Fortsetzung von „Das Bewusstsein - Nur Funke der Neuronen?”

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Die bis heute schlagkräftigsten Beweise liefern die so genannten "Ganzfeldexperimente". Man nahm an, dass die Wahrnehmung der Testpersonen durch eine Verringerung der Reize in einen aufnahmefähigeren Zustand versetzt wird, und so entwickelten Forscher in den Siebzigern ein einfaches und leicht wiederholbares Experiment, in welchem eine Testperson, der "Sender", ein einzelnes Bild für eine bestimmte Zeitdauer betrachtet und versucht, es auf telepathische Weise einer anderen Testperson, dem "Empfänger", zu übermitteln, welcher darauf "vorbereitet" wurde, indem er sich 10 - 20 Minuten in einer reizarmen Umgebung aufhielt. Danach wurden dem Empfänger vier Bilder gezeigt, und er sollte versuchen, das telepathisch übermittelte Bild darunter herauszufinden. Wenn Zufall der einzige Faktor wäre, der dabei mitspielt, würde dies nach einer Vielzahl von Versuchen zu einer 25-prozentigen Erfolgsrate führen. Aber in den seither vergangenen 30 Jahren wurde dieses Experiment von einigen Dutzenden von Laboren in über 3.100 Sitzungen wiederholt, und es ergab eine durchschnittliche Erfolgsrate von 32 Prozent. Für jemanden, der nicht mit Statistik vertraut ist, klingt das vielleicht nur wenig interessant. Nach den Standards der Wissenschaft jedoch ist dies mehr als überraschend, da die Zufallswahrscheinlichkeit bei über 1 Billion zu 1 liegt. "Die Auswirkungen dieses Experiments sind eher unbedeutend, aber sie sind statistisch signifikanter als die Versuche, die den Kreis konservativer Mediziner davon überzeugen konnten, dass Aspirin das Risiko von Herzanfällen verringert" erklärte Radin. "Und die Telepathie ist nur eines von den vielen Gebieten erfolgreicher PSI-Forschung. Deshalb behaupte ich, dass keine noch so eindeutige Beweislage reichen wird. Die Implikationen für das gegenwärtige wissenschaftliche Paradigma wären einfach zu groß."

Für Radin, der seit über 20 Jahren gegen die Skeptiker kämpft, ist das Ansammeln weiteren Datenmaterials zu diesem Zeitpunkt eher zweitrangig geworden. "Die Beweislage, die auf Basis derselben Standards wie in den Verhaltens-, Sozialwissenschaften und in der Medizin evaluiert wird, ist eindeutig und belegt, dass die PSI-Phänomene real sind" führte er aus. "Der einzige Grund, warum das von der herrschenden Mehrheit nicht anerkannt wird, ist, dass es keine klare theoretische Begründung gibt, es zu akzeptieren. Es wird deshalb nicht akzeptiert, weil die Leute nicht wissen, wie man es erklären kann."

Als ich im letzten Winter mit Radin sprach, war er gerade sehr mit seinem neuesten Buch Entangled Minds beschäftigt, in dem er neben den aktuellen Ergebnissen der PSI-Forschung der letzten sieben Jahre eine neue Theorie vorstellen will, von der er sich erhofft, dass sie für das wissenschaftliche Establishment Tür und Tor öffnen wird, die PSI-Phänomene ernst zu nehmen. Wie viele Theoretiker versucht er, das Unerklärliche erklärbar zu machen, indem er in der geheimnisvollen Welt der Quantenphysik nach Antworten sucht. "Letztendlich ist das Geheimnisvolle bei PSI ein physikalisches Geheimnis", sagte mir Radin. "Das Geheimnisvolle ist, dass etwas irgendwie in das Innere Ihres Kopfes gelangte, das nicht über die gewöhnlichen Sinne kam und Zeit und Raum auf sonderbare Art und Weise transzendiert. Dieses Geheimnis hat etwas mit Physik zu tun. Es hat nichts mit Biologie, nichts mit Psychologie und auch nichts mit der Neurowissenschaft zu tun."

Indem er auf den anerkannten Gedanken einer "Quantenkorrelation" abzielt, geht Radin von der Existenz einer, wie er es nennt, "Biokorrelation" aus. Kurz zusammengefasst, versteht man unter Quantenkorrelation die Vorstellung, dass scheinbar voneinander getrennte subatomare Teilchen, nachdem sie einmal Kontakt miteinander hatten, tatsächlich sogar über Raum und Zeit hinweg miteinander verbunden bleiben. Diese Verbundenheit oder "Unabhängigkeit des Ortes" wurde zum ersten Mal experimentell 1972 nachgewiesen, und in den vergangenen drei Jahrzehnten, so erklärt es Radin, erkannten Physiker mehr und mehr, wie weit verbreitet dieses Phänomen ist. "Es ist viel weiter verbreitet und stabiler als es sich noch vor wenigen Jahren irgendjemand vorstellen konnte. Und meine Frage ist: Was bedeutet das für die Struktur der Welt, in der wir leben? Ich glaube, dass es bedeutet, wenn die Dinge tatsächlich miteinander verknüpft sind, und alles, was für zwei Dinge nötig ist, um verknüpft zu werden, die Tatsache ist, irgendwann einmal miteinander in Kontakt gekommen zu sein, dass dann alles in unserem Universum miteinander verknüpft ist – wie wir es auch von den Kosmologen kennen, die sagen, dass alles eine Quelle hat, nämlich den Urknall."

Diese Vorstellung der Quantenkorrelation von der subatomaren Ebene in die "Makrobereiche" zu übertragen, ist umstritten und wird von den meisten Physikern des Mainstream bis jetzt nicht unterstützt. Aber Radin sieht die Idee der Biokorrelation als eine Möglichkeit, Phänomene zu verstehen, die innerhalb einer klassisch materialistischen Weltsicht nicht erklärt werden können:

Wenn Gehirne sich wie Quanten verhalten, eröffnet das die Möglichkeit, dass unsere Gehirne mit allem verbunden bzw. verknüpft sind. In dem Fall sollten wir uns parapsychologische Phänomene nicht als geheimnisvollen Prozess vorstellen, in welchem Informationen von einem Ort zum anderen geschickt werden und irgendwie in unseren Kopf gelangen, sondern vielmehr als eine Veränderung innerhalb des Gehirns. Wenn sich das gesamte Universum also bereits innerhalb unseres Kopfes befindet, weil wir mit ihm eben biokorreliert sind, dann muss man – wenn man wissen will, was in jemandes Kopf vorgeht oder was sich in einem geschlossenen Umschlag irgendwo anders befindet oder was gerade auf der anderen Seite der Welt vor sich geht oder im letzten Jahr passierte – einfach nur den Teil des Gehirns betrachten, der mit diesem verknüpft ist.

Die Vogelperspektive

In ihrem Bemühen, den reduktionistischen Tendenzen des Materialismus entgegenzutreten, sind die Grenzwissenschaftler Radin und Sheldrake keinesfalls Einzelkämpfer. In den letzten Jahren haben sich Philosophen, Theologen, Kosmologen und sogar Erkenntnistheoretiker des Mainstream mit schlagkräftigen kritischen Abhandlungen und alternativen Theorien ins Schlachtgewühl gestürzt, mit denen sie unseren Horizont in Bezug auf Geist und Gehirn, zu erweitern gedenken. Aus philosophischer Sicht fasziniert die zunehmend populäre, wenn auch antiquierte Theorie des Panpsychismus, die einen Weg um den Materialismus herum findet, und auch um die Körper/Geist-Problematik. Diese von einer Vielfalt von Denkern, wie David Chalmers oder dem Theologen David Ray Griffin vertretene Theorie und ihr enger Verwandter, der Panexperientalismus, umschifft das Körper/Geist-Rätsel mit der Behauptung, dass Bewusstsein oder Erfahrung eine grundlegende Eigenschaft des Universums ist und in irgendeiner Form überall, sogar in den kleinsten Elementarteilchen, gefunden werden kann. Geht es nach dem Panpsychismus, besteht überhaupt keine Notwendigkeit herauszufinden, wie das Bewusstsein dem menschlichen Gehirn entspringt, da Bewusstsein von Anfang an mit Materie verknüpft ist. Aber bevor Sie sich in der Vorstellung verfangen, dass sich Felsbrocken spätabends miteinander unterhalten, bedenken Sie bitte, dass damit nicht gemeint ist, dass Steine oder Moleküle in der Art bewusst sind, wie wir es sind, sondern dass sie eine Art "Protobewusstsein" haben, wie Chalmers es nennt, oder "Innerlichkeit", wie es der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin nennt.

Ein Vorteil dieser Denkart besteht darin, dass man sich vorstellen kann, wie sich das Bewusstsein in einem Kontinuum zunehmender Tiefe und Komplexität entwickelt. Statt im tierischen oder menschlichen Gehirn nach der magischen Verbindung zu suchen, die plötzlich das Bewusstsein hervorgebracht hat, argumentieren Vertreter des Panpsychismus, dass das Bewusstsein sich kontinuierlich als inhärenter Teil des Evolutionsprozesses entwickelt hat. Je komplexer die Organisation der Materie wurde, desto komplexer wurde die Ebene des Bewusstseins. Da das menschliche Nervensystem das komplexeste Stück Hardware auf diesem Planeten ist, ist es nicht verwunderlich, dass es mit der komplexesten Form des Bewusstseins einhergeht. Diese Sichtweise fasst langsam Fuß, auch wenn sie von den meisten Mainstream-Philosophen und -Wissenschaftlern noch gemieden wird, insbesondere in der alternativen Intelligenzija, weil sie möglicherweise ein nicht-reduktionistisches Bezugssystem für das Verständnis der Beziehung zwischen dem Geist und dem Gehirn liefert; auch wenn sie von einigen ihrer Befürworter, wie z.B. Chalmers, als Argument für die Möglichkeit bewusster Maschinen gebraucht wird: Wenn alle Materie letztendlich bewusst ist, warum könnte dann ein höchst komplexer Computer nicht so bewusst sein wie Sie oder ich?

Der wahrscheinlich schwerwiegendste Versuch, dem Reduktionismus entgegenzutreten, der vermutlich dem Mainstream am meisten entgegenkommt, ist jedoch von einer vergleichsweise großen Gruppe von Theoretikern zu vernehmen, die sich mit der relativ neuen Wissenschaft von Komplexität oder Entstehung beschäftigen, um die Beziehung von Gehirn und Geist zu erklären. Diese Wissenschaftler und Philosophen stellen nicht in Frage, dass das Bewusstsein aus den Aktivitäten des Gehirns hervorgeht – das Bewusstsein auf das Gehirn zu reduzieren, sei aber eine ganz andere Sache. Wie Rita Carter es beschreibt, ist Entstehung einfach gesagt, die "Vorstellung, dass ein komplexes System etwas entwickeln kann, das größer ist als die Summe seiner Teile". Wie genau das vor sich geht, ist eben sehr komplex. Die zugrunde liegende Vorstellung ist, dass Wechselwirkungen von Phänomenen niederer Ordnung, Phänomene höherer Ordnung mit Eigenschaften hervorbringen können, die wiederum nicht allein auf die Wechselwirkungen niederer Ordnung zurückgeführt werden können. Ebenso wie die Nässe des Wassers nicht im Wasserstoff oder im Sauerstoffmolekül gefunden werden kann, aus denen es besteht, können so komplexe Qualitäten wie Verstand, Vernunft, Entschlusskraft, Reflexion und Gemüt nicht im Verhalten unserer Nervenzellen gefunden werden. An diesem Ansatz besticht, dass er, auch wenn er die biologischen Wurzeln des Geistes nicht abstreitet, die Gültigkeit einer höheren Ordnung menschlicher Erfahrung und deren eigene Wirklichkeit anerkennt.

Unter den Befürwortern der Entstehungstheorie sind viele reli-giöse Denker, die einen philosophisch und wissenschaftlich gangbaren Weg suchen, um die Heiligkeit unserer höheren menschlichen Fähigkeiten zu bewahren. Selbst unter den materiell eingestellten Philosophen und Wissenschaftlern, die mit den reduktionistischen Erklärungen nicht zufrieden gestellt werden konnten, fand die Entstehungstheorie Anhänger. Der Philosoph John Searle schreibt: "Bewusstsein ist nicht reduzierbar, nicht weil es unbeschreiblich oder geheimnisvoll wäre, sondern weil es im Wesentlichen einen subjektiven Existenzmodus der ersten Person aufweist und daher nicht auf Erscheinungen der dritten Person reduziert werden kann. Der herkömmliche Fehler, der sowohl von der Wissenschaft, als auch von der Philosophie gemacht wurde, ist anzunehmen, dass wir mit der Ablehnung des Dualismus den Materialismus annehmen müssen. Der Materialismus aber ist ebenso unklar wie der Dualismus, da er die Existenzberechtigung eines subjektiven Bewusstseins verleugnet."

Was die Vertreter des Panpsychismus mit den Entstehungstheoretikern in Hinblick auf ihre Überzeugung teilen, ist, dass die Unfähigkeit des Materialismus, der eigentlichen Komplexität menschlicher Erfahrung gerecht zu werden, an sich Grund genug ist, diesen hinter sich zu lassen. In diesem Sinne kann man sie als Teil einer größeren Bewegung holistischer Denker sehen, für welche die einseitigen, fragmentarischen Erklärungsmodelle der Erscheinungsformen des Lebens und des Bewusstseins nicht mehr zufrieden stellend sind. Integrale Theoretiker, die darauf bestehen, dass die einzig befriedigende Theorie so geartet sein muss, dass sie die mannigfaltigen Ebenen und Dimensionen unseres Menschseins umfasst – von der Entladung der Nervenzellen bis zum kosmischen Bewusstsein – , versuchen, eine Wissenschaft zu kreieren, die den erhobenen Daten und der Realität unserer gelebten Erfahrung in gleicher Weise gerecht wird. Wie mir der Kosmologe und Templeton-Preisträger George Ellis mitteilte:

Ein häufiger Fehler der Fundamentalisten ist, eine Teilwahrheit als ganze Wahrheit zu postulieren. Ja, die Gehirnzellen existieren. Das ist eine Teilwahrheit darüber, was abläuft. Die Gehirnforscher übersehen dabei aber, dass es eine top-down (von oben nach unten) gerichtete Vorgehens- und Sichtweise im Gehirn ist, die dem Leben seine eigentliche Bedeutung verleiht. Wenn man bottom-up (von unten nach oben) vorgeht, wird man diese Bedeutung jedoch nie sehen können. Man stelle sich einen fliegenden Düsenjäger vor: Die bottom-up Sichtweise besagt, dass er fliegt, weil Partikel von unten gegen die Tragfläche pressen und sich etwas langsamer bewegen als die oberen Partikel. Die top-down Version darüber besagt, dass jemand eine Menge Zeichner eingestellt hat, die computergestützte Designprogramme nutzten, um das Flugzeug so zu gestalten, dass es fliegt. Eine Betrachtung auf gleicher Ebene stellt es so dar: das Flugzeug fliegt, weil der Pilot im Cockpit sitzt und es fliegen lässt. Physiker übersehen zwei dieser Betrachtungsebenen meistens: die auf gleicher gleichen Ebene und die top-down. Und genauso ist es mit den Neurowissenschaftlern. Um zu unserer Fluganalogie zurückzukehren: Sie würden sagen, dass alles, was den Piloten zum Fliegen befähigt, die Aktivität seiner Gehirnzellen ist. Dann würden sie aber die Tatsache vernachlässigen, dass er eigentlich beschlossen hatte, Pilot zu werden, als er noch ein kleiner Junge war. Er schwärmte davon und beschaffte sich das Geld für die Ausbildung und so weiter. Man würde all das nicht mit einbeziehen. Man ist unfähig, diese höheren Ebenen zu sehen, weil man sich auf die niederen Ebenen konzentriert.

Alles zusammengenommen, scheinen diese alternativen Theorien beachtliche Argumente zu liefern, über welche die etablierte Wissenschaft nachdenken sollte. Aber die materialistische Tendenz in der Wissenschaft sitzt tief. Was genau man tun müsste, um diese zu kippen, ist noch fraglich. Bei den Ansätzen, die von Radins Theorieentwicklung über Fenwicks Suche nach mehr Beweisen bis zu Sheldrakes Parapsychologie für die breite Masse reichen, mangelt es sicher nicht an guten Ideen. Der eigentliche Knackpunkt aber liegt in dem Körper/Geist-Problem selbst. Wie der Zukunftsforscher und populäre Wissenschaftsautor Peter Russell in seinem Buch Über die Wissenschaft zu Gott schreibt: "Ich glaube mittlerweile, dass es nicht so sehr ein schwieriges Problem, sondern vielmehr ein unlösbares Problem ist – es ist unlösbar innerhalb der gegenwärtigen Weltanschauung. Unsere Unfähigkeit, Verantwortung für das Bewusstsein zu übernehmen, wird der Auslöser sein, der mit der Zeit die westliche Wissenschaft dahin treiben wird, was der amerikanische Philosoph Thomas Kuhn als einen "Paradigmenwechsel" bezeichnet hat.

Kann es sein, dass das Scheitern der Wissenschaft, das Körper/Geist-Problem zu lösen, dem Materialismus letztendlich das Genick bricht? Könnte der dreiste Versuch der Neurowissenschaft, die Geheimnisse der menschlichen Psyche zu durchdringen, der eine Schritt zu weit sein, der das ganze Gebäude zum Einsturz bringen wird? Es ist natürlich viel zu früh, das zu beurteilen, aber wenn es zu dieser Möglichkeit kommen sollte, würde es, solch mythische Implikationen einmal angenommen, bestimmt die Götter – und vielleicht sogar Ikarus – zum Lachen bringen.


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