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Fortsetzung von „Das Bewusstsein - Nur Funke der Neuronen?”
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Fazit: Eine höhere Ordnung
Während ich hier sitze und diese Worte zu Papier bringe, feuern mehrere der hundert Milliarden meiner Neuronen Nachrichten an einige der fünfzigtausend anderen Neuronen, mit denen sie verbunden sind – ein mikroskopisches elektrochemisches Feuerwerk, das Coney Island am amerikanischen Unabhängigkeitstag zum einfachen Kronleuchter verblassen lässt. Mit der Erkenntnis, dass mein Projekt sich dem Ende nähert, erhöht eine Kaskade von Noradrenalin-Molekülen meinen Puls, die über die synaptischen Spalten zwischen den Axonen und Dendriten tröpfeln und frische Aufmerksamkeit und Aufregung auslösen. Ich bemerke auch ein gewisses Entzücken, was darauf hindeutet, dass eine Serotonin-Böe, vielleicht auch mit einer Dopamin-Dusche als Zugabe, unterwegs ist. Um mit den Anforderungen meiner Aufgabe fertig zu werden, legen meine Vorderhirnlappen Überstunden ein und holen sich, wenn nötig, Unterstützung von den Sprachzentren in den Schläfenhirnlappen und bei den Gedächtnisnetzwerken, die in der gesamten Gehirnrinde verdrahtet sind. Meine rechte Hemisphäre freut sich an dem Eindruck, dass ein Gesamtbild entsteht, während meine linke sich abmüht, eine tragfähige Logik sicherzustellen.
Gleichzeitig denke ich auf einer anderen Ebene darüber nach, was ich wohl als Nächstes sagen soll. Ich überdenke meine Aussagen, die Beispiele, den größeren Zusammenhang, in den ich den Artikel gestellt habe, und was ich auf den letzten wenigen Seiten noch kommunizieren möchte. Ich denke auch darüber nach, wer ihn wohl am Ende lesen wird, und überlege, welche Fragen Sie jetzt haben könnten, an deren Antwort ich mich dann noch versuchen würde.
Auf wieder einer anderen Ebene empfinde ich mich als Teil eines größeren kreativen Prozesses, der seine eigene Bahn zu haben scheint – ein Prozess, der geboren wurde, als das Leben zum ersten Mal über seine eigene Natur nachzudenken begann, oder vielleicht sogar lange davor, und der offenbar beabsichtigt, sich solange fortzusetzen, wie es bewusste Wesen gibt, die gewillt sind, an seiner Entfaltung teilzuhaben.
Wie all diese Ebenen zusammenpassen, ist wohl des Lebens größtes Mysterium. Und wenn es überhaupt je gelöst werden kann, dann ist es bei unserer derzeitigen Fortschrittsrate sehr unwahrscheinlich, dass das Leben seine Geheimnisse so bald preisgeben wird. Trotzdem kann man sich angesichts solch vielschichtiger Komplexität nicht des Drangs erwehren, nach Synthese zu streben – ob das nun Gott ist oder die Neuronen, die da drängen.
Während ich mich also abmühe, mit meiner einjährigen Reise in die Welt der Neurowissenschaft und darüber hinaus fertig zu werden, ist es, als schaute ich in einen langen Flur hinein, der links und rechts voller Bilder ist. An der linken Wand sehe ich Phineas Gage, dessen Persönlichkeit durch den Verlust seiner Vorderhirnlappen für immer zerstört wurde. Auf der rechten ist Pam Reynolds, die von jenseits des Gehirntods zurückgekehrt ist und sich an die Einzelheiten ihrer Operation genau erinnern kann. Links sehe ich den Vater meines Freundes, sowie Tess und Julia, die alle von der sich verändernden Chemie ihrer Gehirne beherrscht werden. Rechts dann wieder die PSI-Forschungen von Radin und Sheldrake, die auf das Geheimnis des Bewusstseins jenseits unserer Schädelgrenze hinweisen. Links sehe ich die Split-Brain-Patienten von Roger Sperry, die im ewigen Kampf zwischen den zwei "Zentren des Bewusstseins" gefangen sind, die sich den Platz in einem Schädel teilen. Rechts wiederum sind die Feldtheorie, der Panpsychismus, die Holistik und die Entstehungstheorie, die alle darauf bestehen, dass es Zeit ist, einen undurchführbaren Materialismus hinter sich zu lassen.
Auf jeden Fall ist es eine Herausforderung, sich auf dieses Bild einen Reim zu machen. Und wenn ich mich lange genug mit der einen Seite des Flurs beschäftige, fällt es mir nur zu leicht, die Sache auf der anderen Seite zu vergessen. Es scheint die schwer fassbare Beute dieser Suche zu sein, eine Weltanschauung zu finden, die alles mit einschließt – sowohl für das Fachgebiet allgemein als auch für jeden Einzelnen, der damit klar kommen will.
Ich für meinen Teil finde es am leichtesten, die extremen Theorien auf beiden Seiten auszuschließen. Die materialistische Vorstellung, dass der Verstand ein irrelevantes Nebenprodukt der Gehirnfunktionen ist, erscheint mir ungefähr so plausibel wie die dualistische Meinung, dass das Bewusstsein irgendeine geisterhafte, ätherische Substanz ist, die völlig unabhängig vom Gehirn existiert. Es scheint, die Wahrheit muss irgendwo dazwischen liegen. Aber wo genau?
Der Panpsychismus hat eine gewisse Anziehung, nicht nur, weil er das Körper/Geist-Problem abschafft, sondern auch, weil er eine grundlegende Intuition bestätigt – nämlich dass, was auch immer an Bewusstsein existiert, schon vom Anfang aller Zeiten an da gewesen sein muss. Aber was genau es nun für einen Salzkristall bedeuten könnte, eine "Innenwelt" zu haben, geht immer noch ein wenig über meinen geistigen Horizont hinaus.
Sheldrakes Vorstellung, dass der Geist in mentalen Feldern lebt, die sich von meinem Kopf her ausdehnen, ist auch sehr faszinierend, vor allem, weil er eine Erklärung für geheimnisvolle spontane telepathische Erlebnisse gibt und für die starke Erfahrung von kollektivem Bewusstsein, das offenbar dann entsteht, wenn sich Menschen in Gruppen versammeln. Aber wie nun das Nervensystem als ein "Frequenzleiter" für das Bewusstsein funktionieren soll, kann ich mir sehr schwer nur vorstellen.
Ich bin auch versucht, mich einer Abwandlung der Entstehungstheorie anzuschließen, denn sie scheint der unbeugsamen Wissenschaft am nächsten, wenn behauptet wird, das Bewusstsein komme auf irgendeine Weise aus dem Gehirn. Aber – wie einer der Philosophen mir gegenüber betonte: "Solange keiner erklären kann, wie Entstehung vor sich geht, können wir genauso gut sagen, Gott hat es getan".
Und wo wir gerade über Gott sprechen, es gibt da natürlich immer noch die Möglichkeit, welche von sämtlichen mystischen Traditionen vertreten wird, dass Bewusstsein zuerst da war, und als es ein bestimmtes Maß an Komplexität erreicht hatte, Materie entstand. So verlockend ich diese Erklärungen auch finde, ersetzen sie dennoch nur ein handfestes Problem durch ein anderes: Wie konnte etwas so Flüchtiges wie Bewusstsein etwas so Konkretes wie das Gehirn entstehen lassen? Und warum war es notwendig, dass es das tat?
Vielleicht sind die integralen Theorien die aussichtsreichsten und letztendlich zufriedenstellendsten, denn sie erkennen die essenzielle Realität unterschiedlicher Ebenen und Dimensionen der Existenz an, sie gestatten, dass das Innere und das Äußere, Bewusstsein und Materie, als unterschiedliche Seiten des gleichen Vorgangs betrachtet werden, wobei keine von beiden auf die andere zurück geführt werden kann. Wenn es aber um den Geist und das Gehirn geht, waren sogar die integralsten aller Theorien bis heute nicht in der Lage zu erklären, wie die beiden sich zusammenschalten, und haben das Körper/Geist-Geheimnis auf ein anderes Mal vertagt.
Im Verlauf meiner Recherchen habe ich eines meiner Gedankenexperimente besonders lieb gewonnen: Ich stelle mir vor, dass mein Bewusstsein tatsächlich durch mein Gehirn erzeugt wird. Denken Sie nur einmal darüber nach – diese gesamte dreidimensionale Erfahrung von Geräuschen, Farben, Gedanken, Gefühlen und Bewegungen entsteht einzig und allein durch die organischen Funktionen dieses faltigen Brockens von Tofu-ähnlicher Substanz in Ihrem Kopf. Das kann man sich nur schwer vorstellen, aber wenn es wahr wäre, was würde es über das Wesen der Materie an sich aussagen? Wenn ich darüber nachdenke, dann beginne ich mich zu fragen, was würde unser Weltbild wohl mehr erschüttern – herauszufinden, dass das Gehirn den Geist nicht erschafft oder zu entdecken, – dass es ihn erschafft?
Klar scheint mir jedoch zu diesem Zeitpunkt, dass wir uns – egal wie viel wir darüber lernen, wie das Gehirn unser Erleben formt – keine Sorgen darüber machen müssen, dabei unsere Menschlichkeit zu verlieren. Wie Georg Ellis und andere bereits erläutert haben, gibt es Ebenen unseres Seins, die einfach nicht allein durch die Betrachtung unserer Neuronen erklärt werden können. Und obwohl keine Gefahr besteht, dass wir unsere Menschlichkeit an die fortschreitende neurowissenschaftliche Forschung verlieren, ist es trotzdem wahrscheinlich, dass wir uns von ein paar – vielleicht sogar einigen großen – Ideen darüber trennen müssen, woraus unser Menschsein eigentlich besteht. Das große Schreckgespenst der Gehirnforschung ist die mögliche Beweisführung, dass wir alle einfach nur bewusste organische Maschinen sind, dass all unser Erleben und Verhalten seinen Ursprung im Gehirn hat. Wenn man nur die Indizien der Grenzwissenschaften zugrunde legt, scheint es derzeit unwahrscheinlich, dass der Beweis jemals zu erbringen ist. Aber nehmen wir einmal an, sie könnten zeigen, dass der Großteil unseres Verhaltens und Erlebens seinen Ursprung im Gehirn hat. Welche Bedeutung hätte das? Nun, zunächst einmal müssten wir uns damit abfinden, dass wir mehr von einer organischen Maschine haben, als uns lieb ist – dass, so sehr wir unsere individuellen Wünsche, Hoffnungen und Persönlichkeiten auch genießen mögen, der Großteil unserer Reaktionen von genetischen und sozialen Konditionierungen gesteuert werden, die in unserem Gehirn auf einer für uns nicht erkennbaren Ebene verdrahtet sind.
Wenn man diese Aussage einmal sorgfältig bedenkt, fällt einem womöglich auf, dass sie sich sehr nach einer modernen Version dessen anhört, wie spirituelle Koryphäen die Zwickmühle, in der sich der Mensch befindet, schon seit zwei oder drei Jahrtausenden beschreiben. Angefangen bei den wohl durchdachten Lehren des Buddha über das Wesen des konditionierten Verstands bis zur Behauptung des modernen Mystikers G. I. Gurdjieff, dass "der Mensch eine Maschine" sei, war die zentrale Kraft der mystischen Lehren in allen Zeitaltern der Aufruf, unsere konditionierte und mechanistische Welt zu transzendieren und eine Freiheit jenseits aller Konditionierung zu entdecken. Und gemäß der Weisen aller Traditionen war der erste Schritt dabei immer, sich der Tatsache zu stellen, wie konditioniert und maschinenähnlich wir doch sind. Durch eine ironische Wende der Ereignisse könnte die Gehirnforschung also letztlich die spirituellen Bestrebungen der Menschheit auf eine Weise unterstützen, die niemand erwartet hätte. Wenn die unpersönlichen Mechanismen hinter unseren ach so geschätzten Persönlichkeiten entlarvt werden, könnte das ganz unbeabsichtigt dabei helfen, den Weg zur Entdeckung dessen frei zu machen, was jenseits davon liegt.
Und was ist nun mit dem, "was jenseits davon liegt"? Was ist nun mit den großen Mysterien des Bewusstseins – mit den übernatürlichen Phänomenen und dem Mystizismus? Kann uns die Gehirnforschung hier irgendetwas lehren? In diesem Fall würde die Last des Beweismaterials vermutlich ein "Nein" nahe legen. Was immer da noch aufmerksam ist, wenn das Gehirn während einer Nahtoderfahrung stirbt, was auch immer uns die Fähigkeit zu telepathischen oder PSI-Erfahrungen gibt, und – viel wichtiger – was auch immer sich uns in der mystischen Erfahrung offenbart, das kann man – so wage ich zu spekulieren – nicht auf unsere Synapsen reduzieren. Was unsere geheimnisvollen Fähigkeiten betrifft, etwas jenseits unserer Hirnschale zu spüren, zu wissen und zu erfühlen, so sind dies – wie Radin darlegte – eher Fragen der Physik, als der Biologie oder Neurowissenschaft. Die Frage, auf die es ankommt, ist in diesem Fall: Wie wird Information in Raum und Zeit übertragen, ohne dass dabei unsere gewöhnlichen Sinne benutzt werden? Ob wir das nun in Sheldrakes Begriffen der mentalen Felder erklären oder mit Radins "Biokorrelation", in jedem Fall sind wir weit außerhalb des Gebietes der Neuronen.
Wenn es aber um Mystizismus und Spiritualität geht, liegt die Sache meiner Meinung nach etwas anders. Obwohl es sicherlich eine große Anzahl von New Age-Physikern gibt, die behaupten würden, dass Mystik auch nur Physik ist, denke ich, nach allem, was ich so gesehen habe, dass wir es hier mit einer höheren Ordnung zu tun haben – einer Ordnung, die wegen ihrer ureigentlichen Beschaffenheit nicht auf darunter liegende Ebenen reduziert werden kann. Das ist die Aussage aller Mystiker in allen Zeitaltern, und bisher gibt es nichts, womit die Neurowissenschaft in der Lage wäre, das zu widerlegen.
Nun, die Tatsache, dass die Neurowissenschaft die Existenz dieser höheren Ordnung nicht widerlegen kann, macht es an sich nicht einfacher zu beweisen, dass sie existiert. Es gibt sicherlich viele, die vehement behaupten würden, dass wir keine wissenschaftliche Grundlage dafür haben, den Forderungen von Religion und Mystik Glauben zu schenken, unabhängig davon, wie überzeugend oder beständig sie auch sein mögen. Mit dem Hinweis auf Forschungen wie die von Andrew Newberg würden sie versichern, dass die Biologie völlig ausreiche, um die Erfahrung von Spiritualität zu erklären. Aber Newberg hat selbst schon darauf hingewiesen, dass dabei folgende Tatsache außer acht gelassen würde: Alle, die auch nur den Hauch einer mystischen Erfahrung hatten, berichten übereinstimmend, dass dieses Erlebnis "wirklicher" war als alles andere, das sie je erlebt hatten. Materialisten könnten nun wieder kontern, dass solch subjektive Bewertungen keinen Platz bei der Suche nach objektivem Wissen haben. Auch wenn wir die materialistische Position einnehmen, das Gehirn sei der alleinige Vermittler von Erfahrung und der letzte Schiedsrichter über die Wahrheit, bleibt uns dennoch nichts weiter als die Tatsache, dass menschliche Gehirne durch die Jahrhunderte hinweg einheitlich zu folgendem Schluss gekommen sind: Die spirituelle Realität, deren man in der mystischen Erfahrung gewahr wird, ist tatsächlich von einer höheren Ordnung als die gewöhnliche Wirklichkeit, die wir täglich erleben.
Und das führt uns zu dem vielleicht interessantesten Punkt von allen. Denn wie die Forschung von Newberg zeigt, gibt es kaum Zweifel daran, dass das Gehirn zumindest ein großer Teil dessen ist, was uns befähigt, eine höhere Ordnung wahrzunehmen. Das bedeutet, dass das Leben es offensichtlich auf die wundersamste Weise geschafft hat, ein Organ zu entwickeln, das nicht nur in der Lage ist, über sich selbst nachzudenken, sondern auch etwas Höheres als sich selbst wahrzunehmen – etwas wahrzunehmen, von dem viele annehmen, es sei die ureigene Quelle und kreative Kraft des Kosmos. So betrachtet, scheint das Gehirn viel weniger ein Furcht erregender organischer Computer, von dem wir uns besser distanzieren sollten, als vielmehr auch für sich genommen ein ziemlich geheimnisvolles und sogar spirituelles Ereignis. Denn wenn es all das bewerkstelligen kann – wer weiß, welcher Genius und welch unergründetes Potential in seinen Falten verborgen ist? Wenn man bedenkt, dass die menschliche Evolution noch in ihren Kinderschuhen steckt, wird es durchaus wahrscheinlich, dass die Ehrfurcht gebietenden Kräfte des menschlichen Gehirns gerade erst begonnen haben, sich zu offenbaren. Wenn wir unsere grauen Zellen dazu benutzen können zu verhindern, dass wir uns selbst zerstören, entdecken wir vielleicht, dass die Geschichte des höheren Potenzials der Menschheit gerade erst ihren Anfang nimmt.
© 2006: What is Enlightenment?
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