Tod und Wiedergeburt - Teil 1
Carter Phipps in »What ist Enlightenment?«

Einführung

James Leininger kam als ganz normaler gesunder Junge zur Welt. Schon in frühem Alter stellte sich allerdings heraus, dass er eine ungewöhnliche Leidenschaft hatte – Flugzeuge. Er wollte mit nichts Anderem spielen. Doch als er ungefähr zwei Jahre alt wurde, fingen seine so sehr geliebten Flugzeuge an, seinen Schlaf zu stören. Immer wieder erwachte er schreiend aus Alpträumen und erzählte seiner Mutter: „Flugzeug stürzt ab unter Feuer; kleiner Mann kann nicht heraus.“ Schließlich fragte sich seine Mutter, ob hinter James’ Begeisterung für Flugzeuge wohl noch mehr stände als nur die kindliche Fantasie eines Knaben. Sie erinnerte sich, ihn dabei beobachtet zu haben, wie er mit einem seiner Spielzeugflugzeuge einen Ablauf durchging, der einem Flugcheck gleichkam. Einmal hatte sie ihm ein Modellflugzeug gekauft und ihm die Bombe gezeigt, die an dessen Unterseite angebracht war. „Das ist keine Bombe, Mama, das ist ein abwerfbarer Treibstofftank“, berichtigte er sie. Seine Mutter hatte noch nie etwas von einem abwerfbaren Treibstofftank gehört, und – da war sie sich sicher – ihr dreijähriger Sohn genauso wenig.

Die Konturen eines früheren Lebens kommen zum Vorschein
Mit der Zeit begann James, mehr von seinen Alpträumen zu erzählen, und dabei kamen langsam die Konturen eines vergangenen Lebens zum Vorschein. James berichtete seinen Eltern, dass er Pilot eines amerikanischen Militärflugzeugs auf einem Schiff namens Natoma war. Er erinnerte sich sogar an den Namen eines seiner Freunde auf dem Schiff: Jack Larson. James’ Vater, welcher der Idee vergangener Leben anfangs skeptisch gegenübergestanden hatte, entschloss sich dann, die Sache etwas näher zu untersuchen. Bald schon stieß er auf erstaunliche Tatsachen. Die Natoma Bay war ein während des Zweiten Weltkriegs im Pazifik stationierter Flugzeugträger und Jack Larson (der noch am Leben war und in Arkansas lebte) war einer der Piloten an Bord gewesen.

Eines Tages, als James sich mit seinem Vater ein Buch über den 2. Weltkrieg ansah, zeigte er auf ein Bild von der japanischen Insel Iwo Jima, und meinte dann, dass er an diesem Ort abgeschossen worden wäre. Sein Flugzeug wäre direkt in den Motor getroffen worden. Neugierig geworden, wollten seine Eltern mehr über seine Erinnerungen erfahren und fragten ihn daher, wie er in seinem früheren Leben geheißen hätte. Doch James antwortete immer nur „James“. Es war ihnen jedoch aufgefallen, dass er seine Zeichnungen immer mit dem Namen James 3 unterzeichnete. Sein Vater ging dem nach und fand schließlich heraus, dass es nur einen Piloten auf der Natoma gab, der über Iwo Jima abgeschossen worden war. Sein Name: James M. Houston jr.

Reinkarnation: Eine mächtige Idee bewegt große Geister
Krishna hat sie gelehrt und Plato hat an sie geglaubt, Buddha hat sie erneuert und Augustinus hat sie erwogen, Emerson hat über sie geschrieben und Freud hat sie verworfen, in Tolstoi hat sie Leidenschaft geweckt und Neugier in Sagan. All diese großen Geister wurden von einer mächtigen Idee bezaubert, gequält oder in Bann gezogen: der Reinkarnation. Von allen Arten und Weisen, wie Menschen versuchten zu verstehen, was nach dem Tod geschieht, ist die Idee der Reinkarnation die am weitesten verbreitete und die beständigste. Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung ist sie nicht nur eine Vorstellung aus dem Osten, sondern fiel in Kulturen überall auf der Welt auf fruchtbaren Boden: bei den Eingeborenenstämmen in Alaska, den islamischen Sekten des Mittleren Ostens, in der christlichen Kultur des Mittelalters wie auch bei den heutigen Stämmen Nigerias. Selbst die großen Begründer der westlichen Weltsicht – um nur Plato und Pythagoras zu nennen – glaubten, dass die Seele nach dem Tod wieder geboren würde. Und wenn Sie bisher der Meinung waren, dass dieser alten Idee durch den Vormarsch der Moderne ein Ende bereitet wurde, dann halten Sie besser nicht so sehr daran fest. Neuere Befragungen haben nämlich ergeben, dass zum Beispiel 27 % der amerikanischen Bevölkerung an Reinkarnation glauben – das sind über 75 Millionen Menschen. Und auch in Europa gibt es ein wachsendes Interesse an der Existenz früherer Leben. Wenn ich auch bezweifle, dass viele Menschen derartig dramatische Geschichten wie James Leiningers Eltern vorzuweisen haben, sollte einem diese große Anzahl von Menschen aus vorherrschend jüdisch-christlichen Kulturen doch zu denken geben.

Wachsendes Interesse am “Überleben des leiblichen Todes”
Wobei Reinkarnation nur Teil von etwas Größerem ist. Denn es zeichnet sich gegenwärtig eine breite Veränderung ab bezüglich der Art und Weise, wie wir das Leben nach dem Tod betrachten. Eine Veränderung, die sich vielleicht am besten durch die außerordentlich breite kulturelle Aufmerksamkeit für dieses Thema verdeutlichen lässt. In Bestsellern, Fernsehshows und Kinofilmen wie Sixth Sense und Birth kann man ein Wiederaufleben des Interesses daran beobachten, was einige Gelehrte Überleben nennen, die Kurzform des Ausdrucks „Überleben des leiblichen Todes“. Die Überlebensforschung beschäftigt sich mit der Frage, ob es irgendetwas im Menschen gibt, das überhaupt in der Lage ist, den Tod des physischen Körpers zu überleben. Einige meinen, dass es seit dem späten 19. Jahrhundert, als der Spiritismus die moderne Welt überschwemmte und Tische rückende, in Trance channelnde Medien die Intelligenzia unterhielten und die Theosophie zu einer bekannten religiösen Bewegung wurde, nicht mehr ein solch aktives Interesse an diesem Thema gegeben hat. Selbst wenn Sie all diese Aufregung verpasst haben sollten, ist das kein Anlass zur Sorge. Dann gehen Sie einfach in den nächsten Buchladen und blättern in den vielen Büchern und Magazinen, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Von der Popkultur hinein in akademische Zirkel
Was das Wiederaufleben dieses Interesses besonders bemerkenswert macht, ist, dass es nicht nur in der Popkultur oder am Rande des New Age, sondern in privaten Instituten, in akademischen Forschungszentren und Fachkonferenzen stattfindet, die eine ganze Reihe von Disziplinen umfassen. Das
Esalen-Institut, das legendäre Zentrum für menschliches Potenzial, ist Sponsor eines jährlich stattfindenden privaten Treffens von Gelehrten aus den ganzen USA – darunter viele von führenden Universitäten –, um dieses Thema zu untersuchen. Dabei arbeitet eine überraschend große Anzahl dieser Wissenschaftler in dem üblichen konservativen akademischen Rahmen. Was nun die Begeisterung dieser Forscher entfacht, ist die große und stetig wachsende Fülle von Beweisen, die objektiv und empirisch analysiert werden können und die insgesamt gesehen auf die Existenz eines Lebens nach dem Tod hindeuten. Einige dieser Daten stammen von Nahtoderfahrungen, andere von außerkörperlichen Erfahrungen, von Erinnerungen an vergangene Leben, von Experimenten mit Medien und von visionären Erscheinungen. Keine dieser Erfahrungen sind für sich gesehen neu in der menschlichen Kultur. Allerdings hat es nie zuvor in der Geschichte des Wissens einen solchen Reichtum an kultur- und disziplinübergreifenden Daten gegeben, die aus so vielfältigen Erfahrungsquellen zusammenkommen und Anhaltspunkte dafür liefern, was jenseits der physischen Ebene liegt. Es führt uns in einen Bereich, der bis vor kurzem noch die alleinige Domäne der Mythologie, der esoterischen Philosophie und der religiösen Traditionen war. In einigen Fällen korrelieren die zutage geführten Daten erstaunlich gut mit traditionellen religiösen Vorstellungen von Tod und Wiedergeburt. In anderen Fällen gibt es immense Abweichungen. Dennoch trägt all das zu einer neuen potenziellen Wissenschaft des Überlebens, der Wiedergeburt und der nichtphysischen Dimensionen des Seins bei.

Indizien oder nur Spekulationen?
Als im letzten Jahr in einer Redaktionskonferenz die Idee für einen Feature-Artikel über Reinkarnation auf den Tisch kam, war meine Neugier geweckt. Mir war klar, dass Reinkarnation einer der aktivsten Bereiche der Überlebensforschung war, und auch einer der umstrittensten. Wenn jemals wirklich bewiesen werden sollte, dass die Reinkarnation eine Tatsache ist, würde das umgehend einen großen Teil des anerkannten wissenschaftlichen Gedankenguts zunichte machen und dabei einige sehr provokante Fragen aufwerfen. Über einige dieser Fragen haben Philosophen schon seit Jahrtausenden debattiert – Fragen über vergangene und zukünftige Leben, das Wesen der Seele, Theorien über Karma und so fort. Aber eine Frage, die für mich immer fesselnder wurde, während ich über die Vorstellungen von Überleben und Wiedergeburt nachdachte, war nicht allein philosophisch, sondern auch sehr praktisch. Wenn Reinkarnation wirklich wahr ist, so fragte ich mich, wo gehen wir dann nach dem Tod hin? Was passiert zwischen den Leben? Das ist keine unwichtige Frage. Als ich dann mit den Recherchen begann, war ich mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt möglich ist, das auf objektive Weise zu betrachten. Vielleicht läuft am Ende alles auf subjektive Glaubenssätze und persönliche Meinungen hinaus. Vielleicht sind alle Spekulationen darüber, was nach dem Tod passiert, eben genau das – Spekulationen. Vielleicht – aber vielleicht auch nicht.

Als ich mit der Recherche der empirischen Beweise für Wiedergeburt wie auch der Untersuchung von Anekdoten begann, wurde mir klar, dass das, was ich über dieses Thema zu wissen glaubte, nur die Spitze eines riesigen Eisbergs ist. Zwar mag Reinkarnation ein prämoderner Glaube sein, trotzdem ist er für Einige zur postmodernen Besessenheit geworden. Die Beweise, welche gegenwärtig zugunsten dieser alten Vorstellungen gesammelt werden, liefern überzeugende Argumente, die vielleicht für immer unsere Denkweise darüber verändern werden, was passiert, wenn es mit dem physischen Körper vorbei ist.


Teil 1

Während ich dies schreibe, gibt es auf dem
Gebiet der Parapsychologie drei Thesen,
die meines Erachtens eine ernsthafte
Untersuchung verdienen ... [eine von ihnen ist],
dass kleine Kinder manchmal Einzelheiten
aus einem früheren Leben berichten, die sich
bei Nachprüfung als korrekt erweisen und
über die sie auf keine andere Weise als durch
Reinkarnation Kenntnis erlangt haben können.

Carl Sagan


Vor 700 Jahren legten die tibetischen Buddhisten ihr gesammeltes Wissen über Reinkarnation und künftige Leben nach dem Tod in einem einzigartigen Handbuch für die Nachwelt nieder, einem Leitfaden zu den Bardos, den Seinszuständen zwischen zwei Leben. Das tibetanische Totenbuch, so der Titel, beschrieb exakt, was den Sterbenden auf dem geheimnisvollen Weg durch das Terrain zwischen Tod und Wiedergeburt erwarten könnte. In den vergangenen neun Monaten habe ich erfahren, dass einige radikale und innovative Forscher damit begonnen haben, Daten zu erfassen, die eines Tages vielleicht die Seiten (oder Websites) einer zeitgemäßen Version dieses uralten Handbuchs füllen könnten. Fakt ist, dass wir in einer Zeit großer Entdeckungen leben, und der Schleier zwischen dieser Welt und dem Geheimnis, was jenseits von ihr liegen mag, scheint sich so bereitwillig wie nie zuvor vor der grenzenlosen Neugier des menschlichen Verstandes zu lüften. Und wie Forschungsreisende, die einen neuen Kontinent betreten, welcher einstmals lediglich Gegenstand von Gerüchten, Vermutungen und Spekulationen war, errichten wir Brückenköpfe auf dem feinen Sand immaterieller Reiche und bekommen ein Gespür für die ursprüngliche Landschaft. Sehr zu meiner Überraschung entdeckte ich, dass einer jener Brückenköpfe in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia liegt.

Jim Tucker, Wissenschaftler an der Universität von Virginia
„Bisher haben wir über 2.500 Kinder aus aller Welt aufgelistet, die sich an ihre früheren Leben erinnern.“ Mein Gesprächspartner, der mir dies mitteilte, war
Dr. Jim Tucker, praktizierender Kinderpsychiater und Wissenschaftler an der Universität von Virginia in Charlottesville. Mit seinem warmen Südstaatenakzent und seiner sanften Art machte er auf mich nicht den Eindruck eines Nonkonformisten, aber er übt eine der ungewöhnlichsten akademischen Tätigkeiten aus – er erforscht kleine Kinder, die sich spontan an frühere Leben erinnern.

Tucker ist Mitglied der Abteilung für Persönlichkeitsforschung, einem Zweig der psychiatrischen Fakultät, der sich der „Erforschung des Weiterlebens“, einer wissenschaftlichen Erforschung der Reinkarnation verschrieben hat. In einem unscheinbaren zweistöckigen Haus, das an der Peripherie des Hauptgeländes liegt, untersucht ein Kollegium von fast einem Dutzend
Wissenschaftlern und Assistenten die verschiedenen Aspekte des Weiterlebens nach dem Tod: Nahtoderfahrungen, außerkörperliche Erfahrungen, Sterbebettvisionen, mediale Gespräche mit Verstorbenen und Reinkarnation. Die Abteilung war 1967 von Ian Stevenson gegründet worden, der wegen seiner vierzigjährigen akribischen Untersuchungen an Kindern, welche behaupten, sich an frühere Leben erinnern zu können, zu einer Legende in der parapsychologischen Gemeinde wurde. Der Philosoph und Autor David Ray Griffin schreibt dazu: „Heutzutage ist die Reinkarnationsforschung im Westen praktisch gleichbedeutend mit dem Werk Stevensons.“ Stevenson ist in den Achtzigern und erscheint nur noch selten im Büro. Tucker kommt so etwas wie einem Nachfolger für ihn wohl am nächsten – er hat den wissenschaftlichen Staffelstab in die Hand genommen und die Arbeit weitergeführt. Jeder der Fälle in den umfangreichen Akten dieser Abteilung erzählt eine einzigartige und ungewöhnliche Geschichte.

Mama, als du ein kleines Mädchen warst und ich dein Vater
Ich stieß zum Beispiel auf den Fall von William, einem kleinen Jungen, der mit einer schweren Herzkrankheit auf die Welt gekommen war, der sogenannten valvulären Pulmonalstenose, einem Geburtsfehler der Lungenarterie. Als William ungefähr drei Jahre alt war, begann er auf eine Weise über das Leben seines Großvaters zu sprechen, die seine Eltern schockierte. Eines Tages zum Beispiel, als er einmal ungehorsam war, rief seine Mutter aus: „Setz dich hin, oder soll ich dir eins hintendrauf geben?!“ William erwiderte: „Mama, als du ein kleines Mädchen warst und ich dein Vater, da warst du oft ungezogen, aber ich habe dich nie geschlagen!“ William schien Details aus seines Großvaters Leben zu kennen, bei denen sich seine Eltern oft ratlos fragten, wie er nur an diese Informationen hatte kommen können. Er überraschte seine Mutter dadurch, dass er sich genau an die Namen längst verstorbener Haustiere erinnerte, die ihr als junges Mädchen gehört hatten. Er konnte sich auch die genauen Umstände von seines Großvaters Tod ins Gedächtnis rufen, ja, sogar den Wochentag, an dem er sich ereignet hatte. Williams Großvater war in New York Polizist gewesen und wurde bei dem Versuch, einen Raub zu verhindern, durch sechs Schüsse getötet. Die Todeskugel war in seinen Rücken eingetreten, hatte die Lunge durchschlagen und eine Hauptarterie aufgeschlitzt – die Hauptlungenarterie.


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