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Die Macht des Super-PSI Selbst bei Forschern, die in Stevensons Kindern ein legitimes Phänomen erkennen, herrscht große Uneinigkeit darüber, wie man es beweisen kann. Eine der verbreitetsten und beständigsten Alternativerklärungen wird mittlerweile als „Super-Psi“ bezeichnet. Psi steht für Para Sensual Intelligence oder übersinnliche Wahrnehmung, also für Phänomene, die das Thema der Parapsychologie sind. Super-Psi verweist auf eine besonders kraftvolle Version solcher Phänomene. In diesem Fall soll es bedeuten, dass die Information nicht in einem tatsächlichen vergangenen Leben erworben wurde, sondern aufgrund einer besonders starken hellseherischen Wahrnehmungsfähigkeit.
Es gibt mehrere Versionen der Super-Psi-Hypothese. Eine von ihnen besagt, dass die Kinder telepathisch die Gedanken existierender Menschen lesen – vielleicht die eines Freundes oder der Familie des Verstorbenen – um die Information zu erlangen. Oder vielleicht reisen die Kinder tatsächlich zurück in der Zeit und lesen hellseherisch die Gedanken der Person, von der sie behaupten, sie selbst seien diese in einem „früheren Leben“ gewesen. Mag sich so mancher auch vor der Vorstellung solcher Fähigkeit scheuen, so ist die Theorie doch aus einem besonderen Grund attraktiv. Der Philosoph Michael Grosso drückt es so aus: „[Einige] bevorzugen Super-Psi, weil sie sich unmittelbar auf Fähigkeiten lebender Personen beruft.“ Anders gesagt, wenn man die Super-Psi-Hypothese akzeptiert, braucht man nicht an die Existenz der Reinkarnation und an die ganze metaphysische Büchse der Pandora zu glauben, die damit geöffnet wird. Keine Wiedergeburt, keine Seele, die den Tod des physischen Körpers überlebt. Kein Leben nach dem Tod. Man muss lediglich glauben, dass es Individuen gibt, die zu kraftvollen hellseherischen Wahrnehmungen fähig sind – sehr kraftvollen hellseherischen Wahrnehmungen. In der Tat ist das auch das Problem dieser Theorie. Diese Kinder müssten hellseherische Superhelden sein, um für eine solche Datenmenge verantwortlich zu zeichnen. Und es gibt wenige Beweise, dass es derartige Fähigkeiten überhaupt gibt – gewiss nicht in diesen relativ normalen Kindern, von denen viele inzwischen Jahrzehnte älter sind und keinerlei ungewöhnliche übersinnliche Fähigkeiten aufweisen.
Zweifel am Erklärungsmodell Super-Psi Die meisten der Forscher, mit denen ich sprach, betrachteten diese Super-Psi-Hypothese mit äußerster Skepsis. Der transpersonale Theoretiker Chris Bache fasste die Empfindungen vieler in Worte, als er zu mir sagte: „Stevenson hat Super-Psi sehr sorgfältig analysiert und anhand spezifischer Fälle erläutert, wieso die Hypothese den Daten nicht wirklich gerecht wird. Im Übrigen hat niemand je wirklich Super-Psi im Labor demonstriert. Die übersinnlichen Fähigkeiten, von denen sie ausgehen, sind geradezu astronomisch.“
Ervin Laszlos A-Feld als Erlebnis-Speicher eines Metaversums Dennoch: Selbst wenn Super-Psi weitgehend als Erklärung diskreditiert wurde, sind doch weiter entwickelte Varianten der Theorie entstanden, um ihren Platz einzunehmen. In seinem jüngsten Buch “Science and the Akashic Field” (deutsche Übersetzung: “Zu Hause im Universum”) hat sich der Systemtheoretiker Ervin Laszlo beispielsweise um eine Erklärung bemüht, die klingt wie etwas, worauf Captain Jean-Luc Picard in einem ziemlich verrückten Drehbuch zu Star Trek hingewiesen haben könnte. Zunächst stellt er die Theorie auf, dass es ein Metaversum jenseits des Universums gibt. (Das ist soweit nichts Radikales, denn Zeitschriften über Physik sind heutzutage voller Metaversumstheorien.) Dann bietet er die Hypothese an, dass dieses Metaversum (oder Quantenvakuum, Akasha-Feld oder auch A-Feld, wie er es bezeichnet) sowohl das Universum enthalte, als auch – und das ist noch wichtiger – alle Erfahrungen der lebendigen Dinge im Universum, eine universale Quantenspeicherbank also, wenn man so will. Das ist keine neue Idee, nur neu für die Wissenschaft. Hellsichtige wie Edgar Cayce haben sich schon lange auf etwas bezogen, das sie als Akasha-Chronik bezeichneten, dem metaphysischen Namen für eine Art Weltgedächtnis von allem, das je geschehen ist. Laszlo übernahm die Bezeichnung, fügte eine gesunde Dosis zeitgenössischer Wissenschaft hinzu und kreierte eine neue Version, die er benutzt, um Reinkarnationserinnerungen zu erklären. Die Kinder erinnern sich nicht an frühere Leben, meint Laszlo gegen Ende seines Buches, sie haben Zugang zu Informationen aus dem A-Feld.
Diese alternative Erklärung mag durchaus einige Vorzüge haben und lässt sich vermutlich in einzelnen Fällen anwenden. Ich konnte jedoch keinen Experten auf dem Gebiet finden, der eine dieser anderen Theorien für ausreichend befand, den Daten insgesamt gerecht zu werden. Einige Fälle mögen erklärt worden sein, doch früher oder später gerät man an spezielle Beispiele, die einfach nicht ins Schema passen, zumindest nicht ohne größere Sprünge in der Logik.
Carl Sagan fordert faire Chance für Stevensons Datenmaterial „Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise“, lautet eine berühmte Aussage des großen Kosmologen Carl Sagan. Sagan war ursprünglich einer der ersten Skeptiker. Tatsächlich hat er sein neuestes Buch “The Demon Haunted World” (Die von Dämonen verfolgte Welt) speziell der Entlarvung der Pseudo-Wissenschaft in unserer Kultur gewidmet. Dennoch verleiht Sagan in demselben Buch seinem Interesse an Stevensons Datenmaterial Ausdruck und glaubt, dass es eine faire wissenschaftliche Anhörung verdient. Diese Anhörung muss größtenteils noch stattfinden. Nur wenige Wissenschaftler außerhalb der Parapsychologie haben sich mit den von der Universität von Virginia zusammengetragenen Fällen ernsthaft auseinander gesetzt. Einige waren unterstützend, aber die meisten standen dem Ganzen ablehnend oder gar extrem kritisch gegenüber. Stevensons meist zitierter Kritiker war der verstorbene Philosoph Paul Edwards. In seinem Buch “Reincarnation: A Critical Examination” (Reinkarnation: Eine kritische Untersuchung) kritisiert er Stevensons Arbeit hinsichtlich einer ganzen Reihe von Punkten. Doch sein Hauptargument gegen die Reinkarnationshypothese richtet sich nicht gegen die Daten an sich, sondern gegen die Paradigmen erschütternde Auffassung, die Reinkarnation sei eine wissenschaftliche Theorie. Edwards schreibt, dass Reinkarnation einfach mit zu vielen anerkannten wissenschaftlichen Konventionen kollidiert, um für seriös gehalten zu werden. Deshalb gründet ein Großteil seiner Argumentation auf etwas, das er das Unvermögen, die „enorm starken Vorbehalte gegen die Reinkarnation“ zu überwinden, nennt.
Wenn Skepsis zu Angst vor einem Paradigmenwechsel wird Dies ist vielleicht der Hauptgrund, weshalb wissbegierige Forscher und faszinierte Wissenschaftler Tucker und Stevenson noch nicht die Tür eingerannt haben. Viele haben natürlich Fragen hinsichtlich der Beweisbarkeit. Sie haben Bedenken bezüglich Erinnerungsfehler, nachlässiger Methoden, Übersetzungsprobleme, voreingenommenen Befragern und so weiter. Doch je länger ich die Kritiken untersuchte, desto klarer wurde mir, dass das Hauptproblem, dem Tucker und Stevenson im akademischen Kollegenkreis begegnen, mit Edwards hauptsächlicher Sorge zu tun hat – dass die Reinkarnationshypothese nämlich einfach zu viele Auffassungen umstößt, die gewissen Wissenschaftszweigen heilig sind.
“Bewusstsein” auch ohne Körper? Die meisten Neurowissenschaftler und Erkenntnistheoretiker glauben beispielsweise, dass das Bewusstsein nicht unabhängig von dem physischen Apparat des Gehirns existieren kann. Und diese Grundannahme schließt die Reinkarnation gewissermaßen aus. Und selbst wenn wir einmal annehmen, dass Bewusstsein außerhalb des Gehirns existieren kann, so haben wir dennoch absolut keine Vorstellung, wie eine „Seele“ oder eine immaterielle Komponente der menschlichen Persönlichkeit den Wechsel von einem Körper zum anderen überleben könnte. Man sollte einmal versuchen, diese Thematik auf der nächsten Konferenz von Biologen und Neurowissenschaftlern aufzuwerfen, dann wird man sehen, wie schnell einem der Weg nach draußen gewiesen wird. Wie Susan Blackmore, eine ehemalige Parapsychologin, die diesem Bereich inzwischen skeptisch gegenübersteht, zu mir sagte: „Das Problem mit der Reinkarnation ist, dass es absolut keine stichhaltige theoretische Grundlage welcher Art auch immer für sie gibt.“
Weil nicht sein kann, was nicht sein darf... Tucker begreift, dass das Fehlen eines akzeptablen theoretischen Rahmens für die Reinkarnation zur Folge hat, dass die Wissenschaftler sich sträuben, das Datenmaterial ernst zu nehmen. Nichtsdestotrotz, so sein rascher Einwand, sei das nichts Neues in der Wissenschaft. „Es gab die Anekdote von französischen Bauern, die sich beschwerten, es würden Steine aus dem Himmel auf ihre Höfe hinab fallen“, erzählte er mir. „Die Wissenschaftler machten sich darüber natürlich lustig, denn wie sollten Steine vom Himmel fallen? Es gibt im Himmel keine Steine. Nachdem man schließlich herausgefunden hatte, was Meteoriten sind, hat sich das natürlich geändert. Sie hätten also dem, was die Bauern sagten, mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Oft werden Anekdoten aber ignoriert, bis man eine Theorie hat, die sie in einem sinnvollen Licht erscheinen lässt.“
Stevenson und Tucker stehen auch nicht ohne hoch qualifizierte Unterstützung da. Eine der vernehmlichsten Stimmen ist Robert Almeder, ein im Ruhestand lebender Philosophieprofessor der Universität des US-Bundesstaates Georgia. Vor über einem Jahrzehnt unterzog er die Forschungen einer sorgfältigen Prüfung, widerlegte die Kritiker und gab eine positivere Einschätzung. Tatsächlich glaubte Almeder, dass Stevenson selbst die Kraft seines eigenen Beweismaterials unterschätzte. Nach Stevensons Schlussfolgerungen, so schreibt er, „ist es nicht unvernünftig, an Reinkarnation zu glauben als eine Erklärung für seine besten Fälle“. Aber die „angemessene Schlussfolgerung“, so Almeder, war, dass es „unvernünftig“ sei, Reinkarnation kategorisch abzulehnen. Anders ausgedrückt, obwohl sich die Experten noch um das Thema streiten, fand er, dass angesichts des Beweismaterials die Reinkarnation von einem rationalen Verstand als Möglichkeit in Betracht gezogen werden müsse.
Zwischen positiv und negativ Glaubenden Irgendwo zwischen den Glaubenden und den Skeptikern gibt es eine Öffentlichkeit, der das Datenmaterial weitgehend unbekannt ist. Und die wissenschaftliche Gemeinschaft investiert weiterhin nur geringe Geldmittel für solch unkonventionelle Forschungen. Dr. Bruce Greyson, der derzeitige Leiter der Abteilung für Persönlichkeitsforschung, sagte mir während meines Besuchs in Charlottesville, dass der neue Vorsitzende der psychologischen Abteilung der Universität ihre Untersuchungen zutiefst missbillige. Trotz ausreichender eigener Stiftungsmittel und der tadellosen Leumundszeugnisse des Kollegiums ist Greyson um ihren Status besorgt und fragt sich, wie lange ihre Fakultätszugehörigkeit wohl noch währen werde.
Unterdessen gibt es neue Theorien – einige von ihnen sind konventionell, andere unkonventionell, wieder andere skeptisch –, die diesen ungewöhnlichen Kinder, die nach wie vor in der Welt erscheinen, gerecht werden wollen. Und mit Carol Bowmans bahnbrechendem Buch über amerikanische Kinder, die sich ihrer früheren Leben erinnern, werden wir hier im Westen wahrscheinlich bald noch viel mehr über dieses Phänomen hören. Ich denke, mit der Zeit werden weitere Forschungen und neue Theorien mehr Licht und Perspektive in dieses komplexe Rätsel bringen. Doch als ich im Rückspiegel meines Wagens die grünen Rasenflächen der Universität von Virginia entschwinden sah, blieb mir eine unausweichliche Schlussfolgerung: Zum aktuellen Zeitpunkt scheint die Reinkarnationstheorie am besten allen Fakten gerecht zu werden.
Oh, widersprüchliche Erinnerung Eines der interessanten gemeinsamen Charakteristika der kleinen Kinder, die sich spontan früherer Leben erinnern, ist, dass sie fast alle über jene Leben zu erzählen beginnen, sobald sie das Sprechen erlernt haben, also im Alter von achtzehn Monaten bis 3 Jahren. Ihre Eltern berichten über besondere Umstände, unter denen die Kinder dazu neigten, diese Erinnerungen mit ihnen zu teilen: Wenn sie entspannt sind, wenn sie im Halbschlaf sind, nachdem sie gerade ein Bad genommen hatten, während einer langen Autofahrt und so weiter. Viele sind sich der Erinnerungen außerhalb dieser speziellen Situationen nicht gewahr. Wenn sie über ihre vergangenen Leben sprechen, erscheinen die meisten dieser Kinder ungewöhnlich klar und ernst – ganz im Gegensatz zu solchen Zeiten, wo sie einfach in kindlichen Fantasien oder Vorstellungen schwelgen. Und die meisten von ihnen verlieren die Erinnerungen um das siebte Lebensjahr herum, ungeachtet der Kultur, in der sie aufgewachsen sind. Dies korrespondiert auf signifikante Weise mit den Anfängen einer spezifischen Entwicklungsstufe in der Psychologie – „konkret-operational“, wenn man Piagets Schema verwendet – einer Stufe, die mit der Entwicklung des logischen, rationalen Teils des Gehirns in Verbindung gebracht wird. Und die Amnesie betrifft nicht nur frühere Leben: Wie Entwicklungspsychologen aufgezeigt haben, verlieren Kinder im selben Alter auch die Erinnerung an ihre Kindheit und frühe Lebenserfahrungen (ein Phänomen, das als kindliche Amnesie bekannt ist).
Angesichts der übereinstimmenden Muster scheint es angemessen, die Hypothese aufzustellen, dass diese speziellen Erinnerungen irgendwie innerhalb eines anderen Realitätskontextes ablaufen, als alltägliche Erinnerungen. Wenn Kinder aufwachsen und diesem Leben verbundener werden, verlieren sie zunehmend die Verbindung zu dem, was sie aus der Vergangenheit erinnern. In der kürzlichen erschienenen Dokumentation “Experiencing the Soul” (Erfahrungen mit der Seele), die auf dem gleichnamigen Roman von Eliot Jay Rosen basiert, bezieht sich ein Psychologe auf eine eindrucksvolle von dem Elternpaar einer dreijährigen Tochter und eines neugeborenen Sohnes erzählte Geschichte:
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