einem reduktionistischen Rundumschlag ausholen würde. Um ganz sicherzugehen, stellte ich ohne Umschweife meine Kernfrage: "Denken Sie, dass Ihre Forschungen belegen, dass sich religiöse Erfahrung gänzlich auf Gehirnaktivität reduzieren lässt? Ist Gott also nur in unserem Kopf?"

Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er – so hatte ich den Eindruck – darauf vorbereitet gewesen. "Es scheint so zu sein" setzte er an, "aber ich glaube nicht, dass unsere Forschungen zwingend zu dieser Schlussfolgerung führen. Es mag vielleicht eine simplifizierte Betrachtungsweise sein, aber wenn ich eine Gehirnaufnahme von jemandem machen würde, der gerade ein Stück Apfelkuchen anschaut, kann ich Ihnen sagen, was im Gehirn vor sich geht, während die Erfahrung des Apfelkuchenanschauens vor sich geht. Aber ich kann Ihnen, von dieser Aufnahme ausgehend, nicht sagen, ob dieses Stück Apfelkuchen in Wirklichkeit existiert oder nicht. Ebenso verhält es sich, wenn ich eine Aufnahme vom Gehirn einer Franziskanernonne mache, die die Erfahrung macht, in der Gegenwart Gottes zu sein. Ich kann Ihnen sagen, was in ihrem Gehirn während dieser Erfahrung vor sich geht, aber ich kann Ihnen nicht sagen, ob Gott wirklich da war oder nicht, oder ob die Erfahrung eine echte Realität wiedergibt. Die Neurowissenschaft kann diese erkenntnistheoretische Frage nicht beantworten."

Als Newberg weiter über die Erkenntnistheorie sprach – die Wissenschaft darüber, wie wir wissen, was wir wissen – wurde klar, dass es für ihn mindestens genauso wichtig ist, mit den philosophischen und spirituellen Schlussfolgerungen zurechtzukommen, wie mit den Forschungsergebnissen selbst. "Versetzen wir uns mal in eine materialistische Position: Wir gehen davon aus, dass alles, was wir erfahren, ausschließlich durch das Gehirn geschieht. Das heißt, die einzige Möglichkeit herauszufinden, ob etwas real ist, ist durch unser Gehirn. Das Gehirn ist das Organ, das unterscheiden kann, was real ist. Für die materialistische Perspektive bringt das ein kleines Problem mit sich: Wenn Menschen mystische Erfahrungen machen, berichten sie übereinstimmend, dass sie etwas erfahren haben, das realer ist als unsere materielle Alltagsrealität. Das heißt, dass das Gehirn wahrnimmt, dass Gott oder reines Bewusstsein realer ist als alles andere. Wenn also das Gehirn die Instanz ist, die festlegt, was real ist und was nicht – es handelt sich hier um eine kulturübergreifende, universelle Erfahrung menschlicher Gehirne – was heißt das dann für uns?"

Im Laufe unserer Unterhaltung legte Newberg großen Wert darauf klarzustellen, dass er in vielerlei Hinsicht, was diese Kernfragen angeht, immer noch ein Agnostiker ist. Er verschwieg aber auch nicht, dass die Arbeit, der er nachgeht, einfach der aktuelle Ausdruck dessen ist, was in seiner Jugend als spirituelle Suche begonnen hat. Diese Tatsache mag zu seiner überraschend nicht-materialistischen Interpretation seiner Forschungsarbeiten beitragen. Er räumte außerdem ein, dass seine Entdeckungen leicht zur Stärkung einer reduktionistischen Position beitragen könnten, hat aber den Eindruck, dass er durch seine experimentellen Beweise die Echtheit mystischer Erfahrung belegen kann und so der Spiritualität einen Dienst erweist und dass er vielleicht sogar die Wissenschaft dazu bringen könnte, die Mystik zum ersten Mal ernst zu nehmen. Was mich aber wahrscheinlich am meisten an Newberg faszinierte, war seine Überzeugung, dass die mystische Erfahrung an sich der Wissenschaft etwas geben könnte, was sie unbedingt nötig hat: die Möglichkeit, die Begrenzungen der Subjektivität zu durchbrechen und die Tür zu einer wahrhaft objektiven Perspektive zu öffnen.

"Eine der Begrenzungen der Wissenschaft ist das Problem des subjektiven Bewusstseins," sagte er zu mir, als er mir die Instrumente für die Gehirnaufnahmen zeigte, die er benutzt hatte, um die Forschungen an den Meditierenden durchzuführen. "Auch wenn man unsere wissenschaftlichen Studien und die wissenschaftlichen Messmethoden in Betracht zieht, hat die Wissenschaft dennoch das Problem, dass sie eigentlich nie recht in der Lage ist, sich außerhalb unseres Gehirns zu begeben, um wirklich zu herauszufinden, was sich da draußen in Wahrheit abspielt. Einer der Gründe, weshalb mich die spirituelle Erfahrung so fasziniert, ist, dass es der einzige Zustand ist, von dem man zumindest eine Beschreibung eines Menschen hört, wie er die Begrenzung seines eigenen menschlichen Bewusstseins durchbrochen hat und in direkten Kontakt mit der höchsten Wirklichkeit gekommen ist. Und wenn das wirklich der Fall ist, dann sollten wir als Wissenschaftler diese Erfahrung äußerst aufmerksam betrachten, weil es vielleicht der einzige Weg ist, das Problem zu lösen, wie man außerhalb des subjektiven Geistes gelangt."

Als er mich zur Eingangshalle des Krankenhauses zurück begleitete, erzählte ich Newberg ausführlicher von den Fragen, die meine eigenen jüngsten Recherchen in Bezug auf die Gehirnforschung ausgelöst hatten. Zu meiner Überraschung sagte er mir, dass er keine größeren Probleme mit der Körper/Geist-Frage hätte, und ebenso wenig mit den immer stärker werdenden neurowissenschaftlichen Beweisen für die materialistische Perspektive. "Der Glaube, dass Materie das Fundament bildet, ist eine gute Ausgangsposition, um die materielle Welt zu erklären" sagte er, "aber das kann keine klare Antwort darauf geben, wo Bewusstsein seinen Ursprung hat. Wenn wir uns andererseits auf die religiöse Seite stellen und davon ausgehen, dass Bewusstsein das Fundament bildet, ist es nicht so einfach, die Existenz von Materie zu erklären. Ich persönlich habe das Gefühl, dass Bewusstsein und Materie einfach zwei Möglichkeiten sind, die gleiche Sache zu betrachten. Letztendlich denke ich aber, dass wir es noch nicht wirklich wissen."

Mein Treffen mit Newberg eröffnete mir in vielerlei Hinsicht Einblicke, die ich nicht erwartet hatte. Obwohl ich mich, als ich zu ihm ging, auf einen weiteren scheinbar unwiderlegbaren Beweis gefasst gemacht hatte, dass das Gehirn die alleinige Quelle der Erfahrung ist, verließ ich ihn mit einigen neuen Perspektiven auf diesem Gebiet und mit einer erneuten Gewissheit, dass unsere Menschlichkeit den Herausforderungen der Gehirnforschung standhalten kann. Als renommierter Neurowissenschaftler war Newberg sicherlich mit all den Daten, die mir bekannt sind, vertraut, und ohne Zweifel mit vielen weiteren. Die Tatsache, dass sich seine eigenen spirituellen Überzeugungen nicht in Luft aufgelöst hatten, sondern, im Gegenteil, durch seine Gehirnforschungen bestätigt wurden, legt nahe, dass sich dahinter mehr verbirgt, als der generelle Trend der Neurowissenschaft uns glauben machen will.

Wie Newberg mir erneut verdeutlichte, ist in Wirklichkeit niemand bisher in der Lage gewesen zu erklären, geschweige denn zu beweisen, wie das Gehirn den Geist erschafft – trotz aller Beweise, die uns die Neurowissenschaft dafür liefert. Das Körper/Geist-Problem bleibt so rätselhaft, wie es immer war. Und obwohl die Gemeinde der Neurowissenschaftler größtenteils nicht dazu gebracht werden konnte, ihre materialistischen Annahmen deswegen in Frage zu stellen, gibt es doch, wie ich in den folgenden Monaten feststellte, eine Reihe von Wissenschaftlern, an denen die Schlussfolgerungen aus dieser Tatsache nicht spurlos vorübergegangen waren.

Eine wachsende und bahnbrechende Bewegung, die aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen hervorgegangen ist, hat es sich zum Ziel gesetzt hat, der reduktionistischen Tendenz in der Biologie im Allgemeinen, und in der Gehirnforschung im Besonderen, entgegenzutreten. Diese Vordenker sind davon überzeugt, dass die eigentliche Schwierigkeit hinsichtlich des Bewusstseins gerade in der Herangehensweise liegt, und versuchen, die materialistischen Hypothesen zu entkräften, die den Großteil der neurowissenschaftlichen Untersuchungen dominieren, um sie durch ein größeres und holistischeres Paradigma zu ersetzten, welches imstande ist, die ganze Komplexität menschlicher Erfahrung zu erfassen. Einige versuchen, das zu bewerkstelligen, indem sie gut ausgearbeitete Alternativtheorien zusammenstellen, um diese denselben Unterlagen beizusteuern. Andere tun dies, indem sie versuchen, die wissenschaftliche Avantgarde durch ihre eigenen Erfahrungen zu bereichern, um damit die Existenz von Phänomenen zu belegen, die nicht zugunsten einer materialistischen Perspektive ausgelegt werden können. Was sie alle verbindet, ist die Leidenschaft, angesichts eines mechanistischen Weltbildes Menschlichkeit zu bewahren, und die Bereitschaft, die dogmatischen Tendenzen einer wissenschaftlichen Verbohrtheit auf das Schärfste zu kritisieren.


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